Im Zuge der Neuveröffentlichung des SODOM Krachers „Get What You Deserve“ bot sich uns die Gelegenheit an, mit dem von 1991 bis 1994 bei den Gelsenkirchenern aktiven Gitarristen Andy Brings ein Videointerview zu führen. Er ist weiterhin groß im Geschäft durch den Rock’n’Roll Act DOUBLE CRUSH SNDROME sowie diverse andere Tätigkeiten im Business. Wir sind jedoch damit verblieben, die Historie und sein Mitwirken bei einer der wegweisendsten Thrash Metal Combos der Geschichte genauer unter die Lupe zu nehmen. Nach einem kurzen Smalltalk über unser Onlinemagazin, dem Transkribieren von Interviews und alte Print Fanzines legte Andy an einem Donnerstagabend Ende Februar auch schon munter drauf los, um über das brandaktuelle Thema – dem Entstauben alter Meisterwerke – zu erzählen…
Marius:
Heute habe ich mir wieder sowohl die reguläre Remaster als auch Deinen „Blitzkrieg Remix“ der „Get What You Deserve“ (1994) und beide Versionen der „Aber bitte mit Sahne“ EP angehört. Ich kenne das Album seit Teenagertagen und die SODOM Sachen der 90er haben mir schon immer Bock gemacht. Mit dem Re-Release bin ich überrascht, dass es doch eigentlich drei Cover für das Album gibt. Das bekannte Cover im Hotelzimmer, das schlichte Bandfoto, jedoch auch ein gezeichnetes von Andreas Marschall, welches nie Verwendung fand.
Andy:
„Es wurde ausschließlich ein T-Shirt Motiv; ohne Sinn und Verstand, obwohl es das Cover werden sollte. Und jetzt dachten wir, warum nicht alle angedachte? Das sieht wirklich schön aus.
Der Andreas war damals sehr viel beschäftigt. Das war so ein bisschen inflationär, seine Bilder waren überall. Er hat ja seinen Stil und wenn viele das so haben, wollten wir uns abgrenzen. SODOM war mittlerweile eine andere Band geworden. Chris war raus, ich war der 400. Gitarrist. (Atomic) Steif war drin und wir wollten uns mit dem Album abgrenzen. Wir haben René Bonsink, den wahnsinnigen Fotografen aus Düsseldorf, kennen gelernt. Er ist leider auch letztes Jahr verstorben. Das Hotelzimmer sah genauso aus, der hatte wahnsinnige Ideen. Es war eine riesige Sauerei, der Schweisekopf war auch ein echter. Manfred Schütz brüllte wirklich den Satz raus: „Wofür verschwendet Ihr Penner mein Geld?“. Das kannste eben nicht im Kaufhof neben Mariah Carey, Santana oder was auch immer stellen. Die stellen das gar nicht hin. Und deswegen das Bandfoto. Aber wir stehen dazu: das Hotelzimmerbild knallt immer noch.“
Marius:
Marschall hat ja für Running Wild gemalt, daher ist er für mich als großer Fan auch sehr von Bedeutung…
Andy:
„Genau. „Pile Of Skulls“ ist von ihm, Rage hat er damals auch gemacht. Waren ja alles Drakkar Bands, wir waren beim selben Management. Es war naheliegend. Wir dachten aber, wir schlagen mal einen Haken und machen was anderes.“
Marius:
Beim Erstrelease war dann schon das Bandfoto auf dem Cover, richtig?
Andy:
„Das Bandfoto war als Einlieger oben drauf und das Booklet hatte dann das Hotelzimmer Cover. Es war also im Laden immer nur das Bandfoto zu sehen. (Er holt sein Vinyl aus dem Schrank). Das ist die originale Erstpressung. Bandfoto und drinnen das Hotelzimmerbild als Einleger. Und bei der CD ist es andersrum. Gut einpacken wieder, ist ja mittlerweile mehrere hundert Euro wert…“
Marius:
Ja, 1994 wollte keiner Vinyl haben…
Andy:
„Es war ein Wunder, dass das überhaupt gemacht wurde…“
Marius:
Erzähl‘ mal, was Deine Intention hinter dem neuen „Blitzkrieg Remix“ war. Er klingt ja noch räudiger, punkiger, reduzierter…
Andy:
„Bei „Tapping The Vein“ hatte ich ja auch schon einen neuen Mix angefertigt. Ich betone immer wieder, dass es mir nicht darum geht, das Original zu ersetzen oder die Platte besser zu machen, sondern Sekundärliteratur zu liefern. Ich war damals im Raum und kann damit zeigen, wie ich die Band so gehört hatte. Wie durch ein Wunder existieren aus meiner Ära bei SODOM alle Multitrack Bänder. Ich kann alle einzelnen Spuren anfassen und einen neuen Mix anfertigen. Viele beschwerten sich, dass man die Gitarre bei „GWYD“ nicht gut hören kann. Wir wollten damals so einen Brocken hinwerfen. So wollte ich schauen, wie man den Spirit beibehalten und trotzdem die Gitarre erhalten kann. Da sind jetzt keine Samples und Effekte mehr drauf. Ich wollte auch nichts modernisieren und dass man das jetzt neben Sabaton stellen kann; was die verrückten jungen Leute so hören. Ich wollte den wilden Punk Charakter noch weiter nach vorne stellen. Da ist dann halt nicht jeder Snare Schlag gleich laut, aber das ist es bei keinem Schlagzeuger. Steif konnte schon sehr gut Schlagzeug spielen. Kein Reamping. Soll ja nicht klingen wie nach dem Motto: „Hurra, wir stehen jetzt in der Garage.“ Es soll schon gut hörbar sein, aber „GWYD“ muss weh tun. Ohne das Original zu ersetzen…“
Marius:
Mir hat Dein Mix von „Tapping The Vein“ gut gefallen. Brückenschlag: SODOM haben ja vor gut einem Jahr – Ende Dezember 2024 – zusammen mit Dir das halbe Album bei ein paar Shows live gespielt. Ich war damals in Heidelberg, wo kurz vor Deinem Auftritt das Konzert aufgrund eines verunfallten Crowdsurfers mit anschließendem Notarzteinsatz unterbrochen wurde (es folgt ein kurzer Smalltalk, bei dem sich beide über ihre Erlebnisse austauschen).
Andy:
„Ich stand schon mit der Gitarre am Bühnenrand, dann wurde unterbrochen und es herrschte erstmal Ratlosigkeit. Es war sehr voll und wild, aber die Luft
war so ein bisschen aus dem Abend raus. Das Publikum mit angezogener Handbremse, aber trotzdem ein legendärer Abend.“
Marius:
Okay, und jetzt? Wie sieht’s mit der halben „GWYD“ live aus ;-)?
Andy:
„Also, Tom spielt ja nicht und macht bis auf Weiteres Pause. Damit haben sich eigentlich erstmal alle Gedankenspiele erledigt. Ich weiß nicht, ob und wann Tom wiederkommt. Es gibt da keine Gespräche und mehr kann ich auch nicht dazu sagen. Hat auf jeden Fall Spaß gemacht mit Tom und Toni zu spielen. Wir haben zusammen geprobt und dann darf das nicht so eine halbherzige Nummer sein. Ich war mit Toni wochenlang im Bootcamp und das musste auch echt sitzen. Tom und ich haben auch diese besondere Chemie. Es wäre reizvoll, aber ich weiß nicht, ob Tom nochmal zurückkommt. Ich glaube, der gewöhnt sich gerade ans Homeoffice. Übermorgen wird er 63. An Bon Scotts Todestag…“
Marius:
Das kann ich mir gut merken, mein Vater ist ebenfalls ‘63er Jahrgang. Ich bin 91er; als „Tapping The Vein“ rauskam, hab ich noch in die Windeln geschissen…
Andy (ganz trocken):
„Ich auch.“ (allgemeines Gelächter…)
Es folgt weitere Fachsimpelei über mein erstes SODOM Konzert 2007, das Witchhunter Tribute Festival in Oberhausen 2009, wo Andy auch war, aber das ganze nicht so gut in Erinnerung hat…
Marius:
Was ist Dein Lieblingslied von „GWYD“?
Andy:
„Wahrscheinlich ´Silence Is Consent´, möglicherweise ´Jabba The Hut´, je nach Tagesform auch ´Freaks Of Nature´, aber es geht nicht asozialer und stumpfer als ´Gomorrha´. Im besten Sinne aber. Oder der Titelsong. Wie der schon losgeht…“
Marius:
Du weißt in der ersten halben Sekunde, wo es lang geht. Die CD hat noch nicht richtig geladen und der erste Snare Schlag ist schon vorbei…
Andy:
„Wie Bud Spencer und Terence Hill. Erstmal mit der Schelle von Terence Hill, dann verkloppen die Dich 45 Minuten lang ohne Unterlass und Du bist danach einfach glücklich.“
Marius:
Definitiv. Die CD kam übrigens mit Unterschriften von Tom und Dir im Booklet. Und da frage ich mich, ob Ihr wirklich alle Unterschrieben habt.
Andy:
„Ja, wir haben davon hunderte unterschrieben. Die gibt’s bei EMP. Wir haben die unterschrieben und dann wurde die nochmal eingeschweißt.“
Marius:
Bei der Vinylbox ist ja noch viel mehr dabei, das ist dann ein ganz anderes Level.
Andy:
„Wir geben uns viel Mühe damit, dass das „value for money“ ist. Verschiedene Vinylfarben, das Buch; also, daran verdient sich jetzt keiner ‘ne goldene Nase mit. Die ganze Arbeit, das zahlt einem ja keiner. Aber darum geht es ja gar nicht, sondern um Idealismus. Mir geht’s darum, dass die Leute glücklich sind.“
Marius:
Ihr habt ja während der „GWYD“ kurz vor Release – mit Motörhead, Kreator und Entombed Ende 1993 – und dann im Frühjahr 1994, nach Release, eine Tour gespielt. Ich habe tatsächlich mal ein Tourshirt vor etlichen Jahren 2nd Hand Laden gekauft mit allen Bands von der Tour 1993.
Andy:
„Das ist ein Bootleg Shirt, es gab offiziell keines mit allen vier Namen drauf. Davon habe ich mir damals auch eins auf einem Parkplatz gekauft. Das ist wirklich selten… Da bist Du echt der einzige außer mir, den ich kenne, der das Shirt besitzt.“
Und wieder verfallen beide Parteien in Fachsimpelei über Onlineshopping, den Reiz von Flohmärkten und gestiegene Preise auf Plattformen wie Discogs…
Marius:
Motörhead sind meine absolute Lieblingsband. Erzähl doch mal ein bisschen was von dieser Tour. Da interessieren mich schon ein paar Stories aus dem Nähkästchen…
Andy:
„Witzigerweise war unsere Show in Würzburg 1993 auch mein erstes Motörhead Konzert. Die durchlebten ja damals auch schwere Zeiten. Wir haben dafür Gage bekommen, ich hätte das auch umsonst gemacht. Das war vor der Zeit, wo Lemmy einen Film gemacht hat oder bei Markus Lanz war. Das waren schon garstige Veranstaltungen. Motörhead Shows waren was anderes als ein Kiss- oder Maiden Konzert. Da kamen Rockerbanden hin. Das war schon räudiger. Ich habe Lemmy mal in der Garderode aufgesucht und mir ein Autogramm aufs Poster geben lassen. Der war einfach total nett. Du machst da „Klopf, Klopf!“ und Lemmy sitzt da mit Jacky Cola am Spielautomaten. Das war so n Pommesbudenautomat, nur mit dem „Snaggletooth“ in der Mitte. Sieht man auch auf dem Video zu ´Sodomized´, wo ich mit meiner Kamera gefilmt habe. Ich bin jetzt älter, als Lemmy damals war. Das ist schon hart. Tom war damals für mich ja schon alt. Ich war 22 und habe Tom zum 30. Geburtstag eine Beileidskarte geschenkt… Es war für mich eine absurde Vorstellung, wie man mit 50 noch Rock’n’Roll machen kann. Wir waren damals Rotzblagen aus heutiger Sicht. Lemmy ist jetzt 10 Jahre tot und immer noch omnipräsent. Die leben halt ewig. Das war eine unfassbar gute Tour. 45-50 Minuten „Greatest Hits“ und „Aber bitte mit Sahne“ im Gepäck. Mit „Ausgebombt“ haben wir jeden Abend angefangen und dann hatten wir manchmal schon den Tagessieg in der Tasche. Das war ein Traum, muss ich schon sagen. Wir hatten damals Promo CDs verteilt, aber ich glaube, wir hatten nur das Cover gespielt.“

Marius:
Ihr seid dann im Frühjahr 1994 nochmal eine ausgiebige Tournee gefahren.
Andy:
„Genau, unsere eigene Tour. Vorgruppe waren Warpath, davon ist aber nur noch der Sänger übrig. Meine letzte Tour mit SODOM. Ich kann mich gut an die Shows erinnern, die waren aber schlechter besucht als die Shows der „Tapping The Vein“ Tour. Da hat sich schon einiges geändert, Bands wie Biohazard oder Paradise Lost kamen da gerade auf. Gut besucht, aber nicht immer „sold out“. Aber ich kann nur sagen: meine Zeit bei SODOM hat mir Spaß gemacht. Rock’n’Roll dreams come true. Ich stehe auf und der Tag ist mein Freund. Und wenn ich den mit Rock’n‘Roll füllen kann, bin ich glücklich. Damals war natürlich eine andere Zeit, aber ich habe das sehr genossen. Mit SODOM schauen wir natürlich extrem zurück, auch wenn ich eher nach vorne schaue. Das ist jetzt aber nicht nur Nostalgie, wir versuchen, das in die heutige Zeit zu transportieren. Wir versuchen, das zu einem zeitgenössischen Thema zu machen.“
Marius:
Atomic Steif ist ja auch kürzlich – im August 2025 – verstorben. Der hat am Ende gar nichts mehr gemacht, oder?
Andy:
„Am Ende auch komplett abgetaucht. Ich habe ihn zuletzt 2007 in Wacken auf der Bühne gesehen, nicht so eine schöne Erfahrung mit ihn. Mit 57 ist natürlich auch viel zu früh. Ich habe gehört, er war am Ende total frustriert vom Musikbusiness. Er hat ja nochmal mit Holy Moses gespielt, aber kaum jemand hatte noch Kontakt zu ihm. Alle SODOM Trommler aus meiner Ära sind tot… Chris ist ja mit 42 gestorben. Jeder hat so seine Dämonen, die Sauferei ist halt der Teufel. Aber da darf man auch nicht drüber richten…“
Marius:
„GWYD“ ist ja jetzt nicht der Klassiker, der im Bandkontext als erstes genannt wird, das wäre eher „Tapping the Vein“ oder „Agent Orange“. Aber in den 90ern waren SODOM halt eine Band, die keinen Kurswechsel machten und diese Knallköpfigkeit von Bands wie Motörhead, Running Wild oder Euch fand ich schon immer einfach geil. Kreator haben „Renewal“ gemacht, Ihr „GWYD“.
Andy:
„Also, ich finde „Renewal“ super. Die ist sehr radikal. Aber ich mag radikal…“
Marius:
Was ist Dein Lieblingsalbum von SODOM ohne Dein Mitwirken?
Andy:
„Ich hatte ja 2006 die selbstbetitelte mitproduziert, von daher fällt die raus. Völlig ohne meine Beteiligung ist es ganz klar „Better Off Dead“ (1990). Ohne die wäre ich gar nicht bei SODOM eingestiegen. Die ersten zwei fand ich 1985/86 richtig blöd. Gegen Anthrax, Metal Church, Hirax und Nasty Savage konnten SODOM mir damit keine Freude machen. Richtig, infantiler Quatsch, mit dem sie bei mir keinen Blumentopf gewinnen konnten. Ich habe der Band überhaupt keine Bedeutung mehr beigemessen. Als der SODOM Ball an mir vorbei gerollt ist, habe ich mir dann „Agent Orange“ – die ist auch gut – und „Better Off Dead“ angehört. Die ist recht clean, auch mit der Tank Coverversion. „Masquerade In Blood“ ist richtiger Mumpitz. Räudig ist eine Sache, aber das ist schon Müll. Ich habe jedoch gestern zum ersten Mal in meinem Leben „Obsessed By Cruelty“ – die zweite Aufnahme aus Hiltpoltstein – komplett und aufmerksam, aber nicht zum Spaß angehört. Darauf kann ich aber noch nicht weiter eingehen. Ich verstehe mittlerweile, warum das Kult ist, aber gut ist etwas Anderes. Die Songs haben ja überhaupt keine Struktur. Der Chris spielt da irgendwas… Aber sie schaffen es, gleichzeitig anzufangen und aufzuhören. So ‘n paar Abschläge machen sie auch gemeinsam… Aber ich kann den Magnetismus schon verstehen.“
Auch wenn wir nicht bei allem – ganz besonders hinsichtlich den Frühwerken – einer Meinung sind, hat es großen Spaß gemacht, gut anderthalb Stunden mit einer Legende des deutschen Thrash Metal zu fachsimpeln. Vielen Dank an Andy für die Zeit und das große Interesse, das er sich für uns genommen hat. Die Neuauflage von „Get What You Deserve“ ist seit dem 27. Februar im Handel erhältlich.
Interview: Marius Gindra
Photo Credits: Sodom: Rene Bonsink
Andy Brings: Sven Bernhardt

