TANZWUT – HERZ AUS STEIN

TANZWUT

Titel: HERZ AUS STEIN

Label: NoCut

Spieldauer: 54:24 Minuten

VÖ: 04. September 2026

Seit meiner ersten TANZWUT-Review zu „Die Tanzwut kehrt zurück“ begleiten mich die Berliner Mittelalter-Rocker regelmäßig durch den Redaktionsalltag. Es folgten „Silberne Hochzeit“ und zuletzt das starke „Achtung Mensch!“, das mich mit seiner Mischung aus Gesellschaftskritik, modernen Metal-Klängen und typischem TANZWUT-Sound einmal mehr begeisterte. Umso größer war die Vorfreude auf „Herz aus Stein“, das mittlerweile zwölfte Studioalbum der Truppe um Teufel. Die Vorzeichen versprechen Großes: mehr Gefühl, mehr Nachdenklichkeit, aber natürlich auch wieder jede Menge Dudelsäcke, harte Gitarren, eingängige Hymnen und genau jene Spielfreude, die ich an TANZWUT seit Jahren so schätze. Schauen wir also einmal, welche Zutaten die Mittelalter-Rockbarden dieses Mal in ihre musikalische Küche geworfen haben.

‚Rosenkrieg‘ ist ein knackiger Headbanger und druckvoller Opener für „Herz aus Stein“. Inhaltlich geht es um eine zerbrochene Liebe, bei der aus einstigen Gefühlen nur noch Enttäuschung, Hass und gegenseitige Vorwürfe bleiben. Endlich servieren TANZWUT wieder typischen Mittelalter-Metal aus ihrer Küche – zubereitet von Teufel am Mikrofon, Robin Hund an der E-Gitarre, Der Zwilling am Bass, Shumon am Schlagzeug, Pyro und Manu an den Dudelsäcken sowie Alexius an den Keyboards. ‚Keine Band für eine Nacht‘ ist eine grandiose Bandhymne, mit der TANZWUT sich selbst und ihre treuen Fans feiern. Der mitreißende Groove, die eingängige Melodie und der hohe Mitsingfaktor machen den Song zu einem Live-Muss. Besonders das Dudelsack-Solo geht direkt ins Bein – spätestens dann wird die nächste Runde Kühles Blondes geordert. ‚Herz aus Stein‘ schlägt getragene und melancholische Töne an und wirkt dabei fast wie ein Spiegel unserer heutigen Zeit. TANZWUT zeichnen das Bild eines Menschen, der sich nach Enttäuschung, Schmerz und Trauer immer weiter von seiner Umwelt abkapselt. Das steinerne Herz steht dabei nicht für Stärke, sondern vielmehr für Resignation und Selbstschutz – wer nichts mehr fühlt, kann auch nicht mehr verletzt werden. Besonders die Zeile ‚Es lebt sich leichter, kalt und klar, wenn nichts mehr zählt, was wichtig war‘ bringt diesen inneren Rückzug eindrucksvoll auf den Punkt. Gleichzeitig schwingt eine gewisse Tragik mit, denn der vermeintliche Schutz vor Leid bedeutet ebenso den Verzicht auf Liebe, Hoffnung und all die Gefühle, die das Leben überhaupt erst lebenswert machen.

‚Zeitgeist‘ geht gesellschaftskritisch zur Sache, allerdings deutlich druckvoller und wütender. TANZWUT nehmen den Geist unserer Zeit ins Visier und setzen sich mit politischem Mitläufertum, ideologischen Strömungen und der Frage auseinander, wie leicht sich Menschen lenken und vereinnahmen lassen. Zeilen wie ‚Man betet mich an, für den Geist der Zeit, weil ihr Sklaven seid‘ oder ‚Ob du richtig stehst (…)‘ treffen dabei einen Nerv und regen durchaus dazu an, die eigene Haltung und den Zeitgeist kritisch zu hinterfragen. ‚Die Sänger singen noch‘ gehört für mich zu den schönsten Momenten des Albums. TANZWUT nähern sich dem Gundermann-Klassiker mit viel Respekt, verleihen ihm gleichzeitig ihren ganz eigenen Stempel und sorgen damit für Gänsehaut. Zwischen Dudelsäcken, Gitarren und dem emotionalen Gesang aus Teufels Kehle entfaltet der Song eine Intensität, die lange in Kopf und Herz bleibt. ‚Der König ist pleite‘ geht wieder deutlich druckvoller und tanzwütiger zur Sache. Die Mittelalter-Rockbarden zeichnen das Bild eines Herrschers, der sich am Reichtum seines Volkes bedient, Macht und Ansehen genießt, die Freiheit seiner Untertanen beschneidet und glaubt, dieser Zustand würde ewig anhalten. Dass sich dabei durchaus Parallelen zu manchem machtgierigen Herrscher unserer Gegenwart – ob dies- oder jenseits des Atlantiks – ziehen lassen, dürfte kaum ein Zufall sein. Der eingängige Refrain ‚Der König ist pleite, hat alles verkackt‘ bleibt sofort hängen und macht die Nummer zu einem echten Headbanger mit bissigem Unterton.

Über die Ballade ‚Ich bin kein Engel‘ und den Gute-Laune-Wemmser ‚Sag niemals nie‘ geht es zur nächsten Mitsing-Hymne ‚Wir haben’s übertrieben‘. ‚No Future‘ gibt sich anschließend wieder kritischer, rotziger und punkiger – auf die Fresse nach TANZWUT-Art! Persönlich gehört ‚Wenn alle Stricke reißen‘ zu meinen absoluten Höhepunkten des Albums. Der Song handelt von Freundschaft, Zusammenhalt und davon, füreinander einzustehen, wenn es darauf ankommt. Bewahrt euch eure Freunde, ihr Lieben – genau das ist die Botschaft, die TANZWUT hier auf den Punkt bringen. Schließt anschließend die Augen und genießt ‚Ewig wie das Eis‘. Der getragene, melancholische Song geht unter die Haut und lässt die kleinen Härchen auf den Armen aufstehen. Den Schlusspunkt unter „Herz aus Stein“ setzt ‚Kein Abschied für immer‘. Auch hier wecken TANZWUT Traurigkeit, Sehnsucht und gleichzeitig die Zuversicht auf ein Wiedersehen – verbunden mit all den schönen Erinnerungen an geliebte Menschen oder treue Weggefährten, die uns bereits verlassen haben.

Für ‚Die Sänger singen noch (TANZWUT & Freunde)‘ empfehle ich euch unbedingt das Video auf YouTube: Lautstärke ganz nach oben drehen und einfach genießen, was TANZWUT gemeinsam mit ihren Freunden aus diesem ohnehin wundervollen Lied gemacht haben. Mit dabei sind Alea und Elsi (SALTATIO MORTIS), Eric Fish und Ally Storch (SUBWAY TO SALLY), René Anlauff (HELDMASCHINE), Martin Engler (MONO INC.), SOTIRIA sowie Johnny (SOULBOUND). Die Botschaft des Songs könnte aktueller kaum sein. Solange Menschen singen, Musik erschaffen und ihre Geschichten erzählen, lebt auch Hoffnung weiter – selbst in schweren Zeiten. Es geht um Zusammenhalt, Menschlichkeit und die verbindende Kraft der Musik, die Generationen und Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammenführt. Hat bei mir bereits die Albumversion für maximale Gänsepelle gesorgt, bekommt in dieser gemeinsamen Interpretation selbst die Gänsepelle noch einmal Gänsepelle. Großartig.

Mit „Herz aus Stein“ liefern TANZWUT für mich eines ihrer abwechslungsreichsten Alben der vergangenen Jahre ab. Zwischen mitreißenden Hymnen, treibenden Headbangern, nachdenklichen Momenten, melancholischer Sehnsucht, ehrlicher Melancholie und einer gehörigen Portion Lebensfreude zeigen die Mittelalter-Rocker, warum sie seit Jahrzehnten zur Spitze ihres Genres gehören. „Herz aus Stein“ ist ein Album für laute Festivalabende, stille Gedanken und alles, was das Leben dazwischen bereithält – und genau deshalb gehört diese Langrille in jedes Regal eines TANZWUT-Fans.

Tobi Stahl vergibt 8,5 von 10 Punkten