Du betrachtest gerade TEMPLE OF DREAD – Auf dem Weg nach Olymp und Unterwelt

TEMPLE OF DREAD – Auf dem Weg nach Olymp und Unterwelt

  • Beitrags-Autor:

Mit “Dreadspawn Dominion” schlagen TEMPLE OF DREAD das nächste Kapitel ihrer inzwischen beeindruckenden Bandgeschichte auf. Bereits zum zweiten Mal sprechen wir gemeinsam über ein neues Album – eine gute Gelegenheit, nicht nur auf die Entstehung der neuen Songs zu blicken, sondern auch auf die Entwicklung der Band in den vergangenen Jahren. Zeit also, über cineastische Klangwelten, antike Mythologie, neue Bandmitglieder und die Zukunft von TEMPLE OF DREAD zu sprechen.

Tobias:
Hallo Markus! Schön, dass wir nach unseren Gesprächen zu u.a. “Beyond Acheron” wieder zusammenkommen. Herzlichen Glückwunsch zunächst zu “Dreadspawn Dominion”. Wie fühlt es sich für euch an, inzwischen bereits das sechste Studioalbum zu veröffentlichen? Ist die Vorfreude vor einem Release heute noch genauso groß wie früher oder erlebt man solche Momente inzwischen etwas entspannter?

Markus:
Hallo Tobias, vielen Dank! Es fühlt sich noch immer grandios an! Die Veröffentlichung eines neuen Albums ist quasi das Finale eines kreativen Prozesses und wir alle blicken sehr gespannt auf die Reaktionen von Fans und Kritikern. Die organisatorischen Dinge sieht man natürlich bei Album Nummer 6 entspannter als beim Debüt, aber die Vorfreude und Spannung haben noch kein bisschen nachgelassen.

Tobias:
Als wir 2023 über “Beyond Acheron” gesprochen haben, hast du mir erzählt, dass ihr eure Fans nicht mit zu großen Stilwechseln überraschen möchtet, gleichzeitig aber auch keine Lust habt, euch ständig zu wiederholen. Wenn du heute auf “Dreadspawn Dominion” blickst – würdest du sagen, dass euch dieser Spagat erneut gelungen ist?

Markus:
Zu dieser Einschätzung stehe ich heute noch genauso. Ich denke aber, dass es uns insgesamt wieder gut gelungen ist, unserem Stil treu zu bleiben und trotzdem Abwechslung in die Songs zu bringen. Ein “untypischer” Song kann ein ganzes Album aufwerten und bereichern. Ich finde, dass Songs wie ‘Death March’ oder ‘Scorched by Cosmic Fire’ wieder neue Facetten zeigen, im gesamten Albumkontext aber ganz eindeutig TEMPLE-OF-DREAD-Songs sind.

Tobias:
Schon auf “Beyond Acheron” hatte ich den Eindruck, dass eure Songs deutlich cineastischer geworden sind. Laut Pressetext habt ihr diesen Ansatz auf “Dreadspawn Dominion” noch weiter ausgebaut. Was versteht ihr selbst unter diesem cineastischen Charakter und wie setzt ihr diese Idee beim Songwriting konkret um?

Markus:
Wir behandeln in unseren Songs ja antike, vorwiegend griechische Mythen. Ich finde, die gesamte Produktion eines TEMPLE-OF-DREAD-Albums – vom Artwork über das Songwriting bis hin zum Sound – muss diesen “pompösen” Geschichten Tribut zollen. Bei bestimmten Songs habe ich Bilder vor Augen und sehe Fanfaren und Posaunen und große Menschenmengen vor mir. Ich sehe Helden und Ungeheuer, Feuer und endloses Wasser. In unserem Schlusssong ‘Infernal Eternity’ beschreiben wir die Irrfahrten des Odysseus. Lustig, dass gerade dieser Stoff neu in die Kinos kommt. Natürlich würden wir aufgrund unserer Größe niemals die Chance bekommen, zu solch einem Hollywood-Epos einen Teil der Titelmusik beisteuern zu dürfen, dennoch sage ich: Der Song hätte grandios zu diesem Film gepasst!

Tobias:
Mit Daniel Maurer und Andi Bauer seid ihr erstmals als Quintett unterwegs. Mich interessiert dabei weniger nur die personelle Veränderung, sondern vielmehr die Dynamik innerhalb der Band. Was haben die beiden musikalisch, aber vielleicht auch menschlich in TEMPLE OF DREAD verändert?

Markus:
Der Einstieg von Daniel und Andi hat die Band als solche komplettiert. Musikalisch sind die beiden herausragend und eine absolute Bereicherung, aber noch viel wichtiger ist das Zwischenmenschliche: Die Stimmung in der Band war nie besser und tatsächlich haben die beiden nochmals eine Art „Aufbruchsstimmung“ in die Band gebracht: Wir sind noch lange nicht am Ende und wir können und wollen noch mehr erreichen!

Tobias:
Hat sich durch die neue Besetzung auch eure Art verändert, Songs zu schreiben? Beim letzten Interview hast du erzählt, dass zunächst jeder für sich arbeitet und erst später alles zusammengeführt wird. Funktioniert dieses Modell mit fünf Musikern heute noch genauso oder entwickelt sich inzwischen mehr gemeinsam im Proberaum?

Markus:
Wir führen unser etabliertes Konzept tatsächlich auch als Quintett weiter. Jeder arbeitet für sich seine Parts aus und bekommt dafür im Prinzip jeweils von den verbleibenden Musikern völlig freie Hand. Das Endergebnis ist dann quasi wie eine Wundertüte – man weiß nie, was man bekommt! Aber: Ich bin noch nie enttäuscht worden! Dies spricht natürlich nochmals für die Qualität aller Beteiligten.

Tobias:
Jörg Uken begleitet euch inzwischen seit mehreren Alben als Produzent. Gleichzeitig kennt er die Band als Drummer in- und auswendig. Ist das inzwischen ein großer Vorteil, weil ihr euch blind versteht, oder besteht irgendwann auch die Gefahr, dass man sich gegenseitig zu sehr bestätigt und der Blick von außen fehlt?

Markus:
Ich sehe in dieser Zusammenarbeit eigentlich nur Vorteile. Jörg hat als Produzent immer das “Große Ganze” im Blick und gibt durchaus auch kritische Einschätzungen zu bestimmten Songs oder Parts ab – auch was seine eigenen Parts anbelangt! Wenn etwas nicht songdienlich oder gar überflüssig ist, fliegt es raus. Wenn ich mir die Reaktionen auf unsere Alben angucke, denke ich nicht, dass wir mit einem externen Produzenten besser dastehen würden.

Tobias:
Paolo Girardi hat erneut das Cover gestaltet und man erkennt seine Handschrift sofort. Mich würde interessieren, wie eng ihr inzwischen zusammenarbeitet. Entstand das Artwork parallel zur Musik oder steht das musikalische Konzept bereits vollständig, bevor Paolo überhaupt den ersten Pinselstrich setzt?

Markus:
Wir arbeiten jetzt seit vier Alben mit Paolo zusammen und er teilt unsere Leidenschaft für die griechische Mythologie. Wenn ich mit den Arbeiten für ein neues Album beginne, überlege ich mir tatsächlich als Erstes Folgendes: Wie könnte das Album heißen? Was wäre der inhaltliche Kernaspekt? Wie soll es atmosphärisch ausfallen? Wie könnte ein passendes Artwork aussehen? Die Antworten auf diese Fragen teile ich Paolo mit und er versteht intuitiv, was ich meine. Ich bin restlos begeistert von seinen Artworks und ich möchte ganz sicher weiter mit ihm zusammenarbeiten. Und ganz nebenbei hat er ja mit dem ‘Ferryman’ unseren eigenen ‘Eddie’ geschaffen!

Tobias:
Eure Texte beschäftigen sich seit Jahren mit Charon, Hades, antiken Göttern und der griechischen Mythologie. Trotzdem wirken sie nie wie reiner Geschichtsunterricht. Welche Faszination übt diese Welt bis heute auf euch aus und glaubt ihr, dass viele dieser alten Geschichten heute aktueller sind, als man zunächst vermuten würde?

Markus:
Wir haben die antiken Mythen ja nie eins zu eins übernommen, sondern spinnen diese nach unserem Ermessen weiter. Wir wollen nicht belehren, sondern unterhalten. Interessant finde ich gerade an der griechischen Mythologie, dass es nicht immer ein Happy End gibt und dass Götter und Helden alles andere als perfekt sind. Wenn ich mir bestimmte Politiker-Eliten heutzutage angucke, denke ich, dass die Parallelen zu den Göttern im Olymp nahezu überdeutlich sind: Vetternwirtschaft, Korruption, Machtgier, Neid und Intrigen – und das alles immer nur zum eigenen Vorteil! Aber: Olympus has fallen! Und das wird bestimmten modernen Verbindungen genauso widerfahren!

Tobias:
Frank “Doc” Albers beschäftigt sich beruflich als Psychologe intensiv mit dem Menschen und gleichzeitig mit antiker Mythologie. Fließen diese beiden Welten manchmal auch zusammen? Finden sich in euren Geschichten vielleicht bewusst menschliche Konflikte oder psychologische Themen wieder, die weit über die eigentliche Mythologie hinausgehen?

Markus:
Ich glaube, dass Frank es liebt, reale Themen in mythologischen Texten zu verarbeiten. Und ich glaube, dass er sich damit nicht sonderlich von den bekannten Urhebern der Mythologien unterscheidet! Kann Zeus nicht als perfektes Spiegelbild moderner und antiker Herrscher angesehen werden? Ein machthungriger Mensch voller charakterlicher Defizite. Ich glaube, davon gab es seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte so einige …

Tobias:
Wenn Musik und Texte bei TEMPLE OF DREAD entstehen – wer inspiriert eigentlich wen? Entsteht zuerst eine musikalische Atmosphäre, zu der Frank anschließend seine Geschichten entwickelt, oder liefern seine Texte manchmal auch den Ausgangspunkt für eure Kompositionen?

Markus:
In der Regel gehen wir wie folgt vor: Zunächst entsteht die Musik, dann tatsächlich schon der Songtitel und zum Schluss der Text. Ich denke mir zusammen mit Frank einen coolen Titel aus, der zum Song passen könnte, zum Beispiel so: “Hey – der Song klingt ja wie DEATH auf “Leprosy”, lass ihn ‘Born to Rot’ nennen, hahaha!” Bezüglich des Textes lasse ich Frank dann völlig freie Hand. Erwähnenswert ist auch, dass Jens erstmalig einen kompletten Song (Text und Musik) beigesteuert hat. Dass Jens ein grandioser Songwriter ist, wissen wir ja dank SLAUGHTERDAY. Ich war aber überrascht, dass ihm das Texten offenbar auch recht gut von der Hand ging – ‘Hybrid Horde Eternal’ ist in doppelter Hinsicht ein absoluter Kracher geworden!

Tobias:
Mich beeindruckt immer wieder, in welchem Rhythmus ihr neue Alben veröffentlicht. Viele Bands benötigen vier oder fünf Jahre für ein Album, während ihr scheinbar ständig neue Ideen habt. Woher kommt diese Kreativität und kennt ihr überhaupt so etwas wie eine bewusste kreative Pause?

Markus:
Es gibt im Musik-Business natürlich die berechtigte Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, jedes Jahr ein neues Album zu veröffentlichen. Nutzt man sich dadurch vielleicht zu schnell ab? Hat die Plattenfirma überhaupt die Chance, ein Album in so kurzen Abständen abzuverkaufen? Wollen auch die Hörer jedes Jahr Geld für ein neues TEMPLE-OF-DREAD-Album ausgeben? Ursprünglich waren wir ja ein reines Studio-Projekt und wollten natürlich dann auch nicht so schnell in Vergessenheit geraten. Ich denke, dass wir nun aber einen zweijährigen VÖ-Zyklus beibehalten werden. Aber: Aus rein kreativer Sicht könnten wir jedes Jahr zwei Alben aufnehmen, hahaha!

Tobias:
Beim ersten Interview hatten wir auch kurz über Live-Auftritte gesprochen. Damals war das eher ein Thema für die Zukunft. Wie sieht die Situation heute aus? Ist TEMPLE OF DREAD inzwischen an einem Punkt angekommen, an dem regelmäßige Konzerte oder Festivals realistischer geworden sind?

Markus:
Ja, wir sind nun tatsächlich auch live unterwegs. Dieses Jahr stehen noch ein paar Highlights wie zum Beispiel das Party.San, das Into the Crypts, das Metal Embrace und das Nordhorn Deathfest auf unserer Liste. Leider ist es gar nicht so leicht, an gute Auftrittsmöglichkeiten heranzukommen. Gerne würden wir tatsächlich noch mehr live spielen, aber interessante Angebote halten sich leider in Grenzen.

Tobias:
Wenn du heute selbst “Dreadspawn Dominion” hörst – gibt es einen Song, auf den du besonders stolz bist oder bei dem du das Gefühl hast: Genau dieser Titel beschreibt TEMPLE OF DREAD im Jahr 2026 am besten?

Markus:
Tatsächlich würde ich hier den Titelsong auswählen. Er ist roh, aggressiv und absolut auf den Punkt komponiert – kein unnötiger Ballast und im Prinzip nur zwei unterschiedliche Riffs! Wir haben uns nicht verbogen, sondern setzen den Weg, den wir auf dem ersten Album eingeschlagen haben, auch auf Album Nummer 6 konsequent fort.

Tobias:
Bevor wir zum Ende kommen: Haben wir aus eurer Sicht alles Wichtige rund um “Dreadspawn Dominion” angesprochen oder gibt es noch etwas, das euch besonders am Herzen liegt und das ihr unseren Leserinnen und Lesern mit auf den Weg geben möchtet?

Markus:
Ich denke, wir haben fast alles Relevante besprochen. Es ist mir aber noch wichtig, insbesondere unseren Fans zu danken, die uns von Anfang an sehr gut unterstützt haben, unsere Platten kaufen und uns bei den Konzerten wahnsinnig nach vorne pushen! Ohne sie wären wir nichts!

Tobias:
Vielen Dank für deine Zeit und das mittlerweile zweite gemeinsame Interview! Die letzten Worte gehören natürlich dir.

Markus:
Ich danke dir vielmals für deinen Support und deine stets interessanten Fragen! Wir werden TEMPLE OF DREAD so konsequent weiterführen, wie wir es bisher gemacht haben – und ich freue mich auf ein weiteres Gespräch mit dir zum siebten Album, hahaha!

Interview: Tobias Stahl
Photocredit: Toni Gunner