PRAYING MANTIS – DEFIANCE

Praying Mantis - Defiance

PRAYING MANTIS

Titel: DEFIANCE

Label: FRONTIERS MUSIC

Spieldauer: 46:45 Minuten

VÖ: 19. April 2024

Nein, abgesehen von ihrem legendären 81er-Klassikers „Time Tells No Lies“ und dem verspäteten 91er-Nachfolger „Predator In Disguise“ kann man die PRAYING MANTIS stilistisch seit über 30 Jahren nicht mehr wirklich zur NWoBHM zählen. Daran ändert (erwartungsgemäß) auch das zwölfte Studioalbum „Defiance“ nichts – und das ist auch gut so.

Praying Mantis

Spätestens seit dem Einstieg von Götterkehle John Jaycee Cuijpers und Schlagzeuger Hans in’t Zandt 2013 spielen PRAYING MANTIS eher song- und soundtechnisch erstklassigen, teilweise stadiontauglichen und insgesamt eher US-orientierten (auch die Scorpions lassen oft grüßen) als NWoBHM-lastigen AOR/Hardrock, wie man ihn in dieser Form und Qualität eben seit den 80ern kaum noch hört.

Die Brüder und Bandgründer Tino Troy (Gitarre, Gesang) und Chris Troy (Bass) und auch der Rest der Band wollen keine Rekorde brechen, irgendwelche Originalitätspreise gewinnen oder groß auf ihrem NWoBHM-Kultstatus rumreiten, sondern einfach nur ihren maximalen Spaß an der Musik haben. Und genau das merkt man sowohl den letzten Alben als auch ihren stets überragenden Live-Auftritten deutlich an.

Fast symptomatisch bzw. programmatisch für den Sound der Band ist das zwar nicht wirklich originelle, aber einwandfrei interpretierte Cover des Rainbow-Klassikers ‚I Surrender‘, das sich nahezu nahtlos in den musikalischen Gesamtkontext von „Defiance“ einreiht, aber gar nicht mal signifikant herausragt. Und das spricht definitiv für die Qualität der restlichen Songs auf „Defiance“.

Defiance

Der kraftvolle Uptempo-Rocker ‚From The Start‘ schlägt stilistisch voll in die Kerbe der letzten Album-Opener wie ‚Keep It Alive‘, ‚Cry For The Nations‘ und ‚Fight For Your Honour‘ der letzten Alben. Einmal mehr ein Einstand nach Maß, auch wenn er qualitativ nnur fast an diese Live-Kracher rankommt.

Der nachfolgende Titelsong ‚Defiance‘, das richtig mitreissende ‚Never Can Say Goodbye‘ und das mit tollen spanischen Gitarrenlicks aufgepeppte ‚One Heart‘ rocken mit mit einigen schönen, sehnsüchtigen (Keyboard-)Melodien, die mich manchmal an eine Mischung aus Scorpions und (ja, tatsächlich) Amorphis denken lassen. Stark.

Nicht wirklich überzeugen mich die eher austauschbare Ballade ‚Forever In My Heart‘ (die im Grunde nur von Cuijpers göttlichem Gesang lebt) und das total langweilige Instrumental ‚Nightswim‘. Dahingegen könnte der etwas bieder und einfach wirkende AOR-Rocker ‚Give It Up‘ bei einem der immer überzeugenden Live-Auftritte der Band fast schon wieder Spaß machen.

Die drei Highlights des Albums sind jedoch die gut gelaunten, fast schon poppigen AOR-Rocker ‚Feeling Lucky‘ und ‚Standing Tall‘ (so geil und mitreissend waren The Night Flight Orchestra schon seit einigen Jahren nicht mehr) sowie der fantastische Closer und wunderbar NWoBHM-lastige Übersong ‚Let’s See‘ mit seinen Maiden-mäßigen Twin-Gitarren.

Fazit

Auch wenn die beiden Vorgänger „Gravity“ (2018) und „Katharsis“ (2022) mit einigen kleinen Hits und Rockern glänzen konnten, halte ich „Defiance“ tatsächlich für das insgesamt beste Album der Band seit dem genialen Cuijpers-Einstand „Legacy“ (Pflichtkauf!) von 2015. Alle Fans der letzten PRAYING MANTIS Alben können wieder bedenkenlos zuschlagen – und wer die Band tatsächlich noch nicht kennt, aber sonst auf gut gemachten AOR und Hardrock steht, sollte unbedingt auch endlich mal ein Ohr riskieren.

Joe Nollek vergibt 8,5 von 10 Punkten