FINSTERFORST – STILL

FINSTERFORST

Titel: STILL

Label: AOP Records

Spieldauer: 77:50 Minuten

VÖ: 31. Juli 2026

FINSTERFORST gehören seit über zwei Jahrzehnten zu den eigenständigsten Vertretern des deutschen Pagan Metal. Zwar werden die Schwarzwälder häufig auch dem Folk- oder Viking Metal zugeordnet, letztlich vereint die Band all diese Einflüsse und bezeichnet ihren unverwechselbaren Stil selbst als „Black Forest Metal“. Seit ihrer Gründung im Jahr 2004 verbinden die Musiker aus Freiburg im Breisgau und Emmendingen rohen Black Metal mit epischen Melodien, Folk-Elementen, mächtigen Chören und atmosphärischen Klanglandschaften. Textlich drehen sich ihre Songs um Natur, Mythen, Heimat und die düsteren Wälder ihrer badischen Heimat. Nach der EP “Wiege Der Finsternis” (2006) folgten mit “Weltenkraft” (2007), “…Zum Tode Hin” (2009), “Rastlos” (2012), “Mach Dich Frei” (2015) und dem von vielen Fans gefeierten “Zerfall” (2019) zahlreiche starke Veröffentlichungen. 2023 überraschten FINSTERFORST mit der knapp 40-minütigen EP “Jenseits”, ehe nun mit “Still” das erste vollwertige Studioalbum seit sieben Jahren erscheint. Neun Songs und knapp 78 Minuten Spielzeit nehmen den Hörer erneut mit auf eine Reise durch die finsteren Wälder Baden-Württembergs – atmosphärisch, wuchtig und voller Kontraste.

Hinter FINSTERFORST stehen Olli Berlin (Dirty- und Clean-Vocals), Johannes Joseph (Clean-Vocals, Akkordeon), Simon Käflein (Gitarren, Orchester-Arrangements), David Schuldis (Gitarren), Tobias Weinreich (Bass), Cornelius Heck (Schlagzeug) und Sebastian Scherrer (Keyboards). Produziert, aufgenommen und gemastert wurde “Still” von Christoph Brandes in den Iguana Studios, während Simon Käflein erneut den Großteil der Musik komponierte. Das stimmungsvolle Cover-Artwork stammt von Yaroslav Gerzhedovich. Mit FINSTERFORST hatte ich bislang nur wenige Berührungspunkte, weshalb ich umso gespannter darauf bin, was die Schwarzwälder auf und mit “Still” abliefern. Allein die knapp 78 Minuten Spielzeit – von denen das Mammutstück ‘Leere’ bereits 24 Minuten einnimmt – versprechen ein echtes Hörerlebnis.

Mit dem über acht Minuten langen Opener ‘Obduktion’ beginnt die Reise durch “Still”. Ruhige Gitarren eröffnen den Song, ehe dunkle Vocals einsetzen und nach gut einer Minute die Intensität spürbar zunimmt. Die Atmosphäre erinnert dabei an eine Welt kurz vor dem Untergang – bedrückend, spannend und gleichzeitig unglaublich intensiv. Besonders das Wechselspiel der verschiedenen Gesangsstimmen harmoniert hervorragend miteinander, das Akkordeon setzt starke Akzente und der unter die Haut gehende Refrain wird von einer großartigen Orchestrierung getragen. Inhaltlich erzählt ‘Obduktion’ von einem Menschen, dessen Lebensweg von Angst, Isolation und einer unsichtbaren Bedrohung überschattet wird. Während sich die Schlinge der Welt immer enger zieht und niemand helfen will, scheinen innere Dämonen längst die Kontrolle übernommen zu haben. ‘Herbstwanderung’ startet anschließend stampfend und stimmungsvoll, beinahe mit einer “Totengräber”-Atmosphäre. Das leuchtend rote Herbstlaub, der fahle Mond und die Gräber, an denen der Erzähler Jahr für Jahr den Verstorbenen gedenkt, erzeugen eindrucksvolle Bilder. Mit den einsetzenden Chören gewinnt der Song zusätzlich an epischer Größe, während sich hinter der melancholischen Stimmung die Erkenntnis verbirgt, dass selbst Wein den Durst nach dem Leben niemals stillen kann. Deutlich wuchtiger, kraftvoller und drückender eröffnet ‘Knie Nieder’ die nächste Etappe des Albums. Spätestens wenn die Zeile “Knie nieder für deine Freiheit” erklingt, entwickelt der Song eine fast schon teuflische Intensität. Lyrisch geht es um Manipulation, Fanatismus und die Illusion von Freiheit. Menschen werden ihrer Seele beraubt, zu willenlosen Werkzeugen gemacht und bereitwillig in den Untergang geführt – ein düsteres Bild einer Welt, in der vermeintliche Freiheit längst zur Fassade geworden ist.

‘Im Wind’ startet ähnlich wuchtig wie ‘Knie Nieder’, setzt aber noch stärker auf Atmosphäre und Dynamik. Tolle Gitarrenpassagen wechseln sich mit grandiosen Chören, herrlich pissigen Growls und starken Keyboard-Arrangements ab. Besonders die lange instrumentale Passage mit dem eindrucksvoll eingesetzten Akkordeon zählt für mich zu den Höhepunkten der über zehneinhalb Minuten Spielzeit. Inhaltlich scheint der Song den langsamen Zerfall einer Seele zu beschreiben. Bilder wie ein heller Mond, kreischendes Flüstern, klirrende Kälte oder ein nasses Grab erzeugen eine beklemmende Atmosphäre und lassen viel Raum für eigene Interpretationen. Gegen Ende wirkt die Nummer wie ein letztes Aufbäumen, ehe eiskalte Fluten alles mit sich reißen und ein schwarzes Meer ganze Dörfer verschlingt. Atmosphärisch ist das ganz großes Kino. Mit ‘Stille Nacht’ schlagen FINSTERFORST anschließend deutlich ruhigere, zugleich aber ungemein bedrückende Töne an. Getragen von einer starken Akkordeonmelodie erzählt der Song vom Schrecken des Krieges, von Angst, Verlust und Menschen, die die Folgen politischer Entscheidungen an der Front ausbaden müssen. Gerade der deutschsprachige Gesang verleiht der Nummer eine enorme Intensität und sorgt dafür, dass die düstere Atmosphäre noch unmittelbarer wirkt. Besonders eindrucksvoll ist das offizielle Musikvideo, das mit einer Laufzeit von 7:07 Minuten rund 50 Sekunden länger ausfällt als die Albumversion. Die zusätzlichen Szenen und die ausgedehnte Akkordeonpassage verstärken die ohnehin beklemmende Stimmung noch einmal deutlich. Wer sich auf ‘Stille Nacht’ einlässt, sollte sich das Video deshalb unbedingt ansehen.

Mit ‘Fels’ schlagen FINSTERFORST zunächst “versöhnlichere” Töne an. Instrumental wirkt die Nummer deutlich positiver und hoffnungsvoller als der düstere Opener, ohne dabei ihre melancholische Grundstimmung zu verlieren. Besonders der klare, dunkle Gesang gefällt mir hier ausgesprochen gut und verleiht dem Song eine fast schon beruhigende Ausstrahlung. Textlich scheint ‘Fels’ von einem Menschen zu erzählen, der trotz Kälte, Schmerz und tiefer Risse in seinem Inneren nach Halt sucht. Der titelgebende Fels wirkt dabei wie ein Sinnbild für Beständigkeit und Sicherheit in einer Welt, die jederzeit auseinanderbrechen kann. Das Herzstück von “Still” bildet jedoch ohne Zweifel das 24-minütige Epos ‘Leere’. Schon die ersten Minuten bauen mit ihrer monumentalen Instrumentierung eine gewaltige Atmosphäre auf, ehe nach knapp drei Minuten die ersten Growls einsetzen und der Song stampfend an Fahrt gewinnt. FINSTERFORST erschaffen hier ein Wechselspiel aus brachialer Wucht, epischer Melodik und ruhigen Momenten, das den Hörer in seinen Bann zieht. Lyrisch entsteht ein düsteres Kopfkino aus Gelächter, das aus Gräbern hallt, verlassenen Stollen, Wahnsinn, Tod und geheimnisvollen Gestalten, die den Erzähler immer tiefer in die Finsternis locken. Immer wieder wechseln sich Growls, Klargesang und gesprochene Passagen ab und verleihen der Nummer zusätzliches Gewicht. ‘Leere’ ist beim ersten Hördurchgang kaum vollständig zu greifen und verlangt Zeit, Aufmerksamkeit und vor allem mehrere Durchläufe. Genau darin liegt aber seine größte Stärke. Für mich ist dieses Mammutwerk eine kleine EP innerhalb des Albums und gleichzeitig eines der eindrucksvollsten Stücke, das der deutsche Pagan Metal in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat.

Mit ‘Beyond The North Waves’ kommt kurz vor Schluss Aufbruchsstimmung auf. Schon der Titel und die ersten Klänge lassen Bilder von Nordmännern entstehen, die ihre Langboote durch tosende Stürme steuern, den Stimmen der Götter folgen und sich furchtlos jeder Schlacht stellen. FINSTERFORST liefern hier eine verdammt starke Hymne an das nordische Kriegervolk ab, die mit ihrer Mischung aus epischen Chören, treibenden Rhythmen und mächtigen Melodien sofort Lust auf Headbangen und den nächsten Moshpit macht. Den Abschluss bildet schließlich ‘Another Brick In The Wall Pt. II’, die ebenso mutige wie gelungene Interpretation des PINK FLOYD-Klassikers. Wie FINSTERFORST den legendären Song in ihr eigenes Klanggewand hüllen, möchte ich an dieser Stelle gar nicht vorwegnehmen – lasst euch überraschen. Nur so viel: Die Schwarzwälder machen den Welthit unverkennbar zu ihrem eigenen und setzen damit einen ebenso ungewöhnlichen wie gelungenen Schlusspunkt unter “Still”.

Mit “Still” liefern FINSTERFORST nicht einfach nur ein weiteres Pagan-Metal-Album ab – sie erschaffen ein monumentales Klangwerk, das man erleben muss. Die Schwarzwälder verbinden brachiale Härte mit epischen Melodien, atmosphärischen Klanglandschaften, großartigen Chören, intensivem Akkordeonspiel und einer Orchestrierung, die über die komplette Spielzeit hinweg für Gänsehaut sorgt. Hinzu kommen tiefgründige, poetische Texte, die viel Raum für eigene Interpretationen lassen und sich erst nach mehreren Durchläufen vollständig erschließen. Genau das macht “Still” so besonders. Dieses Album ist nichts für den schnellen Konsum zwischendurch, sondern verlangt Zeit, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auf seine düsteren Welten einzulassen. Dafür wird der Hörer mit einer emotionalen Reise belohnt, die von Hoffnung, Verzweiflung, Krieg, Natur, Mythologie und den Abgründen der menschlichen Seele erzählt. Besonders das 24-minütige ‘Leere’ ist ein Meisterwerk für sich und gehört schon jetzt zu den beeindruckendsten Kompositionen, die der deutsche Pagan Metal in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat. FINSTERFORST zeigen eindrucksvoll, warum ihr „Black Forest Metal“ so einzigartig ist und weshalb sie seit über zwanzig Jahren eine Ausnahmeerscheinung der Szene sind. Für mich ist “Still” ein absolutes Meisterwerk und ohne jeden Zweifel ein Kandidat für die Jahresbestenlisten 2026. Mehr Atmosphäre, mehr Emotionen und mehr musikalische Leidenschaft kann man auf knapp 78 Minuten kaum unterbringen. Verdiente 10 von 10 Punkten – und eine uneingeschränkte Pflichtempfehlung für jeden Pagan-, Folk- und Extreme-Metal-Fan.

Tobi Stahl vergibt 10 von 10 Punkten