MALADIE
Titel: THE DANCE OF TRAGEDIES
Label: Apostasy Records
Spieldauer: 70:48 Minuten
VÖ: 29. Mai 2026
Als ich zuletzt mit Björn Köppler sprach, ging es nicht nur um MALADIE und “Symptoms V”, sondern auch um einen neuen Lebensabschnitt abseits der Musik: die frisch geschlossene Ehe, eine selbst auferlegte kreative Zwangspause und gleichzeitig die Erkenntnis, dass bereits Material für mehrere kommende Veröffentlichungen existiert. Stillstand klang damals anders. Eher nach einem Musiker, der trotz Pause irgendwann wieder “im Kreis rennt”, wenn keine neuen Ideen entstehen dürfen. Die spannende Frage lautet also: Wo reiht sich “The Dance Of Tragedies” zwischen den bisherigen Veröffentlichungen ein – und in welcher Form entwickeln MALADIE sich diesmal weiter? Mit rund 70 Minuten Spielzeit und gleich drei Songs jenseits der Zehn-Minuten-Marke machen die Pfälzer jedenfalls früh klar, dass das hier kein Werk für den schnellen Metal-Quickie ist. Wer MALADIE kennt, weiß ohnehin: Lange Spielzeiten bedeuten selten Wiederholung, sondern eher Raum für Kontraste, Brüche, Atmosphäre und musikalische Extreme. Verantwortlich für dieses nächste Kapitel sind Björn Köppler (Gitarre, Percussion, Keyboards, Piano, Bass, Schlagzeug), Déhà und Alexander Wenz am Gesang, Hauke Peters am Saxophon sowie Wiebke EB mit Gesang und Backing Vocals – ein Line-up, dessen unterschiedliche musikalische Einflüsse seit Jahren einen entscheidenden Teil des unverwechselbaren MALADIE-Sounds ausmachen.
Widmen wir uns jetzt “The Dance Of Tragedies”. Außergewöhnlich normal startet ‘Vortex Of Monotony’ – sehr modern, jazzy, mit Saxophon und einem rockig-bunten Grundton. Auch die Vocals sind clean, fast schon mainstreamig – doch es wäre beinahe ein Frevel, MALADIE mit Mainstream zu verbinden, und das zeigen sie dann auch mit böse gefauchten Black-Metal-Gesängen. Ja, das kontrollierte Chaos ist zurück. Musikalisch und gesanglich gibt sich auch ‘Behind All Suns’ groovy, treibend und größtenteils außerhalb der gewohnten Extreme – was im MALADIE-Universum definitiv eine andere Art der Extreme ist. Punkig, rotzig und mit einer “deftig in die Fresse”-Attitüde geben die Ludwigshafener in ‘Too Old To Die’ Gas. Das Lied legt im Verlauf ordentlich Tempo zu, liefert den Headbangern unter euch einiges an Futter und ist überhaupt die rockigste Nummer, die ich von MALADIE bisher gehört habe – auch wenn während der über acht Minuten Spielzeit ordentlich ins Mikro gekotzt wird.
Mit Spoken Words beginnt ‘The Unknowable’, bleibt dann die restlichen elf Minuten weitgehend instrumental – zumindest bis kurz vor Schluss. Lasst euch einfach überraschen und lehnt euch zurück. Man ist in den ersten Minuten geneigt, ‘The Dance Of Tragedies’ ebenfalls in die Riege der bisherigen Lieder einzuordnen, der Grad an Verrücktheit – im positiv ausgeflippten Sinn – nimmt jedoch spürbar zu. Die Ansagen, die scheinbar aus einem Funkgerät kommen, tragen zusätzlich zum kompletten Chaos bei. Elektronische Mucke knallt in ‘Embrace Our Curse’ aus den Boxen – unerwartet, aber gut. Bis zu dem Dampfhammer mit Saxophon, den ich diesmal nicht feiere: Ich empfinde die Performance am Blasinstrument als zu krass und unrund. Umso froher bin ich, als der Song wieder in seinen ursprünglichen Flow zurückfindet, in dem das Saxophon zwar ebenfalls präsent ist, aber wesentlich dezenter eingesetzt wird. Mit ‘On Inaccessible Paths Part I’ haben MALADIE einen krass guten Extreme-Metal-Banger auf dem Album, der neben Neckbreaker-Momenten auch Passagen zum gepflegten Moshen bietet. Balladesk beginnt ‘On Inaccessible Paths Part II’, wird im Verlauf jedoch zunehmend böser, unkuscheliger – und schlicht: maladieesker. Ich habe übrigens Björn um ein paar Worte zum Album gebeten – here we go:
Ein paar Worte zum neuen Album? Das ist gar keine so einfache Aufgabe. Von mir gibt es hier nicht das übliche “Das ist bisher unser bestes Album” – Gelaber. Erstens ist das ziemlich langweilig und zweitens wäre es auch gelogen. Was ich sagen kann, ist, dass das Album auf den ersten Blick (bzw. Hör) ziemlich positiv – fast schon fröhlich – klingt, lässt man sich aber wirklich darauf ein, merkt man schnell, dass das sehr täuscht und fast schon irreführend ist. Ich finde, es lohnt sich sehr, das zu entdecken, da sich so eine äußerst verstörende, kranke Welt auftut, in der man nicht weiß, wie lange man es aushalten kann, mit dem Schlußakkord aber (hoffentlich) zurück in die Realität verjagt wird. Oder war es andersrum? Findet es selbst raus.
Mit “The Dance Of Tragedies” liefern MALADIE einmal mehr kein Album für nebenbei, kein Werk, das man während des Raclette-Abends laufen lässt oder beim Besuch der Oma hört. Wer sich auf diese rund 70 Minuten einlässt, bekommt erneut (un)kontrolliertes Chaos, musikalische Gegensätze und ein Album, das sich zwischen Rock, Extreme Metal, Jazz, Black Metal, elektronischen Einflüssen und Momenten bewegt, die sich jeder einfachen Einordnung entziehen. Gleichzeitig finden sich auf dem Album durchaus Songs und Passagen, die – gemessen an MALADIE-Maßstäben – zugänglicher, rockiger oder sogar überraschend eingängig wirken, ohne dass die Band dabei ihre eigene Identität verwässert. Nicht jeder Moment trifft mich gleich stark, gerade das Saxophon in ‘Embrace Our Curse’ empfinde ich zeitweise als zu krass im Vordergrund. Doch Grenzen zu verschieben und Irritation zuzulassen, gehört zur DNA der Band, die sich damit treu bleibt.
Ein zusätzliches Lob verdient das Artwork von Giannis Nakos (Remedy Art Design), dessen Cover die Atmosphäre und das kontrollierte Chaos von “The Dance Of Tragedies” visuell gut einfängt. Die Mischung aus Tragik, Dunkelheit und einer beinahe unruhigen Dynamik passt hervorragend zum musikalischen Inhalt und wirkt wie ein weiterer typisch starker MALADIE-Baustein, der das Gesamtwerk ergänzt. “The Dance Of Tragedies” reiht sich damit würdig in die bisherigen MALADIE-Veröffentlichungen ein – anders als “Symptoms IV”, weniger beklemmend als “Symptoms V”, aber erneut mit genügend Eigenheiten, um hängen zu bleiben. Wer MALADIE bereits schätzt, wird hier viel entdecken. Wer bisher keinen Zugang gefunden hat, dürfte mit den zugänglicheren Momenten vielleicht sogar einen besseren Einstieg finden – auch wenn MALADIE weiterhin keine Band bleiben, die man mal eben nebenbei konsumiert.
Tobi Stahl vergibt 8,5 von 10 Punkten


