INSOMNIUM
Titel: NETHERWORLDS
Label: Century Media Records
Spieldauer: 54:03 Minuten
VÖ: 16. Oktober 2026
INSOMNIUM wurden 1997 im ostfinnischen Joensuu gegründet und gehören für mich seit Jahren zu den Bands, bei denen man schon vor dem ersten Ton weiß: Das geht gleich wieder ordentlich unter die Haut. Seit ihrem Auftauchen aus der nebelverhangenen karelischen Heimat liefern die Finnen eine unverwechselbare Mischung aus zutiefst emotionaler Melancholie, packenden Gitarrenmelodien und kompromisslosem Melodic Death Metal, mit der sie sich längst ihre ganz eigene Nische geschaffen haben. Nach dem historischen Konzeptwerk „Anno 1696“ und der stimmungsvollen EP-Ergänzung „Songs Of The Dusk“ haben die Finnen nun ihr zehntes Studioalbum „Netherworlds“ am Start.
„Als Ende 2025 die Dämmerung des Herbstes einbrach, kam das Ganze nur langsam in Gang – doch plötzlich fügte sich alles wie von selbst zusammen“, erinnert sich Sevänen. „Ehe wir uns versahen, dachten wir: ‚Wartet mal… wir haben hier womöglich ein verdammt geniales Album am Start!‘“ „Eines unserer Ziele war es, wieder ein paar Schritte zurück zu dieser klassischen nordischen Melancholie von Alben wie ‚Shadows of the Dying Sun‘ und ‚Heart Like a Grave‘ zu machen“, ergänzt Vanhala.
„Album Nummer zehn hat uns natürlich auch dazu veranlasst, zurückzublicken“, erklärt Friman. „Man könnte sagen, wir haben uns ein wenig einer ‚Best Of‘-Philosophie bedient. Es klingt vielleicht wie ein Klischee, aber das Ziel war einfach: Songs zu schreiben, die all das einfangen, was die Leute an den INSOMNIUM-Klassikern lieben – und den Sound gleichzeitig mit ein paar neuen Kniffen weiterzuentwickeln.“
Dieses Jubiläum bringt auch personelle Veränderungen mit sich: Nachdem Jani Liimatainen nicht mehr mit an Bord ist, feiert Tomy Laisto (Gitarre, Gesang) auf „Netherworlds“ sein vollständiges Studio-Debüt als festes Bandmitglied. Er reiht sich nahtlos in die gewohnte Mannschaft ein, die weiterhin aus Frontmann Niilo Sevänen (Gesang, Bass), den beiden Langzeit-Gitarristen Markus Vanhala und Ville Friman (beide ebenfalls Gitarre und Begleitgesang) sowie Taktgeber Markus Hirvonen am Schlagzeug besteht. Musikalisch besinnt sich das Fünfergespann diesmal wieder stärker auf die eigene Essenz und auf das, was Meilensteine wie „Shadows Of The Dying Sun“ und „Heart Like A Grave“ so besonders gemacht hat – ohne einfach alte Ideen aufzuwärmen. Schwere Riffs, epische Melodien und die typische Dynamik treffen auf neue Impulse und eine wieder deutlich persönlichere Ausrichtung. Denn nach den konzeptionell geprägten letzten Veröffentlichungen geht es auf „Netherworlds“ wieder näher an den Menschen ran: Sterblichkeit, Verlust, Erinnerungen und der Kreislauf des Lebens stehen im Mittelpunkt. Dazu kommen Einflüsse aus klassischer Poesie und der Kultur der Sámi, deren Traditionen eng mit der Natur und der eigenen Geschichte verbunden sind.
Produziert wurde das neue Werk erstmals von Miiro Varjus, während für Mix und Mastering erneut Jens Bogren und Tony Lindgren aus den Fascination Street Studios verantwortlich zeichnen. Das Artwork stammt zum ersten Mal aus der Feder von Travis Smith und passt mit seiner düsteren Optik bestens zu der visuellen Ästhetik der Band. Eine echte Premiere wartet direkt zu Beginn: Mit Henry Purcells „The Cold Song“ wagen sich INSOMNIUM erstmals überhaupt an einen Cover-Track auf einem Album. Die zehn regulären Songs bieten reichlich Stoff, um sich wieder ordentlich in den dunklen Klangwelten der Finnen zu vergraben.
Mit dem Henry-Purcell-Cover ‚The Cold Song‘ beginnt „Netherworlds“ zunächst in eisiger, düsterer Stimmung, bevor ‚Shadowlife‘ dieses Gefühl auf eine persönlichere Ebene zieht und aus der Dunkelheit, der Hoffnung auf das zurückkehrende Licht und der Sehnsucht nach einem verlorenen Menschen erzählt. Die beiden Songs setzen damit gleich zu Beginn unterschiedliche Akzente, passen thematisch aber richtig gut zusammen. Zu ‚Shadowlife‘ haben INSOMNIUM ein tolles Video veröffentlicht, das die Lyrik und die erzeugten musikalischen Bilder toll supportet – die finnische Melancholie wird fast greifbar ins Wohnzimmer transportiert.
Sänger und Bassist Niilo Sevänen über „Shadowlife“:
„Es ist die Erkenntnis, dass Liebe, Jugend, Sommer und Wärme nicht für immer bewahrt werden können. So bleiben wir zwischen Sehnsucht und Akzeptanz zurück, verweilen in den Zwischenräumen von Schlaf, Schatten und Nacht.“
‚Remembrance‘ eröffnet weniger düster, geht direkter ins Ohr und ist lyrisch positiver. Das Lied ruft auf, sich an gute Zeiten zu erinnern. Die harschen und cleanen Vocals sind dabei ein toller Faktor und treiben das Lied nach vorne. Auch das Video zur Single ‚Gleam in the Black‘ habe ich mir angeschaut. Der wuchtige und schnellere Song lebt von den wechselnden Tempopassagen und Niilo Sevänen (Gesang, Bass) sagt eigentlich alles, was es über das Lied zu sagen gibt:
„Als einer der schnelleren Songs auf dem neuen Album ist dies ein Titel, der das Publikum bei Live-Auftritten in Bewegung bringen dürfte. Er verkörpert definitiv den klassischen INSOMNIUM-Spirit. Der Text erzählt eine dunkle und geheimnisvolle Liebesgeschichte, die die Stimmung und Atmosphäre des gesamten Albums einfängt. Wir sind dazu verdammt, durch die nächtlichen Wälder zu irren, auf der Suche nach etwas, das längst verloren ist, etwas, das wir nur in unseren Träumen erreichen können. Dieser einzige Lichtschimmer inmitten der Finsternis.“
Natürlich kommen da noch eure persönlichen Stimmungen hinzu, die das Hörerlebnis von ‚Gleam in the Black‘ ausmachen. Als Nächstes hören wir ‚The Hour Grows Late‘: Für diesen Song werden INSOMNIUM mit dem Feature von Tomi Joutsen, Tomi Koivusaari und Santeri Kallio (alle AMORPHIS) zu einer „kleinen Supergroup“ aus dem Land der tausend Seen. Das Lied hat eine Spielzeit von knapp über acht Minuten, was den Musikern den Raum gibt, ein längeres Intro zu spielen. Danach geht es zunächst druckvoll in den Spurt, gefolgt von einer kurzen Verschnaufpause. Die Gesangsparts von Tomi Joutsen passen so toll zum kernigen Growl von Niilo Sevänen, hier hören wir ein absolutes Highlight des Albums. ‚Arch Of The Sky‘ zeigt laut Ville Friman eine progressivere Seite von „Netherworlds“, geprägt von Taktwechseln und der typischen Mischung aus sanften und härteren Passagen. Inhaltlich ist der Song von der samischen Mythologie inspiriert: Himmlische Jäger verfolgen ein Reh über den sich ständig bewegenden Himmelsbogen. Der Legende nach würde die Welt untergehen, wenn das Reh jemals gefangen würde, da dann das Dach des Himmels einstürzen würde. Das samische Szenario wird dabei auch im Video toll eingefangen und passt damit perfekt zur mystischen Geschichte des Songs.
Mit ‚Pathways of the Night‘ gehen wir wieder in die melancholischere Richtung, wenn auch nur ein bisschen. Die Idee, mit jemandem in den eigenen Träumen wieder spazieren zu gehen, ist herrlich und lädt zum Sehnsuchteln ein. Mit den sanften Tönen von ‚Ethereal Sleep‘ begeben wir uns langsam, aber sicher auf die Zielgerade des Albums, genießen den Härtegrad von ‚The Banished‘ und bekommen in ‚Journey’s End‘ ein episches Finale, das nochmal alle Qualitäten, die wir bisher hören durften, vereint und an der Sieben-Minuten-Marke kratzt!
„Ein Album wie ein finnischer Winter: Düster, wunderschön und absolut mitreißend – Pflichtkauf!
Mit „Netherworlds“ liefern INSOMNIUM ein bärenstarkes zehntes Studioalbum ab, das die perfekte Balance zwischen vertrauter nordischer Melancholie und frischen Impulsen findet. Das Album punktet durch enorme Vielseitigkeit: Vom eisigen Opener-Experiment ‚The Cold Song‘ über das treibende, dynamische ‚Gleam in the Black‘ bis hin zur progressiven, samisch inspirierten Mystik von ‚Arch Of The Sky‘ greift jedes Rad nahtlos ins andere. Besonders die eigenen Highlights brennen sich tief ein: Das majestätische ‚The Hour Grows Late‘ wächst durch die Unterstützung der Amorphis-Fraktion zu einem echten Mammutwerk heran, bei dem Tomi Joutsens Gesang fantastisch mit Niilos Growls harmonieren. Und während ‚Remembrance‘ mit seinen mitreißenden harschen und cleanen Vocals direkt ins Ohr geht, setzt das epische Finalstück ‚Journey’s End‘ dem Album die Krone auf – hier wartet eine umwerfende Atmosphäre, in der man sich vollkommen verlieren, versinken und träumen darf. Ein meisterhaftes Jubiläumswerk!
Tobi Stahl vergibt 9 von 10 Punkten


