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VANIR entfesseln “Wyrd” – Schicksal, Krieg und nordischer Metal

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Als ich die dänische Melodic-Death-Metal-Band VANIR entdeckte, veröffentlichte die Truppe gerade ihr Album “Sagas” (2022), das mit nordischer Mythologie, starken Hymnen und brachialen Riffs überzeugte. Zwei Jahre später folgte mit “Epitome” (2024) ein düsterer und roher Nachfolger. Nun steht mit “Wyrd” das nächste Kapitel an. Das Album dreht sich thematisch um Schicksal, Krieg und historische Ereignisse wie die Schlacht um Wien 1683, die auch im Song ‘Never Surrender’ aufgegriffen wird. Das Cover stammt von David Troest, gemischt und gemastert wurde die Scheibe bei Demigod Recordings. Auch im Line-up hat sich etwas getan: Neu dabei sind Sänger Martin Drageholm und Gitarrist Lasse Heiberg. Mit ersterm sprach ich über “Wyrd”  – viel Spaß beim Lesen des Interviews.

Tobias:
Hallo ins Langhús von VANIR! Schön, dass wir ein kleines Þing abhalten können. Mit “Wyrd” steht euer neues Album kurz vor der Veröffentlichung – wie fühlt es sich an, diese Songs endlich zu entfesseln?

Martin Drageholm:
Es fühlt sich sowohl aufregend als auch ein wenig surreal an. Wenn man so lange an einem Album arbeitet, werden die Songs fast Teil des täglichen Lebens. Irgendwann kommt der Moment, in dem man sie loslassen und ihren Platz in der Welt finden lassen muss. 

Gerade bei “Wyrd” fühlt es sich an, als würden wir ein neues Kapitel für VANIR aufschlagen. Das Album beschäftigt sich mit Themen, die sowohl alt als auch zeitlos sind – Schicksal, Krieg und die Konsequenzen menschlicher Entscheidungen. In vielerlei Hinsicht ist Geschichte die Geschichte davon, wie kleine Entscheidungen zu Ereignissen werden, die ganze Zivilisationen prägen. Diese Idee steht im Zentrum dieses Albums.

Tobias:
Wenn du auf eure letzten beiden Alben “Sagas” und “Epitome” zurückblickst: Wo siehst du die größten Unterschiede im Vergleich zum neuen Album?

Martin Drageholm:
Jedes Album spiegelt eine bestimmte Phase in der Entwicklung der Band wider. “Sagas” konzentrierte sich stark auf episches Storytelling und die Wurzeln des von Viking- und Folk-Metal inspirierten Sounds, während “Epitome” dunkler, härter und aggressiver wurde. Mit “Wyrd” haben wir das Gefühl, dass diese Elemente natürlicher zusammengekommen sind. Das Album ist weiterhin hart und melodisch, aber es gibt auch eine stärkere thematische Verbindung zwischen den Songs. Es wirkt weniger wie eine Sammlung einzelner Geschichten und mehr wie eine Reflexion über die Kräfte, die Geschichte und menschliches Schicksal formen.

Tobias:
Der Titel “Wyrd” dreht sich um das Thema Schicksal. Was hat euch dazu inspiriert, dieses Konzept ins Zentrum des Albums zu stellen?

Martin Drageholm:
Das Konzept von Wyrd im nordischen Denken ist faszinierend, weil es nicht einfach Schicksal im deterministischen Sinn ist. Es ist etwas, das durch Handlungen, Entscheidungen und Konsequenzen verwoben wird. Deine Taten formen den Faden, der zu deinem Schicksal wird. Diese Idee erschien uns unglaublich relevant. Wenn man auf die Geschichte blickt, entstehen viele entscheidende Momente, weil Einzelne handeln – manchmal aus Mut, manchmal aus Angst. “Wyrd” handelt nicht nur vom Schicksal. Es geht um das Gewicht menschlicher Entscheidungen.

Tobias:
Ihr eröffnet das Album mit ‘Against The Storm’, gefolgt von ‘Never Surrender’, inspiriert von der Schlacht um Wien im Jahr 1683. Wie intensiv recherchiert ihr solche Themen?

Martin Drageholm:
Wir versuchen immer, historische Themen mit Respekt zu behandeln. Wir sind keine Historiker, aber wir verbringen Zeit damit, über die Ereignisse zu lesen, um ihren Kontext zu verstehen. Die Schlacht um Wien ist einer dieser Momente, in denen Geschichte fast wie eine Legende wirkt. Der Angriff der geflügelten Husaren vom Kahlenberg gehört zu den dramatischsten Kavallerieangriffen, die je aufgezeichnet wurden. Doch jenseits des Spektakels geht es im Song eigentlich um Widerstandskraft. Geschichte wendet sich oft durch den Mut jener, die sich weigern aufzugeben, wenn der Sturm am stärksten ist.

Tobias:
Ist “Wyrd” ein Konzeptalbum?

Martin Drageholm:
Nicht im strengen erzählerischen Sinn, aber die Songs sind durch einen gemeinsamen thematischen Faden verbunden. Sie erkunden alle Momente, in denen Einzelpersonen oder Gesellschaften Kräften gegenüberstehen, die größer erscheinen als sie selbst. Manchmal sind diese Kräfte Krieg, manchmal Glaube, manchmal Schicksal.

Tobias:
‘Braavalla’ bezieht sich auf die legendäre Schlacht von Bråvalla. Was hat dich an dieser Geschichte am meisten fasziniert?

Martin Drageholm:
Ihre Größe. In den Sagas ist Bråvalla fast von mythologischer Dimension. Könige, Helden und ganze Reiche prallen in einer Schlacht aufeinander, die größer als das Leben selbst wirkt. Diese Geschichten sollten inspirieren und kulturelle Erinnerungen sowie Ideale wie Mut, Loyalität und Ehre bewahren. Für eine Band wie VANIR passt eine solche epische Erzählung perfekt zur Energie der Musik.

Tobias:
Mit ‘Da Lammet Brød det 6. Segl’ bezieht ihr euch auf die Offenbarung des Johannes. Was hat dich an dieser düsteren Geschichte fasziniert?

Martin Drageholm:
Die Bildsprache in der Offenbarung ist unglaublich kraftvoll. Wenn das sechste Siegel geöffnet wird, scheint die Welt selbst zu erbeben. Die Sonne wird schwarz, der Mond blutrot, und Könige wie einfache Menschen verstecken sich voller Angst. Was mich daran fasziniert, ist, wie universell diese Ängste sind. Jede Epoche glaubt, sie könnte am Rand des Endes stehen.

Tobias:
Der Song ‘Helgrinidir’ bezieht sich auf das Tor nach Helheim. Welche Geschichte steckt hinter diesem Song?

Martin Drageholm:
In der nordischen Mythologie ist Helheim nicht unbedingt ein Ort der Bestrafung. Es ist einfach der Ort, an den die Toten gehen. Diese Idee hat uns fasziniert. Der Song reflektiert den Moment, in dem das Leben endet und das Unbekannte beginnt. Der Tod ist das eine Schicksal, das alle Menschen verbindet – Könige wie Bauern.

Tobias:
Das Cover-Artwork von David Troest zeigt einen geflügelten Husaren. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Martin Drageholm:
David hat eine unglaubliche Fähigkeit, historische Atmosphäre und Dramatik in seinen Artworks einzufangen. Als wir begannen, über die Themen von “Wyrd” zu sprechen, fühlte sich das Bild des geflügelten Husaren wie ein perfektes Symbol an. Es steht für Mut, entscheidende Momente und die Wendepunkte der Geschichte. Das Artwork setzt den Ton für das gesamte Album.

Tobias:
Das Album wurde bei Demigod Recordings gemischt und gemastert. Wie lief die Zusammenarbeit?

Martin Drageholm:
Es war eine großartige Erfahrung. Wir wollten, dass das Album kraftvoll klingt, aber dennoch organisch und dynamisch bleibt. Demigod hat dieses Gleichgewicht sehr gut verstanden und uns geholfen, sowohl die Aggression als auch die Atmosphäre der Musik herauszuarbeiten.

Tobias:
Der Song ‘Mod & Ære’ lässt sich mit “Mut und Ehre” übersetzen. Welche Rolle spielen diese Tugenden?

Martin Drageholm:
Historisch waren diese Tugenden für Kriegerkulturen essenziell, aber sie bleiben auch zutiefst menschliche Werte. Für uns bedeutet Mut nicht nur Krieg. Er kann auch bedeuten, zu seinen Überzeugungen zu stehen, das zu schützen, was einem wichtig ist, und schwierige Momente im Leben zu meistern.

Tobias:
Es gab einige Veränderungen im Line-up. Wie haben sie die Band beeinflusst?

Martin Drageholm:
Auf dem Papier sieht es vielleicht nach einer großen Veränderung aus, aber in Wirklichkeit ist es weniger dramatisch. Ich bin eigentlich nicht neu in der Band – ich habe lediglich einen neuen Familiennamen mit meiner Frau angenommen, was diesen Eindruck erwecken könnte (Drageholm). Lasse Heiberg ist an der Gitarre zurückgekehrt, und das fühlt sich eher so an, als würde ein alter Freund zurückkommen, als dass ein neues Mitglied dazukommt. Er war vor vielen Jahren schon Teil von VANIR, daher besteht bereits eine starke Verbindung. Am Songwriting für “Wyrd” war er nicht beteiligt, da das Material bereits geschrieben war, bevor er zurückkam. Aber er ist jetzt schon stark daran beteiligt, neue Ideen für die Zukunft zu entwickeln.

Tobias:
Wie hat die Integration im Songwriting-Prozess funktioniert?

Martin Drageholm:
Die meisten Songs auf “Wyrd” waren bereits geschrieben, bevor Lasse zurückkehrte. Aber die Chemie in der Band ist momentan sehr stark, und diese kreative Energie fließt bereits in neues Material ein. Manchmal ist nicht entscheidend, wer den letzten Song geschrieben hat – sondern wer den nächsten gemeinsam schreiben wird.

Tobias:
Eure Musik verbindet melodischen Death Metal mit historischen Themen. Wie wichtig ist diese Mischung für euch?

Martin Drageholm:
Sie ist absolut zentral für das, was VANIR ausmacht. Die Musik verleiht den Geschichten emotionales Gewicht, während die Geschichten der Musik Tiefe und Kontext geben. Ohne diese Verbindung würde es sich einfach nicht nach VANIR anfühlen.

Tobias:
Wie entwickelt ihr Songideen – zuerst Geschichte oder zuerst Musik?

Martin Drageholm:
Beides kommt vor. Manchmal löst eine historische Geschichte die ganze Idee aus. Manchmal erzeugt ein musikalisches Riff eine Atmosphäre, die uns ganz natürlich zu einem bestimmten Thema führt. Am Ende wachsen Musik und Geschichte zusammen.

Tobias:
Ihr seid nun seit mehr als einem Jahrzehnt aktiv. Wie hat sich die Band entwickelt?

Martin Drageholm:
Zeit und Alter geben einem eine Perspektive. Als wir angefangen haben, haben wir experimentiert und erkundet, welche Art von Band wir sein wollten. Heute haben wir ein viel klareres Gefühl für unsere Identität.

Tobias:
Welche Songs repräsentieren das Album am besten?

Martin Drageholm:
‘Against The Storm’, ‘Never Surrender’ und ‘Helgrinidir’ zeigen verschiedene Seiten des Albums. Zusammen zeigen sie die Balance aus Aggression, Melodie und Storytelling, die “Wyrd” definiert.

Tobias:
Gibt es ein historisches Ereignis, über das ihr in Zukunft gerne schreiben würdet?

Martin Drageholm:
Die Geschichte ist voller kraftvoller Geschichten. Es gibt unzählige Momente sowohl in der Mythologie als auch in der europäischen Geschichte, die uns weiterhin inspirieren. Aber wir lassen Ideen meist natürlich entstehen, statt zu weit im Voraus zu planen. Das gesagt – man weiß nie.

Tobias:
Welche Live-Pläne habt ihr rund um die Veröffentlichung von “Wyrd”?

Martin Drageholm:
Wir freuen uns definitiv darauf, das neue Material auf die Bühne zu bringen. Festivals und Konzerte sind der Ort, an dem die Songs wirklich lebendig werden, und wir können es kaum erwarten, dieses neue Kapitel mit dem Publikum zu teilen. In diesem Jahr haben wir einige großartige Shows geplant, darunter Festivals wie das Basinfire Fest, das Ragnarök Festival und natürlich das Wacken Open Air, worauf wir uns unglaublich freuen. Wacken zu spielen ist für jede Metalband etwas Besonderes, und wir fühlen uns geehrt, Teil des Line-ups zu sein. Darüber hinaus hoffen wir, die Songs von “Wyrd” auf so viele Bühnen wie möglich zu bringen und unterwegs sowohl alte als auch neue Fans zu treffen.

Tobias:
Zum Schluss: Gibt es noch etwas, das du euren Fans sagen möchtest?

Martin Drageholm:
Wir sind allen unglaublich dankbar, die VANIR über die Jahre begleitet haben. Eure Unterstützung ermöglicht es uns, diese Geschichten weiterhin zu erzählen und sie durch Musik zum Leben zu erwecken. Wir hoffen, dass “Wyrd” bei euch Anklang findet – und wir freuen uns darauf, euch draußen auf der Straße zu sehen. Und zum Abschluss ein Gruß unserer Vorfahren:

År og Fred.

Interview: Tobias Stahl
Photocredit: VANIR/Promo