IN EXTREMO – TRANQUILO II

IN EXTREMO

Titel: TRANQUILO II

Label: Universal Music

Spieldauer: 84:49 Minuten

VÖ: 23. Oktober 2026

Vor fast 30 Jahren (am 10. Februar 1997) veröffentlichten IN EXTREMO ihr Debüt „Die Goldene“ (auch schlicht als „In Extremo“ bekannt). Ihr bisher aktuellstes Studioalbum ist „Wolkenschieber“ (2024), dem 2025 die Liveplatte „Wolkenschieber – Unter dem Blutmond Live“ folgte. Das waren stets die gewohnt stimmungsvollen, lauten Tracks der Mittelalter-Rocker. Dass sie es aber auch völlig anders können, bewies bereits 2010 die Veröffentlichung von „Tranquilo“. Als die Barden im Frühjahr 2026 „Tranquilo II“ ankündigten, taten sie das mit folgenden Worten: „Vor 16 Jahren haben wir unter dem Titel ‚Tranquilo‘ zum ersten Mal unsere Lieder in einem anderen Gewand gespielt: ruhig, akustisch und ohne den ganzen großen Lärm. Seitdem hören wir immer wieder den gleichen Wunsch: Macht das doch noch einmal. Jetzt ist es so weit. (…)“, und on top verkündeten sie: „Mit ‚Tranquilo II‘ ziehen wir wieder los auf Akustik-Tour. Seit damals ist viel passiert. Neue Alben sind entstanden, neue Songs haben ihren Platz in unserem Set gefunden. Und bei manchen dachten wir schon lange: Die würden auch ohne großes Donnern und Feuer verdammt gut funktionieren. Dass wir diesen Weg noch einmal gehen, passt eigentlich perfekt zu uns. Wir haben immer schon gern ausprobiert, Grenzen verschoben und uns selbst überrascht. Für uns war Musik nie eine starre Sache, sondern immer ein Abenteuer.“ Der Jubel in der Fangemeinde war daraufhin riesig – und das völlig zu Recht.

Das Frühjahr und die Sommermonate sind ins Land gezogen, „Tranquilo II“ ist bereit, angehört zu werden, und die Tour rückt näher. Auch auf meinem Schreibtisch ist die Scheibe gelandet, in die ich intensiv reingehört habe, um euch nun meine Eindrücke zu schildern. Aber zunächst ein paar Fakten – so wie sich das gehört.

Auf „Tranquilo II“ haben die Spielmänner um Frontmann Michael Robert Rhein („Das Letzte Einhorn“), Sebastian „Van Lange“ Lange an der Gitarre, Florian „Specki T.D.“ Speckardt am Schlagzeug, André „Dr. Pymonte“ Strugala (Sackpfeife, Harfe), Kay „Die Lutter“ Lutter (Bass) sowie Marco „Flex der Biegsame“ Zorzytzky (Schalmei, Sackpfeife) einmal mehr alle Register ihres Könnens gezogen. Satte 17 Songs – plus drei weitere Tracks auf einer exklusiven Bonus-EP für die Deluxe-Editionen – haben die Berliner auf ihr Akustikschiff gepackt und dafür gleich noch einige namhafte Gäste mit an Bord genommen: So geben sich am Mikrofon unter anderem DORO PESCH, Monchi und Max Bobzin (FEINE SAHNE FISCHFILET) sowie Laura Fella (FAUN) die Ehre. Entscheidend für den besonderen Klang sind darüber hinaus drei weitere hochkarätige Musiker, die IN EXTREMO nicht nur auf dem Album unterstützen, sondern im November und Dezember auch gemeinsam mit der Band auf Tour gehen: Oliver „SaTyr“ Pade und Niel Mitra von FAUN sowie der Geiger Justin Ciuche. Mit zusätzlichen Instrumenten, feinen Arrangements und neuen Klangfarben erweitern sie das musikalische Spektrum von „Tranquilo II“ massiv und werden auch live fester Bestandteil dieses besonderen Akustik-Ensembles sein.

Dabei machen sie es sich keineswegs so einfach, die altbekannten Hits lediglich leiser herunterzuzocken. Die in intimer Live-Atmosphäre im österreichischen Dornbirn neu arrangierten Stücke wildern lustvoll in fremden Genres: Swing, Rockabilly oder Ska verschmelzen hier mit der IN EXTREMO-DNA. So wird die Platte zu einer spannenden Reise durch den Backkatalog – von frühen Klassikern (‚Spielmannsfluch‘) über unsterbliche Live-Hymnen (‚Störtebeker‘) bis hin zu neueren Stücken (‚Weckt die Toten‘). Und da man niemals nur in den Rückspiegel schaut, fügt sich mit ‚Heute wird der Himmel brennen‘ direkt noch ein brandneuer Song perfekt in diesen akustischen Kosmos ein. Hören wir rein in die 17 Lieder – Abfahrt!

Abfahrt, das sagte wohl auch Klaus ‚Störtebeker‘ zu seinen Mannen, also ist der nach dem Freibeuter benannte Song der passende Opener für „Tranquilo II“. Der Akustik-Rocksong macht ziemlich viel Bock und dürfte live zu ein bisschen Pogo verleiten. Weniger Pogo, mehr geschunkelt werden darf in ‚Sternhagelvoll‘, das ein so geiler Mitsingsong ist und im „Ohne Stecker“-Gewand in jedem Wirtshaus gespielt werden kann. Das Lied ist im Grundton ruhiger als das Original, aber genau darin liegt für mich die Qualität. So ist es nicht nur der markante Gesang, der hängen bleibt, auch die vielen Instrumente klingen toll im Ohr. Tanzbar und düster geht es mit dem ‚Spielmannsfluch‘ weiter, den wohl ein jeder Fan des Genres auswendig kennt. Das erste Lied, das mich auf tiefer emotionaler und melancholischer Ebene „sticht“, ist das sehnsüchtige ‚Liam‘ mit Laura Fella, deren Stimme ich so mag und in der man sich verlieren kann. Aus meiner Melancholie holen mich IN EXTREMO mit der Hymne an die Freiheit, die da heißt ‚Frei zu sein‘, und die wohl auch jeder im Schlaf trällern kann. Den zweiten Stich versetzt mir ‚Feine Seele‘ und erwischt mich in einem Moment, bei dem ich die Tränen nicht zurückhalten kann. Das wird wohl einigen so gehen und ich finde es schön, wenn Musik so etwas auslösen kann; dabei genieße ich vor allem die Streicher und das Duett mit DORO PESCH.

Über ‚Rasend Herz‘ geht’s zu ‚Weckt die Toten‘, ein Song, der auch in der Akustikversion ein absoluter Knaller ist und dem man die Rockseele nicht „entrissen“ hat. Jetzt ist das neue Lied ‚Heute wird der Himmel brennen‘ an der Reihe, eine weitere großartige Ode an die Freundschaft, an Verbundenheit und Zusammenhalt. Über ‚Feuertaufe‘ mit seinem Ohrwurm-Refrain inklusive tollem, mehrstimmigem Gesang, dem gruseligen ‚Blutmond‘ und dem eingängigen ‚Gaukler‘ geht’s zu ‚Nur ihr allein‘, mit dem IN EXTREMO ruhige Töne anschlagen. ‚Troja‘ klingt in der „Tranquilo“-Fassung ein wenig nach „Folk-Doom“ – die Streicher machen die Nummer noch ein bisschen griffiger und klangvoller. In ‚Lebensbeichte‘ geht es im Kern um ein rastloses, ungebundenes Leben abseits gesellschaftlicher Normen sowie um die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit und den eigenen Lastern. Das passt 1a zur akustischen Seite dieses Albums, das mit dem Titelsong eines recht jüngeren Releases weitergeht und wohl nie an Aktualität verlieren wird. Die Rede ist von ‚Quid Pro Quo‘ vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 2016. Das Finale, ‚Herr Mannelig‘, ist ein Cover einer traditionellen schwedischen Volksballade und handelt von einer Trollfrau, die einen christlichen Ritter (Herrn Mannelig) heiraten möchte.

Ein kurzes Zwischenfazit: „Tranquilo II“ ist auf dieser Distanz von 17 Tracks bereits ein absoluter Knaller. IN EXTREMO beweisen eindrucksvoll, dass sie für pure Intensität keine krachenden E-Gitarrenwände brauchen. Die Scheibe ist eine emotionale Achterbahnfahrt zwischen ausgelassenem Schunkeln, tiefster Melancholie und Gänsehaut pur. Das „Ohne Stecker“-Gewand raubt den Songs dabei nicht ein Gramm ihrer Rockseele, sondern legt ihren Kern erst richtig frei. Ein Volltreffer – und dabei fehlt ja sogar noch der limitierte Nachschlag!

So, weiter im Text! Wer zur Deluxe-CD oder dem streng limitierten Vinyl-Bundle (hier gibt’s die EP als schicke 10″-Vinyl) greift, bekommt als Schmankerl die exklusive Bonus-EP „Sternhagelvoller“ serviert. Der fast sechsminütige Titeltrack hebt den Hit ‚Sternhagelvoll‘ auf XXL-Niveau, für das sich die Band gefühlt die komplette Mittelalter-Rock-Prominenz ans Mikro geholt hat: Ben (FEUERSCHWANZ / D’ARTAGNAN), Laura und Oli (FAUN), Teufel (TANZWUT), Eric (SUBWAY TO SALLY), Malte (VERSENGOLD), Pat und Albi (FIDDLER’S GREEN), Castus (CORVUS CORAX), David (HAGGEFUGG), Fabi (STORMSEEKER) sowie FABULA machen aus der Nummer ein Gipfeltreffen der Barden. Abgerundet wird das Lieder-Triple von der brandneuen, exklusiven Nummer ‚Amontillado‘ und einer spannenden Vokalversion von ‚Ave Maria‘, bei der Micha Rhein von der kroatischen A-cappella-Formation METAKLAPA unterstützt wird.

‚Sternhagelvoller‘ hat die bereits erwähnten Gäste oder besser Freunde am Start, die dem Song allesamt eine persönliche Note verleihen – und das nicht nur durch den stimmlichen Beitrag, nein, auch der Text wurde erweitert. Wenn gegen Ende alle singen, macht das solch eine Gänsehaut – bitte eine Liveversion davon! ‚Amontillado‘ dürfte Freunden von Spirituosen aus Spanien bekannt sein, denn Amontillado ist eine besondere, traditionelle Art von Sherry aus Spanien (aus der Region Jerez oder Montilla-Moriles), die sich durch eine zweifache Reifung auszeichnet – Prost! Mit ‚Ave Maria‘ endet dann auch die EP und hier auch meine Review, denn das Lied spoilere ich euch nicht – hört es euch an – ich finde es gigantisch!

Nach mehr als drei Jahrzehnten – beginnend auf Mittelaltermärkten – haben es IN EXTREMO auf die ganz großen Bühnen der Welt geschafft. Viel wichtiger ist aber die Tatsache, dass die Band auf ihrer langen Reise über jene Märkte, durch kleine Clubs, riesige Hallen und über gigantische Festivalbühnen durch ihre authentische Art stets eines konsequent geschafft hat: fest in den Herzen ihrer Fans zu bleiben. Und zwar durch eine Musik, die berührt, mitreißt, Emotionen weckt und dabei immer wunderbar bodenständig geblieben ist. Damit schließt sich mit „Tranquilo II“ nun ein Kreis: Es ist eine Rückkehr zum gemeinsamen, intimen Musizieren, zurück zur unmittelbaren Begegnung mit dem Publikum – und gleichzeitig der Aufbruch zu neuen musikalischen Ufern.

Tobi Stahl vergibt 9 von 10 Punkten