ABROGATION
Titel: WIDERSCHEIN
Label: Massacre Records
Spieldauer: 48:36 Minuten
VÖ: 20. März 2026
1995 in Magdeburg von “Schwarte” und “RW” aus der Taufe gehoben, gehören ABROGATION zu den frühen deutschen Melodic-Death-Metal-Acts, die sich Ende der 90er mit deutschsprachigen Texten bewusst gegen den damaligen Szene-Standard stellten. Erste Duftmarken setzte die Band mit der Demo “Screams of Soul” (1998) und der EP “Creation of Madness” (1999), bevor noch im selben Jahr das Debüt “Handwerk des Todes” erschien. Mit “Das Blut der Toten” (2002) über Syndicate Media/Nuclear Blast kam der nächste Schritt, ehe “1487” (2005), “Sarggeburt” (2009), “Tief schwarz, blutig rot” (2011) und “Urstant” (2016) den eigenen Stil zwischen Melodic Death Metal und klassischem deutschen Metal weiter fortführten und festigten.
2026, zehn Jahre nach dem letzten Lebenszeichen, hauen ABROGATION, deren Name sich auf den Begriff Abrogation aus dem Kirchenrecht bezieht, ihr neues Studiowerk “Widerschein” raus – und das mit diesen Muckern: Benny (Gesang), Poldi und Kutte (Gitarren), RW (Bass) und John Doe (Schlagzeug). “Widerschein” kommt über Massacre Records als Digipak-CD, schwarze Vinyl-LP und in digitaler Variante. Der Großteil der Songs entstand während der Pandemie. Im Songwriting rückte Kutte stärker an die Seite von Hauptkomponist Poldi, während Benny die komplette lyrische Kontrolle übernahm. Für den druckvollen Sound sorgen Ricardo Borges und Jens Bogren im Mix sowie Tony Lindgren im Mastering in den Fascination Street Studios, das Artwork steuerte Claudia Heßler bei. Wir nehmen “Widerschein” jetzt unter die Lupe.
Im Intro ‘Anbeginn’ servieren ABROGATION gar creepy Soundelemente, die sich schließlich auf die musikalisch druckvolle Ebene von ‘Puppenspieler’ begeben. Die Vocals in deutscher Sprache klingen sehr gut, das rollende R kennen wir so ein bisschen von einer anderen Band, die sehr auf Feuerwerk etc. setzt, wobei ABROGATION in die Gefilde von RAMMSTEIN aus frühen Tagen kommen – da fand ich die Herren toll. Was ganz und gar nicht RAMMSTEIN-like ist, ist die melodische Seite von ‘Kleiner Mann’, die mir gut gefällt und Gottlob die Eigenständigkeit des ABROGATION-Sounds unterstreicht. Diese Merkmale gibt es auch in ‘Morgenrot’, bei dem das Schlagzeug reichlich Schlagzahl macht, die Vocals wie Geschosse aus den Boxen schleudern und auch mal räudiger klingen. Um dein Fleisch, dein heißes Blut und weitere “Leckereien” geht es in ‘Der Nimmersatt’. Ich mag den druckvollen Bass, der dem Nimmersatt wohl das Schnitzel vom Teller wemmst, und die böse Grundhaltung des Liedes. In ‘Spieglein, Spieglein’ haben die Melo-Deather eine Sängerin am Start, die dem Lied etwas Tiefgang verleiht. Munter weiter geballert wird in ‘Nur weil ich es sag’’. In ‘Aus Einem hab ich Zwei gemacht’ gibt’s wieder cleane Fem-Vocals und Male-Growls bei bandtypisch druckbetanktem Melo Death. In ‘Gegenwind’ zeigen sich ABROGATION weiter von ihrer brachialen Seite, bauen krächzenden Gesang ein – fast so ein wenig, als wäre Gollum in der Band, und das meine ich positiv. Sinfonisch geht das siebenminütige Stück ‘Die letzte Sinfonie’ los, nach ca. zwei Minuten darf man sich über Nackenbrecher-Mucke freuen und tatkräftig headbangen – wahlweise auch mitsingen und die Kehle trainieren.
Mal ehrlich: Wenn man einmal von einer Band etwas hört, zieht der Kopf automatisch Vergleiche, und gerade RAMMSTEIN liefen bei mir lange und oft, im Deutschrock thronen ohnehin die ONKELZ als ewige Referenz. Die Querverweise auf die Sponsoren sämtlicher Pyrotechniker der Welt mögen sich also aufdrängen, greifen bei ABROGATION und “Widerschein” am Ende aber zu kurz. Denn die Magdeburger nehmen zwar hier und da die Steilvorlage durch das rollende R und die wuchtige deutsche Sprache mit, drücken dem Ganzen mit ihrem druckvollen, melodischen Death Metal, den Growls, den eingestreuten weiblichen Vocals und den vielen eigenen Details jedoch klar ihren Stempel auf. Die Mischung aus brachialen Nackenbrechern, melodischen Momenten und der bewusst düsteren Grundstimmung funktioniert über die komplette Spielzeit, getragen vom fetten Sound und der spürbaren Spielfreude der Band. Zehn Jahre nach dem letzten Album melden sich ABROGATION mit einem Werk zurück, das die eigene Vergangenheit bündelt, weiterentwickelt und selbstbewusst nach vorne schaut – “Widerschein” ist ein starkes Lebenszeichen einer Band, die ihre Identität gefunden hat und genau weiß, wie moderner, deutschsprachiger Melo Death heute klingen kann.
Tobi Stahl vergibt 8 von 10 Punkten


