OLD RUINS – MOUNT ARREAT

OLD RUINS

Titel: MOUNT ARREAT

Label: Sick Taste Records

Spieldauer: 46:39 Minuten

VÖ: 18. September 2026

Als Old Ruins 2023 ihr Debütalbum „Always Heading East“ veröffentlichten, hinterließ das Quartett aus Gelsenkirchen einen bleibenden Eindruck. Mit ihrem atmosphärischen Mix aus Black Metal sowie Einflüssen aus Heavy-, Doom- und Melodic Metal schufen sie einen eigenständigen Sound, der sich bewusst den üblichen Genregrenzen entzog. Gleichzeitig bewiesen Christian Krajewski (Gesang, Leadgitarre), Ersin Kara (Gitarre), Oliver Krajewski (Bass) und der damalige Schlagzeuger Alexander Czernik, dass die düstere Welt des Videospielklassikers „Diablo“ weit mehr als nur eine lyrische Spielerei sein kann. Auch wer mit Tristram, Mephisto oder dem Dunklen Wanderer nichts anfangen konnte, wurde von der dichten Atmosphäre und den eingängigen Songs mitgerissen. Seitdem ist einige Zeit vergangen. Mit Mike Gelnar sitzt inzwischen ein neuer Schlagzeuger hinter dem Drumkit, während das übrige Line-up unverändert geblieben ist. Gleichzeitig erfolgte der Wechsel von Doc Gator Records zu Sick Taste Records, wo nun das zweite Studioalbum „Mount Arreat“ erscheint. Inhaltlich bleibt sich die Band treu und setzt ihre musikalische Reise durch die düstere Welt von „Diablo“ konsequent fort. Der Titel verweist auf den legendären Berg Arreat, einen der zentralen Schauplätze der Spielreihe, an dem sich das Schicksal Sanktuarios entscheidet. Damit knüpfen Old Ruins nicht nur thematisch an ihren Vorgänger an, sondern führen die Geschichte des Dunklen Wanderers konsequent weiter. Die entscheidende Frage lautet allerdings, ob die Gelsenkirchener die Qualitäten ihres Debüts bestätigen und musikalisch den nächsten Schritt gehen können.

Auch Sammler kommen bei „Mount Arreat“ auf ihre Kosten. Neben der CD und den digitalen Formaten erscheint das Album in gleich fünf unterschiedlich gestalteten Vinyl-Varianten: der „Health Edition“ auf transparent rot-schwarz marmoriertem Vinyl, der transparent blauen „Mana Edition“, der grün-schwarz marmorierten „Nihlathak Edition“, der weiß-gold marmorierten „Tyrael Edition“ sowie der gelb-roten Splatter-Ausgabe „Baal Edition“. Sämtliche Versionen sind streng limitiert. Darüber hinaus bietet Sick Taste Records ein auf 100 Exemplare begrenztes Special Edition Box Set mit einer exklusiven Farbvinyl und zahlreichen zusätzlichen Beigaben an. Ein weiteres Highlight ist das stimmungsvolle Artwork inklusive Logo von Timon Kokott, das die düstere Atmosphäre von „Mount Arreat“ perfekt einfängt und die musikalische Reise auch optisch eindrucksvoll unterstreicht. Mit „Always Heading East“ begann die Reise des Dunklen Wanderers. Old Ruins führten ihre Hörer durch Tristram, vorbei an uralten Tempeln und den Höllenfürsten Mephisto und Baal, bis die Geschichte in den eisigen Weiten von Sescheron ihr vorläufiges Ende fand. Doch wie in der Welt von „Diablo“ ist das Böse niemals endgültig besiegt. Drei Jahre nach ihrem Debüt schlagen die Gelsenkirchener mit „Mount Arreat“ das nächste Kapitel auf und setzen ihre düstere Reise konsequent fort.

Die Geschichte des Albums beginnt nach der Zerstörung von Sescheron. Baal, der Lord of Destruction, und seine Legionen sind auf dem Weg zum heiligen Mount Arreat, um die Hölle über Sanktuario zu entfesseln. Mit ‚Once There Was Light‘, zeitgleich die erste Singleauskopplung, starten wir in dieses Album. ‚Once There Was Light‘ wird von einem düsteren Riff eröffnet. Sobald der Gesang einsetzt, galoppiert der Song nach vorne – genauso wie die Truppen Baals. Wo einst Licht war, ist jetzt der Tod. Lyrisch beschreibt der Song den Untergang einer einst friedlichen Welt, die nach und nach von den Mächten der Hölle verschlungen wird. Der Titel spielt dabei auf den Verlust von Hoffnung und Ordnung an und bildet den Auftakt zur Reise in Richtung Mount Arreat. Eine sehr packende erste Nummer mit einer sehr geil inszenierten Passage, die den Fall der Elder erzählt. ‚Gates Of Harrogath‘ führt vor die Tore der Barbarenfestung Harrogath, der letzten Bastion gegen die dämonischen Horden am Fuße des Mount Arreat. Schneller, brachialer und wuchtiger. Headbanger kommen dabei genauso auf ihre Kosten wie Mosher, und Fans der Lore dürfen sich bei OLD RUINS ohnehin bestens aufgehoben fühlen. Die instrumentalen Passagen sind verdammt großartig – hier gebührt den Jungs ein dickes Lob. ‚Call To Arms‘ handelt von tapferen Recken, die ausziehen, um einen aussichtslosen Kampf zu führen. Die Hoffnungslosigkeit und Aussichtslosigkeit bringen die Gelsenkirchener grandios zum Ausdruck. Dabei schafft es die Band, innerhalb des Songs immer gekonnt zwischen etwas getragenem Black Metal und einem regelrechten Feuerwerk der Eingängigkeit zu wechseln, ohne dass der rote Faden verloren geht. Gerade dieses Wechselspiel sorgt dafür, dass sich die Atmosphäre der Schlacht und der unbändige Wille der Krieger förmlich auf den Hörer übertragen. Bockstark!

Die Gefühle, die im Vorgängersong gesät wurden, kommen in ‚Uileloscadh Mor‘ vollends als Verzweiflung zum Tragen. Der Titel stammt aus dem Gälischen und bedeutet sinngemäß „große Vernichtung“ oder „großer Brand“. Eine Wuchtbrumme von einem Lied über eine erfüllte dunkle Prophezeiung, die das Land in Blut tränkt und keinerlei Hoffnung mehr auf Rettung zulässt. Besonders eindringlich ist das Ende, an dem Malah um ihren gefallenen Sohn trauert und dem ohnehin schon düsteren Song eine zusätzliche emotionale Ebene verleiht. Dies musikalisch und gesanglich so zu transportieren, ist großes Kino. Nach dem wütenden Nackenbrecher ‚Nihlathak‘, bei dem Sänger Christian Krajewski stimmlich Vollgas gibt und aus seiner Kehle herausrotzt, was geht, erreichen wir schließlich den heiligen Mount Arreat. Die Band kennt dabei keine Gnade, sondern treibt den Hörer mit rasenden Riffs, druckvollem Schlagzeug und jeder Menge Energie den Berg hinauf. Spätestens jetzt merkt man, dass OLD RUINS nicht einfach nur Songs schreiben, sondern die Geschichte leben.

Der Titeltrack beginnt zunächst recht ruhig und atmosphärisch, ehe er genau bei der Passage, in der Talic, Korlic und Madawc erwachen und die Prüfung der Urahnen beginnt, in pure Brachialität umschlägt. Gerade dieser Wechsel von epischer Spannung zu kompromissloser Härte ist OLD RUINS erneut hervorragend gelungen und setzt einen der ikonischsten Momente aus „Diablo II“ eindrucksvoll musikalisch in Szene. An dieser Stelle gibt’s keine „Diablo“-Lore mehr, jetzt gibt’s Vollgas OLD RUINS Metal auf die Ohren, in die Synapsen und die Magengrube, denn dort trifft das epische, groovig walzende ‚Lord Of Destruction‘ direkt ins Ziel. Im Albumfinale – ich kann es nicht fassen, wie brutal stark das bis hierhin lyrisch und musikalisch war – folgt mit ‚Tyrael’s Despair‘ der Schlusspunkt von „Mount Arreat“. Das Lied beleuchtet die Verzweiflung des Erzengels Tyrael angesichts der drohenden Vernichtung Sanktuarios und der schweren Entscheidungen, die das Schicksal der Welt bestimmen. Musikalisch fahren OLD RUINS dabei noch einmal alles auf: Rasende Wut wechselt sich mit ruhigen, atmosphärischen Momenten ab, ehe immer wieder mächtige Headbanger-Passagen das Kommando übernehmen. Gekrönt wird das Ganze von eindringlichen Spoken Words Tyraels, die dem Finale eine ungemein epische Atmosphäre verleihen und dieses Album auf beeindruckende Weise ausklingen lassen.

Mit „Always Heading East“ begann die Reise des dunklen Wanderers – mit „Mount Arreat“ haben OLD RUINS sie auf beeindruckende Weise fortgesetzt. Von den ersten düsteren Klängen von ‚Once There Was Light‘ über das brachiale ‚Gates Of Harrogath‘, das bockstarke ‚Call To Arms‘, die emotionale Wucht von ‚Uileloscadh Mor‘, den wütenden Nackenbrecher ‚Nihlathak‘ und den epischen Titeltrack bis hin zum groovig walzenden ‚Lord Of Destruction‘ und dem überragenden Finale ‚Tyrael’s Despair‘ hat mich dieses Album keine einzige Minute losgelassen. Was die Gelsenkirchener hier abliefern, ist nicht einfach nur ein weiteres Black-Metal-Album. Es ist eine musikalische Reise, bei der die Geschichte von „Diablo“ mit jeder Note weitererzählt wird. Besonders beeindruckend ist dabei, wie viel Atmosphäre OLD RUINS auch ohne Gesang erzeugen. Was die Jungs an ihren Instrumenten zwischen den Gesangspassagen abliefern, ist über die komplette Spielzeit schlicht großartig. Immer wieder entstehen epische Momente, die beweisen, dass OLD RUINS ihre Geschichte nicht nur über Lyrics, sondern genauso über ihre Instrumente erzählen können. Die Wechsel zwischen rasender Wut, getragenen Passagen, epischer Melodik und kompromissloser Härte wirken dabei niemals konstruiert, sondern greifen perfekt ineinander.

Mich hat „Mount Arreat“ als Gamer und Metalhead gleichermaßen abgeholt. Die Songs sind mitreißend, fesselnd, atmosphärisch und voller Ideen. Gleichzeitig schaffen es OLD RUINS, dass ihre Musik auch ohne tiefgehende Kenntnisse der „Diablo“-Lore funktioniert. Wer das Universum kennt, entdeckt unzählige liebevolle Details. Wer es nicht kennt, bekommt trotzdem ein verdammt starkes Metal-Album auf die Ohren. Dass eine Underground-Band ein derart ausgereiftes, abwechslungsreiches und emotional packendes Werk veröffentlicht, begeistert mich umso mehr. Eigentlich dürfte ich hier keine Höchstwertung vergeben, denn wie soll man das beim nächsten Album noch toppen? Gleichzeitig schreit nach diesen knapp 47 Minuten einfach alles nach weiteren Hymnen, weiteren Geschichten und einem dritten Kapitel aus der Welt von „Diablo“. Sollte OLD RUINS dieses Niveau tatsächlich noch einmal übertreffen, muss ich wohl eine 11 von 10 zücken. Bis dahin bleibt nur eines zu sagen: Was für ein geiler Scheiß, Männer!

Tobi Stahl vergibt 10 von 10 Punkten