JETHRO TULL – J-TULL DOT COM: ANOTHER CAST OF THE NET

JETHRO TULL

Titel: J-TULL DOT COM: ANOTHER CAST OF THE NET

Label: InsideOutMusic

Spieldauer: 99:23 Minuten

VÖ: 14. August 2026

Nach “The Jethro Tull Christmas Album – Fresh Snow At Christmas”, dem herausragenden Studioalbum “Curious Ruminant” und “Aqualung Live (2025 Remaster)” darf ich bereits zum vierten Mal über eine Veröffentlichung von JETHRO TULL berichten. Entsprechend groß ist die Vorfreude, erneut in ein Kapitel der beeindruckenden Bandgeschichte einzutauchen. Über InsideOutMusic erscheint am 14. August 2026 “J-Tull Dot Com: Another Cast Of The Net”, eine umfangreiche Neuauflage des 1999 veröffentlichten Albums “J-Tull Dot Com”, das von Bruce Soord (THE PINEAPPLE THIEF) komplett neu in Stereo, 5.1 Surround Sound und Dolby Atmos abgemischt wurde. Das aufwendig ausgestattete 3CD+Blu-ray-Set vereint die Originalmischungen, die neuen 2026er-Remixe sowie bislang unveröffentlichtes Studiomaterial und Live-Aufnahmen der Tour aus dem Jahr 2000. Ergänzt wird die Veröffentlichung durch ein 36-seitiges Booklet mit Liner Notes und Archivfotos. Darüber hinaus erscheint “J-Tull Dot Com” erstmals als 180-Gramm-Doppelvinyl im Gatefold inklusive des neuen Remixes und ausgewähltem Bonusmaterial – beste Voraussetzungen also, um einem oft unterschätzten Album der Briten mit frischem Klang neues Leben einzuhauchen.

Für unser Review stehen der inhaltliche Kern der Veröffentlichung und damit insgesamt 25 Songs im Mittelpunkt: die 14 Stücke des Albums sowie elf Bonustracks mit bislang unveröffentlichtem Studiomaterial, einer neuen Remix-Version von ‘The Secret Language Of Birds’ und drei Live-Aufnahmen aus dem Jahr 2000. Die weiteren Versionen des kompletten Albums sowie die Blu-ray mit den Surround- und Dolby-Atmos-Abmischungen runden das umfangreiche Gesamtpaket für Sammler und Audiophile ab.

Eröffnet wird “J-Tull Dot Com: Another Cast Of The Net” von ‘Spiral’. Und wie könnte ein JETHRO TULL-Album anders starten als mit Ian Anderson und seiner Querflöte? Richtig, gar nicht! Der Song, in dem es um den Übergang zwischen Träumen und Aufwachen geht, bei dem unklar bleibt, was Traum und was Realität ist, stellt diese Phase musikalisch fast bildlich dar. Die verzerrten Gitarren sind ohnehin ein Träumchen. Kein Wunder, dass der Song 1999 auch als limitierte Promo-Maxi-CD veröffentlicht wurde. ‘Dot Com’ macht mit Glockenschlägen auf sich aufmerksam. Erst danach setzen die weiteren „JT“-typischen Instrumente und die Vocals ein – inklusive der tollen Stimme von Gastsängerin Najma Akhtar aus Indien, die im Hintergrund agiert. Um auch hier den Hintergrund in lyrischer Hinsicht zu beleuchten, sei gesagt, dass die Nummer auf die damalige Internet-Euphorie (die „Dotcom-Blase“) anspielt. Ein besonderer Kniff Andersons war, dass er das Album auch nutzte, um auf die offizielle Webseite der Band aufmerksam zu machen. Das englische Akronym für „Absent Without Official Leave“ (unerlaubt von der Truppe entfernt) ist ‘AWOL’, ein durchaus fröhlich klingendes Lied, treibend, zum Mitsingen einladend und eventuell zum Nachmachen anregend. Es handelt von einem frustrierten Angestellten, der spontan seinen Job hinter sich lässt, um sich der Tristesse des Bürolebens zu entziehen. Er flieht mit dem Auto über Atlantic City und vorbei an den dortigen Casinos in die Natur, um seine persönliche Freiheit zu genießen, bevor er am nächsten Morgen die verpasste Arbeit nachholen muss. Heute eigentlich undenkbar, aber vielleicht doch eine Überlegung wert, oder?

56 Sekunden instrumentale JETHRO TULL-Kunst gibt es in ‘Nothing @ All’; das gefühlvolle Pianostück ist direktes Präludium (Vorspiel) und eine atmosphärische Überleitung zum nachfolgenden, deutlich progressiveren und rhythmisch komplexeren ‘Wicked Windows’. Hier gibt es verschiedene Interpretationsansätze, was die Thematik angeht. Ob Ian Anderson hier den kalten Blick eines Mächtigen beschreibt oder selbstkritisch durch die “bösen Fenster” seiner damals neuen Brille auf die Welt blickt, bleibt ungeklärt – genau diese Interpretationsfreiheit macht den Reiz der Nummer aus. Gibt sich ‘Hunt By Numbers’ geheimnisvoll und etwas düsterer, so ist die lyrische Komponente eher humorvoll gemeint. Das Lied beleuchtet das Verhalten von Hauskatzen. Anderson, der als leidenschaftlicher Katzenliebhaber bekannt ist, beschreibt die Stubentiger metaphorisch als perfekt durchstrukturierte, lautlose Tötungsmaschinen (“soft and silky night walkers”), die nachts instinktiv und fast mechanisch auf die Jagd gehen (“hunt by numbers”). Musikalisch gibt es ohnehin nichts zu beanstanden: Ein klangvolles Querflötensolo von Ian Anderson trifft auf einmal mehr herausragende Performances seiner Mitstreiter. Martin Barre setzt mit seinen Akustik- und E-Gitarren feine Akzente, Andrew Giddings steuert stimmungsvolle Keyboard-, Hammond- und Piano-Parts bei, während Jonathan Noyce am Bass und Doane Perry am Schlagzeug das stabile Fundament für diese starke Komposition legen.

Zum Zeitpunkt dieses Reviews startet der Sommer durch, und ‘Hot Mango Flush’ ist der perfekte Soundtrack dazu. Die vielen Instrumente nehmen den Hörer mit in die Karibik und holen ihn aus dem Alltag. Fast schon verhext, dass ‘El Niño’ auch derzeit durch die Medien geht. In den Ländern, in denen das Wetterphänomen wütet, logisch; hier in Europa erforscht man dessen Auswirkungen auf unseren Kontinent. Das Lied ist jedoch deutlich ungefährlicher als das Wetterphänomen. ‘Black Mamba’ stampft durch die Ohren, der treibende Rhythmus und die dichte Atmosphäre geben dem Lied das gewisse Etwas, das auch im Kopf bleibt. Dem steht in seiner würzigen Kürze ‘Mango Surprise’ gegenüber, eine tolle kurze Interlude, nach der mit ‘Bends Like A Willow’ auf die Zielgerade eingebogen wird. ‘Far Alaska’ groovt durch den Raum, spielt mit seinen Rhythmen, ist manchmal geordnetes Chaos und dann wieder smooth oder rockig – oder einfach alles zusammen. Mit ‘The Dog-Ear Years’ (übersetzt aus dem Englischen: „mit Eselsohren versehen“), einem tollen Folk-Rocker, bei dem es um Selbstreflexion, das Älterwerden und die Spuren geht, die das Leben hinterlässt, steuern wir auf die Zielgerade zu. Den Schlusspunkt setzt ‘A Gift Of Roses’, eine rhythmische TULL-Nummer, die mit ihrer Wohlfühl-Atmosphäre einen tollen Abschluss für “J-Tull Dot Com” bildet – ich habe auch nichts anderes erwartet.

Kommen wir nun zum Bonusmaterial dieser Veröffentlichung, denn auf CD 3 befinden sich elf Bonustracks, die viele JETHRO TULL-Fans interessieren werden – und ja, auf diese dürften sie auch heiß wie Frittenfett sein. Neben ‘It All Trickles Down’ und dem 2026er-Remix von ‘The Secret Language Of Birds’ gibt es neun bislang unveröffentlichte Studiotracks sowie drei bisher unveröffentlichte Live-Aufnahmen aus Katowice aus dem Jahr 2000 zu entdecken. Das instrumentale ‘Aborted Soliloquy’ leitet die akustische Version von ‘Dot Com Acoustic’ toll ein. Der Flair, den das Lied “ohne Stecker” versprüht, ist toll und legt den Fokus mehr auf das Flötenspiel, den Gesang und eben Ian’s Stimme. Über ‘It All Trickles Down’, die instrumentale und mit tollen Orgelmomenten ausgestattete Nummer ‘Recollection No 5’, den rockigen ‘Pipes (Close To You)’ sowie ‘Sad Suit’, das erneut treibende Folk-Elemente in seiner DNA hat, geht es zum tanzbaren ‘Stigmata’ und dem bereits bekannten Remix von ‘The Secret Language Of Birds (2026 Remix)’. Als finales Live-Triple hat man den Bonustracks einen Live-Dreier aus Katowice spendiert. Freut euch auf ‘Hunt By Numbers’, ‘Dot Com’ und ‘AWOL’, die allesamt im Jahre 2000 in Katowice aufgenommen wurden und jetzt den Weg in unsere Ohren finden.

Allein der Teil dieser Veröffentlichung, den wir besprechen durften, lohnt sich für JETHRO TULL-Fans und Sammler. Wer Vinyl liebt, kommt ohnehin nicht daran vorbei, denn erstmals erscheint “J-Tull Dot Com” auch auf schwarzem Gold. Besonders gefallen haben mir die drei Live-Aufnahmen aus Katowice, die dank Ian Andersons Ansagen und des authentischen Live-Flairs noch einmal eine ganz eigene Atmosphäre entwickeln. Wie sich die Blu-ray-Ausgabe mit ihren neuen Mixen letztlich schlägt, muss der offizielle Release zeigen. Allerdings habe ich bislang noch keine JETHRO TULL-Veröffentlichung gehört, die nicht mindestens bockstark klang – und so herrlich wie Ians Flöte ohnehin.

Tracklist:
CD 1 – “J-Tull Dot Com” (Original Mixes)

  1. Spiral
  2. Dot Com
  3. AWOL
  4. Nothing @ All
  5. Wicked Windows
  6. Hunt By Numbers
  7. Hot Mango Flush
  8. El Niño
  9. Black Mamba
  10. Mango Surprise
  11. Bends Like A Willow
  12. Far Alaska
  13. The Dog-Ear Years
  14. A Gift Of Roses

CD 2 – “J-Tull Dot Com” (2026 Remix by Bruce Soord)

  1. Spiral
  2. Dot Com
  3. AWOL
  4. Nothing @ All
  5. Wicked Windows
  6. Hunt By Numbers
  7. Hot Mango Flush
  8. El Niño
  9. Black Mamba
  10. Mango Surprise
  11. Bends Like A Willow
  12. Far Alaska
  13. The Dog-Ear Years
  14. A Gift Of Roses

CD 3 – Bonus Material

  1. Aborted Soliloquy *
  2. Dot Com Acoustic *
  3. It All Trickles Down
  4. Recollection No 5 *
  5. Pipes (Close To You) *
  6. Sad Suit *
  7. Stigmata *
  8. The Secret Language Of Birds (2026 Remix)
  9. Hunt By Numbers (Live In Katowice, 2000) *
  10. Dot Com (Live In Katowice, 2000) *
  11. AWOL (Live In Katowice, 2000) *

* = Previously unreleased

Blu-ray

  • “J-Tull Dot Com” – Dolby Atmos Mix
  • 5.1 Surround Mix
  • 24-bit Stereo Mix
  • Bonus-Tracks (ohne Live-Material) in 24-bit Stereo

Tobi Stahl vergibt 8,5 von 10 Punkten