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ARMORED SAINT – „Mit diesem Album wollen wir eure Birne wieder auf Vordermann bringen“

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Im Zuge der Veröffentlichung des bockstarken, neunten ARMORED SAINT Albums „Emotion Factory Reset“ bot sich uns die Gelegenheit, mit Gitarrist Phil Sandoval ein Interview per Zoom zu führen. Vor einer Weltkugel als digitalem Hintergrund präsentierte sich der sympathische Kalifornier und stand bei guter Videoqualität eine gute halbe Stunde Rede und Antwort. Nach einem kurzen Smalltalk über mein Tourshirt von 2018 und technische Turbulenzen kamen wir auch direkt zum aktuellen Thema…

 

Marius:
Lass uns mit eurem neuen Album beginnen. Als großer ARMORED SAINT Fan freue ich mich natürlich über jedes frische Album von euch. Was wollt ihr mit dem Albumtitel eigentlich ausdrücken? Es kann ja unterschiedlich interpretiert werden…

Phil:
„Ich schaue mir gerne Gerichtsprozesse an. Es gab da kürzlich einen Mordprozess gegen eine junge Frau namens Taylor Schabusiness. Sie war auf Drogen, ermordete und zerstückelte ihren Freund und schnitt ihm dem Kopf ab. Sie ist während des Prozesses mit ihrem Anwalt aneinandergeraten, haute ihm eins auf die Rübe und musste überwältigt werden. Der Typ, der darüber sprach, meinte, sie könne einen „Emotion Factory Reset Button“ gebrauchen. Ich schrieb den Begriff nieder, John mochte das und so war der Name entstanden. Was das für uns bedeutet? Mit diesem Album wollen wir eure Birne wieder zurücksetzen; auf Vordermann bringen.“

Marius:
Die Platte ist wieder sehr rockig und anspruchsvoll ausgefallen. Als ich „Buckeye“ zum ersten Mal hörte, dachte ich an Blues. Aber ich mag die Unterschiede und verschiedenen Einflüsse, die ihr mit einbaut. Ihr erfindet euch immer wieder neu, ohne eure Trademarks zu verlieren. Meine Favoriten sind eher die flotten Tracks wie ´Epilogue´ oder ´Close To The Bone´, mein Vater beispielsweise würde als Hard Rock Fan sicherlich andere Songs herauspicken.

Phil:
„Natürlich sind Blues und Hard Rock auch große Einflüsse für ARMORED SAINT. Jeder ist damals zum Thrash abgewandert, wurde härter und das entwickelt sich ja noch heute weiter. Wenn Leute ARMORED SAINT sehen, erwarten sie vielleicht etwas schnellere Musik. Wir kommen ja aus der gleichen Ära wie Metallica oder Slayer. Was uns aber unterscheidet, ist die Vielfalt in unserer Musik. Wir waren anfangs schwer von Judas Priest beeinflusst, aber auch von Aerosmith und Blues. Dabei kommt dann ARMORED SAINT raus. Wir spielen nicht nur schnell, so wie es viele machen. Damit sind sie vielleicht erfolgreicher, als wir es sind. Heute lässt sich darüber schwer urteilen, ob wir das damals hätten tun sollen. Dafür ist es zu spät. Wir sind jetzt alle in unseren 60ern und die Diversität in unserer Musik macht uns aus. Das ist die Identität von ARMORED SAINT und „Emotion Factory Reset“ das nächste Level in der Geschichte der Band“.

Marius:
Mich freut das sehr, nach mehreren Jahren wieder ein neues Album zu Ohren zu bekommen. Ich bin selbst Bassist und großer Fan von Joey Vera, sowohl bei ARMORED SAINT als auch bei FATES WARNING und seit ihrer Reunion bei MERCYFUL FATE. Der Bass klingt auf dem Album dominant und kraftvoll, was mir sehr gut gefällt. Nicht wie bei „…And Justice For All“!

Phil:
„Hahaha, das war seltsam damals. Wirklich seltsam…“

Marius:
Absolut. Das werde ich auf Lebzeiten auch nicht verstehen. Ich habe mir euer Album auf einer einfachen JBL Box angehört, konnte seine Bassparts super heraushören und war von der differenzierten und ausgewogenen Produktion schwer begeistert. Was für mich immer noch ein kleines Wunder ist und ich hinterfragen möchte: wie schafft es John Bush in seinen 60ern noch immer, so eine so gute Stimme zu haben?

Phil:
„Er singt ja noch in drei weiteren Bands. Hoffentlich kann er auch bei uns weiterhin seine Stimme halten. John hört sich schon großartig an, wenn er redet. Er hat einfach eine natürliche Stimme, ähnlich wie Steven Tyler, die sehr viel Präsenz hat. Wir sind froh, ihn zu haben und mit ihm weiterhin zusammenarbeiten zu können. Es ist großartig, dass er das immer noch macht. Hoffentlich noch fünf, zehn weitere Jahre.“

Das wäre großartig. Ich finde es einfach super, welch starke Stimme er mit 63 noch hat. Dann sind wir mit dem neuen Album durch. Ich wünsche euch viel Erfolg und gute Chartplatzierungen.

Phil:
„Das wäre toll. Wir machen damit echt nicht den dicken Reibach. Hoffentlich bringt uns das Album etwas. Vielen Dank!“

 

Marius:
Jetzt habe ich ein paar Fanfragen an Dich. Wir gehen zurück ins Jahr 2020, als ihr im Herbst „Punching The Sky“ herausgebracht hattet. Ich weiß nicht, wie oft ich das Album gehört hatte, aber es war für mich in der Zeit vom großen Winterlockdown 2020/21 das Muntermacher Album schlechthin. Wenn’s mir schlecht ging, hatte ich dieses Album damals sehr gerne aufgelegt. Habt ihr das in den letzten Jahren oft gehört von Fans?

Phil:
„Absolut. Wir hatten damals im Whisky-A-Go-Go eine Streaming Show ohne Publikum gespielt. Viele sagten, dass ihnen das Album in der Zeit damals geholfen hatte. John wollte das Album herausbringen und wir wollten nicht darauf warten, den Albumrelease noch weiter hinauszuzögern. Wir wollten auch nicht, dass die Leute das im kompletten Lockdown hören mussten. Ich weiß es sehr zu schätzen und finde es toll, wie ihr Fans das auch zum Ausdruck bringt. Wie euch das half, durch schwere Zeiten zu gehen.“

 

Marius:
Gehört bis heute zu meinen Favoriten. Meine erste ARMORED SAINT Show war bei meinem ersten Keep It True als Headliner in Königshofen 2009, meine erste Clubshow 2018 in Aschaffenburg. Dort habt ihr das komplette „Symbol Of Salvation“ Album, eines meiner drei Lieblingsalben aus meinem Geburtsjahr 1991, gespielt. Gibt es da für die Zukunft wieder ähnliche Pläne? Vielleicht nochmal „Symbol Of Salvation“ oder vielleicht „March Of The Saint“ (1984) bzw. „Delirious Nomad“ (1985) in Gänze?

Phil:
„Da gibt’s momentan keine konkreten Pläne. Wir werden jetzt erst einmal ausgiebig zum aktuellen Album touren. Es gibt Pläne für den Herbst bei uns in den USA, wir spielen beim Rock Hard Festival im Mai. Im Sommer spielen wir wieder einige Shows in Europa: Schweden, Polen, Belgien, auch beim „Brutal Assault“ in Tschechien. Das Festival ist super. Wir haben da einiges in Planung.“

 

Marius:
Ich werde euch wohl beim Keep It True Legions Festival im August anschauen. Ein Traumbilling… Gibt’s da schon Specials in Planung? Die Fans dort würden euch aus den Händen futtern…

Phil:
„Ja, da sind schon ein paar obskure Songs geplant, aber es bleibt eine Überraschung. Da will ich noch nichts verraten. Okay, wir werden ´Human Vulture´ spielen.“

Marius:
´Chemical Euphoria´ wäre super. Da dreh‘ ich immer am Rad… Ihr habt auch einige Clubshows in Deutschland im August geplant. Aschaffenburg wäre auch mal wieder schön. Dort habe ich euch 2019 noch ein weiteres Mal gesehen (damals zusammen mit Metal Church auf ihrer letzten Europatournee mit Mike Howe (R.I.P.) – Anm.).
Jetzt nochmal eine Frage, die sich um eure Besetzung dreht: Seit 1990 habt ihr keinen Musiker mehr austauschen müssen. Ihr seid immer noch im gleichen Line-up unterwegs wie damals bei „Symbol Of Salvation“. Was ist euer Geheimrezept für diese lange Zusammenarbeit?

Phil:
„Gegenseitiger Respekt und Liebe vor und für die anderen. Die gemeinsame Liebe zur Musik und zur der Musik, die wir machen. Wir respektieren unsere gegenseitigen Unterschiede und Persönlichkeiten und wie jeder einzelne so drauf ist; und nicht, wie man gerne hätte, dass derjenige drauf ist.“

Marius:
Man bekommt das Gefühl, dass bei euch immer noch eine alte Jugendclique zusammen Musik macht. Davor habe ich großen Respekt. Gibt’s da nicht auch mal Knatsch?

Phil:
„Ja, über Emails, hahaha. Wenn wir uns sehen, ist immer alles friedlich. Wir bekriegen uns nur per Emails. Aber ja, wir respektieren uns einfach gegenseitig.“

Zum Abschluss kam von Phil die Rückfrage nach meiner ehrlichen Meinung zu „Emotion Factory Reset“ und wir fachsimpelten noch ein wenig. Es hat mir großen Spaß gemacht, eine echte Legende der US Metal Historie auszufragen und ich wünsche den fünf Gentlemen von der Westküste von ganzem Herzen den größtmöglichen Erfolg mit ihrem neuen Eisen. Vielen Dank an Phil Sandoval für die Zeit und Andreas Reissnauer von Metal Blade fürs Arrangieren des Interviews.

Interview: Marius Gindra

Photo Credit: Travis Shinn