LAZULI
Titel: ÊTRE ET NE PLUS ÊTRE
Label: Independent
Spieldauer: 56:20 Minuten
VÖ: 30. Januar 2026
LAZULI sind eine Band, der ich schon seit vielen Jahren verfallen bin. Natürlich gehe ich nicht zu jedem Konzert, das ist zeitlich kaum drin. Aber seit 2011, seit „4603 Battements“ ist jedes Album hier gelandet. Jedes war für sich, jedes war ein wenig anders, aber immer erkennbar war die Band aus dem Süden Frankreichs. Dort, in der Nähe des Pont du Gard, haben sie ihr Zuhause, ihr Studio. Eigentlich nennt sich das l’Abeille rôde. Die fliegende Biene spricht sich aus wie das berühmte Studio in London. Das mit den Zebrastreifen. Ein Zeichen für Humor, den die Band aber auch live immer wieder bewiesen hat. Ich denke da nur an die Spickzettel für die deutschen Ansagen.
LAZULI standen für mich immer für kraftvolle Musik mit Zwischentönen. Sie konnten stark politisieren. Sie konnten Wehmut. Und sie konnten Heiterkeit. Ihre Mischung aus Prog Rock mit folkloristischen Elementen, mit Jazz und Hard Rock, mit bewegenden Melodien und fesselnden Rhythmen war immer spannend und fesselnd. Und ist es heute noch.
Das Album startet mit dem eher melancholischen Titelsong. „Sein oder und nicht mehr sein“ weckt eine Erinnerung an Hamlet und gleichzeitig an die Vergänglichkeit. Unsere Vergänglichkeit. Mit ´Chaque Jour Que Soleil Fait´ ist den Jungs einer der besten Songs ihrer Karriere gelungen. Lang nicht mehr hat das Horn von Romain Thorel so glänzen, so weinen, so schweben dürfen.
Ein Lächeln hingegen zaubert ´Sourire´ mir ins Gesicht. Ein Hauch von 30er Jahre Swing mit einer tanzenden Ukulele. Toll eingesetztes Gebläse. Wie sehr LAZULI aktuell sich auch politisch äußern, zeigt ´Matière Première´. Eine ganze Reihe Begriffe, begonnen mit „chair à canons„, zeigt, dass wir alle nur ein Rohstoff sind. Als Kanonenfutter, als Arbeitstiere. Oder, wie Herr Merz sagt, wir arbeiten zu wenig.
´L’eau Qui Dort´ setzt auf wunderbare Orgelklänge. ´Une Chanson Cherokee´ erzählt, untermalt von perlenden Klavierläufen, vom Untergang, der Vernichtung der Ureinwohner Amerikas. Das Klavier im folgenden ´Quel Dommage´ erinnert tatsächlich an die goßen klassischen Klavierwerke, Tschaikowskis erstes Klavierkonzert, kraftvolle Akkorde, treibend, drückend. Eine absolute Livenummer. Da passt es , dass danach mit der ruhigen Ballade ´L’instant´ eine Ruhepause eingelegt wird.
Kurz ein paar Worte zur tollen Aufmachung der CD. Verpackt in einem kleinen Büchlein, mit tollen, stimmungsvollen Illustrationen, die von Sänger Dominique Leonetti geschaffen wurden. Fotomontagen, Zeichnungen, Malereien, die die Songs wunderbar unterstreichen.
´L’homme Sûr´ fliegt, wie Superman, über weiten Landschaften. Ich bin zwar nicht Superman, aber mir selbst treu. Ich mache keinen Sport, esse gerne, bin ein wenig zu dick, habe zu hohen Blutzucker, ´Mon Body Se Meurt´. Das ist der Lauf der Dinge, also genieße ich mein Leben, höre LAZULI, freue mich auf die anstehenden Konzerte, auch hier in der Nähe, vielleicht kann ich es mal wieder möglich machen, dabei zu sein.
´Les 4 Raisons´ ist grandioses Musicalfutter. Breite Melodien, weite Klanglandschaften, großer Chor. Vier Jahreszeiten, ein ganzes Jahr, in vier Minuten erzählt. Das ist große Kunst im kleinsten Format. Historienmalerei in Miniatur, die ganze Welt, das ganze Leben, mit allem Glück und aller Freude auf einem kleinen Silberling. Der abschließende Achtminüter ´Au Bord Du Précipice´ ist dann auch der letzte von 12 Höhepunkten. Einfach schöne Musik. Mit einem schönen Text.
Je suis comme l’enfant, perdu dans le tumulte, dans un monde trop grande, dans un monde d’adulte
Ich bin wie ein Kind, verloren im Tumult, in einer zu großen Welt, in einer Erwachsenenwelt
Mario Wolski vergibt 10 von 10 Punkten


