DIMMU BORGIR – GRAND SERPENT RISING

DIMMU BORGIR

Titel: GRAND SERPENT RISING

Label: Nuclear Blast

Spieldauer: 69:18 Minuten

VÖ: 22. Mai 2026

DIMMU BORGIR schicken sich nach acht langen Jahren ohne neue Mucke an, ein neues Album rauszuhauen. Wer nun glaubt, dass acht Jahre warten schon ziemlich lang ist, dem werden Fans von DIMMU BORGIR nur müde ins Gesicht lächeln, denn für sie ist das nichts Neues. Man musste von 2010 (“Abrahadabra”) bis 2018 (“Eonian”) ebenfalls acht Jahre warten, nun ist es aber bald soweit, denn am 22. Mai 2026 kommt “Grand Serpent Rising” von der ehemaligen Black-Metal-Band heraus, die seit 1993 besteht. DIMMU BORGIR sind heute eine Symphonic-Black-Metal-Band aus Norwegen, deren Name von der Lavaformation Dimmuborgir in Island abgeleitet wurde – auf Isländisch heißt das so viel wie „Dunkle Burgen“ oder „Dunkle Städte“. Die Zugehörigkeit der Skandinavier zum Black-Metal-Genre ist seit Längerem umstritten, trotzdem ziehen Sven “Silenoz” Kopperud und Stian “Shagrath” Thoresen ihr Ding konsequent durch, und das ist gut so. An den langen Zeiträumen zwischen den Veröffentlichungen merkt man auch, dass die Truppe keinen Trends hinterherjagt und somit alle zwei Jahre eine neue Platte in den Regalen hat, sondern dann releast, wenn sie den Zeitpunkt für richtig halten – oder, wie Silenoz es ziemlich trocken auf den Punkt bringt: “Quality over quantity. The most powerful black metal art cannot be forced without losing its essence.”

Auf “Grand Serpent Rising” gehen DIMMU BORGIR keinen radikalen Stilbruch, setzen aber an entscheidenden Stellschrauben an und verschieben ihren Sound spürbar: Der wohl größte Unterschied liegt im deutlich reduzierten Einsatz von Chören und orchestralen Elementen, die lange Zeit das Klangbild dominiert haben. Statt permanentem Bombast werden diese nun gezielter eingesetzt, wodurch sie an Wirkung gewinnen und nicht mehr alles überdecken, sondern die Songs punktuell verstärken. Gleichzeitig rückt die Band als solche stärker in den Vordergrund – Gitarren, Rhythmussektion und Dynamik wirken greifbarer, direkter und insgesamt organischer. Der Sound ist bewusst weniger klinisch und überproduziert, sondern orientiert sich stärker an einer echten Live-Ästhetik mit mehr Luft und Druck. Auch im Songwriting zeigt sich eine klare Straffung: Trotz reichlich vorhandenen Materials verzichtet die Band auf Überlänge und Füllstoff, wodurch das Album fokussierter und kompakter wirkt als frühere Werke. Der Weggang von Galder hat zusätzlich dazu geführt, dass die kreative Kontrolle wieder stärker bei Shagrath und Silenoz liegt – mit entsprechend klarer Linie und weniger Kompromissen. Inhaltlich entfernt man sich ein Stück weit von reiner Black-Metal-Ikonografie und widmet sich verstärkt Themen wie Transformation, Selbstüberwindung und spirituellem Wachstum – ganz im Sinne von ‘like a snake shedding its skin again and again’. Produziert wurde das Ganze erneut mit Fredrik Nordström in Göteborg, einem langjährigen Wegbegleiter der Band, der dem Album laut Promo-Angaben sogar attestiert, es sei das stärkste DIMMU-BORGIR-Werk, an dem er je gearbeitet hat. All diese Punkte stammen aus dem Vorabmaterial und geben die Ausrichtung der Band wieder – wie sich das Ganze am Ende tatsächlich anhört, steht dann im folgenden Review auf dem Prüfstand.

‘Tridentium’ eröffnet mit Streichinstrumenten, Feuersamples und leichten Female Voices, die sofort eine unheimliche, fast schon sakrale Stimmung erzeugen. Über gut 110 Sekunden baut sich dieser rein symphonische Einstieg langsam auf, bevor die Nummer spürbar in kraftvollere Gefilde kippt. Spoken Words setzen ein, eine düstere Erzählerstimme führt durch den Part und kommt schließlich beim zentralen Moment an: ‘The Grand Serpent Rising’. Genau an diesem Punkt bricht ‘Ascent’ (zweite Single) los – mit tiefen Growls und fauchig-räudigen Vocals im Wechsel, die mächtig für Stimmung sorgen. Frontmann Shagrath beschreibt ‘Ascent’ als aggressiver und direkter im Vergleich zur Vorgängersingle ‘Ulvgjeld & Blodsødel’ und sieht gerade im Zusammenspiel dieser beiden Songs ein gutes Beispiel für die stilistische Bandbreite des Albums. Auch Gitarrist Silenoz gibt dem Track eine inhaltliche Tiefe mit: In ‘Ascent’ geht es um eine große Schlange, die sich durch das Rückenmark nach oben windet – keine schöne Erfahrung, sondern ein notwendiger Prozess, um ein höheres Bewusstsein und ein tieferes Verständnis zu erreichen. Transformation und Hingabe stehen dabei im Mittelpunkt. Ein verdammt starker Opener, dem mit ‘As Seen in the Unseen’ direkt der nächste Spannungsaufbau folgt. Der Song nimmt sich Zeit für ein langes, insgesamt bedrohlich wirkendes Intro, bevor es räudig nach vorne geht. Die symphonischen Elemente sind zwar da, wollen aber nicht im Vordergrund stehen, sondern ergänzen die Atmosphäre genau richtig. Als würden viele kleine Stäbe gegeneinander schlagen – so nehme ich die ersten Töne von ‘The Qryptfarer’ wahr. Dazu gesellen sich Pianoklänge, Black-Metal-Elemente und die gruntigen Gesänge, die sich zu einer stimmigen Gesamtkomposition verbinden. ‘Ulvgjeld & Blodsodel’ war die erste Single – hier lohnt es sich definitiv, auch das Video anzusehen. Inhaltlich geht es um Themen wie Erbe und Abstammung, also die Weitergabe von etwas Wesentlichem von einer Generation an die nächste. Der Song wird komplett auf Norwegisch vorgetragen und unterstreicht damit einmal mehr die düstere, tief verwurzelte Herkunft der Band.

‘Repository of Divine Transmutation’ eröffnet mit akustischen Gitarren und klingt dabei fast wie Blind Guardian, bevor die Nummer in norwegische Schwarzmetall-Kälte kippt – mit typischem Gitarrenshredding und druckvollen Drums. Ein echtes Gitarrengewitter mit Schlagzeug-Donner im Black-’n’-Roll-Mantel. ‘Slik minnes en alkymist’ bedeutet in etwa „So erinnert sich ein Alchemist“ und ist – wie schon ‘Ulvgjeld & Blodsodel’ – in der Landessprache gehalten. Der Titel greift diese typische Mischung aus Mystik, Transformation und esoterischer Selbstreflexion auf, die die Skandinavier immer wieder in ihre Songs einfließen lassen. ‘Phantom of the Nemesis’ fährt wohl den wuchtigsten Auftakt des Albums auf, mit düsteren Gesängen, die direkt unter die Haut gehen. Die Orchestrierung bleibt dabei eher im Untergrund, verstärkt aber die Stimmung und sorgt für zusätzlichen Tiefgang. ‘The Exonerated’ legt noch eine Schippe Dreck und Schwärze drauf, bevor am Ende tiefgehende, atmosphärische Spoken Words den Song ausklingen lassen. ‘Recognizant’ ist melodischer, hat nicht ganz so viel rohe Energie, hält aber den qualitativ hochwertigen Stil aufrecht – somit gehen DIMMU BORGIR den angekündigten Weg konsequent weiter. Auch hier sorgen atmosphärische Spoken Words am Ende für Tiefe, während eindrucksvolle, dunkle Chöre dem Ganzen zusätzlich Gewicht verleihen. ‘At the Precipice of Convergence’ hat passenderweise wieder mehr melodische Phasen, einen Tick mehr symphonischen Glanz, bleibt aber im geschwärzten Fahrwasser und hat ein fettes Gitarrensolo im Handgepäck. ‘Shadows of a Thousand Perceptions’ ist der fette und bösartige vorletzte Track, der in eure Ohren kriecht, dort Chaos auslöst, und über ‘Gjǫll’, dem geheimnisvollen Schlussakt, hülle ich mein Schweigen – es muss ja nicht alles gespoilert werden, nicht wahr!

DIMMU BORGIR liefern mit “Grand Serpent Rising” kein Album ab, das alles auf links dreht – aber eines, bei dem sie, wie angekündigt, an den richtigen Stellschrauben drehen. Weniger überladener Bombast, mehr Fokus, mehr Identität und ein Sound, der organischer und direkter wirkt als auf den letzten Releases. Die Stärken liegen klar in der dichten Atmosphäre, den starken Songübergängen und der Fähigkeit, über die komplette Spielzeit Spannung zu halten. Gleichzeitig fehlt hier und da vielleicht der eine oder andere ganz große Gänsehautmoment, der sich dauerhaft festbrennt. Am Ende steht ein Album, das nicht mit Gewalt beeindrucken will, sondern durch seine Konsequenz und Geschlossenheit wirkt. DIMMU BORGIR bleiben sich treu, entwickeln ihren Sound aber spürbar weiter – und genau das macht “Grand Serpent Rising” zu einem starken, reifen und in sich stimmigen Werk.

Tobi Stahl vergibt 8,5 von 10 Punkten