SULLEN – NODUS TOLLENS

SULLEN

Titel: NODUS TOLLENS

Label: Self Release

Spieldauer: 33:13 Minuten

SULLEN, portugiesisches Progressive Metal Projekt, nicht zu verwechseln mit der Crossover Band aus L.A. oder der Death-Metal-Kapelle gleichen Namens aus Venezuela, legen ihren zweiten Longplayer nach dem 2015 erschienenen Debüt “Post Human“ vor. Das Album stellt die musikalische Vertonung des Begriffs „Nodus Tollens “ dar. Dieser steht für ein Gefühl der Unsicherheit, das Menschen empfinden, wenn sie feststellen, dass ihr Leben nicht funktioniert oder keinen Sinn mehr macht. Es handelt sich dabei um einen Neologismus aus „The Dictionary of Obscure Sorrows“, eine Sammlung von Wortneuprägungen des amerikanischen Autors John Koenig, von denen jede für eine Emotion steht, für die es eigentlich keinen feststehenden Ausdruck gibt. So zum Beispiel das ungute Gefühl nach einer längeren Reise, wenn die Erinnerungen daran langsam verblassen (Rückkehrunruhe), die Frustration darüber, wie lange es dauert jemanden richtig kennenzulernen (Adronitis) oder das beständige Gefühl irgendwo fehl am Platz zu sein (Monachopsis).

Musikalisch wird hochklassiger Progressive Metal mit eher dunkler Atmosphäre geboten, der mich immer wieder an Dream Theater’s „Train Of Thought“ erinnert und sich mit klaren, gar meditativen Passagen oder gar ganzen Stücken wie dem eher ruhigen ‘The After‘ abwechselt. Die Zerrissenheit des Individuums und seine inneren Turbulenzen zwischen Realität und „wahrem Ich“ werden dabei durch wechselnde Takte und schnelle Akkordfolgen dargestellt, während sich Wut und Frustration in Abschnitten, geprägt von aggressiven Growls und intensiven Bassläufen, Bahn brechen. Unsicherheit und Verwirrung finden Ausdruck in einem Klangteppich aus geschichteten Texturen von Gesang, Gitarre, Schlagzeug, Synthesizer und Soundeffekten, die sich immer wieder gegenseitig überlagern. Die beiden Vorabsingles ‘Memento‘ und ‘The Prodigal Son‘ bieten einen guten ersten Eindruck, was den Rezipienten musikalisch erwartet.

Das ist zwar alles andere als Easy Listening, aber eine ungeheuer spannende und intensive Erfahrung für jeden Zuhörer. Wenn man sich darauf einlässt, geht man auf einen gut halbstündigen, mitreißenden Trip durch die unterschiedlichen Stilarten und Stimmungen, der die Gefühlsachterbahn “Nodus tollens“ perfekt umsetzt.

Michael Gaspar vergibt 8 von 10 Punkten