GODSNAKE
Titel: INHALE THE NOISE
Label: Massacre Records
Spieldauer: 47:19 Minuten
VÖ: 17. April 2026
Kaum zu glauben, aber inzwischen sind seit meinem ersten Kontakt mit GODSNAKE und ihrem Debüt “Poison Thorn” schon fünf Jahre vergangen. Damals hat mich die Hamburger Band eher zufällig erwischt – und mit ihrem fetten Sound direkt am Schlawittchen gepackt. Vor allem diese Mischung aus druckvollen Riffs, starken Hooks und der markanten Stimme von Torger hat mich sofort abgeholt – “Poison Thorn” war für mich ein Debüt, das ohne große Anlaufzeit zündet und sein Gift mit jedem Durchlauf noch potenter durch meine Adern jagt. Wenn ich heute an mein erstes Interview mit der Band zurückdenke, bleibt vor allem eines hängen: coole Musikfreaks, die ihre Einflüsse bündeln und daraus einen gemeinsamen Nenner formen – rifflastig, druckvoll und genau darauf ausgelegt, in Nacken, Beine und Gehörgänge zu fahren. Mit dem Zweitwerk “Eye for an Eye” legten die Nordlichter ein noch reiferes Album nach, das deutlich machte, dass die Jungs ihren Sound gefunden haben und als Einheit noch besser funktionieren – und dabei eine verdammt geile Mucke rausknattern wie eine Harley auf Vollgas. Für mich war diese vielseitige und insgesamt noch geschlossenere Platte der logische nächste Schritt. Wenn ich überhaupt etwas zu meckern hatte, dann war es der Wunsch nach noch ein wenig mehr Härte an der einen oder anderen Stelle – aber das ist Jammern auf hohem Niveau.
Umso spannender ist es rückblickend, sich noch einmal vor Augen zu führen, unter welchen Umständen dieses zweite Album überhaupt entstanden ist. In meinem letzten Interview mit Torger, damals zum Release von “Eye for an Eye”, wurde schnell klar, wie sehr die Band an der Pandemie zu knabbern hatte. Ein Debütalbum in der Hinterhand, geplante Shows – und plötzlich die scheiß Pandemie und der damit verbundene Stillstand. “Ein verdammt großer Mist”, wie Torger es ziemlich treffend formulierte. An Aufgeben war allerdings nie zu denken. Stattdessen wurde geflucht, geschrieben und weitergemacht. Eine Schlange gibt halt nicht auf – vielleicht ist genau das ein Teil des Fundaments, auf dem GODSNAKE heute stehen. Und genau dieses Fundament bekommt mit dem neuen Album nun die nächste Bewährungsprobe. Weniger Gitarren, weniger Layer – dafür vielleicht mehr Fokus, mehr Direktheit? Ganz wie eine Lanzenotter: schnell, präzise und mit einem Biss, der ohne Vorwarnung sitzt. Genau hier setzt “Inhale The Noise” an, das am 17. April 2026 über MASSACRE RECORDS erscheint. Die Erwartungen sind entsprechend hoch – nicht nur wegen der starken Vorgänger, sondern auch, weil sich im Line-up etwas Entscheidendes getan hat.
Aus dem Schlangennest gab es hierzu zuletzt einige Neuigkeiten: Gitarrist Pepe hat beschlossen, GODSNAKE zu verlassen, um sich künftig verstärkt seinen Aktivitäten mit ANCIENT CURSE zu widmen. Gleichzeitig präsentierte die Band mit den Worten “SNAKEHEADS… we are happy and proud to finally present you the new guitar wizard in the Snakepit” ihren neuen Mann an der Gitarre: Mark Pöhner, der bereits bei Bands wie VENATIC und WELCOME DYSTOPIA seine Spuren hinterlassen hat. Wichtig dabei: Auf “Inhale The Noise” ist er noch nicht zu hören. Denn das Album wurde von genau dem Quartett eingespielt, das aktuell aus Torger an den Vocals, Stevo an der Gitarre, The Walt am Bass und Sidney an den Drums besteht – und genau dieses Line-up ist es, dessen musikalisches Können sich hier durch die Boxen züngelt. Unterstützung gibt es dabei punktuell von RAGE-Gitarrist Jean Bormann (‘Inhale The Noise’, ‘Rotten To The Core’, ‘Digital Dumbass’), der auf mehreren Songs mit starken Soli zusätzliche Akzente setzt. Abgerundet wird das Ganze durch das einmal mehr starke Cover-Artwork von Björn Gooßes sowie Mix und Mastering aus den Händen von Lasse Lammert.
Jean Bormann (RAGE, Gitarre)
Jean Bormann ist Gitarrist der deutschen Metal-Institution RAGE und gehört seit einigen Jahren zur festen Besetzung der Band. Mit RAGE war er an mehreren Veröffentlichungen beteiligt und ist sowohl im Studio als auch live ein wichtiger Bestandteil des aktuellen Line-ups. Zuvor war er bereits in verschiedenen Projekten und Bands aktiv und hat sich in der Szene als technisch versierter und stilistisch sicherer Gitarrist etabliert.
Genug der Vorgeschichte – Zeit, das Biest zu entfesseln und einen Blick auf das zu werfen, was hier eigentlich zählt: die zehn Songs.
Bereits der Opener ‘Scream For A Bullet’ macht mit seinem Druck, der einer 47er Magnum gleicht, unmissverständlich klar, in welche Richtung die Reise auf und mit “Inhale The Noise” gehen wird. In der Nummer gibt es keine großen Umschweife, sondern direkt knackigen Melo-Thrash in die Fresse. Im zweiten Track ‘Lost & Forgotten’, der zugleich die erste Singleauskopplung war, bearbeitet Stevo die Klampfe und feuert aus allen Rohren, Sidney verprügelt sein Schlagzeug, The Walt lässt den Bass vibrieren, und so marschieren GODSNAKE kompromisslos nach vorne – mit Torger als “Gesangs-Tank”, der dieser Hymne für Außenseiter mit seiner markanten Stimme die Krone aufsetzt.
GODSNAKE über den Song:
‘Lost & Forgotten’ ist eine Hymne für Außenseiter und Andersdenkende – ein persönliches und zugleich universelles Statement über Zugehörigkeit, Identität und das Finden von Stärke innerhalb der Metal-Community. Wir möchten uns bei all den wunderbaren, besonderen Menschen bedanken, die an diesem Video mitgewirkt und es möglich gemacht haben. Ihr rockt – wir sind stolz, euch im Snakepit zu haben.
Hintergrund ist, dass viele Fans – auch der Autor dieses Textes und seine Hündin – dem Song ein Gesicht geben. Zieht euch das Video rein.
Mit dem Dampfhammer-Titeltrack ‘Inhale The Noise’ und Jean Bormann als zusätzlichem „Axtmann“ geht die Platte in Runde drei, eure Nacken sollten jetzt warm sein, die ersten Kalorien verbrannt und das gelbe Thrash-Gift sollte bereits in jeder Ecke eures Körpers wirken. Das Nackenbrecher-Auftakt-Triple macht brutal Bock, kommt mit mehr Wucht, als man das bisher von den Hanseaten kennt – so darf es weitergehen. Schon während der ersten Noten wird deutlich, dass ‘Enemy Of Great’ den Fuß ein bisschen vom Gaspedal nimmt. Wer die beiden Vorgängeralben kennt, weiß, wie Torger performen kann – sowohl in Full Throttle als auch in getragenen Songs, wobei man in ‘Enemy Of Great’ beides bekommt, plus eine Instrumentalpassage, die es in sich hat – Stichwort Gänsepelle XXL.
Die donnernden Einschläge der Drums im fetten Banger ‘Rotten To The Core’ bringen das gute Geschirr zum Beben, Jean Bormann liefert Performance Nummer zwei ab – bockstarke Nummer zum Moshen und Abreagieren. ‘Place To Call Home’ geht musikalisch in die gleiche Richtung wie ‘Enemy Of Great’, und in ‘Digital Dumbass’ (feat. Jean Bormann/RAGE zum dritten) servieren GODSNAKE einen brachialen Thrash-Knaller, der sich wütend in eure Ohren fräst. Den Auftakt fürs Finale-Furioso macht das treibende, riffgewaltige und breitbeinig auf den Boden stampfende ‘Fear Is The Key’, dem ‘Creator Of Shame’ in Sachen Intensität in nichts nachsteht – erst recht nicht in Sachen kritischer Lyrics. Lediglich die instrumentale Passage und das Gitarrensolo setzen hier noch einen drauf.
Für das Grande Finale solltet ihr die Pommesgabeln, Metalhörner, Dio-Finger oder was auch immer noch einmal schärfen, den Nacken eingrooven und das Tanzbein dehnen – oder die Nummer einfach lauthals mitgrölen. Spätestens im Breakdown bleibt eh niemand mehr regungslos stehen – das ist ‘The Price We Have To Pay’ für geilen Metal.
“Inhale The Noise” ist ein “kontrollierter Kontrollverlust”
Schon das Artwork knallt mir förmlich entgegen und erweckt den Eindruck, man stünde kurz vor einer Detonation: ein schlangenhautüberzogener Lautsprecher, eingesperrt in einem bereits aufgebrochenen, transparenten Konstrukt, das den Druck kaum noch halten kann. Im Hintergrund liegt die abgestreifte Haut – ein Zeichen dafür, dass GODSNAKE sich hier nicht nur klanglich weiterentwickelt haben, sondern auch im Songwriting und durch Veränderungen im Line-up eine neue Haut übergestreift haben. Für mich ist das ein Sinnbild für den GODSNAKE-Sound, der nicht gebändigt werden kann – giftig, direkt und jederzeit bereit, mit voller Wucht zuzubeißen.
Und genau dieses Gefühl zieht sich durch das gesamte Album: GODSNAKE präsentieren sich bissiger, fokussierter und entschlossener denn je. “Inhale The Noise” ist ein kontrollierter Kontrollverlust” – thrashig, melodisch, druckvoll und gleichzeitig durchdacht im Songwriting. “Inhale The Noise” ist Metal, der seine spitzen Zähne ins Fleisch des Hörers schlägt und ihm eine Dosis Stahlhymnen injiziert, um die Sucht zu befriedigen.
Tobi Stahl vergibt 9,5 von 10 Punkten


