KÄRBHOLZ – STURM ZIEH AUF

KÄRBHOLZ

Titel: STURM ZIEH AUF

Label: Metalville

Spieldauer: 48:34 Minuten

VÖ: 18. September 20206

Drei Jahre sind vergangen, seit KÄRBHOLZ mit „Kapitel 10: Wilde Augen“ und „Kapitel 11: Barrikaden“ gleich zwei starke Alben innerhalb weniger Monate veröffentlicht haben. Drei Jahre, in denen Torben Höffgen (Gesang), Adrian Kühn (Gitarre), Stefan Wirths (Bass) und Henning Münch (Schlagzeug) nicht untätig waren. Stattdessen haben die vier aus Ruppichteroth an neuem Material gefeilt und schicken nun mit „Sturm zieh auf“ ihr mittlerweile zwölftes Studioalbum ins Rennen. Wer meine Reviews zu den beiden Vorgängern gelesen hat, weiß, dass KÄRBHOLZ für mich weit mehr sind als eine reine Deutschrock-Band. Schon auf „Kapitel 10“ und „Kapitel 11“ mischten die Jungs ihren gewohnt ehrlichen Deutschrock mit kräftigen Metal-, Hardrock- und Punk-Einflüssen, ohne dabei die emotionalen Momente und die starken Texte aus den Augen zu verlieren. Mal gab’s den Tritt in die Fresse, mal große Gefühle – genau diese Mischung macht KÄRBHOLZ für mich seit Jahren aus. Im Promotext versprechen KÄRBHOLZ nicht weniger als einen Sturm. Die Band kündigt ihr bislang härtestes und kompromisslosestes Album an, das sich mit Veränderung, Widerstandskraft und der Kraft des Einzelnen beschäftigen soll. Große Worte also – schauen wir mal, ob die 13 neuen „Kärben“ im Holz diesem Anspruch auch gerecht werden.

Im Opener ‚Sturm zieh auf‘ entfachen KÄRBHOLZ ein Gewitter aus Donner, Blitzen und Hagel – mit ihren Drums, Gitarren und Torbens markanten Vocals. Die vier nehmen den Hörer im Titeltrack am Kragen und schicken ihn auf einen Schleudergang, dem noch zwölf weitere Programme folgen. Eines ist allerdings jetzt schon klar: Die Sanftwäsche bleibt heute ausgeschaltet! Kämpferisch gibt sich ‚Wenn ich fall‘ und richtet sich an jene, die nach dem Fall wieder aufstehen und erneut angreifen. Nicht liegen bleiben, sondern dem Teufel ins Gesicht lachen und den steinigen Weg weitergehen. Ein Banger, der das Adrenalin befeuert. In ‚Dämmerlicht‘ schlagen KÄRBHOLZ ihre lyrischen Zelte im Garten der „Ich steh für mich selbst ein“-Songs auf. Nicht ganz so wuchtig wie die beiden Vorgänger, dafür aber mit einer umso deutlicheren Botschaft: „Ich bin so, wie ich bin.“

Ob man ‚Kryptonit‘ als Lovesong deklarieren sollte, weiß ich nicht. Auf alle Fälle geht es in dem treibenden Deutschrocker um Beziehungskisten, die wohl nie enden wollen und bei denen die Abhängigkeit voneinander möglicherweise das stärkste Bindemittel ist. Nach ‚Mut‘ und ‚Augenblick‘ – beides mit ernsthafterem Hintergrund – ist ‚Messers Schneide‘ eine geile Hymne für wilde Jungs und Mädels, fürs Klassentreffen, für die Erinnerung an stürmische Zeiten und das Gefühl, unverwundbar zu sein. ‚Glück‘ und ‚Sonnenfinsternis‘ laden zum Mitsingen ein, ‚Wo man tanzt‘ vermittelt ein gutes Gefühl, setzt Energie und Willenskraft frei und ‚Gottes Kind‘ ist für mich der beste Song des Albums: Volle Pulle in die Fresse für Anhänger jedweder Gesinnungen, Verschwörungserzählungen und Trolle, die nichts anderes als Hass und Hetze verbreiten. Die Grundbotschaft ist dabei unmissverständlich: Ohne die Spezies Mensch, die Kriege führt und ihre eigene Umwelt zerstört, wäre die Welt vielleicht ein besserer Ort. Mit dem rockigen Punker ‚Kintsugi‘ zeigen KÄRBHOLZ, dass harte Gitarren und große Gefühle bestens zusammenpassen. Es geht um ein Herz aus Stein, das dennoch Platz für einen anderen Menschen schafft – verbunden mit der Bitte: Nimm mein Herz, aber zerbrich es nicht. Und wenn es doch in Scherben liegt, dann vergiss sie nicht, sondern setz zusammen, was noch übrig ist. ‚Des Todes Bruder‘ fällt dann doch etwas ruhiger aus und mischt deutsche mit englischen Lyrics. Augen zu und genießen, was die Jungs zum großen Finale liefern. Der entfesselte Sturm wird dadurch keineswegs besänftigt, doch am Horizont blinzelt bereits die Sonne hervor.

Mit „Sturm zieh auf“ bleiben KÄRBHOLZ ihrer Linie treu, ohne auf der Stelle zu treten. Die kleinen stilistischen Veränderungen, die etwas härtere Herangehensweise und die erneut starke Mischung aus Deutschrock, Metal, Hardrock und Punk sorgen dafür, dass frischer Wind durch die zwölfte Studioscheibe weht. Dabei verlieren die vier aus Ruppichteroth weder ihre emotionalen Texte noch ihr Gespür für eingängige Hymnen. Ob „Sturm zieh auf“ tatsächlich das kompromissloseste Album der Bandgeschichte ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Für mich ist es auf jeden Fall ein weiteres starkes Kapitel in der Bandgeschichte, das zeigt, dass KÄRBHOLZ auch nach über 20 Jahren noch wissen, wie man ehrliche, energiegeladene und mitreißende Musik schreibt. Also, alle Fans aufs Mofa und ab in den nächsten Plattenladen – diese Scheibe gehört ins heimische Regal und darf Dauergast im Plattenspieler sein.

Tobi Stahl vergibt 8,5 von 10 Punkten