MENTAL CRUELTY – ECHOES OF A FORLORN LAND

MENTAL CRUELTY

Titel: ECHOES OF A FORLORN LAND

Label: Century Media Records

Spieldauer: 44:02 Minuten

VÖ: 23. Oktober 2026

MENTAL CRUELTY aus Karlsruhe begleiten mich tatsächlich schon ein gutes Stück auf meinem musikalischen Weg. Bereits 2021 hatte ich mit „A Hill To Die Upon“ das damalige Album der Badener unter der Lupe und durfte die Jungs auch im Interview mit Fragen löchern. Damals beschrieben sie ihren Sound selbst als Blackened/Slamming Deathcore und versprachen Blastbeats, brutale Breakdowns und ordentlich Geballer – und genau das lieferten sie auch. Besonders der Titelsong, ‚King Ov Fire‘ und später das fast achtminütige Finale ‚The Left Hand Path‘ zeigten, dass MENTAL CRUELTY ziemlich genau wussten, was sie mit ihrer musikalischen Abrissbirne anstellen wollten. 2023 ging es mit „Zwielicht“ direkt weiter und erneut durfte ich das Album besprechen und mit der Band sprechen, diesmal mit Gitarrist Marvin Kessler. Der damalige Neuzugang Lukas Nicolai hatte das Mikro übernommen und MENTAL CRUELTY zeigten sich deutlich vielseitiger. Symphonische Elemente, cleane Vocals, Death-Metal-Einflüsse und die immer wieder eingestreuten Pig Squeals machten aus dem Nachfolger für mich ein deutlich facettenreicheres Biest. Gerade ‚Zwielicht‘ selbst und ‚A Tale of Salt and Light‘ blieben dabei hängen, während mir die Mischung aus cineastischer Atmosphäre, Finsternis und brachialer Gewalt richtig gut gefiel. Im Interview erklärte mir die Band damals außerdem ziemlich deutlich, dass ihnen Genregrenzen völlig egal seien und sie Musik für sich selbst und ihre Hörer machen.

Nun sind wieder ein paar Jahre ins Land gezogen und mit „Echoes of a Forlorn Land“ steht bereits das fünfte Studioalbum der Karlsruher auf dem Programm. Diesmal gehen MENTAL CRUELTY thematisch in Richtung nordischer Mythologie und Wikingerzeit. Inspiriert wurde die Band nach einer Reise nach Portland und einem Besuch in der dortigen Central Library, wo Bücher über nordische Mythologie den Stein ins Rollen brachten. Aus der Single ‚Helheim‘ entwickelte sich schließlich die Idee für ein komplettes Album, das sich mit Odin, Thor, Loki, den Neun Welten, Yggdrasil und weiteren Geschichten aus der nordischen Mythologie beschäftigt. Die Fans haben dem Ganzen bereits den Stempel „Viking Deathcore“ verpasst – und bei MENTAL CRUELTY ist das nicht einmal weit hergeholt. Musikalisch wollen die Badener ihren Blackened Deathcore weiterentwickeln und gleichzeitig die Verbindungen zu europäischem Melodic Death Metal und Folk noch stärker in den Sound einbauen. Breakdown-Geballer trifft damit auf melodische Gitarren, folkloristische Instrumente, orchestrale Elemente und die symphonische Wucht, die man spätestens seit „Zwielicht“ von der Band kennt. Besonders spannend ist dabei, wie weit sich MENTAL CRUELTY inzwischen von ihren ganz frühen Slamming-Deathcore-Tagen entfernt haben, ohne ihre brutale Basis über Bord zu werfen. Auch beim Line-up hat sich etwas getan: Lukas Nicolai steht weiterhin am Mikrofon, Nahuel Lozano übernimmt Gitarren und Vocals, Marvin Kessler die Gitarren und Jonathan Koltun sitzt inzwischen hinter der Schießbude. Für die Produktion konnte mit Jens Bogren außerdem ein echter Spezialist gewonnen werden, der unter anderem schon mit AMON AMARTH, BEHEMOTH und DIMMU BORGIR gearbeitet hat.

‚Helheim‘ war das erste Zeichen aus „Echoes of a Forlorn Land“ und gleichzeitig die erste Single des neuen Albums. MENTAL CRUELTY nehmen uns mit in die nordische Mythologie und stellen Hel, die Tochter Lokis und Königin der Toten, in den Mittelpunkt. Verbannung, Tod, Verfall und ihr Reich der Toten werden dabei von den Karlsruhern in ihre ganz eigene Form des Blackened Deathcore gegossen. Mit den Gästen von SIGNS OF THE SWARM gibt es zusätzliche Brutalität auf die Ohren und spätestens beim Monsterbreakdown hittet Thors Hammer mitten in die Fresse. Das offizielle Video unter der Regie von Rob.Reva erschien bereits 2025 und setzt die Geschichte ordentlich in Szene, bevor im April 2026 das offizielle Live-Video mit Aufnahmen vom Support-Gig für KANONENFIEBER auf der „Soldatenschicksale Tour 2026“ folgte – und dabei wurde Wiesbaden mal ordentlich auseinandergenommen!

Das zweite Ausrufezeichen aus „Echoes of a Forlorn Land“ hört auf den Namen ‚The Serpent of Midgard‘ und wurde im Juli dieses Jahres als zweite Single samt offiziellem Video rausgehauen. Inhaltlich geht es um Jörmungandr, Lokis zweiten Sohn, der im Meer schläft und auf seine finale Schlacht mit Thor wartet. „Never wake the giant!“ lautet die Ansage und MENTAL CRUELTY setzen die Geschichte entsprechend brachial in Szene. Wenn die Midgardschlange erwacht, steigen die Wasser, der Sturm zieht auf und Thor marschiert seinem Ende entgegen. Musikalisch darf man sich auf die typische MENTAL-CRUELTY-Breitseite gefasst machen, die Jens Bogren gemischt und gemastert hat. Das Video stammt erneut von Rob.Reva und bringt mit Lyn Mathäus als Schlange und Lukas Nicolai als Thor die nordische Mythologie auch optisch auf die Bildschirme.

Flagge gehisst, das dritte Zeichen auf dem Weg zum 23. Oktober und zur neuen Platte: ‚Raise The Raven Banner‘ kommt diesmal mit einer Prise Folk-Vibes um die Ecke, dazu gibt es knackige Headbang-Passagen, wütende Vocals und einen ikonischen, raumgreifenden und erschütternden Refrain, der sich direkt in die Gehirnwindungen brennt. Inhaltlich geht es – wie der Titel schon verrät – um das Rabenbanner, Krieg, Schlacht und die Frage, was von einem selbst bleibt, wenn längst niemand mehr da ist, der sich erinnert. Die dritte Single wurde am 14.08.2026 veröffentlicht und macht definitiv Bock auf das, was am 23. Oktober mit „Echoes of a Forlorn Land“ auf uns zukommt.

Die Essenz – oder warum erzähle ich euch überhaupt von den drei bisher veröffentlichten Songs und den vier Videos? Ich finde die Produktionen der Videos so groß und ikonisch, dass das für eine aufstrebende Band wie MENTAL CRUELTY einfach brutal stark ist. Die Karlsruher setzen mit ihren drei Singles drei fette Ausrufezeichen und katapultieren „Echoes of a Forlorn Land“ damit auf meine Liste der meisterwarteten Platten. Und auch live stehen MENTAL CRUELTY bei mir nach diesen Vorboten ganz oben auf der Must-Watch-Liste. Die drei Singles haben ihren Dienst getan und ordentlich Appetit auf mehr gemacht. Jetzt wird es aber Zeit, „Echoes of a Forlorn Land“ nicht länger nur häppchenweise zu servieren, sondern MENTAL CRUELTYs neues Werk komplett unter die Lupe zu nehmen. Also: Lautstärke nach oben und rein in die nordische Finsternis!

Mit dem stimmungsvollen und rein instrumental gehaltenen Lied ‚Weltennacht‘ starten wir in die Welt voller Mythen, die uns MENTAL CRUELTY kredenzen, und ich bin während der 126 Sekunden voller Vorfreude auf das, was mir gleich um die Ohren fliegen wird – und werde mit ‚Fenrir‘ absolut belohnt: Nie klang ein Song über den Verschlinger so böse, wuchtig und gefährlich wie jener der Deathcore-Vikings aus Karlsruhe. Mir war bereits durch die Singles klar, dass man die harschen Vocals und Growls gut verstehen kann – unabdingbar, meiner Meinung nach, will man eine Geschichte erzählen. Ein Top-Opener mit bissigen Breakdowns und voller wölfischer Angriffslust – the beast is unleashed, let the carnage begin!

‚Blood For Blood‘ beschäftigt sich mit der Nibelungensage und damit mit Siegfried, dem Drachentöter, Gold und Schatz, Gier, Fluch und der daraus entstehenden Blutrache. Das Lied „riecht“ im ersten Moment nach BLIND GUARDIAN, auch im Mittelteil könnten die Barden die instrumentale Inspiration gewesen sein. Doch die Feuersbrunst, die der Song entfacht, würde wohl jedes Power-Metal-Flämmchen bersten lassen. Nach den bereits vorgestellten Dampfhammer-Singles ‚The Serpent Of Midgard‘ und ‚Helheim‘ geht es direkt mit ‚Draugar‘ weiter: Düster gehen MENTAL CRUELTY hier zur Sache, verlieren dabei aber weder an Wucht noch an Abwechslung. Der Draugr ist ein wiederbelebter Toter aus der nordischen Mythologie, ein untotes Wesen, das aus seinem Grab zurückkehrt und die Lebenden heimsucht. Genau diese düstere Geschichte kommt in ‚Draugar‘ musikalisch vollkommen authentisch rüber.

Nach dem Folk-Angriff ‚Raise The Raven Banner‘ entfacht ‚Cry Of Batariel‘ einen absoluten Geschwindigkeitsrausch, fetzt die Lyrics in die Synapsen, lässt die Nacken krachen und wird den Pit garantiert zum Beben bringen. Inhaltlich wendet sich der Erzähler direkt an Satan und bittet ihn, ihn hinunter in die Hölle zu führen, ihn aus diesem „Gefängnis“ zu befreien und in sein Königreich zu bringen, wo die gefallenen Geister wohnen. Hier geht es also einmal nicht um Wikinger oder nordische Mythologie, sondern um Satan, Hölle, Himmel und den Wunsch nach Befreiung. Der Himmel hängt ihm dabei sprichwörtlich zum Hals raus – „These clouds bore me to death“ und „I’m sick, sick, sick of this place“ lassen an seiner Abneigung keinen Zweifel. Egal ob Springen, Moshen oder Headbangen – ‚Cry Of Batariel‘ ist ein blutgetränkter Dampfhammer und Deathcore at its finest! Die Solopassage ist dazu noch bockstark und setzt dem Song die Krone auf. Nach der Groove-Walze ‚Frost‘, die ordentlich mit folkigen Elementen angereichert ist, breite, markerschütternde Growls und fette Gitarren auffährt und zu dem es ebenfalls ein fettes Video gibt welches ihr euch reinziehen solltet, ist ‚Dämmerbruch‘ eine weitere instrumentale Darbietung des enormen Könnens der Herren an den Instrumenten. Auf in die Schlacht mit dem cineastischsten, feurigsten und mit monumentalen symphonischen Elementen angereicherten Deathcore-Battlesong, den Midgard je gehört hat: Reiten wir mit den Walküren im finalen Lied ‚Ride Of The Valkyries‘ – das Schlachtfeld blutgetränkt, der Stahl verstummt, der Schwur erfüllt und irgendwo zwischen Tod, Ehre und dem Blick der Ahnen entfaltet sich hier eine gewaltige Atmosphäre. Die Symphonien türmen sich auf, die Wucht steigt und MENTAL CRUELTY machen aus dem Finale ein monumentales Schlachtgemälde, bei dem man die Hörner der Walküren förmlich hören kann.

Was MENTAL CRUELTY mit „Echoes of a Forlorn Land“ abliefern, ist schlichtweg ein Meisterwerk und markiert für mich ein absolutes Novum im Genre. Eine derart konsequente und perfekte Verschmelzung von brachialem Blackened Deathcore, epischem Melodic Death und folkloristischen Elementen zu einem eigenständigen „Viking Deathcore“ ist mir in dieser Form schlicht noch nicht untergekommen. Die Karlsruher beweisen eine musikalische Reife und eine so beeindruckende, kontinuierliche Steigerung von Album zu Album, dass selbst der Allvater Odin höchstpersönlich die Augenbinde ziehen und ehrfürchtig seinen Respekt zollen muss. Wer geglaubt hat, dass das Genre austauschbar geworden ist, wird hier eines Besseren belehrt. Ein monumentales Schlachtgemälde, ein Meilenstein für die Ewigkeit und ein Pflichtkauf für jeden Liebhaber der harten Klänge!

Tobi Stahl vergibt 10 von 10 Punkten