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SEASONS IN BLACK – Aus ‘Enter Sandman’ wurde dieses Ding

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Acht Jahre liegen zwischen “Deadtime Stories” und “The Swansong Diearies”, wiederum zwölf Jahre musste man auf “Anthropocene” warten, und doch hat alles eine ähnliche DNA. SEASONS IN BLACK, 1996 gegründet im bayerischen Neukirchen b. Hl. Blut, haben nie versucht, es irgendwem recht zu machen, weder 2005 beim Debüt “Deadtime Stories”, noch 2013 mit “The Swansong Diearies” und auch nicht jetzt, 2025, mit “Anthropocene”.

Pünktlich zum 20-jährigen Jubiläum sind die beiden ersten Alben als Re-Releases bei APOSTASY RECORDS erschienen, endlich auf Vinyl, jeweils in drei streng limitierten Varianten mit Gatefold, Lyricsheet und allen liebevollen Details, die ein Vinyl-Fan liebt. Grund genug, mit Ludwig Maurer und Markus Neumeier über Vergangenes, Gegenwart und das, was dazwischen passiert ist, zu sprechen.

Tobias:
Hallo Ludwig! Hallo Markus! Wie geht es dir/euch nach all den sommerlichen Auftritten bei verschiedenen Festivals?

Ludwig:
Das war ein besonderes Jahr für uns. Ich mein ROCKHARZ, SUMMER BREEZE, LORELEY, FULL METAL CRUISE, WACKEN. Das ist schon Champions League und für uns alles andere als gewöhnlich. Wir sind wahnsinnig dankbar, dass wir das alles so erleben durften, und stolz auf unsere Crew, die uns dabei so tatkräftig unterstützt hat. Es war der Wahnsinn.

Tobias:
Wie blickst du mit ein bisschen Abstand auf die neue Dampfwalze “Anthropocene” zurück, und wie waren die Reaktionen auf das Album insgesamt?

Ludwig:
Wir sind immer noch sehr happy mit dem ganzen Album, wie es daherkommt und wie es klingt. Sowohl vom Sound als auch vom Artwork würde ich auch heute nichts anders machen. Mein Lieblingssong ist immer noch ‘Get What You Give’. Wenn da alles auf die Eins losgeht, da passiert was. Die Reaktionen auf “Anthropocene” waren sehr positiv, wir haben sehr viele sehr gute Reviews aus dem In- und Ausland bekommen. Und im METAL HAMMER wurde das Album sogar unter die Top 10 des Jahres gewählt, neben Größen wie PARADISE LOST, HEAVEN SHALL BURN, LORNA SHORE und HELLOWEEN.

Tobias:
2005 kam “Deadtime Stories” raus, euer erstes Lebenszeichen auf Albumlänge. Wie denkst du an die Zeit von damals zurück, was empfindest du, wenn du das Album heute hörst, und wie war es für euch damals, die erste CD zu veröffentlichen?

Markus:
Gerade bei “Deadtime Stories” waren wir natürlich noch nicht so weit wie jetzt. Das hört man dem Album an, aber es war eine geile Zeit. Ich hab gerade Meisterschule gemacht, wir haben uns damals mit dem neuen Line-up wirklich im Studio bei Stephan Kronzucker verschanzt und alles aufgenommen, wirklich Tag und Nacht Musik gemacht, zusammen gekocht und einfach eine geile Zeit gehabt. Natürlich rumpelt da heute in der Rückschau bissl was, aber ich sehe es als Zeitdokument. Es war so unbeschwert und für uns alle der erste Studioaufenthalt und immerhin unser erster Plattenvertrag.

Tobias:
Ihr habt schon 2005 Themen wie Apokalypse, atomare Zerstörung und gesellschaftlichen Verfall aufgegriffen, nichts Leichtes für ein Debütalbum. Wie nahm denn euer näheres Umfeld diesen Themenbereich auf?

Ludwig:
Das kam einfach mit der Musik. ‘Chroming Rain’ ist inhaltlich zum Beispiel von einem Gespräch mit meiner Mama inspiriert, kein Scheiß. Sie meinte, als damals Tschernobyl war, da hat der Regen so geblitzt beziehungsweise gefunkelt wie Chrom. Ja, und daraus haben wir dann ‘Chroming Rain’ gemacht. Ich wollte schon immer in den Texten eine gewisse Aussage drin haben, das zieht sich durch. Und lustigerweise hat Markus, der ja inzwischen fast alle unsere Texte macht, ein ähnliches Mindset, was diese Themen in der Musik angeht. Das hat wirklich gepasst wie Arsch auf Eimer.

Markus:
Wer uns kennt, weiß, dass wir schon eine ziemlich lebenslustige und positive Truppe sind. Warum schreiben wir dann so düstere Texte? Naja, ich seh das so. Wir feiern gern und wollen, dass wir eine gute Zeit haben, und wenn es nach uns ginge, sollte es allen so gehen. Und alles, was dieses gute Gefühl bedroht, Umweltzerstörung, Hass, Gewalt, Krieg, Neid, all das geht uns einfach gegen den Strich, und deshalb verarbeiten wir sowas in unseren Texten.

Tobias:
Jetzt, 20 Jahre später, kommen “Deadtime Stories” und das später veröffentlichte “The Swansong Diearies” endlich auf Vinyl, inklusive Gatefold, Lyricsheet und Fotos. Wie fühlt es sich an, diese Kapitel endlich auch auf Vinyl gepresst in den Händen zu halten?

Ludwig:
Das ist schon etwas Besonderes, wenn man das dann nach so langer Zeit in der Hand hält. Unsere Grafiklayouts macht ja Thomas Roider, und der hat damals schon für viele andere Bands hier das Artwork gemacht, eben auch “Deadtime Stories”. Der hat sich schon auch riesig gefreut, als er das Ganze mal in LP-Größe gesehen hat. Und in den Linernotes bekommt auch Dominik Weinfurtner noch einmal die Gelegenheit, seine Texte von damals etwas zu erläutern. Wie gesagt, es ist ein Zeitdokument. Nicht perfekt, aber dennoch ein wichtiges Element unserer Geschichte.

Tobias:
Wenn du das alte Material mit dem heutigen vergleichst, was hat sich am meisten verändert?

Ludwig:
Vieles, einiges oder alles. Ich sag mal so. Dieses Gefühl, eine Bande zu sein. Wir sind ja keine Band, wir sind eine Bande. Fünf Freunde, die einfach alles reinschmeißen, die gern miteinander Musik machen und Spaß haben. Und das haben wir aktuell wirklich so gut. Seit Leon in der Band ist, hat sich wirklich einiges getan, und wir sind eine richtig gute Einheit. Wir haben uns auf allen Ebenen professionalisiert, wir sind so gut eingespielt wie noch nie. Es ist wirklich gewachsen, aber es macht auch so viel Spaß, als hätten wir die Band gestern erst gegründet. Wir ham richtig Bock.

Tobias:
Wie hast wie habt ihr euch als Band verändert?

Markus:
Wir gehen das Ganze heute viel professioneller an. Klar, wenn SIB wo auftauchen, dann bekommen das die Leute schon auch mit, das zeichnet uns aus, das machen wir auch gern. Aber wenn es um die Performance geht, dann nehmen wir das brutal ernst. Wir wollen einfach gut abliefern und einen ordentlichen Job machen. Früher war mehr Chaos, ganz klar.

Tobias:
Wie sieht die Herangehensweise an neue Songs aus, verglichen mit damals? Geht man mit anderen Emotionen, einer anderen Ruhe, die man mit den Jahren bekommt, an die Sache heran?

Ludwig:
So ein Songwriting-Prozess ist auch etwas sehr Intimes. Inzwischen haben wir einen guten Arbeitsmodus gefunden, der für uns funktioniert. Roman liefert am laufenden Band Riffs zum Niederknien. Daraus entstehen die ersten Songfragmente, mit denen wir dann experimentieren. Sobald die Struktur steht, singe ich drauf, Markus macht den Text final, und dann kommt noch die SIB-Magic. Effekte, Intros, Gäste. Das macht dann im Ganzen den Song final.

Tobias:
“The Swansong Diearies” wurde klarer produziert und inhaltlich konsequenter. Was hat euch in den Jahren nach “Deadtime Stories” am meisten geprägt, wie habt ihr euch in dieser Zeit als Menschen und Musiker weiterentwickelt?

Markus:
Nach “Deadtime Stories” haben wir einfach losgeballert. Rein ins Auto zu fünft, hinten die Gitarren auf dem Schoß, und dann ging’s los. Oder einen Sprinter gemietet und losgefahren. Wir waren jung, unerfahren und wollten es einfach wissen. Auch heute noch geht es uns um den Spaß bei der Sache. Damals waren wir natürlich noch einmal eine Spur wilder unterwegs. Frag gern mal ein paar Zeitzeugen, zwinkert. Aber ganz wichtig, man darf nie vergessen, warum man das alles angefangen hat.

Tobias:
“The Swansong Diearies” hat mit Stephanie Luzie, die auch auf “Deadtime Stories” zu hören ist, und Felix Stass prominente Gäste. Wie kam es zu diesen Features, und wie viel Raum hast du ihnen im Studio gegeben?

Ludwig:
Stephanie ist eine alte Freundin von uns, und das Feature kam einfach ganz natürlich zustande. Felix hatte ich zu der Zeit von “Swansong” kennengelernt, und es ergab sich auch ganz zufällig im Gespräch, dass ich ihn gefragt habe, ob er Bock hätte, ein paar Guest Vocals zu machen. Und an einem Nachmittag waren dann die Takes im Kasten.

Tobias:
Eure Songs auf “Swansong” sind gespickt mit Film- und Literaturzitaten wie “Sin City”, “Men Behind the Sun” und Coleridge. Habt ihr euch bewusst davon inspirieren lassen?

Ludwig:
Ich war damals viel in München und bei unserem damaligen Gitarristen Matthias Wimmer im Studio, und zu der Zeit entstanden viele der Songs. Und neben Musik machen haben wir uns abends dann die umfassende DVD-Sammlung von ihm reingezogen.

Markus:
Der Part bei “Sin City” war einfach wie gemacht für ein fettes Intro. Noch heute macht das live richtig Bock, wenn wir danach in “Dying4” reinstarten. “Men Behind the Sun”, ein kranker Film, hat dann “Unit 731” inhaltlich inspiriert, und dann haben wir diesen Schrei reingebaut.

Tobias:
Viele Songs auf “The Swansong Diearies” haben heute eine noch größere Bedeutung, gerade in Zeiten, in denen Krieg, Wahn und Umweltzerstörung alltäglicher denn je sind. Wenn du heutzutage die Texte von damals singst, fühlt sich das anders an als 2013?

Ludwig:
Es ist schon interessant, dass es immer wieder Idioten gibt, die einfach unseren Planeten in die Mangel nehmen wollen. Und wenn ich das singe, kann ich einiges an Frust rauslassen. Bei all der Stimmung, die wir live machen, tut es schon gut, als Sänger so ein Ventil zu haben.

Tobias:
Wenn du jetzt “Deadtime Stories”, “The Swansong Diearies” und “Anthropocene” nebeneinanderlegst, was siehst du als gemeinsame Linie? Oder ist jedes Album für sich ein eigenes Kapitel eurer Bandgeschichte?

Markus:
Vielleicht ist es die Entwicklung der Band, die sich als Linie durchzieht und auch mit der persönlichen Entwicklung und den jeweiligen Lebenssituationen einhergeht. Im Endeffekt ist ja jedes Album in einem anderen Lebensjahrzehnt rausgekommen. Und auch das Line-up ist durch die Abstände auf jedem Album leicht unterschiedlich, das macht natürlich was aus. Als wir “Deadtime Stories” aufgenommen haben, war ich gerade recht frisch in der Band und noch in meinen Zwanzigern.

Tobias:
Wo wird man SEASONS IN BLACK 2026 live sehen dürfen, und wie sieht eure weitere Planung hinsichtlich neuer Songs aus?

Markus:
Wir sind auch 2026 wieder fleißig unterwegs und starten das Jahr in München beim GROWLBOWL am 07.03., bevor es dann am 26.03. ins Zillertal zum FULL METAL MAYRHOFEN geht. Im Juni geht es dann nach langer Zeit mal wieder über die Grenze nach Pilsen zum METALFEST, und Mitte Juni feiern wir in Cham vom 12. bis 13.06. unser Jubiläumsfest zu 30 Jahre SEASONS IN BLACK. Danach geht es noch zum ROCK AM HÄRTSFELDSEE und zum DOIBACH OPEN AIR. Es wird also nicht ruhiger. Und neue Songs. Auch da sind wir so produktiv wie nie zuvor. Wir haben schon Fragmente für neue Songs, und wer weiß, vielleicht wird es auch diesmal unter zehn Jahre dauern, bis wir was Neues vom Stapel lassen.

Tobias:
Zum Schluss. 2025 war und ist ein großes Jahr für SEASONS IN BLACK. Re-Releases, neues Album, Tour, Festivals, zum ersten Mal WACKEN, Homecoming-Show in Cham. Luck, was glaubst du, geht in dir vor, wenn du am 22.11. in Cham auf der Bühne stehst und ihr das große 2025er-Finale feiert?

Ludwig:
Dankbarkeit, Stolz und pure Freude. Einfach unfassbar glücklich und dankbar dafür, dass ich dieses Jahr mit dieser Truppe, mit meinen Kumpels erleben durfte. Roman und ich haben die Wurzeln für SIB vor 30 Jahren gelegt. Und aus einem ganzen Tag “Enter Sandman” im Keller spielen mit Gitarre und Schlagzeug ist nun dieses Ding geworden, das uns durch einen wunderbaren Sommer und ein wunderbares Jahr getragen hat. Und was ich auch fühlen werde. Ich freu mich schon wieder, wenn es weitergeht. Ich will das nie, nie aufhören. Too late to turn back. Here are the SEASONS IN BLACK.

Interview: Tobias Stahl
Photocredits: Thomas Pfeiffer, Promo, Seasons in Black