THE PRETTY RECKLESS – DEAR GOD

THE PRETTY RECKLESS

Titel: DEAR GOD

Label: Fearless Records

Spieldauer: 50 Minuten

VÖ: 26. Juni 2026

Manchmal braucht es keine lauten Parolen oder künstlich aufgeblasene Versprechen. Manchmal reicht eine Band, die seit Jahren ihren eigenen Weg geht und Album für Album zeigt, dass ehrlicher Rock noch lange nicht tot ist. Genau das machen THE PRETTY RECKLESS seit mittlerweile anderthalb Jahrzehnten. Nach mehr als fünf Jahren Albumpause meldet sich die Truppe um Taylor Momsen nun mit ihrem fünften Studioalbum “Dear God” zurück – einem Werk, das persönlicher, emotionaler und ehrlicher denn je ausfallen soll. Wer die Geschichte von THE PRETTY RECKLESS kennt, weiß aber auch, dass der Weg bis hierhin alles andere als geradlinig verlief. Große Erfolge, persönliche Schicksalsschläge und unzählige Konzerte auf den größten Bühnen der Welt haben Taylor Momsen und ihre Mitstreiter geprägt. Genau diese Erfahrungen spiegeln sich auch auf “Dear God” wider, das nicht nur das fünfte Studioalbum der Band ist, sondern laut Momsen auch das bislang ehrlichste. Schauen wir also einmal, was THE PRETTY RECKLESS nach mehr als fünf Jahren Albumpause zu erzählen haben.

Mit ‘Life Evermore Pt. 2’ geht die neue Platte von THE PRETTY RECKLESS zunächst ruhig und nachdenklich los. Der atmosphärische Einstieg schafft eine melancholische Grundstimmung und macht schnell deutlich, dass “Dear God” kein Album für oberflächliche Rockkost werden möchte. Ganz anders ist der punkige Rocker ‘For I Am Death’ geraten. Hier gibt es Taylor Momsen in ihrer puren Form: gnadenlos, kompromisslos, charakterstark und direkt. Die Gitarren drücken ordentlich nach vorne, der Refrain bleibt sofort hängen und textlich setzt sich der Song mit Selbstzweifeln, inneren Dämonen und der eigenen Vergänglichkeit auseinander. Ein kraftvoller Track, der eindrucksvoll zeigt, warum THE PRETTY RECKLESS seit Jahren zu den spannendsten modernen Rockbands gehören. Mit ‘When I Wake Up’ gehen Momsen und ihre Band ähnlich treibend zur Sache. Die Nummer erzählt vom exzessiven Leben zwischen durchfeierten Nächten, Orientierungslosigkeit und Selbstzweifeln. ‘Love Me’ nimmt das Tempo anschließend etwas heraus. Taylors Gesang klingt angenehm lässig, gleichzeitig mitreißend, und man spürt die Gefühle von Einsamkeit, Selbstzweifeln sowie den Wunsch, endlich so akzeptiert und geliebt zu werden, wie man ist. Gerade die Mischung aus verletzlichem Text und kraftvoller Instrumentierung macht ‘Love Me’ zu einem der intensivsten Stücke auf “Dear God”. Akustische Gitarren bestimmen anschließend ‘Dragonfire’, ehe THE PRETTY RECKLESS im Titelsong ‘Dear God’ den emotionalen Höhepunkt des Albums abliefern. Erfüllt von Zweifel, Angst und der Hoffnung auf Erlösung richtet Taylor Momsen einen beinahe verzweifelten Hilferuf nach oben und stellt Fragen, die sich wohl viele Menschen in schwierigen Lebensphasen schon einmal gestellt haben. Eine große Nummer mit greifbarer Atmosphäre; die Mischung aus Verletzlichkeit und innerer Stärke macht ‘Dear God’ zu einem der eindrucksvollsten Songs der Langrille.

‘Life Evermore Pt. 3’ eröffnet die zweite Hälfte ebenso ruhig wie ‘Life Evermore Pt. 2’. ‘About You’ rockt anschließend frisch und herzlich aus den Boxen – hier darf man das Cabrio-Verdeck herunterlassen, abfeiern, mitsingen und tanzen. Schade nur, dass der Schluss ausgepiept wurde. Ein richtig cooles Intro mit einem Gespräch zwischen einem kleinen Mädchen und einer vermeintlich “bösen Hexe” eröffnet ‘Spell On You’, einen im weiteren Verlauf groovenden Rocksong, der stellenweise mit psychedelischen Vibes glänzt und herrlich mystisch daherkommt. ‘Rollercoaster Of Life’ nimmt das Tempo anschließend spürbar heraus und ist eine ruhige, balladeske Nummer mit viel Gefühl. Der Song nutzt die Achterbahnfahrt des Lebens als Metapher für Höhen und Tiefen, Glücksmomente und Abstürze. Auch ‘Eye Of The Storm’ schlägt zunächst ruhige, fast schon balladeske Töne an, gewinnt im Refrain aber hörbar an Wucht. Inhaltlich erzählt die Nummer von einer Welt voller Ungleichheit, persönlicher Krisen und Unsicherheit, vermittelt am Ende jedoch eine wichtige Botschaft: den Glauben an sich selbst und daran, trotz aller Rückschläge niemals aufzugeben. Mit ‘Devil In Disguise (Michelle’s Song)’ schlagen THE PRETTY RECKLESS erneut ruhige Töne an. Akustische Instrumente, Taylor Momsens gefühlvoller Gesang und die dichte Atmosphäre verleihen der Nummer eine besondere Wärme, während sich der Song mit dem schmalen Grat zwischen Gut und Böse beschäftigt. Eine gefühlvolle Ballade, die wunderbar in den zweiten Teil des Albums passt. Zunächst donnert ein kurzer Soundclip aus den Boxen, danach groovt ‘Dark Days’ mit seinem atmosphärischen Rocksound los und überzeugt mit seinem düsteren Grundton. Lyrisch geht es um eine Welt, die aus den Fugen gerät. Das wäre übrigens ein verdammt guter Song für die Serie “Supernatural” gewesen. Mit ‘Life Evermore Pt. 1’ endet das Album schließlich so, wie es begonnen hat. Taylor Momsen wirkt müde und verletzlich, findet aber genau in dieser Schlichtheit die größte Stärke des Songs. Ein emotionales Finale, das “Dear God” stimmig abrundet und den Hörer mit reichlich Stoff zum Nachdenken zurücklässt.

Mit “Dear God” liefern THE PRETTY RECKLESS für mich eines der stärksten Rockalben der letzten Jahre ab. Das ist keine Platte, die man mal eben nebenbei laufen lässt oder nach einem Durchgang komplett verinnerlicht hat. Genau darin liegt ihre größte Stärke. Die intelligent geschriebenen Texte, die emotionale Tiefe, die abwechslungsreiche Instrumentierung und die durchdachte Dramaturgie machen “Dear God” zu einem Album, das mit jedem Hördurchgang wächst und neue Facetten offenbart. Taylor Momsen zeigt einmal mehr, warum sie zu den markantesten Stimmen des modernen Rock gehört, während THE PRETTY RECKLESS musikalisch zwischen druckvollen Rockern, bewegenden Balladen und atmosphärischen Momenten nahezu alles richtig machen. Wer ehrliche Musik mit Substanz sucht und bereit ist, sich auf diese gut 50 Minuten einzulassen, wird mit einem herausragenden Album belohnt. 

Tobi Stahl vergibt 8,5 von 10 Punkten