Mit „Malevolent“ schlagen MARTYRIUM ein neues Kapitel in ihrer fast drei Jahrzehnte umspannenden Bandgeschichte auf. Zwischen kompromisslosem Blackened Thrash Metal, düsteren Death-Metal-Einflüssen und einer Atmosphäre voller Wahnsinn, Okkultismus und Zerstörung entfaltet das niederländische Trio ein Album, das von der ersten bis zur letzten Minute unter Strom steht. Im Gespräch erzählen Geert und Jos von der Rückkehr der Band, der Entstehung von „Malevolent“, der Geschichte hinter den Songs, ihrer ungewöhnlichen Vocal-Kombination und davon, warum die Zukunft von MARTYRIUM vielleicht noch düsterer und verdrehter klingt.
Tobias:
Hallo in die Niederlande! Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit für dieses Interview nehmt. Mit „Malevolent“ erscheint am 21. August endlich euer drittes Studioalbum, obwohl es MARTYRIUM bereits seit 1996 gibt. Wie aufgeregt seid ihr kurz vor der Veröffentlichung und welche Gefühle begleiten euch, während ihr auf die ersten Reaktionen eurer Fans wartet?
Geert:
Vielen Dank für die Einladung. Ja, ich bin sehr gespannt darauf, unser drittes Album über Apostasy Records endlich zu veröffentlichen. Wir sind sehr stolz darauf und hören es selbst immer noch gerne. Die ersten Reaktionen sind großartig.
Tobias:
Obwohl ihr seit fast drei Jahrzehnten Teil der niederländischen Underground-Szene seid, hat euch erst der Vertrag mit Apostasy Records einem größeren Publikum zugänglich gemacht. Wenn du auf euren bisherigen Weg zurückblickst: Wie würdest du die Reise beschreiben, die euch letztendlich zu „Malevolent“ geführt hat, und warum ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für dieses Album?
Geert:
Ich schreibe eigentlich ständig neue Musik und habe das auch nach der Veröffentlichung von „Abandon Hope“ (2020) getan. Dieses Mal war es allerdings etwas schwieriger, alle Teile zusammenzubekommen. Roel van Helden ist für Job auf diesem Album eingesprungen. Wir kennen uns schon lange und die Zusammenarbeit mit ihm hat großen Spaß gemacht. Schließlich hat dann alles funktioniert. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, „Malevolent“ einem größeren Publikum zu präsentieren, weil ich glaube, dass noch viel mehr Menschen unsere Musik mögen werden.
Tobias:
Zwischen 2002 und 2014 lagen bei MARTYRIUM zwölf Jahre Pause. Nach einer so langen Unterbrechung finden viele Bands nicht mehr wirklich zusammen. Gab es Momente, in denen du tatsächlich geglaubt hast, dass die Geschichte von MARTYRIUM vorbei ist? Und was hat letztlich den Ausschlag gegeben, die Band wieder zum Leben zu erwecken?
Geert:
Nach unserer ersten Veröffentlichung „Ideology of Death“ von 2001 passierte bei den anderen Bandmitgliedern sehr viel und dadurch wurde es irgendwann ruhig um uns. Als ich für „Abandon Hope“ wieder zur Gitarre griff und mit dem Schreiben begann, ging es plötzlich sehr schnell. Ich wollte nie aufhören, Musik zu machen. Was mich angetrieben hat, war einfach die Freude daran, kompromisslose, aggressive Musik zu schreiben. Wir leben heute in einer kranken Welt und das ist meine Art der Therapie.
Jos:
Ich kann Geerts Geschichte noch ergänzen. Ich bin 2016 zu MARTYRIUM gekommen. Geert war damals auf der Suche nach einem neuen Sänger. Das Schicksal wollte es, dass sich unsere Wege genau zu diesem Zeitpunkt kreuzten.
Als Geert mir die Musik für das „Abandon Hope“-Album schickte, war ich sofort von der Geschwindigkeit und Aggressivität der Songs begeistert. Ich war deshalb sehr gerne bereit, zunächst als Session-Sänger mitzumachen. Vor einigen Jahren kontaktierte mich Geert dann erneut, um die Vocals für das „Malevolent“-Album zu übernehmen. Das Ergebnis könnt ihr jetzt hören.
Außerdem kann ich voller Stolz verkünden, dass ich inzwischen festes Mitglied von MARTYRIUM geworden bin! Beim nächsten Angriff werden wir also wieder gemeinsam losziehen.
Tobias:
Songtitel wie ‚Purification Through Fire‘, ‚Realm Of Madness‘, ‚Resurrection From The Abyss‘, ‚Beware Of The Necromancer‘ und ‚Desert Of Chaos‘ machen bereits deutlich, dass „Malevolent“ tief in Themen wie Wahnsinn, Okkultismus, Dunkelheit und Zerstörung verwurzelt ist. Mich würde interessieren, welche Geschichte oder welches übergeordnete Thema hinter dem Album steckt und welchen Stellenwert die Texte innerhalb von MARTYRIUM haben.
Geert:
Die Texte sind wichtig, aber zuerst kommt die Musik. Als ich die gesamte Musik für „Malevolent“ fertiggestellt hatte, begann Jos mit der Arbeit an den Texten und sie passten perfekt zu den Songs.
Jos:
Für mich sind die Texte sehr wichtig. Sie müssen zu einem Song passen und ihm eine zusätzliche Ebene verleihen. Auf dem „Abandon Hope“-Album hatte Geert bereits alle Texte fertiggestellt, sodass wir sie für die Aufnahmen der Vocals verwendet haben.
Bei „Malevolent“ gab mir Geert dagegen völlige Freiheit, meine eigenen Texte zu schreiben. Dadurch werden die Texte zu einem Teil von mir und zu einem Ausdruck meines Inneren. So kann ich zusätzliche Aggression einbringen und bestimmte musikalische Parts noch stärker betonen.
Tatsächlich wird eine Geschichte erzählt, die in dieser Reihenfolge die Texte von ‚Resurrection From The Abyss‘, ‚Realm Of Madness‘, ‚March Of The Wicked One‘, ‚Purification Through Fire‘, ‚Malevolent‘ und ‚Destiny Of Desolation‘ miteinander verbindet. Es geht um eine Wesenheit, die beinahe besiegt wurde und den absoluten Tiefpunkt erreicht hat. Während ihrer Heilung verbindet sie sich mit den dunklen Künsten und der Schattenseite der Seele. Zusammen mit dem Hass auf die Ursachen ihrer Niederlage entsteht daraus eine bösartige und rachsüchtige Macht, die aus den Ruinen emporsteigt, um voller Bosheit zu herrschen.
Während ihres Aufstiegs zertrümmert sie alle Widersacher und Feinde mit purem Hass und Wahnsinn. Dazwischen stehen ‚Beware Of The Necromancer‘ und ‚Torment By Witchcraft‘, die sich mit Okkultismus und den dunklen Künsten beschäftigen.
‚Cherubin Defiler‘ handelt vom Krieg gegen Engel und Krieger des Lichts. ‚Expand Your Shadow‘ beschäftigt sich damit, Kontakt zur eigenen dunklen Seite aufzunehmen. Anstatt diese Seite in sich selbst zu fürchten, kann man sie als mächtige Quelle nutzen, um seine Ziele zu erreichen.
Diese Texte sind auch eine Parallele zu mir selbst. Ohne jetzt zu tief in langweilige Geschichten einzusteigen: Ich war viele Jahre krank, habe aber nie aufgegeben. Und nachdem ich den absoluten Tiefpunkt erreicht hatte, fand ich in meiner Wut die Kraft, wieder an die Oberfläche zu kommen.
Tobias:
Wenn du jeweils nur eine Band nennen dürftest, die MARTYRIUM im Black Metal, eine im Death Metal und eine im Thrash Metal am stärksten beeinflusst hat: Welche drei Bands wären das und warum gerade diese?
Geert:
Puh! Das ist eine schwierige Frage, aber ich denke, es wären Satyricon wegen ihrer großartigen Riffs, der unterschiedlichen Geschwindigkeiten und der gesamten Atmosphäre, die sie erzeugen. Die ersten drei Alben sind die besten und „Nemesis Divina“ gehört für mich zu den besten Black-Metal-Alben überhaupt.
Morbid Angel – ihr böser, schneller und aggressiver Sound ist einfach unglaublich. „Altars of Madness“, „Blessed Are the Sick“, „Covenant“ – Mann, alles Meisterwerke.
Slayer. Muss ich dazu wirklich noch mehr sagen? Hahaha.
Tobias:
‚Purification Through Fire‘ hat mich komplett gepackt. Der Opener eröffnet das Album von der ersten Sekunde an mit einer unerbittlichen Salve. War für euch von Anfang an klar, dass dieser Song den Auftakt machen muss, oder standen zunächst auch andere Stücke zur Auswahl?
Geert:
Nein. Dieser Song war einer der ersten, die ich für das Album geschrieben habe, und nachdem alle Songs fertig waren, war für mich klar, dass er der Opener sein sollte.
Tobias:
Eine Sache, die mir auf dem gesamten Album besonders aufgefallen ist, ist die Kombination aus deinen giftigen Schreien und den immer wieder auftauchenden dunkleren Growls. Dieser Kontrast gibt den Songs noch mehr Gewicht und lässt die ohnehin schon düstere Atmosphäre noch intensiver wirken. Wie entwickelt sich dieses Zusammenspiel der Vocals im Studio und wie viel wird dabei tatsächlich experimentiert, bevor am Ende alles so sitzt, wie ihr es euch vorgestellt habt?
Jos:
Es wird viel experimentiert, welcher Gesangsstil am besten zu den einzelnen Parts eines Songs passt. Das beginnt bereits beim Schreiben der Texte. Ich höre mir eine Aufnahme des Songs an und lasse die Musik in mir ein Gefühl dafür entstehen, wie der Gesang funktionieren sollte und wie er beispielsweise die Wirkung eines Riffs noch verstärken kann.
Danach beginne ich, die Songs mit den Vocals einzustudieren, die ich im Kopf habe. Zu diesem Prozess gehören auch Aufnahmen, die ich mir anschließend wieder anhöre, um herauszufinden, welcher Gesangsstil am besten passt. So entsteht letztendlich die finale Version des Songs, die dann im Studio aufgenommen wird.
Manchmal hatten auch Geert oder der Produzent Ideen für kleine Veränderungen. Wenn diese besser klangen, haben wir die alternative Version aufgenommen.
Tobias:
Trotz der enormen Intensität der Musik ist mir aufgefallen, dass eure Texte erstaunlich gut verständlich bleiben – etwas, das im Extreme Metal alles andere als selbstverständlich ist. War das von Anfang an eine bewusste Entscheidung oder ist es einfach das natürliche Ergebnis deines Gesangsstils?

Jos:
Ich beschäftige mich seit fast 40 Jahren mit extremer Musik und mag alle möglichen Gesangsarten – von Grind bis Thrash. Gleichzeitig hat es mir immer besonders gefallen, wenn ein Sänger eine klare und transparente Stimme hat, die gleichzeitig dreckig und roh, aber trotzdem verständlich ist.
Also ja, das ist ein Stil, den ich für mich selbst entwickelt habe, auch in anderen Projekten, bei denen ich als Sänger aktiv bin. Gerade auf „Malevolent“ finde ich, dass er der gesamten Atmosphäre des Albums noch mehr Aggression, Dunkelheit und Boshaftigkeit verleiht.
Tobias:
Was „Malevolent“ für mich besonders stark macht, ist die Tatsache, dass das Album trotz seiner enormen Aggressivität nie in stumpfes Dauergeballer abdriftet. Immer wieder baut ihr ruhigere Passagen ein, bevor die nächste Attacke losbricht. Wie wichtig sind euch Dynamik und ein bewusst aufgebautes Spannungsgefühl beim Schreiben eurer Songs?
Geert:
Das kommt ganz natürlich. Ich denke, je mehr Erfahrung man sammelt, desto besser wird man als Songwriter. Ich finde es wichtig, etwas Dynamik in die Songstrukturen zu bringen, damit man die Musik länger genießen kann, bevor sie die Aufmerksamkeit verliert.
Tobias:
Als MARTYRIUM 1996 gegründet wurden, sah die Extreme-Metal-Szene noch komplett anders aus. Streamingdienste, soziale Medien und digitale Veröffentlichungen gab es nicht. Wenn du die damalige Szene mit der heutigen vergleichst: Was vermisst du am meisten aus den frühen Jahren und was hat sich deiner Meinung nach tatsächlich zum Positiven verändert?
Geert:
Damals gab es Tape-Trading, man ging auf Konzerte und entdeckte dabei neue Bands. Wenn einem ein Konzert gefallen hatte, kaufte man anschließend etwas von der Band. Heute hören die meisten Menschen über Spotify. Jeder kann das natürlich machen, wie er möchte, aber für Bands ist es schwierig, Musik aufzunehmen und anschließend keine Vinyls oder CDs zu verkaufen.
Die positive Seite ist, dass man über soziale Medien viel mehr Menschen erreicht. Alles geht deutlich schneller und man kommt leichter mit den Fans in Kontakt.
Tobias:
Mit „Malevolent“ beginnt für MARTYRIUM zweifellos ein neues Kapitel. Wie sehen die kommenden Monate für euch aus? Dürfen sich eure Fans auf viele Konzerte und Festivalauftritte freuen und gibt es vielleicht schon erste Ideen für ein nächstes Album, oder wollt ihr euch zunächst ganz darauf konzentrieren, „Malevolent“ auf die Bühne zu bringen?
Geert:
MARTYRIUM waren eigentlich nie eine Live-Band. Wir haben damals ein paar Shows gespielt, aber jeder war mit anderen Dingen beschäftigt. Auch heute ist es aufgrund des Privatlebens aller Beteiligten etwas kompliziert, deshalb haben wir weiterhin nicht das Gefühl, dass wir das Album live auf die Bühne bringen möchten.
Ich arbeite allerdings bereits an neuer Musik. Ich denke, sie wird typisch MARTYRIUM sein, vielleicht aber auch noch verdrehter und unheimlicher.
Tobias:
Geert und Jost: Vielen Dank für eure Zeit und das Interview! Ich wünsche euch viel Erfolg mit „Malevolent“. Die letzten Worte gehören natürlich dir.
Geert:
Vielen Dank, dass du uns die Möglichkeit gegeben hast, mehr über MARTYRIUM zu erzählen. Unterstützt weiterhin die Underground-Bands und viel Spaß mit „Malevolent“!
Interview: Tobias Stahl
Photocredit: MARTYRIUM

