ENDSEEKER
Titel: COFFIN BORN
Label: Metal Blade Records
Spieldauer: 22:56 Minuten
VÖ: 19. Juni 2026
Hamburg – nicht nur Tor zur Welt, sondern auch Heimat einer Band, die sich in den vergangenen Jahren Stück für Stück in die obere Liga des deutschen Death Metals gespielt hat: ENDSEEKER. Seit der Review zu “Mount Carcass” begleiten mich die Nordlichter immer wieder – über Interviews, “Global Worming” und schließlich auch live in Weiher, wo gemeinsam mit DÉCEMBRE NOIR die Statik der Live Music Hall auf Belastbarkeit geprüft wurde. Manchmal bleiben dabei weniger Songs oder klassische Promo-Aussagen hängen, sondern eher die Momente dazwischen. Vor der Show in Weiher hielt ich mit Lenny noch ein kleines Schwätzchen und er klärte mich bei einem meiner favorisierten Songs auf: Ich war felsenfest davon überzeugt, ‘C.B.V.’ würde für Cold Blood Vampire stehen. Mit einem Grinsen erklärte mir Lenny dann, dass es tatsächlich Cunt Blood Vampire heißt – und der Vampir offenbar sehr spezielle Vorlieben hat. Die Erkenntnis kam überraschend, das Gelächter ebenso. Spätestens da wurde wieder klar, dass ENDSEEKER trotz tonnenschwerer Riffs, Dystopien und gesellschaftlicher Abgründe immer auch diesen herrlich schrägen Humor behalten haben. Umso unerwarteter kommt jetzt die Nachricht, dass mit “Coffin Born” das letzte Kapitel der Hamburger geschrieben wird. Nach zwölf Jahren, vier Alben, zwei EPs, Festivals, Touren und einer bemerkenswert konstanten Besetzung ziehen Lenny (Vocals), Ben (Guitar), Jury (Guitar), Torsten (Bass) und Andre (Drums) freiwillig den Schlussstrich – nicht im Streit, sondern als Freunde. Angefangen mit der EP “Corrosive Revelation” (2015), endet die Reise nun ebenfalls mit einer EP. “Coffin Born” soll der finale Abriss werden – fünf Songs als letzter Gruß einer Band, die Death Metal immer mit Wucht, schwarzem Humor und einer ordentlichen Portion Wut auf die Welt verbunden hat.
Die finale EP (23 Minuten Spielzeit) erscheint als limitierte Silver / Black Merged Vinyl inklusive 2-Sided Insert und Digital Download Card. Fünf Tracks bilden dabei den Schlusspunkt der Bandgeschichte:
‘Enemies Of Peace’
‘No After. No Before.’
‘Coffin Born’
‘Life Breeds Death’
‘True Survivor’
Zeit also, ein letztes Mal mit den Nordlichtern in den Abgrund zu schauen. ‘Enemies Of Peace’ ist ein fetter, räudiger, bockstarker Nackenbrecher, eine Hymne für den Pit und zeigt Wutramme Lenny in Bestform – saustarker Auftakt. Die antifaschistische Nummer kommt laut Band mit “hardcore and crust vibes” um die Ecke, groovt wie Sau und besitzt eine “raw and kinda punk attitude”. Das hört man – ENDSEEKER treten hier mit Wucht die Tür ein und machen direkt klar, dass auch auf ihrer letzten EP keine Gefangenen gemacht werden. ‘No After. No Before.’ bleibt kompromisslos, mit verrücktem Gitarrengeschredder und Kummer, der hinter den Drums vom Feinsten fetzt. Weniger Groove als beim Opener, dafür Tempodauerfeuer aus allen Rohren – laut ENDSEEKER technisch gesehen sogar der schnellste Song, den sie je geschrieben haben. Bei ‘Coffin Born’ erklingen zunächst Sirenen, bevor die typischen ENDSEEKER-Beats aus den Lautsprechern ballern. Wenn Lenny so räudig-böse growlt, weiß man direkt: Die Hamburger machen keine Gefangenen. Inhaltlich wirkt die Nummer auf mich weniger wie klassischer Zombie-Horror, sondern eher wie eine komplett pervertierte Wiedergeburt. Passend dazu zeigt auch das Artwork keine Geburt im klassischen Sinn, sondern Verfall als Ursprung weiteren Verfalls. Der Sarg wird nicht zum Ende, sondern zum Anfang. Bedrückend, böse und mit genau diesem unangenehmen Unterton ausgestattet, den guter Death Metal manchmal braucht. ‘Life Breeds Death’ bringt wieder mehr Brachialität, mehr Wucht und fette Grooves. ENDSEEKER selbst sagen: “Songs about zombies and serial killers are cool and fun but (…) the real horror is reality.” Ein Satz, der ziemlich gut beschreibt, warum ihre Texte oft härter treffen als reiner Splatter-Death-Metal – weil der eigentliche Horror eben nicht immer fiktiv ist. ‘True Survivor’ – beim David Hasselhoff Cover, ja richtig gelesen, ist Chris Harms von LORD OF THE LOST am Start und singt gemeinsam mit Lenny. Zum Finale gibt’s einen Death-/Goth-Mix, der on top auch noch geil klingt. ENDSEEKER waren immer für Überraschungen gut – bis zum bittersweeten Ende.
Jetzt, da der letzte Ton der EP verklungen ist, die verdammt geil ballert und ENDSEEKER nochmal in Topform zeigt – für mich sogar härter und kompromissloser als auf “Global Worming” –, macht sich einerseits die Freude über starke 23 Minuten und fünf Songs breit. Dazu kommt die Vorfreude auf die Abschiedstour. Andererseits schwingt aber auch ein bisschen Wehmut mit, weil ich weiß, dass 2027 keine neue Musik von ENDSEEKER erscheinen wird. Vielleicht feiere ich “Coffin Born” gerade deshalb umso härter ab. Die EP ist ein Pflichtkauf für Fans – genau wie die anderen Veröffentlichungen dieser zwölfjährigen ENDSEEKER-Reise. Hier verabschiedet sich nicht nur eine verdammt starke Death-Metal-Abrissmaschine, hier verlassen auch besonders coole Typen die Bühne. Das ENDSEEKER-Banner wird aber in den Herzen vieler Deathheads weiterwehen. Denn Death Metal ist Liebe.
Tobi Stahl vergibt 10 von 10 Punkten


