VANESSA FUNKE
Titel: AURA
Label: Okända Öden Records
Spieldauer: 46:27 Minuten
VÖ: 04. September 2026
Fünf Alben in fünf Jahren – das ist nicht einfach nur eine beeindruckende Veröffentlichungsfrequenz, sondern zeugt für mich vor allem von Fleiß, Ideenreichtum und einer ordentlichen Portion Leidenschaft für die eigene Musik. 2022 ging es mit „Solitude“ los, 2023 folgte „Dawn“, 2024 „Void“ und 2025 „Requiem“. Da kommt also kontinuierlich neues Material aus Finnentrop und VANESSA FUNKE scheint den kreativen Output ordentlich im Griff zu haben. Am 04. September legte sie mit „Aura“ ihr neues Studioalbum vor. Sämtliche Vocals und Instrumente übernimmt sie selbst, lediglich bei ‚Last Dawn‘ bekommt sie mit Alicia Cordisco Unterstützung am Gitarrensolo. Musikalisch bewegt sich VANESSA FUNKE im Bereich Melodic Death und Gothic Metal. „Aura“ bringt acht Songs mit und erscheint über Liminal Dread Productions, innerhalb der EU ist Okända Öden Records mit an Bord. Für mich sind Künstlerin und Musik allerdings komplettes Neuland, denn bisher hatte ich VANESSA FUNKE tatsächlich (und wie sich herausstellt auch leider) noch nicht auf dem Schirm.
Ein Intro wie ein bedrohlicher Sonnenaufgang – genau das ist es, was ich fühle, wenn das Intro von ‚Last Dawn‘ erklingt. Doch danach bricht die düstere und vertonte Endzeitvision los. Die letzte Morgendämmerung zieht auf, Sirenen heulen, der Himmel färbt sich rot, Ascheregen fällt und eine im Untergrund erschaffene Bestie wartet auf ihren Moment. Mich überraschen zudem die granatenstarken Growls von VANESSA FUNKE und die klare Stimme der Sängerin – das passt genial zusammen und gibt dieser apokalyptischen Nummer zusätzlich ordentlich Wucht. Gleichzeitig ist es ein cooler Break, zwischen den Melodic-Death-Passagen eine ruhige Phase einzulegen – das gibt diesen sieben Minuten einen besonderen Touch. Mit bedrückenden Tönen geht es in ‚Fading Memory‘ weiter, zugleich ist das Lied insgesamt etwas ruhiger. Eine Art innerer Verfall zieht sich durch den Song, denn die Erinnerungen verschwinden Stück für Stück, bis am Ende scheinbar nichts mehr übrig bleibt. Der Text zeichnet das Bild eines infizierten Geistes, der Gedanken, Träume und selbst die schönsten Erinnerungen auslöscht und eine ewige Dunkelheit hinterlässt. Trotzdem hat VANESSA FUNKE ihre wuchtigen Stellen eingebaut und ihre Growls absolut im Griff, die sie ordentlich ins Mikro schranzt. Gerade der Wechsel zwischen den ruhigeren und den brachialeren Momenten macht den Song interessant. Nach der apokalyptischen Wucht von ‚Last Dawn‘ geht der Untergang diesmal nicht über die Welt, sondern direkt im Kopf weiter.
Erneut geht es in ‚Coherence‘ zunächst ruhiger zu Werke, bevor VANESSA FUNKE im weiteren Verlauf das Tempo anzieht. Inhaltlich geht es um Jahre des Wartens und Hoffens auf Vervollständigung und innere Übereinstimmung, um das Verhältnis von Körper und Geist und darum, nach einer langen Reise den eigenen Platz zu erkennen. Obwohl ein großer Wunsch in Erfüllung gegangen ist, bleibt zunächst eine Leere zurück. Gleichzeitig steht die klare Erkenntnis, dass man gültig ist und einem das niemand nehmen kann. „I am valid“ bringt die zentrale Aussage des Songs dabei auf den Punkt. In ‚Infinite Skies‘ geht es um die Schlacht, die sich im eigenen Kopf abspielen kann, wenn Frust, Einsamkeit und Zweifel immer schwerer auf einem lasten. Der Song macht aber nicht einfach auf Depri, sondern schickt eine klare Botschaft hinterher: Kopf hoch, nach vorne schauen, die eigenen Träume fliegen lassen und sich nicht davor fürchten, man selbst zu sein. Die „endlosen Himmel“ stehen dabei für die eigenen Möglichkeiten und Träume – man muss nur den Mut haben, über die Wolken hinauszuschauen und sich selbst zu akzeptieren. ‚Dead Souls‘ geht mit 08:39 Minuten deutlich tiefer und ist ein verdammt harter Brocken. Der Song beschäftigt sich mit Gewalt, allgegenwärtigem Schmerz und den seelischen Narben, die bleiben, wenn das Erlebte längst vorbei ist. Dazu kommt das Gefühl, dass einem Zeit gestohlen wurde und man sie nicht zurückbekommt. Die Erinnerungen verschwinden ebenfalls nicht einfach, sondern holen einen immer wieder ein, setzen sich im Kopf und in den Träumen fest und breiten sich wie Gift weiter aus. Eine gebrochene Seele, innere Leere, Bitterkeit und der Versuch, mit etwas weiterzuleben, das längst vergangen ist – ‚Dead Souls‘ geht damit verdammt tief. Das schlägt sich auch in der Gangart des düsteren Songs nieder, der diese Schwere musikalisch ordentlich transportiert. ‚Death’s Hand‘ geht kompakt, aber nicht weniger düster zur Sache. Der Song beschäftigt sich mit dem unausweichlichen Schicksal und der Erkenntnis, dass am Ende der Tod wartet. Die bedrohliche Atmosphäre wird dabei von tollen Orchestrierungen und symphonischen Momenten getragen, die der Nummer zusätzlich Tiefe geben.
‚Empty Heart‘ sticht als gefühlvolle Ballade deutlich aus dem bisherigen Albumverlauf heraus. Ruhige Gitarren und die zurückhaltende Stimmung begleiten die nächtlichen Bilder von Wald, See, Sternen und Mondlicht, während sich im Zentrum die Sehnsucht nach Liebe und gleichzeitig eine tiefe Leere im Herzen auftut. Gerade die ruhige Gangart steht VANESSA FUNKE richtig gut und gibt dem Album an dieser Stelle eine schöne emotionale Verschnaufpause. Nach Art des Hauses geht es mit ‚Into The Night‘ weiter, das mit 06:36 Minuten noch einmal ordentlich Zeit bekommt, seine düstere Wirkung zu entfalten. Die Nummer bleibt dabei völlig im Rahmen der bisherigen Gangart, verbindet die bereits bekannten schweren und melancholischen Momente aber mit einer ordentlichen Portion Dramatik. Inhaltlich geht es um Zerstörung, Angst, Ausgrenzung und die Frage, wie viel einem noch bleibt, wenn plötzlich alles, was sicher schien, zerbricht.
VANESSA FUNKE verbindet Wucht, Gefühl, Growls, klare Vocals und jede Menge Melodie so toll, dass ich nach „Aura“ erstmal ziemlich verdutzt vor meinen Lautsprechern sitze – was für eine Entdeckung! Ich bin über alle Maßen positiv angetan von VANESSA FUNKE und ihrer Musik, die sie hier praktisch im Alleingang auf die Beine stellt – ich ziehe alle Hüte, die ich habe! Das ist eine Spielart des Melodic Death Metal, wie man sie nicht alle Tage zu hören bekommt, die mir richtig Spaß macht und mich mitreißt. Mal höre ich DARK TRANQUILLITY heraus, dann kommen mir AMORPHIS oder AT THE GATES in den Sinn und zwischendrin blitzen sogar ein paar NIGHTWISH-Elemente auf. Genau diese Vielfalt gefällt mir richtig gut, denn VANESSA FUNKE schafft es, all diese Einflüsse zu einem Album zusammenzubringen, das trotzdem seine eigene Note behält. „Aura“ hat mich definitiv positiv überrascht – und jetzt habe ich richtig Lust, auch die bisherigen Alben der Musikerin einmal unter die Lupe zu nehmen.
Tobi Stahl vergibt 8 von 10 Punkten


