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THE OTHER – Unser Horror darf nach Moder riechen!

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Nach dem erfolgreichen Album „Alienated“ schlagen THE OTHER mit „Other Dimensions“ ein etwas anderes Kapitel auf. Statt eines klassischen neuen Studioalbums servieren uns die Horrorpunks um Rod Usher eine musikalische Geisterbahn mit neuen Songs, längst vergriffenen Raritäten und jeder Menge Punk-Klassikern. Ob das deutschsprachige ‚Aufgewacht‘ mit Kafka-Anleihen, das atmosphärische ‚My Silent Bride‘, die Coverversion von ULTRAVOX oder die Rückkehr alter Schätze: Hier treffen düstere Geschichten auf dreckigen Punkrock und jede Menge Horrorpunk-Attitüde. Im Gespräch mit Rod Usher geht es um echte Gruselkulissen, Atombunker, musikalische Einflüsse und natürlich die Frage, wie Halloween bei THE OTHER gefeiert wird. Also: Licht aus, Vorhang auf und rein in die nächste Horrorrunde!

Tobias:
„Alienated“ hat 2025 mit Platz 6 der deutschen Albumcharts und Platz 2 der Rock & Metal Charts ziemlich ordentlich abgeräumt. Was verändert so ein Erfolg innerhalb einer Band – und erzeugt er vielleicht auch zusätzlichen Druck für das nächste Album?

Rod Usher:
Zugegeben: Wir haben NIE mit einem solchen Erfolg gerechnet, obwohl wir natürlich alles versucht haben, um dorthin zu gelangen. Als es dann wirklich wahr wurde, kannte unsere Freude keine Grenzen. Die Konzerte wurden größer, die Hallen voller und die Presse interessierter. Klar, das schafft auch Druck. Alle Songs auf „Alienated“ sind sehr spontan geschrieben worden, oft drei in einer Nacht. Wir wollten erst versuchen, es wieder genauso zu machen. Nach Platz 6 denkt man natürlich kurz: „Okay, jetzt müssen wir mindestens Platz 5 schaffen.“ Aber dann erinnert man sich daran, dass man Horrorpunk macht und nicht bei der Tour de France ist. Wir gehen es also ab jetzt etwas ruhiger an – glaube ich.

Tobias:
„Other Dimensions“ ist kein klassisches neues Studioalbum, sondern verbindet neue Songs, Raritäten und Punk-Klassiker. Wie kam die Idee zu dieser Zusammenstellung zustande und nach welchen Kriterien habt ihr die zwölf Tracks ausgewählt?

Rod Usher:
Wir wollten nicht einfach ein Jahr später wieder mit dem nächsten regulären Album um die Ecke kommen. „Alienated“ hat noch gar nicht all die Leute erreicht, die es hören sollten! Aus dieser Writing-Session haben wir aber noch ‚My Silent Bride‘, ‚Aufgewacht‘ und ‚Run Runaway‘ zurückgehalten, um die Zeit zwischen „Alienated“ und dem hoffentlich in Zukunft erscheinenden zehnten Studioalbum zu überbrücken. Aber da wir nicht einfach nur drei Songs raushauen, sondern unsere Die-Hard-Fiends auch mit CD und Vinyl begeistern wollten, haben wir noch ein Cover von DIE STRAFE aufgenommen und Songs gesammelt, die teilweise schwer oder gar nicht mehr erhältlich waren.

Irgendwann war klar: Das ist kein normales Album, sondern eher eine musikalische Geisterbahn. Du weißt vorher nicht genau, was hinter der nächsten Kurve lauert. Von Goth-Rock bis Düster-Punk ist alles dabei.

Tobias:
‚My Silent Bride‘ feierte beim W:O 2026 seine Live-Premiere und eröffnet die Compilation. Dazu kommt ein Video, das in einem historischen „Mord-Haus“ in Wetter an der Ruhr mit Scare-Actors im Stil der alten Hammer-Horrorfilme gedreht wurde. Wie wichtig ist euch diese Verbindung von Musik, Horror und möglichst authentischen Kulissen?

Rod Usher:
Sehr wichtig. Wenn wir schon Horror machen, darf er ruhig ein bisschen nach Moder riechen. Ich finde es viel spannender, reale Orte zu benutzen, die bereits eine Geschichte haben, als irgendwo eine Plastikspinne an die Wand zu hängen – nichts gegen eine tolle Studiokulisse natürlich. Das Haus in Wetter hatte genau diese Atmosphäre. Dazu die Scare-Actors und die klassische Hammer-Horror-Ästhetik – plötzlich fühlt man sich nicht mehr wie beim Videodreh, sondern wie in einem Horrorfilm, bei dem man selbst auf der Bestattungsliste steht. Wir haben keine großen Budgets für Videodrehs, und leider schauen ja immer weniger Menschen Videoclips. Aber wenn wir können, möchten wir gerne die Stars unserer eigenen kleinen Filme sein.

Tobias:
Bei ‚Aufgewacht‘ geht ihr erstmals deutlich in Richtung deutschsprachiger Post-Punk und Deathrock. Gleichzeitig steckt mit Franz Kafkas „Die Verwandlung“ ein literarischer Bezug dahinter. Was hat dich an diesem Stoff gereizt und warum passte diese Geschichte für dich so gut zu THE OTHER?

Rod Usher:
„Die Verwandlung“ ist eine dieser Geschichten, die eigentlich gar keinen Horrortrick brauchen. Ein Mann wacht auf und ist plötzlich ein Käfer – schlimmer kann der Montag eigentlich nicht beginnen. Mich hat aber vor allem dieses Gefühl interessiert, plötzlich fremd im eigenen Leben zu sein und nicht mehr dazuzugehören. Dazu kommt die permanente Flut schlechter Nachrichten, die einen irgendwann selbst morgens schon mit dem Gefühl aufwachen lässt: Wo bin ich eigentlich und was bin ich eigentlich? Das passt erstaunlich gut zu THE OTHER.

Tobias:
Musikalisch hört man bei ‚Aufgewacht‘ deutliche 80er-Deutschpunk-Einflüsse heraus. War diese Richtung von Anfang an geplant oder hat sich der Song beim Schreiben einfach dorthin entwickelt?

Rod Usher:
Das war tatsächlich ziemlich bewusst. Aber zuerst war nicht klar, ob der Song überhaupt im THE OTHER-Kontext funktioniert und unter unserem Namen veröffentlicht werden sollte. Aber der Track hat etwas Kaltes, Dreckiges und Direktes und irgendwie fanden wir es dann doch passend. Bands wie Fliehende Stürme, Abwärts, Razzia oder EA80 haben natürlich ihre Spuren hinterlassen. Wir spielen ja sogar häufig mit Deathrock-Bands, waren sogar mit CHRISTIAN DEATH auf Tour. Da haben wir einfach mal all unsere Einflüsse zusammengeworfen und unser eigenes Giftsüppchen gekocht.

Tobias:
Für ‚Aufgewacht‘ hat Produzent Tim Schulte kurzerhand auch den Bass eingespielt. Wie kam es dazu und wie viel Freiheit gebt ihr euren Produzenten überhaupt, in den Entstehungsprozess eines THE OTHER-Songs einzugreifen?

Rod Usher:
Wir sind da ziemlich offen. Ein Produzent soll ja nicht nur auf den roten Knopf drücken und danach sagen: „Fertig.“ Tim hatte eine konkrete Vorstellung davon, was dem Song guttun könnte. Gerade die Strophe wurde im Studio zusammen mit ihm noch einmal komplett umgestellt und war vorher viel gitarrenlastiger. Er hatte die Idee für die Basslinie und hat den Bass kurzerhand selbst eingespielt. Wenn jemand etwas beiträgt, das den Song besser macht, wäre es ziemlich dämlich, aus Prinzip „Nein“ zu sagen. Wir haben schließlich keine Angst vor fremden Instrumenten.

Tobias:
Mit ‚Kleiner Kampf‘ habt ihr einen Song von DIE STRAFE aufgenommen. Wie wichtig sind für dich solche Coversongs und was muss ein Stück mitbringen, damit ihr ihm euren eigenen Horrorpunk-Stempel aufdrücken könnt?

Rod Usher:
‚Kleiner Kampf‘ hat eine ganz eigene Geschichte. Ich bin Fan der Band seit ihrem ersten Album, habe sie in den 90ern erstmals live gesehen und sie waren auch mal unsere Supportband. Und dann fragten sie uns, ob wir einen Song von ihnen für einen Coversampler aufnehmen würden. Klar, dass wir Ja sagten. Nun ist dieser Sampler aber bisher nicht erschienen. Wir sind aber weiterhin ganz begeistert von unserer metallisierten Version ihres normalerweise sehr deutschpunkigen Songs und daher haben wir sie nun gefragt, ob wir das Stück selbst veröffentlichen dürfen. Und DIE STRAFE haben uns nicht bestraft, sondern Ja gesagt. Da Bandmitglied Knippi auch noch der Stadionsprecher meines Lieblingsvereins ist, hat mich diese Kooperation besonders gefreut.

Tobias:
Bei ‚Dancing With Tears In My Eyes‘ habt ihr euch an den ULTRAVOX-Klassiker gewagt und ihn gleichzeitig in einem original erhaltenen Kölner Atombunker von 1979 visualisiert. Wie entscheidet ihr eigentlich, wann ein Cover musikalisch funktioniert – und warum war gerade diese Endzeit-Kulisse die richtige für den Song?

Rod Usher:
Der Song handelt von einer bevorstehenden Katastrophe und dem Wissen, dass nicht mehr viel Zeit bleibt. Wenn man dafür einen Atombunker von 1979 zur Verfügung hat, muss man eigentlich nicht mehr lange überlegen. Das ist eine Kulisse, die schon von alleine Geschichten erzählt. Außerdem fanden wir den Gedanken schön, einen Song über das Ende der Welt an einem Ort zu drehen, der tatsächlich dafür gebaut wurde, dass die Welt gerade nicht untergeht. Für uns war auch dieser Dreh ein echtes Erlebnis!

Tobias:
‚The Walking Dead‘ ist eine groovige, tanzbare Hymne, die geradezu nach Halloween-Playlist schreit. Was macht für dich einen THE OTHER-Song aus, bei dem man nicht nur mitnicken, sondern direkt mitsingen und abtanzen will?

Rod Usher:
Ein guter THE OTHER-Song muss gleichzeitig nach Friedhof und Tanzfläche klingen. Wir mögen diese Mischung aus düsteren Themen und Songs, die trotzdem sofort ins Ohr gehen. Horror muss ja nicht bedeuten, dass alle fünf Minuten jemand leidend durch den Keller kriecht. Wenn die Leute bei einem Song mitsingen, tanzen und dabei vielleicht sogar ein bisschen böse gucken, haben wir unseren Job erledigt.

Tobias:
Die beiden Raritäten ‚Can’t Stop the Monster Kids‘ und ‚Violence, Murder, Bloodshed‘ stammen von einer längst vergriffenen Bonus-CD aus dem Jahr 2010. Wie fühlt es sich an, solche alten Stücke Jahre später wieder auszugraben und ihnen endlich ein neues physisches Zuhause zu geben?

Rod Usher:
Das ist schon ziemlich cool. Manche dieser Songs haben sich über die Jahre fast wie Untote verhalten: offiziell weg, aber irgendwo immer noch am Leben. Gerade deshalb macht es Spaß, sie wieder ans Licht zu holen. Besonders diese beiden habe ich immer geliebt, weil sie so einfach sind und solche Energie besitzen. Und bei THE OTHER gehört physisches Material eh einfach dazu. Wir sind schließlich in einer Zeit groß geworden, in der man Musik noch in der Hand halten und nicht nur auf einem kleinen Bildschirm herumwischen konnte.

Tobias:
Zum Abschluss gibt es mit BAD RELIGIONs ‚Forbidden Beat‘ und THE DAMNEDs ‚Love Song‘ noch zwei echte Punk-Klassiker. Welche Bands und Songs aus der Punkgeschichte haben THE OTHER musikalisch am stärksten geprägt – und gibt es noch einen Klassiker, den ihr unbedingt einmal covern möchtet?

Rod Usher:
Sehr gute Frage. Da gibt es natürlich viele neben den besagten: MISFITS, RAMONES, TYPE O NEGATIVE, THE CULT, ALICE COOPER, sogar KISS und IRON MAIDEN. Und irgendwie auch jede Menge anderer Bands, die irgendwann unser Gehirn infiltriert haben. Dazu kamen im weiteren Verlauf auch Bands aus der Goth-Ecke. Was wir noch unbedingt covern wollen, verrate ich lieber nicht. Sonst steht morgen jemand mit einem Mikrofon vor unserer Wohnung und fragt, warum wir diesen Song immer noch nicht aufgenommen haben.

Tobias:
Produziert wurde „Other Dimensions“ von Christian Kohle, der unter anderem schon mit KANONENFIEBER, POWERWOLF und ELECTRIC CALLBOY gearbeitet hat. Was war euch bei seinem Sound für THE OTHER besonders wichtig – und was darf bei einer Produktion auf keinen Fall verloren gehen, damit der typische THE OTHER-Sound erhalten bleibt?

Rod Usher:
Wir wollten, dass die Platte modern und druckvoll klingt, ohne dass sie ihre Seele verliert. THE OTHER darf nicht klinisch werden. Man muss immer noch hören, dass da eine Band spielt und keine Horde perfekt programmierter Dämonen. Christian kennt diese Balance sehr gut, und da wir besonders seine Arbeit für KANONENFIEBER sehr schätzen, die ebenfalls einen fetten, aber zugänglichen Sound fahren, wollten wir es unbedingt mit ihm ausprobieren. Für mich ist eine gute Produktion dann gelungen, wenn sie die Songs größer macht, ohne ihnen das Gesicht abzuschneiden. Das hat funktioniert. Und vielleicht empfiehlt er uns mal bei POWERWOLF für eine gemeinsame Tour.

Tobias:
Halloween steht bei THE OTHER natürlich ganz besonders im Kalender. Wie feiert ihr Halloween eigentlich – eher gemütlich mit Horrorfilmen und viel Bier oder steht bei euch die volle Horrorpunk-Party auf dem Programm?

Rod Usher:
Da wir als MISFITS-Coverband namens GHOULS gestartet sind, war Halloween schon immer UNSER Fest. Schon damals, als es in Deutschland noch nicht so gefeiert wurde wie heute. Seit vielen Jahren spielen wir daher an und um Halloween Shows, meist unsere eigenen Hell Nights Tourdates, zu denen wir befreundete Bands einladen. Dieses Jahr gehen wir etwas zurück zu unseren Anfängen im legendären Kölner Club „Underground“ und rekreieren die Zeit im „Club Volta“, der das gleiche Fassungsvermögen hat wie das Underground damals. Und wir spielen als GHOULS. Nächstes Jahr wird wieder größer aufgefahren.

Tobias:
Welcher Horrorcharakter ist dein persönlicher Liebling – und was fasziniert dich gerade an dieser Figur?

Rod Usher:
Ich liebe den Werwolf. Die Ambivalenz zwischen menschlich und animalisch, reflektiert und triebhaft und instinktgesteuert sowie die dazugehörige Herausforderung am Tag und in der Nacht ist einfach spannend. Der klassische Vampir aber ist für mich schwer zu schlagen, da die Figur so viele Ebenen hat: Monster, Verführer, Außenseiter, Gentleman und wandelnder Albtraum in einer Person. Und er hat etwas, das viele moderne Horrorfiguren verloren haben: Stil. Wenn du schon die Leute aussaugst, dann wenigstens mit einem gewissen Niveau.

Tobias:
Und zum Pflichtprogramm für jeden Horrorpunk-Fan: Was ist dein persönlicher Lieblings-Horrorfilm oder deine liebste Horrorserie – und was macht sie für dich so besonders?

Rod Usher:
„Der Exorzist“ ist für mich einer der perfekten Horrorfilme, weil er das Übernatürliche so behandelt, als könnte es tatsächlich passieren. Der Film nimmt sich selbst absolut ernst, und genau dadurch wird er so verstörend. Dazu kommen diese unglaubliche Atmosphäre, die verstörenden Bilder und ein Dämon, der eine ganze Menge mehr Persönlichkeit hat als mancher menschliche Zeitgenosse. Ich mag Horror, der sich wirklich in deinem Kopf festsetzt. Und wenn der Teufel dabei auch noch die besseren Sprüche auf Lager hat, umso besser.

Tobias:
Möchtest du unseren Leserinnen und Lesern zum Abschluss noch ein paar Worte mit auf den Weg geben?

Rod Usher:
Ich hoffe immer sehr, dass uns auch noch neue Menschen entdecken – auch nach zig Shows auf großen Festivals wie Wacken oder Summer Breeze, Gigs mit Alice Cooper, Danzig oder Bela B., einem Top-Ten-Album und TV-Beiträgen kennen uns noch viel zu wenige. Daher möchte ich euch allen sagen: Habt keine Angst! Wir mögen gruselig aussehen und euch Albträume bescheren. Aber ihr werdet euch freuen, wenn ihr mal unsere Songs antestet – versprochen!

Tobias:
Vielen Dank für deine Zeit und die spannenden Einblicke, Rod – ich wünsche euch mit „Other Dimensions“ einen grandiosen Release und eine tolle Halloween-Saison!

Interview: Tobias Stahl
Photocredit: ItWaits Art