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TEMPTATIONS FOR THE WEAK – Der Biss von “The Venom Inside”

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Mit “The Venom Inside” haben TEMPTATIONS FOR THE WEAK Ende Februar ihr viertes Studioalbum in Eigenregie veröffentlicht und eine wuchtige Mischung aus Thrash Metal, Metalcore und modernem Heavy abgeliefert. Die Belgier klingen absolut international – mit einer kraftvollen Produktion von Scott Atkins im Grindstone Studio und einem hochkarätigen Gastauftritt von Jesse Leach (KILLSWITCH ENGAGE) auf ‘Crossroads’ – und dennoch sind sie irgendwie bis vor Kurzem unter meinem Radar geblieben. Etwas, das ich ehrlich gesagt ein wenig bereue, denn dieses Album trifft von Anfang bis Ende hart. Umso mehr Grund, die Band endlich besser kennenzulernen und über die Entstehung von “The Venom Inside”, eure Einflüsse, die belgische Metal-Szene und eure Zukunftspläne zu sprechen.

Im Interview sprechen Djoni Tregub (Gitarre/Vocals) und Jadran Beauprez (Vocals) über das neue Album, ihre musikalischen Einflüsse und die aktuelle Situation der belgischen Metal-Szene.

Tobias:
Zuallererst Glückwunsch zu eurem Killer-Album “The Venom Inside”! Und ganz ehrlich: Ich könnte mir fast selbst in den Hintern treten, dass ich TEMPTATIONS FOR THE WEAK erst jetzt entdeckt habe. Wie fühlt ihr euch mit den bisherigen Reaktionen auf die Platte?

Jadran:
Bisher sind wir mit allen Reaktionen ziemlich zufrieden. Wir bekommen in ganz Europa sehr positive Reviews. Während unserer aktuellen Album-Clubtour merken wir wirklich, dass die Leute die bereits veröffentlichten Singles kennen und sie mit uns mitsingen (das ist übrigens ein großartiges Gefühl). Für TFTW verändert sich definitiv gerade etwas.

Tobias:
Für alle, die euch vielleicht – so wie ich bis vor Kurzem – noch nicht auf dem Radar hatten: Erzählt doch ein bisschen über euch. Wie hat alles angefangen, wie seid ihr zum Metal gekommen und wie haben sich TEMPTATIONS FOR THE WEAK über die Jahre entwickelt?

Djoni:
Ich habe die Band 2011 mit einem anderen Gitarristen gegründet, der die gleiche Vision und den gleichen Musikgeschmack hatte. Er ist nach drei Jahren ausgestiegen, aber er hat unseren Schlagzeuger Timo in die Band gebracht. Nach frühen Besetzungswechseln haben wir schließlich das aktuelle Line-up gefunden, das jetzt schon seit mehreren Jahren stabil ist und stark zusammenarbeitet. Diese Band ist immer noch die erste Metalband, in der ich jemals gespielt habe. Gleichzeitig war ich etwa acht Jahre lang noch in einer zweiten Metalband aktiv. Davor war ich zu beschäftigt damit, die Songs von Joe Satriani und Paul Gilbert zu üben.

Jadran:
Ich habe schon sehr früh angefangen, Michael Jackson zu hören. Damals waren ‘Bad’, ‘Thriller’ und ‘Smooth Criminal’ das härteste Material, das ich in die Finger bekommen konnte. Mit etwa elf Jahren brachte ein Schulfreund eine Kassette mit “Appetite for Destruction” mit in die Klasse. Gekauft! Danach kamen all die klassischen Bands: METALLICA, TESTAMENT, WHITE ZOMBIE, PANTERA … Mit etwa 14 kam auch die Grunge-Welle dazu. Mit 16 trat ich meiner ersten Band bei. Damals gab es nicht so viele Bands, die Auswahl war begrenzt, und ich wurde genommen. Sie spielten Old-School-Hardcore. Dort wurde ich Bands wie MADBALL, MERAUDER, PRO-PAIN, DOWNSET, BIOHAZARD, CONGRESS und CRO-MAGS vorgestellt. Ab diesem Moment gehörten Bands, Shows und Musik fest zu meinem Leben – und das ist bis heute so geblieben.

Tobias:
Wenn ihr heute auf eure frühen Releases zurückblickt – was hat sich für euch am meisten verändert, musikalisch und vielleicht auch persönlich?

Djoni:
Es fühlt sich an, als würde man sich alte, etwas peinliche Kinderfotos anschauen – aber man erinnert sich trotzdem an die großartige Zeit, in der man seine ersten Aufnahmen gemacht hat. Es gab noch viel zu lernen und viel Trial-and-Error. Heute sind wir alle deutlich bessere Musiker und Songwriter. Außerdem bringt jeder von uns seine eigene Persönlichkeit in die Musik ein.

Tobias:
Wie würdet ihr die aktuelle Metal-Szene in Belgien beschreiben? Ist dort viel los oder muss man sich als Band alles hart erkämpfen?

Jadran:
Im Moment kommt sehr viel gute Metal-Musik aus Belgien, und viele Bands erweitern ihre Grenzen. CARNATION, EVIL INVADERS, SCHIZOPHRENIA, BÜTCHER und PSYCHONAUT sind international richtig am Durchstarten! Die Post-Metal-Szene hat ebenfalls einen großen Anteil an Bands, die sowohl auf Underground- als auch auf Mainstream-Festivals sehr gut funktionieren. Wir selbst bringen eine Mischung aus Groove, Thrash und Metalcore, und wir haben nicht das Gefühl, in unserem Genre besonders viel Konkurrenz zu haben. SPOIL ENGINE war eine Band aus unserem Bereich, die sehr erfolgreich war und deren ambitionierten Weg wir gerne verfolgen würden.

Tobias:
Ihr startet mit ‘Silver Lining’ sehr direkt ins Album. Man hört eure Liebe zu SYLOSIS deutlich, aber ich bekomme auch starke TRIVIUM-Vibes – absolut positiv gemeint. Wie würdet ihr euren eigenen Sound beschreiben und wie bewusst lasst ihr eure Einflüsse einfließen?

Djoni:
SYLOSIS und TRIVIUM sind definitiv große Einflüsse, also haben sich wahrscheinlich einige Dinge in unser Denken eingeschlichen und ihren Weg in unseren Schreibstil gefunden. Der wichtigste Punkt für uns ist aber Vielfalt. Wir mischen gerne verschiedene Elemente, das sorgt auch für dynamischere Liveshows. Es gibt heutzutage zu viele Bands, die immer dem gleichen Muster folgen: Aufbau, Catchphrase, dann ein Tough-Guy-Breakdown. Für mich klingt das einfach langweilig und sehr vorhersehbar.

Tobias:
Ihr bewegt euch irgendwo zwischen Thrash, Metalcore und modernem Heavy. Seht ihr euch als Genre-Band oder sind euch solche Kategorien völlig egal?

Jadran:
Ich bin ehrlich gesagt kein großer Fan von Kategorien. Sagen wir einfach: Zuerst war die Musik da, und danach hat jemand Kategorien erfunden, oder?

Tobias:
‘Drowning World’ hält die Intensität hoch und zeigt textlich direkt auf die Wunden unserer heutigen Welt. Die brutalen Growls verstärken das noch zusätzlich. Wie wichtig ist euch der soziale Aspekt in euren Lyrics?

Djoni:
Nicht wirklich besonders wichtig. Die meisten Texte entstehen aus persönlichen Erfahrungen und inneren Kämpfen, die viele Menschen mit sich herumtragen. Musik ist einfach ein großartiges Ventil für all diesen Ballast. Außerdem dürfen wir Leute anschreien – das wirkt sehr kathartisch.

Tobias:
Was steckt hinter dem Albumtitel “The Venom Inside”? Gibt es einen roten Faden oder Themen, die euch besonders wichtig sind?

Jadran:
Zum Albumtitel ‘The Venom Inside’ und zum Artwork kann ich Folgendes sagen: Die Schlange ist ein Motiv, das in allen Artwork-Konzepten von TFTW auftaucht. Für mich steht sie für ‘Versuchung’, wie in der alten Geschichte von Adam und Eva, in der die Schlange Eva ins Ohr zischt, sie solle ‘einfach hineinbeißen’. In unserem neuen Artwork repräsentiert diese Schlange das ‘Gift’, das sich eng um ein menschliches Herz windet. “The Venom Inside” steht für die verborgene Dunkelheit, die die Menschheit in sich tragen oder verstecken kann, ohne dass man an der Oberfläche etwas davon erkennt.

Tobias:
In ‘Final Straw’ setzt ihr deutlich mehr auf Clean Vocals, und generell variiert die Gesangsperformance auf dem Album stark. Wie wichtig ist euch diese Dynamik zwischen Härte und Melodie?

Jadran:
Für mich ist das ein großer Teil der Magie unserer Band – die ständige Dynamik zwischen den beiden Stimmen.

Djoni:
Definitiv ein sehr wichtiger Teil der Band. Es hat eine Weile gedauert, bis wir uns aneinander gewöhnt und wirklich verstanden haben, in welchen Bereichen unsere Stimmen funktionieren. Danach haben wir ein paar Anpassungen vorgenommen, damit die Vocals besser miteinander verschmelzen, statt gegeneinander zu arbeiten.

Tobias:
‘Turned to Stone’ wirkt wie ein Moment zum Durchatmen, bevor ‘Desperate Measures’ wieder alles einreißt. Baut ihr solche Spannungsbögen bewusst ein oder passiert das eher natürlich?

Djoni:
Ja, wenn man zehn Songs lang Vollgas gibt, wird es irgendwann zu einem einzigen Rauschen. Dieser Song war für uns ein Experiment mit einem kleinen Throwback zu den Balladen der 90er.

Tobias:
‘Obsession’ beginnt sehr kontrolliert, bevor der Song eskaliert. Spielt ihr gerne mit Erwartungen oder ist das einfach euer natürlicher Flow?

Djoni:
Ich liebe es, Songs zu schreiben, die nicht unbedingt dem typischen Strophe-Refrain-Schema folgen. Das habe ich mir ein bisschen von SYSTEM OF A DOWN abgeschaut. Es fühlt sich eher an, als würde man eine Geschichte erzählen und den Hörer auf eine Reise mitnehmen.

Tobias:
‘Crawl Through The Ashes’ hat für mich dieses klassische Live-Banger-Potenzial – schafft es der Song in eure Setlist?

Jadran:
Das ist der absolute Circle-Pit-Starter, also JA. Für mich ist es außerdem der härteste Song, den wir live spielen – ein totaler Bauchmuskel-Killer, pfiew!

Tobias:
‘Legacy’ ist für mich der stärkste Song auf “The Venom Inside”. Er hat einfach alles – Impact, Intensität, Energie. Gibt es einen Track auf dem Album, der für euch persönlich besonders heraussticht?

Djoni:
Das wechselt bei mir ständig. Es sind alle meine Babys!

Tobias:
Ihr seid bekannte SYLOSIS-Fans – und am Ende habt ihr mit Scott Atkins im Grindstone Studio gearbeitet, der auch mit SYLOSIS, CRADLE OF FILTH, MACHINE HEAD und BEHEMOTH gearbeitet hat. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande und wie war die Arbeit mit ihm?

Djoni:
Jadran hatte die Idee, obwohl ich zunächst dachte, dass es unrealistisch ist, dass er überhaupt mit uns arbeiten würde. Sein Lebenslauf ist schon ziemlich einschüchternd … Aber er ist ein großartiger Typ und es war eine echte Freude, mit ihm zu arbeiten! Ein absoluter Profi, der sich wirklich Zeit genommen hat, damit die Platte herausragend klingt. Er hätte einfach ein paar Plug-ins drauflegen und Feierabend machen können, aber er hat sich wirklich reingehängt.

Tobias:
Mit ‘Crossroads’ habt ihr außerdem Jesse Leach von KILLSWITCH ENGAGE auf dem Album. Wie kam es dazu und wie lief die Zusammenarbeit konkret ab?

Djoni:
Da hatten wir einfach Glück. Als wir die Aufnahmen gerade abschlossen, hatten wir das Gefühl, dass noch etwas Besonderes fehlt. Zufällig landete ich auf seiner Instagram-Seite und sah, dass er für Kollaborationen offen war. Also schickten wir ihm eine Mail mit den Demos. Innerhalb eines Tages kam eine Antwort, dass er total Bock darauf hat – und der Rest ist Geschichte.

Tobias:
Ehrlich gesagt bin ich bei der Qualität eurer Songs überrascht, dass ihr noch ohne großes Label seid. Ist das eine bewusste Entscheidung oder hat sich das richtige Angebot einfach noch nicht ergeben?

Jadran:
Heutzutage ist es nicht leicht, einen guten Plattenvertrag zu bekommen. Es geht nicht nur darum, gute Musik und ein starkes Album zu machen – man muss ein komplettes Paket liefern und beweisen, dass sich die Platte auch verkauft. Man muss viel spielen, viele Follower und Interaktionen haben. Fast muss man schon eine Rockstar-Band sein, bevor man überhaupt einen guten Deal bekommt.

Tobias:
Euer Sound wirkt sehr international, aber trotzdem nicht austauschbar. Wie wichtig ist es euch, eure eigene Identität zwischen all den großen Namen zu behalten, mit denen ihr verglichen werdet?

Djoni:
Wir sind immer noch eine kleine Band, also gibt es wenig Druck. Wir versuchen einfach, die bestmöglichen Songs zu schreiben, damit wir großartige Liveshows spielen können – das ist der wichtigste Teil der Existenz dieser Band. Wir folgen keinen Trends, deshalb fließt die Musik ganz natürlich aus uns heraus.

Tobias:
Wie sieht es mit Liveshows aus? Gibt es Pläne, nach Deutschland zu kommen? Und wenn ihr frei wählen könntet – mit welcher Band würdet ihr am liebsten touren?

Jadran:
Wir würden sehr gerne wieder zum SUMMER BREEZE Festival kommen. Ich stehe mit vielen deutschen Festivals in Kontakt – und ja, ihr habt wirklich extrem viele! – aber wir müssen warten, bis jemand wieder anbeißt. Außerdem suchen wir einen guten Booker, um stärker in Deutschland Fuß zu fassen. Traumtouren wären mit KILLSWITCH ENGAGE, SYLOSIS, MACHINE HEAD oder BLEED FROM WITHIN.

Tobias:
Was sind eure Ziele mit “The Venom Inside”? Wohin soll der Weg für TEMPTATIONS FOR THE WEAK von hier aus führen?

Jadran:
Ich würde gerne mehr Clubshows in Frankreich, Holland und Deutschland spielen, und wie jede Band sind wir extrem hungrig auf Sommerfestivals überall in Europa. Dieses Jahr spielen wir beim ARE53 Festival in Österreich mit ARCH ENEMY und beim ALCATRAZ Festival. Wir hoffen, dass GRASPOP unsere harte Arbeit bemerkt und uns vielleicht noch als Last-Minute-Option ins Line-up nimmt.

Tobias:
Die letzten Worte gehören euch – was möchtet ihr euren Fans und unseren Lesern sagen?

Jadran:
Wenn ihr mit den Metalbands der 90er aufgewachsen seid, wenn ihr auf groovige Sachen, Thrash oder Core steht, dann hört unbedingt in unser neues Album rein! Und wenn ihr ein paar Kalorien verbrennen wollt, kommt zu einer unserer Shows – wir schonen niemanden.

Interview: Tobias Stahl
Photocredit: Tim Tronckoe