Mit „Aura“ bin ich zum ersten Mal überhaupt auf die Musik von VANESSA FUNKE gestoßen. Was mich dabei besonders überrascht hat, ist die musikalische Bandbreite, die sie auf ihrem mittlerweile fünften Album zeigt. Zwischen Melodic Death Metal, ruhigen Momenten und persönlichen Themen entsteht eine Mischung, die neugierig auf die Person hinter der Musik macht. VANESSA FUNKE übernimmt dabei nicht nur den Gesang, sondern auch sämtliche Instrumente selbst und hat die vergangenen Jahre genutzt, um ihre ganz eigene musikalische Handschrift weiterzuentwickeln. Grund genug, einmal genauer nachzufragen: über die Entstehung von „Aura“, persönliche Texte, musikalische Einflüsse, ihre Entwicklung als Sängerin und natürlich darüber, was in Zukunft noch von ihr zu erwarten ist.
Tobias:
Hallo Vanessa! Mit „Aura“ bin ich zum ersten Mal überhaupt auf deine Musik gestoßen. Ich hatte vorher weder deine bisherigen Alben auf dem Schirm noch irgendeinen Vergleich im Kopf und bin deshalb völlig unvoreingenommen an die Platte herangegangen. Nach dem ersten Durchlauf war ich ehrlich gesagt ziemlich verdutzt – in positiver Hinsicht –, was ich da gerade gehört hatte. Wie wichtig ist dir der Gedanke, mit deiner Musik Menschen zu überraschen, die dich bisher noch gar nicht kennen?
Vanessa Funke:
Der Gedanke fällt bei mir tatsächlich gar nicht. Wobei ich mir gut vorstellen kann, dass wenn man mich so sieht, eher auf eine andere Idee kommen könnte, was ich musikalisch so mache. Wo ich dann aber doch mal ans Überraschen denke, ist beispielsweise beim Aufnehmen eines Albums, welches dann schon etwas anders ist als das vorherige. Man macht sich ja doch gern mal Gedanken, wie es ankommen würde.
Tobias:
Fünf Alben innerhalb von fünf Jahren sind für mich schon eine ziemlich beeindruckende Schlagzahl. 2022 „Solitude“, danach jedes Jahr ein weiteres Album und jetzt „Aura“. Woher nimmst du diesen enormen kreativen Output? Hast du einfach permanent neue Ideen im Kopf oder gibt es bei dir einen bestimmten Arbeitsrhythmus, der sich über die Jahre entwickelt hat?
Vanessa Funke:
Es war tatsächlich so, dass ich vor ein paar Jahren quasi vor Ideen übergesprudelt bin und alles auch direkt aufgenommen habe. Da hat sich natürlich einiges angesammelt, weshalb ich auch so viel veröffentlicht hab über die Zeit. Mittlerweile bin ich dabei etwas langsamer geworden. Was ich übrigens auch gar nicht verkehrt finde, da ich mich automatisch auch viel mehr mit der Musik bzw. den einzelnen Liedern befasse. Da kommt dann auch der Perfektionismus durch und ich schraube an den Stücken noch ziemlich lang, bis alles so klingt, wie ich es gern hätte. Damals hab ich dann doch früher damit aufgehört und mehr Kompromisse gemacht. Davon ab haben, denke ich, meine damaligen Lebensumstände dafür gesorgt, dass ich sehr viel zu verarbeiten hatte. Und das ist dann natürlich durch die Musik geschehen. Ich denke, dass ein Tiefpunkt im Leben ein wirklich guter kreativer Treibstoff sein kann. Zumindest für mich war es so.
Tobias:
Du übernimmst auf „Aura“ praktisch alles selbst – Vocals und sämtliche Instrumente. Lediglich bei ‚Last Dawn‘ gibt es mit Alicia Cordisco Unterstützung am Gitarrensolo. Wie sieht denn dein persönlicher Entstehungsprozess aus? Beginnt ein neuer Song bei dir mit einer Melodie, einem Gitarrenriff, einem Text oder kann das jedes Mal völlig anders laufen?
Vanessa Funke:
Es ist für mich meist eine Melodie oder ein Riff, manchmal auch etwas auf dem Klavier, was den Prozess startet. Texte kommen zu 99,9% immer am Schluss. Es gibt glaube ich nur ein Lied, wo es den Text zuerst gab. Ich halte mich nicht wirklich als begabt, was das Texten angeht. Für mich spricht die Musik und sagt so viel aus. Über Texte hab ich mir lange kaum Gedanken gemacht, da war es meist ein Mittel zum Zweck. Das hat sich mittlerweile geändert und ich denke mehr darüber nach, was ich eigentlich gern aussagen möchte. Und ich habe mich sogar dazu entschlossen, die Lyrics für das Album auf Bandcamp zu stellen, was ich vorher auch nicht gemacht habe.
Tobias:
‚Last Dawn‘ hat mich direkt gepackt. Das Stück beginnt fast wie ein bedrohlicher Sonnenaufgang, bevor dann diese apokalyptische Wucht losbricht. Dazu kommen deine Growls und die klaren Vocals, die für mich hervorragend miteinander funktionieren. Wie wichtig ist dir dieser Wechsel zwischen brachialer Stimme und klarem Gesang, und wie entscheidest du, welcher Part welche Stimme bekommt?
Vanessa Funke:
Ich finde beide Gesangsarten sind gleichberechtigt und daher versuche ich auch gern beides einzubauen. Es kommt halt immer darauf an, was zu welchem Teil passt. Da probiere ich gern mal beides aus und entscheide mich dann. Wobei es oft auch aus dem Bauch heraus entschieden wird. Man hat ja auch ein gewisses Gefühl, was passen könnte. Und da sollte man drauf hören. Mittlerweile halte ich cleanen Gesang aber öfter etwas im Hintergrund, was gesundheitliche Gründe hat. Ich hatte nie eine besonders starke Stimme, aber derzeit bin ich noch etwas mehr eingeschränkt. Hoffentlich ändert sich das aber! Und apokalyptische Wucht trifft es übrigens ganz gut für ‚Last Dawn‘. Das Lied handelt ja auch tatsächlich davon.
Tobias:
Überhaupt gefällt mir auf „Aura“ dieses Spiel mit Gegensätzen. Da gibt es die schweren Melodic-Death-Passagen, aber genauso ruhige Momente und beispielsweise mit ‚Empty Heart‘ sogar eine richtige Ballade. Ist diese Dynamik für dich ein wichtiger Bestandteil des Songwritings oder ergibt sich so etwas eher ganz natürlich während der Entstehung eines Songs?
Vanessa Funke:
Ich setze mich eigentlich nie mit der Idee hin „Heute schreib ich ein Lied im Stil XY“, das ergibt sich eigentlich immer während des Songwritings. So kommt es auch mal vor, dass ein Lied komplett anders endet, als es angefangen hat. Ich finde, diese Abwechslung gehört bei mir dazu. Es macht, finde ich, ein Album auch interessanter, da es dann nicht so schnell eintönig wird. Selbst wenn die Lieder manchmal lang sind.
Tobias:
Inhaltlich geht es auf „Aura“ ziemlich oft um dunkle und schwere Themen. ‚Fading Memory‘ beschäftigt sich mit dem Verlust von Erinnerungen, ‚Dead Souls‘ mit Gewalt, Schmerz und den seelischen Narben, die zurückbleiben, und ‚Death’s Hand‘ mit dem unausweichlichen Tod. Woher nimmst du die Inspiration für solche Texte und wie wichtig ist es dir, dass die Musik die jeweilige Stimmung des Textes widerspiegelt?
Vanessa Funke:
Da ich die Texte zuletzt schreibe, kann ich mir ja zum Lied ein passendes Thema aussuchen. Klar sind es oft düstere Themen, aber es passt halt meistens am besten. Da nehme ich gern auch Dinge aus meinem Leben. Es hilft beim Verarbeiten, es ist quasi Therapie. Wie z. B. ‚Dead Souls‘. Für mich ein sehr wichtiger Titel auf dem Album.
Tobias:
Bei ‚Coherence‘ fand ich besonders die Aussage „I am valid“ spannend. Der Song handelt von einer langen Reise, der Suche nach innerer Übereinstimmung und letztlich auch der Erkenntnis, dass einem niemand die eigene Existenz und den eigenen Wert absprechen kann. Ist dieser Song für dich persönlich einer der wichtigeren auf dem Album?
Vanessa Funke:
Nun der Titel geht ja eigentlich noch tiefer. Ohne jetzt ins Detail zu gehen, ich hatte eine ziemlich wichtige OP vor einigen Jahren. Dabei ging es um etwas, was mir mein Leben lang Probleme gemacht hat. Danach fühlte ich mich seltsam leer, weil ich mein Leben lang quasi nicht kannte, wie es ist, ohne dieses Problem zu leben. Eigentlich, so dachte ich, würde ich Freude empfinden. Stattdessen kam das erst viel, viel später. Und aus dieser Verwirrung, diesem seltsamen Gefühl heraus, hab ich diesen Text geschrieben. Dieses „I am valid“ bin in dem Fall ich, die mir sagt, es ist alles gut, es ist alles jetzt so, wie es soll, egal, was mein Kopf gerade sagt. Also ja, es ist ein wichtiger Titel für mich, da es natürlich ein sehr persönliches Thema behandelt.
Tobias:
‚Infinite Skies‘ schlägt trotz der ganzen Dunkelheit des Albums eine etwas andere Richtung ein. Da geht es um Frust, Einsamkeit und Zweifel, aber gleichzeitig auch darum, nach vorne zu schauen, sich selbst anzunehmen und die eigenen Träume nicht aufzugeben. Brauchst du diese hoffnungsvolleren Momente selbst als Gegengewicht zu den düsteren Themen, die du ansonsten behandelst?
Vanessa Funke:
Manchmal muss es ja auch Positives geben! So gern ich auch das Düstere mag. Als eine Person, die sehr lange gebraucht hat, mit mir selbst klarzukommen, im Reinen zu sein und mich selbst anzunehmen, fand ich es auch mal schön, einen Zuspruch zu schreiben, den ich damals sehr gerne selbst gehört hätte. Davon ab ist die Welt nicht nur schlecht. Weshalb sollte ich also nur von negativen Dingen schreiben? Ich finde, etwas Positives ist manchmal auch ganz schön!
Tobias:
Mit ‚Dead Souls‘ hast du einen Song geschrieben, der mit 08:39 Minuten deutlich länger ist als der Rest des Albums und für mich musikalisch wie inhaltlich ein ziemlich harter Brocken ist. Was hat dich dazu gebracht, gerade diesem Thema so viel Raum zu geben? War von Anfang an klar, dass der Song diese Länge bekommen würde?
Vanessa Funke:
Nein, das war nicht von Anfang an klar. Die Musik ist zwar schon ziemlich alt (geschrieben am 16.10.2018, damals für die Band STORM UNLEASHED, in der ich Gitarre gespielt habe), aber ich erinnere mich tatsächlich noch sehr gut daran, wie es entstanden ist. Es war ursprünglich nur durchgeplant bis zu der ruhigen Interlude im letzten Drittel. Als ich bis dahin alles schon hatte, habe ich mehr oder weniger durch einfaches Rumklimpern die Idee gehabt, das Stück noch weiterzuführen. Und so artete es aus. Naja, ich mag lange Stücke eigentlich recht gern, weshalb es mich nicht gestört hat. Und als dann die Planung für dieses Album anfing, griff ich darauf zurück, mit ein paar Änderungen natürlich.
Inhaltlich passte das Thema einfach gut zur Musik und zu dem Arbeitstitel, welcher dann final auch geblieben ist. Mit der Länge gab sich natürlich auch viel Raum, um das im Text Angesprochene zu verarbeiten.
Tobias:
Ich finde, dass gerade deine Vocals einen großen Teil des Charakters von „Aura“ ausmachen. Deine Growls haben ordentlich Wucht, gleichzeitig funktionieren die klaren Passagen sehr gut und wirken nicht wie ein Fremdkörper. Wie hast du deine Stimme über die bisherigen fünf Alben hinweg entwickelt und gibt es beim Aufnehmen der Vocals bestimmte Dinge, auf die du heute anders achtest als noch bei „Solitude“?
Vanessa Funke:‘
Da ich zum Zeitpunkt von „Solitude“ erst wenig Erfahrung mit Gesang hatte, hat sich in der Zwischenzeit natürlich viel getan. Wie schon gesagt, hatten meine Clean Vocals nie viel Kraft, aber ich habe trotzdem einiges daran verändert. Vor allem, wie ich meine Atmung einsetze. Viel größer ist der Unterschied noch bei den Growls. Wo ich am Anfang eher noch ein ziemliches Gekrächze hatte, hab ich mich mittlerweile in ziemlich solide Tiefen vorgearbeitet. Zumindest bin ich echt zufrieden damit. Dazu achte ich mehr auf meinen Körper. Wenn ich merke, dass ich an einem Tag wirklich nicht aufnehmen kann, dann zwinge ich mich auch nicht. Das war früher anders. Ich achte dazu auch mehr auf die Technik. Wenn es schmerzt, mach ich definitiv was falsch. Und dann kommt ja noch, wie zuvor erwähnt, eine gesundheitliche, chronische Sache dazu, die eh dazu führt, dass ich sehr viel vorsichtiger bin als damals.
Tobias:
Musikalisch höre ich auf „Aura“ immer wieder unterschiedliche Einflüsse heraus. Mal musste ich an DARK TRANQUILLITY denken, dann kamen mir AMORPHIS oder AT THE GATES in den Sinn und zwischendrin blitzen für mich sogar NIGHTWISH-Momente auf. Gleichzeitig klingt das Album nicht wie eine Kopie dieser Bands. Welche Musiker oder Bands haben dich selbst geprägt und gibt es Einflüsse, die man deiner Meinung nach auf „Aura“ besonders deutlich heraushören kann?
Vanessa Funke:
Ich denke, der größte Einfluss ist wohl INSOMNIUM, was man auch ziemlich gut hören kann. Gerade das Songwriting von Ville Friman hat mich sehr geprägt und viele der Titel spiegeln das auch wider. Dazu kämen noch ETERNAL TEARS OF SORROW sowie DARK TRANQUILLITY. Aber es hat sich scheinbar auch METALLICA eingeschlichen. Ich wurde tatsächlich in den Kommentaren zum Video zu ‚Fading Memory‘ darauf aufmerksam gemacht, dass das Hauptriff schon sehr nach ‚Orion‘ klingt. Tatsächlich ja, wobei es wohl unterbewusst passiert ist. Dann gibt es noch speziell einen Einfluss für ‚Empty Heart‘, und zwar das Lied ‚Eisblumen‘ (in der Version von EISBLUME), welches damals, als ich zur Schule gegangen bin, echt gern gehört habe bzw. heute noch. Dann ist da noch Mike Oldfield. Man wird es vielleicht nicht direkt raushören, aber er ist der Grund, warum ich überhaupt damals angefangen habe, Gitarre zu spielen und Musik zu machen. Sollte daher also nicht unerwähnt bleiben.
Tobias:
Zum Abschluss muss ich noch einmal auf deine Arbeitsweise zurückkommen. Du stellst diese komplette Musik praktisch im Alleingang auf die Beine und hast gleichzeitig innerhalb von fünf Jahren fünf Alben veröffentlicht. Wenn du auf „Aura“ und die vier Vorgänger zurückblickst: Gibt es etwas, das du musikalisch noch unbedingt ausprobieren möchtest und das bisher auf keinem deiner Alben Platz gefunden hat?
Vanessa Funke:
Da gibt es, denke ich, noch vieles! Ich würde vielleicht mich noch an etwas folkigeren Elementen versuchen. Das habe ich bisher noch nicht so. Davon ab kann ich so oder so nie vorhersehen, was mich plötzlich inspiriert. Da können ganz lustige neue Einflüsse dabei sein. Was das wird, wird natürlich die Zukunft zeigen.
Tobias:
Vielen Dank, Vanessa, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Ich bin mit meinen Fragen durch. Möchtest du unseren Leserinnen und Lesern sowie den Fans noch ein paar Worte mit auf den Weg geben? Die Bühne gehört dir!
Vanessa Funke:
Erstmal bedanke ich mich natürlich für dieses Interview und hoffe, dass sich vielleicht irgendjemand daraufhin das Album mal anhört.
Tobias:
Vielen Dank für das tolle Gespräch und alles Gute für die Zukunft von VANESSA FUNKE! Ich werde mir jetzt definitiv auch deine bisherigen Alben noch genauer anhören.
Interview: Tobias Stahl
Photocredit: Jörg Kamann

