Fünf Jahre ist es inzwischen her, dass ich mich erstmals mit Torger von GODSNAKE zum Release von “Poison Thorn” unterhalten habe – und auch zum Zweitwerk “Eye for an Eye” gab es 2023 ein Wiederhören. In dieser Zeit hat sich einiges getan: eine Pandemie, die der Band ordentlich Steine in den Weg gelegt hat, ein zweites Album, das den eingeschlagenen Weg gefestigt hat, und eine stetige Weiterentwicklung, die sich nun im dritten Kapitel “Inhale The Noise” fortsetzt.
Mit den ersten Tönen des dritten Albums sind die Vorzeichen klar: mehr Druck, mehr Fokus, Veränderungen im Line-up und eine Band, die hörbar gewachsen ist. Deswegen spreche ich erneut mit der Stimme des Biestes Torger Neuhaus – über die neuen Songs, persönliche Einflüsse, die Entwicklung seit den letzten Releases und das, was GODSNAKE heute ausmacht.
Tobias:
Moin Torger, der Tobi hier. Fünf Jahre ist es her, dass wir uns zuletzt zum Release von “Poison Thorn” unterhalten haben – damals mit viel Hunger, viel Energie und einer Band, die einfach raus zu den Fans und abrocken wollte. Wenn du jetzt hier sitzt, kurz vor “Inhale The Noise”: Wie fühlt sich das für dich an?
Torger:
Moin Tobi, wirklich super, dass wir das wiederholen können. Wir sind immer noch sehr hungrig und energiegeladen. Es fühlt sich geil an und wir freuen uns sehr darauf, demnächst das neue Zeug offiziell unters Volk zu bringen. Das ist schon ein ganz besonderes Gefühl, wenn man endlich seine neuen Babys stolz der ganzen Welt oder zumindest den Interessierten zeigen kann. Spannend und sehr schön.
Tobias:
Ich erinnere mich noch gut daran, wie du die Zeit damals beschrieben hast – Debüt draußen, Shows geplant und dann kam dieser komplette Stillstand. Ihr habt euch da durchgebissen und weitergemacht. Wenn du heute auf die neuen Songs schaust: Wie viel von dieser Phase steckt noch in dir drin und hat sich vielleicht unbewusst in deine Texte geschlichen?
Torger:
Ich muss ehrlich sagen, dass dieses Schreckgespenst Pandemie mit all seinen damaligen desaströsen Begleiterscheinungen aus meinem Kopf und unserem allgemeinen Feeling eigentlich ziemlich verschwunden ist. Gott sei Dank, diese Negativität war schon echt bescheiden. Natürlich erinnert man sich schnell daran, wenn die Sprache darauf kommt, und es wird klar, wie kurz das eigentlich erst her ist. Das war schon irre. Irrer Mist. Gefühlt sind in dieser Zeit einfach extrem viele Menschen ziemlich durchgebrannt und posaunen seitdem die seltsamsten Ideen und wildesten Ansichten durch die Gegend. Das ist schon wirklich weird und manchmal kaum zu ertragen, was einige Individuen so von sich geben. Und da steckt auch sicher etwas Quelle für den einen oder anderen lyrischen Erguss des neuen Albums. Ja, da kann man definitiv über etwaige Zusammenhänge sinnieren.
Tobias:
Mit “Eye for an Eye” habt ihr für mich einen großen Schritt gemacht – reifer, geschlossener, aber ich hatte damals auch das Gefühl, da geht noch mehr Härte. Jetzt wirkt “Inhale The Noise” deutlich direkter und kompromissloser. War das für dich ein bewusster Ansatz oder ist das etwas, das sich im Prozess ergeben hat?
Torger:
Interessante Beobachtung. Wir haben auf der neuen Scheibe wieder eine Mischung aus Härte und Melodien am Start, die uns mittlerweile wohl einfach auch ganz gut beschreibt. Wir haben nicht vor dem Songwriting-Prozess eine einzuschlagende Marschrichtung besprochen. Diese Band hat ihren Style, den wir mit Freude verfolgen, ohne dabei abgedroschen zu sein. Wir haben in der Tat Bock auf thrashige Riffs, die die Leute ordentlich durchschütteln, und eben Groove, der die Körper unweigerlich zappeln lässt. Wenn dann noch ein Ohrwurm im Refrain dafür sorgt, dass das Zeug im Kopf kleben bleibt, haben wir alles oder zumindest vieles richtig gemacht.
Tobias:
Im Line-up hat sich ja einiges getan – Pepe ist leider raus, Mark neu dabei, auch wenn er auf dem Album noch nicht zu hören ist. Wie hast du diesen Wechsel auf persönlicher Ebene erlebt? Wie schnell war klar, dass das zwischen euch funktioniert?
Torger:
Pepe musste leider aus persönlichen Gründen etwas kürzertreten und wollte sich musikalisch auf seine Band ANCIENT CURSE fokussieren, mit der er ja schon seit den 80er-Jahren unterwegs ist. Das war sehr schade, aber letztlich auch verständlich. Es gibt keinerlei böses Blut, wir waren und sind sehr gute Freunde. Mark ist seit vielen Jahren in der Hamburger Musikszene unterwegs und ich bin mit ihm eben auch schon lange befreundet. Er ist ein sehr cooler Dude, der super in die Truppe passt und trotzdem auch nochmal ganz frischen Wind mitbringt. Nach kurzer Probezeit haben wir uns zusammengesetzt und alle waren sich einig, dass das ein dickes Ding werden wird. Deshalb freuen wir uns sehr auf die Zukunft, die Arbeit und den Spaß mit Mark.
Tobias:
Was mir beim Hören direkt aufgefallen ist: Die Texte wirken für mich noch näher dran, teilweise persönlicher, direkter auf den Punkt. Wo ziehst du heute deine Inspiration her? Sind das Dinge, die dich selbst betreffen, oder eher das, was du draußen wahrnimmst?
Torger:
Du hast wahrscheinlich recht, dass einige Titel eine ziemlich klare Sprache sprechen. Grundsätzlich lasse ich gern Platz für Eigeninterpretation und will niemanden mit einer Message erschlagen, aber manchmal müssen deutliche Worte einfach auch mal sein. Auch dieses Mal ist der textliche Part eine Mischung aus persönlichen Themen und externen Eindrücken bzw. der ganzen Scheiße, die da draußen passiert, wenn man dem hässlichen Kind mal einen Namen geben will.
Tobias:
Lass uns mal konkret werden – ‘Lost & Forgotten’. Der Song hat für mich sofort funktioniert, auch wegen dem, was ihr mit dem Video gemacht habt. Da steckt viel Herz drin. Was bedeutet dir dieser Track persönlich?
Torger:
Die Metal-Szene ist schon besonders, der Zusammenhalt und das Gemeinschaftsgefühl häufig wirklich toll und eben auch bemerkenswert. Und natürlich bietet diese Szene eben auch Heimat für ziemlich viele schräge, lustige, coole, abgefahrene und auch nerdige Typen. Daher sind wir wirklich froh und eben stolz auf dieses Video, weil einfach viele verdammt coole Leute da mitgemacht haben, die Teil dieser Community sind. Ob vor, auf oder hinter der Bühne. Eine wirklich fette Collection an Metalheads. Mega. Ich persönlich habe mich immer bestens aufgehoben gefühlt im Heavy Metal und habe so viele großartige Menschen durch die Musik kennen und lieben gelernt, deswegen freue ich mich einfach total über diese Ode an all die verrückten Headbanger, die oft vielleicht nicht in die normalen Schubladen passen. Gott sei Dank – lächelt
Tobias:
‘The Price We Have To Pay’ am Ende – das ist kein Song, der einfach so vorbeigeht. Was wolltest du hier beim Hörer hinterlassen?
Torger:
Naja, so ganz ohne Predigt kann ich dann ja doch nicht als ehemaliger Theologie-Student… hahaha. Letztlich geht es darum, dass das Handeln oder eben auch Nicht-Handeln immer Konsequenzen haben wird, mit denen man leben muss. Aktuell passiert so viel Scheiße auf diesem Planeten… und dafür werden wir oder spätere Generationen eben bezahlen müssen. As simple as that.
Tobias:
Ihr habt mit Jean Bormann jemanden an Bord, der ja auch nicht irgendwer ist. Wie kam der Kontakt zustande und warum war er für genau diese Songs die richtige Wahl?
Torger:
Wir hatten das Vergnügen, ein paar Mal mit RAGE zusammen zu spielen, und haben die Typen dabei kennengelernt. Mega Band mit mega Menschen. Als Pepe sich entschlossen hat, die Band zu verlassen, steckten wir schon mitten in der Produktion des neuen Albums. Somit waren seine geplanten Soli durch einen anderen Gitarristen zu ersetzen. Und wir haben uns nach kurzer Überlegung dazu entschieden, dass nicht Stevo alle Soli auf der Scheibe machen wird, sondern wir einen externen Saitenhexer fragen wollen. Jean war sofort unser Wunschkandidat, eben weil wir ihn kennen und wissen, was für ein Metal-Monster dieser Typ nun einmal ist. Als er dann kurzerhand zugesagt hat, waren wir natürlich tierisch happy. Die Resultate könnt ihr selber hören… we love the guy
Tobias:
Wenn du deine Entwicklung als Sänger von “Poison Thorn” bis heute betrachtest – wo siehst du die größten Veränderungen bei dir selbst?
Torger:
Ich glaube, ich habe mir ein paar neue Shirts, Hosen und Mützen gekauft. Sonst ist alles beim Alten… hahaha… Spaß beiseite, ich sehe da eigentlich keine große Veränderung, sondern konsequentes Weiterarbeiten. Das lasse ich lieber andere beurteilen, ob es da Changes gibt.
Tobias:
Wenn du auf die drei Alben schaust – wo steht “Inhale The Noise” für dich? Ist das eher ein weiterer Schritt oder schon so etwas wie ein neuer Abschnitt in der Zeitrechnung von GODSNAKE?
Torger:
Ich würde sagen beides. Das schließt sich auch nicht aus – wie ich finde. Ein weiterer, fast logischer Schritt, der auch viel Neues bringt.
Tobias:
Spielt der Live-Aspekt beim Schreiben der Songs für euch eine Rolle? Denkst du in bestimmten Momenten schon daran, wie ein Part auf der Bühne wirken wird?
Torger:
Auf jeden Fall, das kann man gar nicht außer Acht lassen. Und es ist sehr geil, wenn man schon bei der Entstehung vor Augen hat, dass bei gewissen Parts richtig die Fetzen fliegen werden und die Wände wackeln.
Tobias:
Ihr bewegt euch inzwischen in einem gewissen Rhythmus, was Veröffentlichungen angeht. Ist das ein bewusster Prozess oder ergibt sich das einfach aus eurem Alltag?
Torger:
Dieser zeitliche Rhythmus wird schon grob vom Label vorgegeben, wobei es da natürlich nicht auf Tage oder Wochen ankommt. Aber so ein grober Zwei-Jahres-Rhythmus ist da schon gewollt – und eben auch ziemlich üblich.
Tobias:
Gibt es Dinge auf “Inhale The Noise” – musikalisch oder textlich –, die wir vielleicht noch gar nicht angesprochen haben, die dir aber wichtig sind?
Torger:
Ich bin natürlich gespannt, was die Menschen zu den neuen Songs sagen. Mit ‘Digital Dumbass’ gibt es eine echte Thrash-Granate voll auf die Zwiebel, mit ‘Enemy Of Great’ allerdings auch eine (Halb-)Ballade, die mal ganz anders daherkommt. Ich freue mich auf den Austausch und das Feedback und kann es kaum abwarten, am 18.4. bei der offiziellen Album-Release-Show in Hamburg endlich neue Songs mit einem neuen Gitarristen zu präsentieren. Das wird schon sehr geil und spannend.
Tobias:
Zum Schluss: Du hast es selbst gesagt, viele Fans haben euch über die Jahre begleitet und stehen hinter euch. Was möchtest du diesen Leuten mit auf den Weg geben?
Torger:
Ein fettes DANKE an all die crazy Metalheads, die uns so treu zur Seite stehen – ihr seid wirklich HAMMER. Macht bitte so weiter, geht auf Konzerte und feiert mit den Bands. Ihr gebt uns die Energie und auch die Zuversicht, wegen euch haben wir Bock und nochmals Bock. Es ist ein Riesengefühl, wenn man als Sänger realisiert, dass das Publikum textsicherer ist als man selbst.
Interview: Tobias Stahl
Photocredit: Franz Schepers

