FADING LIGHT – THE SPELL OF A NEW DAWN

FADING LIGHT

Titel: THE SPELL OF A NEW DAWN

Label: Apostasy Records

Spieldauer: 39:24 Minuten

VÖ: 13. November 2026

Simon Bossert aus Rottweil (Baden-Württemberg) dürfte vielen Heavy-Metal-Fans ein Begriff sein. Ich behaupte sogar, dass Metalheads aus aller Herren Länder mindestens einen „Bossert“ zu Hause haben. Der Künstler ist nicht nur selbst musikalisch aktiv, sondern auch ein kreatives Mastermind, dessen visuelle Arbeiten weit über die Grenzen der deutschen Metalszene hinaus Beachtung finden. Besonders POWERWOLF wussten seine Fähigkeiten zu schätzen und nahmen für ihre Liveshows die Dienste des talentierten Künstlers in Anspruch. Wer, wie ich, Augenzeuge dieser herausragenden Arbeit war, weiß, mit welcher Akribie, Detailverliebtheit und künstlerischen Präzision Simon zu Werke geht. Hier wird nichts dem Zufall überlassen: Jedes Detail trägt dazu bei, die ohnehin bombastische Inszenierung der Saarbrücker Metal-Institution visuell auf ein neues Level zu heben. Dass seine Arbeiten gerade im Zusammenspiel mit der opulenten Bühnenpräsenz von POWERWOLF ihre volle Wirkung entfalten, überrascht daher kaum. Doch Bossert ist weit mehr als ein gefragter Künstler hinter den Kulissen: Mit seinem eigenen Musikprojekt FADING LIGHT verbindet er seine musikalischen Visionen mit seiner ausgeprägten Leidenschaft für düstere Bildwelten und atmosphärische Inszenierungen.

„Es gibt keine Kunst ohne Leid, ohne Widersprüche, ohne den Abgrund und ohne die Angst vor dem Unfassbaren.“

Doch POWERWOLF sind längst nicht die einzigen namhaften Vertreter der Metal-Szene, mit denen Simon „Totleben“ Bossert bereits zusammengearbeitet hat. Zu seinen Referenzen zählen unter anderem NIGHT IN GALES, FLESHCRAWL, TOTENGEFLÜSTER, NYKTOPHOBIA, SEASONS IN BLACK, MISSION IN BLACK, MALADIE, BASEMENT PROPHECY und SERENITY IN MURDER. Auch im Labelbereich kann er auf namhafte Kooperationen verweisen, darunter Napalm Records, Season of Mist und Apostasy Records. Letzteres veröffentlicht am 13. November 2026 auch das neue Album „The Spell Of A New Dawn“ von Bosserts eigenem Musikprojekt FADING LIGHT.

Schon das Artwork von „The Spell Of A New Dawn“ ist sackstark und macht neugierig auf das, was FADING LIGHT musikalisch zu bieten hat. Bei den physischen Editionen, die über Apostasy Records kommen, wird einiges geboten: Neben dem digitalen Album gibt es unter anderem ein auf weltweit 500 Exemplare limitiertes Earbook im Format 28 × 28 cm mit 60 Seiten. Neben der CD enthält es eine ausführliche Romanfassung der Albumgeschichte sowie erweitertes Artwork. Wer es lieber klassisch mag, kann zwischen verschiedenen CD- und Vinyl-Editionen wählen. Besonders interessant für Sammler dürften die auf 100 Exemplare limitierte gold-schwarz-marmorierte Vinylversion, die auf 300 Stück begrenzte Starlight-Sparkle-Edition und die auf 200 Exemplare limitierte schwarze Schallplatte sein. Selbst eine streng limitierte Kassette mit lediglich 50 Exemplaren gehört zum Angebot. Hier wird deutlich, wie viel Herzblut Simon „Totleben“ Bossert in dieses Projekt steckt: „The Spell Of A New Dawn“ soll offenbar nicht nur musikalisch, sondern auch optisch und haptisch ein Erlebnis werden.

Mit Apostasy Records hat Simon für seine Herzensangelegenheit FADING LIGHT den passenden Partner für „The Spell Of A New Dawn“ gefunden. Bossert arbeitet bereits seit Jahren für das norddeutsche Label und gestaltet Artworks für dessen Veröffentlichungen. Das limitierte Earbook ist für Apostasy Records eine Premiere und unterstreicht die enge Zusammenarbeit. Der Label-Leitspruch „Music Is Not Just A Product But A Passion“ passt damit auch zu diesem Projekt.

Das instrumentale Lied ‚A Gathering of Souls‘ ist unser Einstieg in die Welt von FADING LIGHT. Der Opener von „The Spell Of A New Dawn“ umschmeichelt mit seiner Symphonik, baut Spannung auf und geht nahtlos in den nächsten Song über, der die von Totleben erschaffene Geschichte lyrisch eröffnet. In ‚Crowned with Might‘ bekommt die Orchestrierung, die Totleben selbst einspielte, ihren schwarzmetallischen Anstrich. Es setzen deftige Gitarren – hier von Gastmusiker Christian Kupczyk (AEONYZHAR) – ein; das Schlagzeug, gespielt von Michiel van der Plicht, untermalt die Growls, die von der Versammlung der Kinder vor dem Thron ihres Meisters, dem Tod, handeln. Der Song variiert seine Intensität und gibt dem Tod eine besondere Stimmung, die bedrohlich wirkt und den Hörer fesselt – wir sind im Königreich des Todes angekommen. Der Mensch ist hinterlistig, beißt die Hand, die ihm hilft und ihn schützt, oder verrät jene, die ihm zur Seite stehen – dies ist der lyrische Hintergrund von ‚On Wings of Vengeance‘, in dem Drachen als Beschützer der Menschen gelten, bis diese falschen Göttern folgen und die Drachen verraten. Die Dramaturgie des Liedes wird mit Growls und flüsternden Stimmen greifbar, die Orchestrierung lässt das Erleben dieses Verrats bildlicher werden und kurbelt das Kopfkino an. Fäden des Schicksals lenken Liebe, Tod und Leiden – alles Fäden, gehütet vom Schicksalsgott (Ithaar). Um die Geschichte seines Abstiegs zu den Menschen und die Konsequenzen daraus geht es in ‚The Return‘. Hier gibt Totleben einiges mehr an Pferdestärken auf die Gitarren; auch in den Drums und der Orchestrierung steckt mehr Intensität. Hier darf der geneigte Nackenwipper die Haare fliegen lassen, der Cineast das Kopfkino anwerfen und der Fan von deftigem Symphonic Black Metal die Lautstärke aufdrehen – dieses Lied hat alles: wie ein Ü-Ei, nur geiler!

Die „zweite Halbzeit“ von „The Spell Of A New Dawn“ wird durch die bereits veröffentlichte Singleauskopplung ‚Seeds of Death‘ gestartet, in der Sophie Müller ihre Stimme beisteuert. FADING LIGHT gelingt es hier nicht nur, die Verderbnis musikalisch abzubilden; auch die Female Voice ist so passend und atmosphärisch, dass die Erzählung über einen gierigen Machthaber mehr Tiefgang bekommt und umso furchteinflößender wirkt. Das Video ist on top sehr sehenswert: Gefilmt, animiert und editiert von Totleben, wirkt Julie Houssin als Darstellerin mit, während die Landschaft mit der Unreal Engine gerendert wurde. Als Ballade sollte man ‚Far Away from the Stars‘ nun nicht bezeichnen, doch tiefgründig, verletzlich und nachdenklich ist der wuchtige Song zu 100 %. Ich bin am Überlegen, ob ich eine solche traurige Endgültigkeit jemals in einem brachialeren, kühlen und doch irgendwie warm umarmenden Klang gehört habe – ein Ergebnis habe ich nicht, jedoch hallt ‚Far Away from the Stars‘ nach, und damit meine ich jede Sekunde, besonders aber jene Passagen, die durch ihre Symphonik eine Leichtigkeit in der Schwere vermitteln. Wie aus einer Romanze eine okkulte „Necromanze“ wurde, ist das Thema des vorletzten Liedes ‚Necromance‘, in dem der Protagonist seine Liebe an eine Krankheit verliert. Hier sind die Gegensätze von Leben und Tod, Wärme und Kälte, Liebe und Verfall noch spürbarer, gehen noch tiefer unter die Haut und erzeugen noch intensivere Bilder vor dem geistigen Auge. Wo wir bei Bildern sind: Ich empfehle euch, das Video zu ‚Poltergeist‘ anzuschauen, euch die Lyrics genau anzuhören und der Spukgeschichte zu lauschen, die FADING LIGHT in diesem Lied erzählen. Zum Zeitpunkt, als ich diese Zeilen schreibe, war ‚Poltergeist‘ die zweite Vorabsingle und erhielt einen ebenso tollen Video-Support wie ‚Seeds of Death‘. Mit ‚Poltergeist‘ endet „The Spell Of A New Dawn“ und hinterlässt bei mir den Gedanken an Weihnachten, den ich euch so erkläre:

Es gibt zahllose Veröffentlichungen rund um Weihnachten – Alben, nur für diese eine Zeit geschaffen. Dann gibt es „The Spell Of A New Dawn“, einen Symphonic-Black-Metal-Blockbuster, der Freunden des Genres das ganze Jahr über wohligen Schauder bereitet, aber besonders in den creepy Monaten sein Potenzial entfaltet. Dies ist aber nur ein Gedanke, mein Fazit folgt jetzt.

Ich durfte „The Spell Of A New Dawn“ mit Einsicht ins Earbook besprechen und habe zu den Liedern auch die einzelnen, insgesamt sieben Kurzgeschichten verschlungen. Hier sei lobend erwähnt, dass es die Geschichten nicht nur in englischer Sprache, sondern auch auf Deutsch im toll aufgemachten Earbook gibt. Die schiere Liebe zu seinem Albumprojekt wird hier so deutlich, wie ich es selten gesehen habe. Das Hörerlebnis wird gestützt durch die Geschichten, durch die Lyrics und die sagenhaft schönen Bilder, die Totleben eigens für dieses Album entwarf.

„Simon ‚Totleben‘ Bossert setzt mit ‚The Spell Of A New Dawn‘ die neue Messlatte für den epischen Underground.“

Musikalisch hatte Totleben Unterstützung an den Drums von Michiel van der Plicht, Christian Kupczyk an der Gitarre (AEONYZHAR), und Sophie Müller steuert in ‚Seeds of Death‘ ihre Stimme bei; Mix und Master stammen von Joost van den Broek – alles andere erledigte der Künstler aus Rottweil in Eigenregie. Ich bin absolut angetan und es ist aus meiner Sicht nicht übertrieben, wenn ich „The Spell Of A New Dawn“ als Blockbuster des Undergrounds bezeichne, denn die stimmige Orchestrierung, die brachiale Durchschlagskraft des Black Metal und die vielen verschiedenen Schattierungen der Vocals machen „The Spell Of A New Dawn“ zu einem 10-Punkte-Album – und mit allem Drum und Dran ist die Einstufung als Blockbuster mit Sternchen noch fast zu tief gestapelt.

Tobi Stahl vergibt 10 von 10 Punkten