PARALLEL MINDS
Titel: CAIRNS
Label: Independent
Spieldauer: 61:11 Minuten
VÖ: 10. März 2026
Mit Frankreich verbinde ich gern eine gewisse Leichtigkeit. Da sind die lichtdurchfluteten gotischen Kathedralen in Chartres, Reims oder Amiens. Die locker und luftig gebackenen Croissants. Die galanten Szenen in der Rokoko-Malerei von Watteau, Lancret oder Fragonard. Oder, nicht zuletzt, die zarten Operettenklänge eines Jacques Offenbach, wenn er Orpheus in die Unterwelt gehen lässt.
Und das muss ich vorweg festhalten, bei aller Ernsthaftigkeit dieser Scheibe, klingt sie dennoch immer leicht und luftig wie ein Croissant, lichterfüllt wie der Chor von Notre-Dame von Paris.
Die französische Band kommt hier mit ihrem schon vierten Album ums Eck. Bisher von mir sträflichst übersehen, denn ihre Spielart progessivem Metals geht mir doch verdammt gut rein. Folgenden Satz aus dem Promobaukasten kann ich wirklich mit gutem Gewissen unterschreiben. Dieses moderne, dichte und fein gearbeitete Album verbindet Kraft, Emotion und technische Meisterschaft, um ein universelles Thema zu erforschen: die conditio humana angesichts kollektiven Leidens. Trotz der schweren Themen schaffen es Greg Giraudo (Guitars and backing vocals) Steph Fradet (Lead and backing Vocals) Eric Mannella (Drums and backing vocals) und Fabien Peugeot (Bass), dass ihre Musik wenig schwer erscheint.
Ein „Cairn“ ist auch bekannt als Steinmännchen. Solche Steinmännchen, auch Steinmandl oder Steindauben genannt, sind aufeinander gestapelte Steine in Form kleiner Hügel oder Türmchen. Diese urwüchsige Art Wegmarken werden noch heute errichtet. Dazu kommen gewisse kulturelle Bedeutungen. Einer norwegischen Überlieferung zufolge sollte der Wanderer auf jeden Steinmann einen Stein legen, um unbehelligt von Trollen zu bleiben.
Hier ist jeder Song ein solcher Stein, eine Wegmarke, die einen Blick in die Welt und in die Gedanken der Band PARALLEL MINDS erlaubt. Mit einem kurzen und, wie ich zugeben muss, spannenden und einladenden Intro, ´Cairn´ betitelt, beginnt die Reise. Der richtige Ort für eine Wegmarke, direkt am Anfang der Reise. Und mit jedem Song wird ein Stein diesem Steinmann hinzugefügt.
´Sufero´ ist ein wilder Ritt auf den Spuren von Symphony X. Die habe ich lang nicht mehr in dieser guten Form gehört, die die Franzosen hier beweisen. Starkes Riffing, fesselnde Chöre und tolle mitreißende Melodien. ´Orishas´ startet mit afrikanischen Klängen. Die Nummer erzählt von der Spiritualität Afrikas. Mit Musikern der togolesischen Band Arka’n Asrafokor hat man sich hier kompetente Unterstützung ins Boot geholt. Allein die tolle Rhythmik, aber auch die traditionellen Gesänge kommen echt stark. Die Sitarklänge in ´Bhopal´ erinnern an die Katastrophe in der gleichnamigen indischen Stadt. Am 3. Dezember 1984 entwichen aufgrund menschlicher Fehler in einem Werk des börsennotierten indischen Unternehmens Union Carbide India Limited, kurz UCIL, mehrere Tonnen giftiger Stoffe in die Atmosphäre. Man schätzt heute zwischen 3800 und 25000 Toten und einem Vielfachen an Verletzten, die bis heute unter den Folgen zu leiden haben. Die Wut und Verzweiflung hat man versucht, hier in angemessene Klänge zu gießen.
Ein ähnlich ernstes Thema wird in ´Trail Of Tears´ aufgegriffen. Was so leicht und schwebend klingt, erzählt von der Deportation und dem Untergang der amerikanischen Ureinwohner. Die Dream Theatrige Note passt gut zu den Trauergesängen von Michael Rose, einem eingeborenen amerikanischen Sänger. Das mit den thrashigen Momenten an frühe Blind Guardian erinnernde ´Sekigahara´ erzählt aus der kriegerischen Geschichte Japans.
Keltische Klänge erzählen in ´Troubles´ vom blutigen Nordirlandkonflikt. Eher besinnlich still führt uns ´Colonias´ ins südliche Amerika und berichtet vom Schicksal vertriebener Menschen. Was Menschen Menschen antun ist auch Inhalt von ´On Both Sides´. Wer hier an Orphaned Land als Paten denkt, auch mir ist das direkt eingefallen.
„’Cairn’ ist weit mehr als ein Album. Es ist ein umfassendes Sinneserlebnis. Eine Feier der menschlichen Widerstandsfähigkeit. Und ein Aufruf, unsere eigenen Cairns zu bauen – damit wir niemals unseren Weg verlieren.” So die Band selbst. Und trifft den Nagel auf den Kopf. Mich beeindruckt dabei vor allem, dass diese schweren Themen so leicht klingen können. Ohne übermäßige Dunkelheit. Immer mit dem Licht am Ende des Weges. Man geht den Weg nicht allein. Da sind Führer, Begleiter.
Das spürt man sogar in einem thrashigen Hassbrocken wie dem abschließenden ´Fear Is The Pandemic´. Wenn wir alle es schaffen, ein wenig von der Angst abzulegen, die wir alle in uns tragen. Wenn wir einen Teil unserer Wege versuchen, gemeinsam zu bewältigen. Wenn wir anderen eine Wegmarke hinterlassen. Dann könnte unsere Welt vielleicht immer noch ein besserer Ort werden. Ein Ort, wie in den Bildern Watteaus und Fragonards, voller Liebe und Vertrauen. Voller Licht und voller Leichtigkeit.
So wie es schon früher große Kunst war, Schweres leicht zu verpacken. Die gotischen Kathedralen, die einen Blick ins Reich Gottes boten. Das Croissant in Halbmondform, es wurde erfunden als Erinnerung an die Türkische Belagerung Wiens. Die Rokokobilder, die immer auch Fragen von Ethik und Moral verhandelt haben. Und Offenbachs Operetten waren immer auch beißende Kritik an der Politik unter Napoleon III. Heute dann PARALLEL MINDS und ihr „Cairn“.
Mario Wolski vergibt 9,5 von 10 Punkten


