Mit Markus und Katrin Jüllich spreche ich mit zwei Persönlichkeiten, die CREMATORY seit den frühesten Tagen prägen und bis heute das Fundament der Band bilden. Markus Jüllich gründete CREMATORY im Jahr 1991 in Westhofen und ist seitdem nicht nur Schlagzeuger, sondern auch der kreative Kopf hinter der Band – verantwortlich für Songwriting, Ausrichtung und die stetige Weiterentwicklung des Sounds. Trotz zwischenzeitlicher Einschnitte blieb er über all die Jahre hinweg der konstante Anker, der CREMATORY durch verschiedene Phasen, Besetzungswechsel und stilistische Veränderungen geführt hat.
Katrin Jüllich wiederum ist seit den Anfangstagen fester Bestandteil der Band und prägt mit ihren Keyboard-Arrangements und Samples maßgeblich den atmosphärischen Sound, der CREMATORY über die Jahre hinweg ausgezeichnet hat. Ihre musikalischen Wurzeln reichen bis in die Kindheit zurück, unter anderem durch klassischen Klavierunterricht und den frühen Kontakt zur Musikszene. Neben ihrer Rolle als Musikerin war sie zudem über viele Jahre hinweg auch im gestalterischen Bereich aktiv und zeichnete sich für Layouts und Designs zahlreicher Veröffentlichungen verantwortlich – ein kreativer Einfluss, der weit über das rein Musikalische hinausgeht.
Gemeinsam bilden Markus und Katrin Jüllich nicht nur das Herz von CREMATORY, sondern auch privat ein eingespieltes Team, das die Entwicklung der Band über Jahrzehnte hinweg begleitet und geprägt hat. Beständigkeit, Leidenschaft und ein klarer Blick für die eigene Identität ziehen sich dabei wie ein roter Faden durch ihre Arbeit – Eigenschaften, die sich sowohl in der Musik als auch im Auftreten der Band widerspiegeln.
Ich spreche heute mit beiden über 35 Jahre CREMATORY, das aktuelle “Greatest Hits”-Release und die anstehende Tour – und werfe dabei gemeinsam mit ihnen einen Blick zurück und nach vorne.
Tobias:
Hallo Markus, hallo Katrin und herzlichen Glückwunsch zu über 35 Jahren CREMATORY – schön, dass ihr euch die Zeit für dieses Interview nehmt! Wo erwische ich euch gerade – seid ihr schon voll im Tourmodus oder gibt’s aktuell noch ein bisschen Luft zum Durchatmen? Und wie nehmt ihr die aktuelle Phase rund um das “Greatest Hits”-Release für euch wahr?
Markus & Katrin:
Ja vielen Dank dafür. Wir sind gerade bei den Tourvorbereitungen und beim Proben! Luft zum Durchatmen haben wir aktuell sehr wenig, da viel zu tun ist. Ja, 35 Jahre CREMATORY sind immer noch unglaublich für uns und wir sind sehr stolz darauf, denn es gibt nur ganz wenige deutsche Bands, die es seit 35 Jahren gibt und 17 Alben veröffentlicht haben – geschweige denn mit einem Album in den Top-Ten-Albumcharts waren, so wie wir. Einfach unglaublich und vielen Dank an alle Fans, die uns seit Jahrzehnten unterstützen!
Tobias:
(Markus) Du hast ja eine gesundheitlich sehr intensive Zeit hinter dir und die Operation sowie die Reha inzwischen überstanden – wie geht es dir heute, und hat diese Phase vielleicht auch deinen Blick auf CREMATORY, die Musik und das Tourleben verändert?
Markus:
Etwas schon, denn ich muss langsamer machen und mehr Pausen einlegen. Ja, wir werden alle leider nicht jünger!
Tobias:
(Katrin) Du hast diese Phase ja aus nächster Nähe miterlebt – wie hast du die Zeit für dich wahrgenommen und wie wichtig war in so einem Moment der Zusammenhalt, sowohl privat als auch innerhalb von CREMATORY?
Katrin:
We are a big family! Alle haben Markus unterstützt und wir haben das gemeinsam super hinbekommen!
Tobias:
(Beide) In solchen Momenten zeigt sich ja auch, wie eng die Verbindung zur Fanbase ist – wie habt ihr den Support eurer Fans in dieser Zeit wahrgenommen und was bedeutet euch diese Rückendeckung?
Markus & Katrin:
Das bedeutet uns sehr viel und wir sind auch sehr dankbar für das Verständnis der Fans für die Tourverlegung und die zahlreiche Anteilnahme an der schwierigen Situation für Markus.
Tobias:
(Beide) Kann man die kommende “Greatest Hits”-Compilation in diesem Zusammenhang vielleicht auch ein Stück weit als Dankeschön an eure Fans verstehen, die euch über all die Jahre – und gerade auch in solchen Momenten – unterstützt haben?
Markus & Katrin:
Ja klar, denn 35 Jahre sind eine sehr beachtliche Zeit und trotz einiger Dummbabbler, die sich über die Jahre an CREMATORY abgearbeitet haben, haben wir unser Ding durchgezogen und die hervorragende Unterstützung unserer Fans erhalten.
Tobias:
(Beide) Mit Felix habe ich bereits ausführlicher über die englischsprachigen Songs gesprochen – mit euch würde ich gerne den Fokus stärker auf die deutschsprachigen Stücke legen. Welche Bedeutung haben diese Songs für euch persönlich und für die Entwicklung von CREMATORY insgesamt?
Markus & Katrin:
Die deutschen Songs sind immer schwieriger als die englischen, aber wir wählen die Songs immer so aus, dass alles passt.
Tobias:
(Beide) Wenn ihr einen Blick auf die “Greatest Hits”-Compilation werft: Was erwartet die Hörer konkret – ist es eher ein klassischer Rückblick oder steckt für euch auch ein Stück Neubewertung eurer eigenen Geschichte darin?
Markus & Katrin:
Das sind für uns die Hits von jedem einzelnen Album und ein stolzer Rückblick auf 35 Jahre.
Tobias:
(Beide) Wenn ihr die komplette Reise von CREMATORY betrachtet: Gibt es rückblickend einen Abschnitt, bei dem ihr sagt – der hat uns als Band wirklich nachhaltig geprägt oder vielleicht sogar verändert?
Markus & Katrin:
Wir sind von Album zu Album gewachsen und haben uns weiterentwickelt und auch ab und zu mal etwas experimentiert, was aber immer super von den Fans angenommen wurde.
Tobias:
(Beide) Beim Durchgehen der Songs für das Album: Gab es Titel, die euch heute anders berühren oder die ihr mit einem ganz anderen Gefühl hört als noch zur Zeit ihrer Entstehung?
Markus & Katrin:
Nein, denn so wie es war, soll es auch bleiben. Die Stimmung war damals so und so war es auch erfolgreich und von den Fans geliebt.
Tobias:
(Katrin) Das Artwork des “Greatest Hits”-Albums wirkt wie eine Art visuelle Reise durch die gesamte CREMATORY-Historie, fast wie eine Collage aus verschiedenen Phasen und Stilen. Mich würde interessieren, wie diese Idee entstanden ist und ob du dich dabei auch selbst kreativ einbringen konntest. Und wenn du auf eure bisherigen Veröffentlichungen zurückblickst – gibt es ein Artwork, das dir persönlich besonders am Herzen liegt oder das du als deinen Favoriten bezeichnen würdest?
Katrin:
Das “Greatest Hits”-Cover wurde von unserem Freund Costi aus Rumänien per Hand mit Öl gemalt und beinhaltet alle Cover! Jedes Cover ist einzigartig und fügt sich in die Reihenfolge hervorragend ein.
Tobias:
(Markus) Wie sieht es bei dir aus – gibt es ein Coverartwork aus der CREMATORY-Diskografie, das du persönlich besonders schätzt? Und wenn man sich die Entwicklung des CREMATORY-Logos anschaut, das heute ja auch nicht mehr dem von 1991 entspricht: Wie wichtig ist dir diese visuelle Weiterentwicklung der Band im Vergleich zur musikalischen?
Markus:
Das ist genau so wichtig wie die musikalische Weiterentwicklung, denn man sollte sich immer in jeglicher Weise weiterentwickeln, sodass alles zusammenpasst und stimmig ist.
Tobias:
(Beide) Habt ihr über die lange Bandgeschichte hinweg eigentlich so etwas wie feste Lieblingssongs entwickelt, oder wechseln sich eure Favoriten je nach Phase, Stimmung oder auch Live-Erfahrung immer wieder ab?
Markus & Katrin:
Das wechselt je nach Stimmung des Öfteren ab.
Tobias:
(Beide) Wenn eine längere Pause zwischen Alben oder Touren ansteht – kennt ihr dieses Gefühl, dass man irgendwann wieder raus will, wieder auf die Bühne, wieder unterwegs sein? Werdet ihr dann auch mal hibbelig – und wer von euch beiden ist der Erste, der ungeduldig wird und Fernweh nach dem Tourbus bekommt?
Markus & Katrin:
Bei uns ist zeitlich alles genau getaktet und daher verfolgen wir unseren Zeitplan, der meistens auch so funktioniert und aufgeht.
Tobias:
(Markus) Mit ‘Ist es wahr’ und ‘Ewigkeit’ startet CD 2 direkt mit zwei sehr prägenden Songs aus eurer deutschsprachigen Phase – gerade durch die Sprache wirken die Inhalte nochmal unmittelbarer und greifbarer. War euch damals bewusst, wie stark dieser Schritt hin zu deutschen Texten die Wirkung eurer Musik verändern würde?
Markus:
Nein, denn wir hatten einfach mal Bock, etwas Neues zu probieren, was hervorragend funktioniert hat und von uns auch weiterverfolgt und ausgebaut wurde.
Tobias:
(Katrin) Gerade in diesen Songs hört man an manchen Stellen auch ein Stück eurer regionalen Herkunft heraus – zumindest, wenn man selbst aus der Gegend kommt und ein Gefühl für die Nuancen hat. Nimmst du das selbst auch so wahr?
Katrin:
Nein, denn ich höre die Sprache tagtäglich, was normal für mich ist.
Tobias:
(Markus) Du bist ja seit jeher der kreative Kopf und Hauptsongwriter von CREMATORY – woher ziehst du generell deine Inspiration für Texte und Songs? Und wenn man speziell auf Tracks wie ‘Tick Tack’ und ‘Höllenbrand’ schaut, die ja beide eine sehr eigene Stimmung und Thematik haben: Was waren hier konkret die Auslöser oder Gedanken, die dahinterstanden?
Markus:
Das ist mein Geheimnis!
Tobias:
(Katrin) Wenn man auf eure frühe Phase zurückblickt, entsteht durchaus der Eindruck, dass Bands aus dem späteren Industrial-Umfeld – etwa EISBRECHER oder RAMMSTEIN – in gewisser Weise auch von CREMATORY beeinflusst wurden, zumindest was die Verbindung aus Härte, Elektronik und deutscher Sprache angeht. Nimmst du das selbst auch so wahr oder siehst du diese Entwicklung eher unabhängig voneinander entstanden?
Katrin:
CREMATORY waren die erste deutsche Band mit Keyboards und elektronischen Elementen, die zahlreiche Bands der Szene beeinflusst haben.
Tobias:
(Beide) Kleiner Einwurf zwischendurch: Sprecht ihr eigentlich auch im Alltag über Songtexte, Ideen und musikalische Details – oder ist das bei euch eher etwas, das bewusst nur im Bandkontext stattfindet?
Markus & Katrin:
Texte sind alleine die Sache von Felix.
Tobias:
(Markus) Gerade auf “Klagebilder”, insbesondere bei ‘Kein Liebeslied’, kommen die klaren Vocals in Kombination mit den härteren Gesangslinien sehr stark zur Geltung – auch geprägt durch die Phase mit Matthias Hechler, der mit seinem Clean-Gesang ja einen wichtigen Teil zur melodischen Entwicklung von CREMATORY beigetragen hat. Woran liegt es, dass dieser Anteil an klaren Vocals in späteren Jahren etwas zurückgefahren wurde – war das eine bewusste Entscheidung in der Weiterentwicklung eures Sounds oder hat sich das eher organisch ergeben?
Markus:
Ja ganz klar, weil Matze leider die Band verlassen hatte. Daher haben wir uns wieder mehr auf Felix konzentriert.
Tobias:
(Beide) ‘Auf der Flucht’ ist mittlerweile schon einige Jahre alt, aber die Thematik wirkt heute fast aktueller denn je – eine Welt, die aus den Fugen gerät, und das Gefühl, dass es für diese Generation kaum ein Entkommen gibt. Wie blickt ihr heute auf die Zukunft, gerade auch im Hinblick auf eure Kinder und die nächste Generation – macht euch das eher nachdenklich oder seht ihr trotz allem auch positive Entwicklungen?
Markus & Katrin:
Immer positiv denken und optimistisch durchs Leben gehen. Alles wird gut!
Tobias:
(Markus) Mit Songs wie ‘Haus Mit Garten’ auf “Monument” zeigt ihr eine sehr persönliche, fast schon intime Seite, die stark von Melancholie und Atmosphäre lebt. Dieser eher reduzierte, emotionale Ansatz hebt sich ja auch ein Stück weit von früheren, direkteren Songs ab – entsteht so etwas gezielt beim Schreiben oder entwickelt sich das eher aus der Stimmung heraus, in der ein Song entsteht?
Markus:
Diese Dinge entwickeln sich automatisch im Songwritingprozess und werden je nach Stimmung beeinflusst.
Tobias:
(Katrin) Mit ‘Tränen der Zeit’ habt ihr einem eurer bekanntesten Songs eine neue, deutschsprachige Version gegeben und ihn damit in die Gegenwart geholt. Welche Bedeutung hat dieser Song für dich persönlich – und wie hat sich das Gefühl verändert, ihn Jahre später nochmal neu zu interpretieren und aufzunehmen?
Katrin:
Es gibt nicht viele Bands im Metal, die so einen Hit wie wir mit ‘Tears Of Time’ haben, der weltweit bekannt ist. Die Fans hatten sich jahrelang eine deutsche Version davon gewünscht und aus Dankbarkeit gegenüber den Fans haben wir das sehr gerne umgesetzt.
Tobias:
(Markus) ‘Blind’ und ‘Flammenmeer’ tauchen auf dem Best-of ja als Bonusmaterial auf und sind keine klassischen Albumtracks – kannst du ein bisschen erzählen, worum es in den beiden Songs inhaltlich geht und in welcher Phase sie entstanden sind? Sind das eher Stücke, die bewusst für sich stehen, oder passen sie vielleicht schon in eine Richtung, die ihr künftig weiterverfolgen wollt?
Markus:
Die vier Bonustracks haben wir zusammen mit dem “Destination”-Album geschrieben und diese für die Bonus-Tracks von “Greatest Hits” aufgehoben, da wir bereits vor “Destination” eine Drei-Jahres-Planung gemacht hatten.
Tobias:
(Beide) Zum Abschluss: Wenn ihr selbst auf diese Reise durch über 35 Jahre CREMATORY blickt – was bedeutet euch dieses “Greatest Hits”-Album persönlich? Ist es eher ein Blick zurück auf das, was war, oder auch ein Moment, um bewusst innezuhalten und zu sehen, was ihr gemeinsam geschaffen habt? Und was möchtet ihr euren Fans, die euch über all die Jahre begleitet haben, an dieser Stelle noch mit auf den Weg geben – gerade auch mit Blick auf die anstehende Tour?
Markus & Katrin:
Vor allem sind wir verdammt stolz und den Fans gegenüber dankbar, dass wir seit 35 Jahren unseren Traum leben dürfen, 17 Alben produziert haben und das aktuelle Album “Destination” auf Platz 8 der deutschen Albumcharts gelandet ist. Mehr geht nicht! DANKE für alles!
Interview: Tobias Stahl
Photocredit: Ingo Spoerl

