TARJA – FRISSON NOIR

TARJA

Titel: FRISSON NOIR

Label: EARMUSIC

Spieldauer: 64:00 Minuten

VÖ: 12. Juni 2026

Die Nightwish und Symphonic Metal Ikone TARJA Turunen präsentiert ihr neuestes Soloalbum “Frisson Noir“. Nach einigen Oper-, Rock- und Weihnachtsalben haben wir es hier mit dem wohl härtesten und metallischsten Album ihrer Karriere zu tun. Die abzüglich In- und Outro zehn Kompositionen sind bis zur Perfektion ausgereift, mit großer Liebe zum Detail ausgestaltet und mit der ein oder anderen musikalischen Überraschung versehen.

Unnötig zu erwähnen, dass die Finnin auch das Maximale aus ihrer großartigen Stimme herausholt und zwischen melodischem „Normal“-Gesang, Rock-Sopran und Opern-Arie auf allerhöchstem Niveau und mit größter Wandelbarkeit die gesamte Bandbreite ihrer Stimme auslotet.

Auch höchste Erwartungen an die Tracks und Arrangements werden wie von TARJA Veröffentlichungen gewohnt nicht enttäuscht, aber dieses Mal auch von haufenweise Emotionen und Stimmungen begleitet, was mir bei ihren allzu perfekten Darbietungen so manches mal abging. Auch Anzahl und Qualität der vielen musikalischen Gäste zeigen Durchdachtheit und Anspruch dieses kleinen Meisterwerks. Für weitere orchestrale und gesangliche Höhenflüge sorgen beispielsweise das „Budapest Art Orchestra“ und der „Budapest Art Choir“.

Bereits der eröffnende Titelsong erwischt den Hörer mit voller Wucht, rifflastig, düster und mit den treibenden Pianoklängen von Bart Hendrickson, bevor `The Eternal Return´ nicht weniger heavy, rasant und mit Tarjas opernhaftem Sopran zur Sache kommt.

Das meisterhafte Zusammenspiel ihrer Stimme und den rauen, männlichen Vocals und damit das erste absolute Album-Highlight (eines von vielen) bietet das folgende `Leap Of Faith´, ein beeindruckendes Duett mit ihrem ehemaligen Bandkollegen Marko Hietala. Es schließt sich die zehnminütige Singleauskopplung `At Sea´ an, eine facettenreiche, spannende, epische, beinahe progressive Nummer, vor allem charakterisiert von den teilweise wilden Piano- und Violinenklängen von Niklas Pokki und Mervi Myllyoja.

Der titelgebende „schwarze Schauer“, den die Künstlerin mit ihrer Musik beim Hörer hervorrufen möchte, stellt sich ein ums andere Mal ein. Ob nun beim wuchtig-dunklen, gitarrenlastigen `Blaze Forever´, das erneut Härte und Melodie in vollendeter Art und Weise vereint, oder dem grandiosen `The Trace Outlives´. Kleine Details und Elemente sorgen dabei für Abwechslung. Erstgenannter Track verfügt im Mittel- und Schlussteil über rückwärts gesungene Vocals oder Lyrics, die wie rückwärts abgespielt klingen, während die Vorabsingle von der japanischen Künstlerin Sayo Komada mit Klängen einer traditionellen japanischen Langhalslaute untermalt wird.

Beim großartigen `Tango´ bilden die Celli von APOCALYPTICA das kontrastreiche Gegenstück zum packenden, vielseitigen Gesang der Protagonistin, lassen uns kurz mal das Tanzbein schwingen und machen das Stück zu einem weiteren Glanzlicht der Scheibe. Fun Fact am Rande: der finnische Tango ist als Variante des eigentlich argentinischen Tanzes wohlbekannt, ähnelt dem Tango Argentino, ist aber oftmals in Moll statt Dur und mit eher absteigenden statt aufsteigenden Melodien versehen.

Das ruhig-romantische `Anemoia´ wartet ebenfalls mit Celloparts auf, gespielt von Valter Freitas. Neben Tarjas diesmal zarten, gefühlvollen Tönen dominiert hier Julián Bedmars Akustik-Flamenco-Gitarre und entführt den Hörer unmittelbar in eine andere Welt.

Wo wir eben bei Highlights waren:  eine weitere musikalische Sternstunde erwartet uns mit dem düster-harten `I Don’t Care´, geprägt von Tarjas Gesang und Dani Filth (CRADLE OF FILTH) mit seinen angeschwärzt keifenden Vocals, sowohl gegeneinander als auch im Duett. Das überrascht, überzeugt aber umso mehr mit musikalischen Gegensätzen, mitreißender Atmosphäre und unerwarteter Eingängigkeit. Und spätestens jetzt stellen sie sich ein: die wohligen Schauer und die Gänsehaut!

Vor dem kurzen, ruhig ausklingenden Ende, beschließt `Against The Odds´ „Frisson Noir“ intensiv, dynamisch, eindringlich und mit cinematischen Orchestrierungen, angetrieben von den Drums von RED HOT CHILI PEPPERS Schlagwerker Chad Smith.

Großartige Kompositionen, von hochkarätigen Instrumentalisten, Solisten und Sängern meisterlich dargeboten mit vielseitigen Arrangements sowie dem einzigartigen Gesang als das i-Tüpfelchen bilden einen homogenen, virtuosen und eigenständigen Symphonic Metal Meilenstein, eingängig und kraftvoll, erhaben und abwechslungsreich, mit Tiefgang und Biss sowie aller künstlerischer Identität und Konsequenz umgesetzt, der sich mühelos und unangefochten an der Spitze der TARJA Soloscheiben platziert.

Michael Gaspar vergibt 9,5 von 10 Punkten