
CIRCE LINK & CHRISTIAN NESMITH
Titel: ARCANA
Label: Thin Like A Key Records/Just For Kicks
Spieldauer: 57:04 Minuten
VÖ: 21. Februar 2025
Zuletzt kam in einer Diskussion unter Kumpels auf, dass Prog Rock ja gar nicht mehr so progressiv ist. Prog Rock ist vielmehr mittlerweile eine Spielart der Rockmusik, die so konservativ ist, wie kaum eine. Manchmal könnte man meinen, dass manche musikalischen Motive schon seit Jahrzehnten immer wieder ausgegraben werden. So machen Dream Theater eben immer wieder Dream Theater Musik und Spock’s Beard auch in neuer Besetzung immer wieder Spock’s Beard. Aber, Scheiß drauf! Wenn es denn gut gespielt ist! Wenn es spannend tönt! Wenn es fesselt! Dann ist mir das doch piepegal, ob es konservativ ist, oder altmodisch.
Hier kommen jetzt CIRCE LINK & CHRISTIAN NESMITH ins Spiel. Das Paar aus der Stadt der Engel macht schon seit über 20 Jahren und 16 Alben zusammen Musik. Circe singt, die Instrumente werden fast komplett von Christian übernommen. Zuletzt haben sie auch einige exzellente Coversongs hingelegt, etwa von den Beatles, Yes oder Pink Floyd. Übrigens haben wir hierzulande ein ähnlich aufgestelltes Duo, Melanie Mau & Martin Schnella, das, allerdings in akustischem Gewand, eigene Songs und Coverstücke zum Glänzen bringt.
Im Tarot, das aus einem Kartenspiel entstand und heute psychologischen Zwecken oder als Wahrsagekarten dient, findet man die „Arcana“. Man unterscheidet zwischen großen und kleinen Arkana. Immer wieder findet man in Literatur, Kunst und Musik Motive des Tarot, bei James Bond genau wie bei den Simpsons, selbst „Die Drei ???“ bekommen damit zu tun. Über Sinn und Unsinn im täglichen Leben läßt sich sicher lang und ausdauernd disputieren. Wer daran glaubt und es nutzt, bitte. Aber Numerologie und Astrologie wirken für mich ähnlich, wie der Glaube, dass die Erde eine Scheibe sei. Dass ein Hersteller von homöopathischen „Medikamenten“ sich „Arcana“ nennt, ist in diesem Falle mehr als vielsagend.
Das soll aber nicht den musikalischen Gehalt von „Arcana“ in irgendeiner Form mindern. Denn das Duo hat hier fünf wirklich spannende und unterhaltsame Longtracks eingespielt. Ja, diese beiden haben ziemlich konservative Einflüsse. Man fühlt sich stellenweise an Yes erinnert, sogar noch etwas häufiger an frühe Genesis. Gesanglich tauchen auch gerne mal Gentle Giant Motive auf. Diese Einflüsse sind locker miteinander verknüpft. Perlende Keyboards treffen auf schwebende Gitarren. Keltisch angehauchte Klänge treffen auf tänzerische Rhythmen. Und trotz ihrer meist recht sanften Stimme, klingt Circe in ´The Fool´ streckenweise höchst aggressiv.
Aber, das darf und muss ich festhalten, Circe bezirzt mit ihrer hellen, glockenklaren Stimme. Als Odysseus bei seiner Reise auf ihrer Insel landete, wurden seine Gefährten von ihrem Zauber gefangen genommen und in Schweine verwandelt. Einzig ein spezielles Kraut machte ihn selbst unempfindlich. Um von Circe Links Stimme nicht verzaubert zu werden, da ist kein Kraut gewachsen. Da müsste man schon taub sein.
„Arcana“ ist im Moment eine der besten Scheiben im Prog. Leicht sinfonisch, voller Melodien, pendelnd zwischen Sanftheit und Drama, CIRCE LINK & CHRISTIAN NESMITH müssen sich ganz bestimmt nicht hinter den großen Namen des Prog verstecken. Und, ja, diese Art Musik gilt ein wenig als konventionell, scheint überholt und unzeitgemäß. Am Ende des Tages ist das mehr als egal. Hier ist wunderbare und fesselnde Musik versteckt. Die möchte ich jedem ans Herz legen, der ebenso altmodisch verproggt ist wie ich.
Mario Wolski vergibt 8 von 10 Punkten