Mit ihrem fünften Studioalbum „Helios“ führen FIRTAN ihren schweren, von Black und Death Metal geprägten Sound konsequent fort, erweitern ihn jedoch um neue atmosphärische Facetten. Zwischen roher Wucht, melancholischen Passagen, akzentuierter Violine und sakralen Chants dreht sich das Werk inhaltlich um die Sonne als Symbol für Selbsterkenntnis und die bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Dunkelheit. Im Gespräch verrät die Band, wie dieses mutmachende Konzept entstanden ist, welche Rolle die Violine im Songwriting einnimmt und was es mit den Gastbeiträgen sowie dem überraschenden BATHORY-Cover auf sich hat.
Tobias:
Hallo zusammen! Mit „Helios“ steht euer fünftes Studioalbum in den Startlöchern und folgt damit gerade einmal zwei Jahre nach „Ethos“. Wie fühlt es sich für euch an, das neue Album jetzt kurz vor der Veröffentlichung endlich mit den Hörern teilen zu können?
FIRTAN:
Sehr gut. Die ersten Songs und das Konzept von „Helios“ entstanden bereits während des Releases unseres letzten Albums, und umso mehr freuen wir uns, dass „Helios“ nun endlich das Licht der Welt erblicken darf.
Tobias:
Der Titel „Helios“ steht für die Sonne und damit für Licht, Erkenntnis und die Suche nach einer stärksten Version seiner selbst. Gleichzeitig ist diese Reise bei euch keine Flucht vor der Dunkelheit, sondern eher eine bewusste Konfrontation mit ihr. Wie entstand dieses zentrale Konzept und wann wurde klar, dass „Helios“ auch der Titel des Albums werden sollte?
FIRTAN:
Das Konzept stammt von unserem Sänger Phillip und entstand aus dem inneren Drang heraus, ein Album zu schreiben, das Kraft gibt und Mut macht. Viele Metal-Alben konzentrieren sich eher auf negative Themen, was absolut seine Berechtigung hat und auch großartig sein kann. Aber dieses Mal wollten wir den Fokus etwas anders setzen. Eine Vielzahl von Menschen hat heutzutage mit der Informationsflut und den vielen negativen Nachrichten zu kämpfen und verliert dadurch zunehmend den Mut. Mit dem lyrischen Konzept – und natürlich auch mit der Musik – möchten wir einen Weg aus dieser Abwärtsspirale aufzeigen. Es geht darum zu erkennen, dass der Fokus auf sich selbst der beste Weg sein kann, um das eigene innere Feuer wieder zu entfachen, auch wenn die Konfrontation mit dem Selbst oft große Überwindung fordert.
Tobias:
Für mich ist die Violine eines der ganz besonderen Elemente eures Sounds. Gerade auf „Helios“ entstehen dadurch immer wieder diese Momente zwischen schwarzer Wucht, Melancholie und beinahe gespenstischer Ruhe. Welche Rolle nimmt die Violine inzwischen innerhalb des Songwritings ein und wie entscheidet ihr, wann sie in einem Song besonders hervortreten soll?
FIRTAN:
Bei Firtan verstehen wir die Violine meist weniger als solistisches Instrument, sondern vor allem als Teil der klanglichen Gesamttextur. Die Geigenlinien sind daher häufig eher flächig und atmosphärisch angelegt und verbinden die verschiedenen Elemente miteinander, ohne in Konkurrenz zu den Gitarrenriffs zu treten. Oft übernimmt die Violine damit fast die Funktion eines organischen Synthesizers oder einer zusätzlichen, effektbeladenen Gitarre. An bestimmten Stellen tritt sie bewusst mit solistischen Passagen stärkere in den Vordergrund, z. B. wie eine klagende Gesangslinie. Wo die Violine ihren Platz findet, entscheidet Klara sehr intuitiv und erst relativ spät im Songwritingprozess.
Tobias:
Mit ‚Himsa‘ eröffnet ein gerade einmal 60 Sekunden langes Violinenspiel das Album, bevor ‚Kalikas Tongue‘ deutlich schwerer und düsterer übernimmt. Wie wichtig ist euch diese Art von Kontrast?
FIRTAN:
Diese Ambivalenz zieht sich durch viele unserer Songs. Solche Passagen schaffen kurze Momente des Innehaltens und bringen eine schmerzhafte, sehnsüchtige Qualität in die Musik. Und sie sorgen dafür, dass das anschließende Wiedereinsetzen der Gitarren noch intensiver wirkt. Die daraus entstehende emotionale Spannung und Rastlosigkeit passen für uns sehr gut zur inhaltlichen Ebene des Albums.
Tobias:
‚Ascension‘ beschreibt den Weg aus Dunkelheit und Gefangenschaft hin zu Licht und Erkenntnis. Schmerz und Zweifel werden dabei zu Prüfungen auf dem Weg zu einer neuen Version des eigenen Selbst. Wie viel von dieser Idee ist metaphorische Erzählung und wie viel persönliche Erfahrung steckt in euren Texten?
FIRTAN:
Unsere Texte sind nicht per se autobiografisch zu lesen, sie dienen mehr als Metapher, als Botschaft, mit der sich vielleicht viele identifizieren können. Aber natürlich ist dies auch aus persönlicher Erfahrung entstanden, gerade deswegen ist die Beschäftigung mit diesen Themen von Bedeutung für uns. Die eigenen persönlichen Kämpfe und die Art, wie man früher mit ihnen umgegangen ist und heute mit ihnen umgeht, haben aus einfachem philosophischem Wissen etwas entfacht, an das man wirklich glaubt. Unsere philosophischen Ansichten mit anderen teilen zu dürfen, empfinden wir als großes Privileg.
Tobias:
Mit James Dorton von NE OBLIVISCARIS ist bei ‚The Hierophant Way‘ ein Gast zu hören, dessen Stimme dem Song noch einmal eine ganz eigene Dimension gibt. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande und was hat James musikalisch zu dem Stück beigetragen?
FIRTAN:
James kennt und verfolgt unsere Musik bereits seit unserem zweiten Album „Okeanos“. Wir schätzen NE OBLIVISCARIS als auch James‘ Arbeit sehr, und umso mehr freut es uns, dass er mit seiner monumentalen Stimme noch mehr Tiefe in den Song gebracht hat.
Tobias:
Bei ‚Shadows of a Dawn Unborn‘ sorgt Christian Höll von VINSTA mit seinem Sopransaxofon für einen weiteren ungewöhnlichen, aber tollen Farbtupfer. Wie entstand die Idee, ausgerechnet dieses Instrument in euren Sound einzubauen, und wie wichtig sind solche ungewöhnlichen Klangfarben für die Entwicklung von FIRTAN?
FIRTAN:
Unsere Violinistin Klara kannte als Teil von VINSTA die Qualitäten dieses Instruments und wusste, wie gut es mit der Violine harmonieren kann. Grundsätzlich entscheiden wir relativ spontan und intuitiv, welche Klangfarben und Instrumente wir verwenden. Wichtig ist, dass die Emotion, die wir erzeugen wollen, damit vermittelt wird.
Tobias:
Aufgenommen, gemischt und gemastert wurde „Helios“ wieder mit Markus Stock in der Klangschmiede Studio E, der diesmal zusätzlich Synthesizer beisteuert. Was macht die Zusammenarbeit mit Markus für euch so besonders und welchen Einfluss hatte er diesmal auf die Atmosphäre und den Klang des Albums?
FIRTAN:
Markus teilt unsere künstlerische Vision und hat durch die jahrelange Zusammenarbeit ein wunderbares Gefühl dafür, was es bei unseren Produktionen braucht. Dass er ein Meister in Bezug auf atmosphärische und emotionale Klänge ist, sollte jedem, der seine Projekte kennt, längst bekannt sein. Sehr gut harmonieren wir auch in unserer Arbeitsweise, viele zusätzliche Instrumente und Klangfarben (z. B. die Synths) entstehen oft spontan während der Recordingsessions bei ihm im Studio.
Tobias:
‚The Hierophant Way‘ und ‚Ascension‘ waren bereits vor der Veröffentlichung als Singles zu hören. Wie schwierig ist es für euch, aus einem Album mit zwölf sehr unterschiedlichen Stücken die Songs auszuwählen, die als erste einen Eindruck von „Helios“ vermitteln sollen?
FIRTAN:
Die Entscheidungsfindung war diesmal tatsächlich kein einfacher Prozess, da alle Songs uns sehr am Herzen liegen. Dass die Wahl für die erste Single auf „The Hierophant Way“ fallen würde, stand erst einen Monat vor Release fest. Doch trotz der Songlänge von knapp 12 Minuten war es für uns schließlich die logische Konsequenz, da dieser Song quasi eine Synopsis des gesamten Konzepts als auch stilistisch repräsentativ für „Helios“ ist. Und mit „Ascension“ wollten wir einen Song wählen, der eine weitere eher düstere Facette des Albums zeigt.
Tobias:
Mit ‚Man of Iron‘ habt ihr euch am Ende des Albums einen Song von BATHORY vorgenommen. BATHORY haben die Entwicklung von Black Metal und später auch des epischen Viking Metal wie kaum eine andere Band geprägt. Was bedeutet BATHORY für euch persönlich und warum war gerade ‚Man of Iron‘ der richtige Song für eure Version?
FIRTAN:
Die Idee stammt ursprünglich von unserem Gitarristen Chris. Bathory war für uns alle eine prägende Band, deshalb gefiel uns der Einfall sehr gut. Und „Man of Iron“ ergänzt das Albumkonzept wunderbar, weil der Song ebenfalls von Transformation und innerer Stärke handelt, von einem Protagonisten, der Prüfungen durchläuft und daraus verwandelt hervorgeht. Zudem war es eine interessante Herausforderung, den ursprünglich sehr minimalistischen und rein akustischen Song neu zu interpretieren.
Tobias:
Wenn ich „Helios“ mit eurem bisherigen Weg vergleiche, klingt das Album für mich wie eine konsequente Weiterentwicklung eures Sounds, ohne dass die Identität von FIRTAN verloren geht. Wohin wollt ihr diesen Weg als Nächstes weiterführen? Gibt es musikalische oder atmosphärische Grenzen, die ihr mit FIRTAN noch unbedingt ausloten möchtet?
FIRTAN:
Grundsätzlich entsteht unsere Musik immer intuitiv. Wir schreiben das, was wir im Moment fühlen und ausdrücken möchten. Deshalb ist es schwierig, eine Prognose für Zukünftiges auszusprechen, aber wir hoffen natürlich, dass wir diese positive Tendenz beibehalten.
Tobias:
Vielen Dank für eure Zeit und das Interview! Ich wünsche euch viel Erfolg mit „Helios“ und freue mich darauf, eure neue musikalische Reise auch live erleben zu können. Die letzten Worte gehören natürlich euch.
FIRTAN:
Hört euch „Helios“ an, am besten an einem Stück und lasst euch darauf ein, ihr werdet es nicht bereuen. Wir sehen uns im Oktober auf unserer Release-Tour. Alle Daten und Tickets findet ihr unter: https://linktr.ee/firtan_tickets Danke für euer Interesse.
Interview: Tobias Stahl
Photo Credit: Oliver König & Kathrin Told

