Mit “Skogarmaors” lieferten OBSCURITY 2021 ein Album ab, das mit rauer Wucht, brachialer Energie und tiefen Wurzeln im Death-, Viking- und Pagan Metal überzeugte. Die Bergische Horde zeigte damit eindrucksvoll, warum sie seit Jahrzehnten zu den konstanten und entschlossenen Kräften der Szene zählt. Am 29. Januar 2026 folgt mit “Ascheregen” nun das nächste Kapitel – ein Album, das nicht nur musikalisch, sondern auch personell Veränderungen mit sich bringt.
Eine Konstante bleibt dabei Frontmann Agalaz, der weiterhin Stimme, kreativer Kern und treibende Kraft von OBSCURITY ist. Mit neuem Line-up an Gitarre und Bass, erneut produziert in den 4CN Studios von Tim Schuldt gemeinsam mit der Band und visuell umgesetzt von Jan Yrlund / Darkgrove Design, steht “Ascheregen” als düsteres Konzeptwerk zwischen Mythologie, Geschichte und Gegenwart. Anlass genug, um mit Agalaz über das neue Album, die Veränderungen innerhalb der Band und die Ideen hinter “Ascheregen” zu sprechen. Bevor wir tiefer in Album, Line-up und Inhalte einsteigen, beginne ich – wie in jedem Interview – mit meiner ersten Frage: Wie geht es dir und deinen Bandkollegen momentan, gerade jetzt rund um den Jahreswechsel, und wie hast du diesen verbracht?
Agalaz:
Hallo Tobias, vielen Dank für die sehr positiven einleitenden Worte, ich freue mich sehr auf das Interview. Wir sind alle gut und gesund in das neue Jahr gestartet, keine besonderen Vorkommnisse. Ich selbst habe mit meiner Frau und unserer Tochter ganz in Ruhe zu Hause gefeiert. Ich hoffe, dass du ebenfalls gut „reingerutscht“ bist, und wünsche dir, den Lesern und dem gesamten Obliveon-Team für 2026 alles Gute – vor allem viel Gesundheit.
Tobias:
Mit “Skogarmaors” habt ihr 2021 eine ordentliche Duftmarke gesetzt – rau, kraftvoll und tief im Death-, Viking- und Pagan Metal verwurzelt. Mit welchem Gefühl blickst du heute auf dieses Album zurück, gerade jetzt, wo mit “Ascheregen” das nächste Kapitel ansteht?
Agalaz:
Mit einem durchweg guten und zufriedenen Gefühl blicke ich auf “Skogarmaors” zurück. Das Album steht für uns sinnbildlich dafür, den musikalischen Weg von OBSCURITY konsequent weitergegangen zu sein – genau so, wie wir es nun auch mit “Ascheregen” tun. Uns wird dabei nicht selten vorgeworfen, wir würden zu engstirnig an unserem Stil festhalten und zu selten aus vermeintlichen musikalischen Ketten ausbrechen – Stichwort „musikalische Weiterentwicklung“.
Ich stelle mir in diesem Zusammenhang bewusst die Gegenfrage: Ist es wirklich etwas Negatives, genau die Musik zu machen, die einem Spaß macht, hinter der man zu 100 % steht und die exakt die Gefühle und Inhalte transportiert, für die jeder Einzelne von uns steht? Ist das automatisch fehlende Weiterentwicklung? Dann müsste man im Umkehrschluss auch Bands wie AC/DC, UNLEASHED, MOTÖRHEAD, SLAYER oder DISMEMBER, um nur einige wenige zu nennen, eine musikalische Entwicklungsbaustelle attestieren.
Um auf deine Frage zurückzukommen: “Skogarmaors” war seinerzeit genau das richtige Album und für uns die logische und konsequente Fortführung unserer musikalischen Idee.
Tobias:
Bei OBSCURITY hat sich im Line-up gegenüber “Skogarmaors” einiges getan. Welche Veränderungen gab es konkret, und wie stark haben sie den Sound und das Songwriting von “Ascheregen” beeinflusst? Seid ihr dabei bewusst neue Wege gegangen oder habt ihr am bewährten Rezept festgehalten – und ab welchem Punkt war für dich klar, dass Grimnir, Njalvar und Vidar die richtige Besetzung für dieses Album sind?
Agalaz:
Das ist richtig, im Line-up von OBSCURITY hat sich seit “Skogarmaors” einiges getan. Mit Grimnir (g), Njalvar (g) und Vidar (b) haben wir drei neue Mitstreiter dazugewonnen, die sich von Anfang an als echter Gewinn erwiesen haben. Für mich sind sie nicht nur die richtige Besetzung für “Ascheregen”, sondern langfristig wichtig und bereichernd für die Band.
Alle drei haben sich unglaublich schnell und selbstverständlich eingefügt, musikalisch wie menschlich. Vidar und Grimnir hatten zudem einen großen Anteil am Songwriting von “Ascheregen”. Njalvar ist erst nach Abschluss der Aufnahmen zu uns gestoßen, ergänzt das Line-up aber inzwischen perfekt. Insgesamt bin ich sehr zufrieden und auch glücklich, mit den drei Neuzugängen sowie Isarn (d) solch starke Musiker und vor allem Persönlichkeiten um mich herum zu haben.
Grundsätzlich hält “Ascheregen” am bewährten musikalischen Rezept fest – allerdings mit einer deutlich stärkeren Prise Black Metal. Das ist zum einen dem frischen Blut innerhalb der Band geschuldet, zum anderen aber auch der klaren konzeptionellen Idee, die Isarn und ich für dieses Album hatten. Musikalisch sollte es wieder etwas näher an “Tenkterra” heranrücken, und ich finde, genau das ist uns sehr gut gelungen.
Für mich war relativ früh klar, dass diese Besetzung die richtige für “Ascheregen” ist, und ehrlich gesagt kann es von mir aus in genau dieser Konstellation bis zu meiner musikalischen Rente gerne weitergehen.
Tobias:
Trotz der Veränderungen seid ihr für die Produktion erneut in die 4CN Studios zurückgekehrt. War es für euch wichtig, in diesem Punkt auf Vertrautes zu setzen, um Stabilität in den Entstehungsprozess zu bringen?
Agalaz:
Für uns war von Anfang an klar, dass wir die Aufnahmen und die Produktion des neuen Albums erneut mit Tim Schuldt in den 4CN Studios angehen würden. Tim und ich kennen uns inzwischen seit 2003, und er weiß ganz genau, worauf es uns musikalisch ankommt. Gleichzeitig bringt er stets seine eigenen Ideen und Perspektiven ein, ohne dabei jemals bevormundend zu wirken.
Was ich besonders an ihm schätze, ist seine schon fast störrische Ruhe und Gelassenheit sowie sein permanenter Antrieb zur Weiterentwicklung. Tim gibt sich nie mit dem Erreichten zufrieden, sondern hinterfragt Dinge, denkt Songs weiter und betrachtet das Material immer aus einer übergeordneten Perspektive. Er achtet darauf, dass das große Ganze stimmt und wir uns nicht in Details verlieren, die am Ende dem Song eher schaden als nutzen.
Darüber hinaus basiert unsere Zusammenarbeit auf gegenseitigem, uneingeschränktem Vertrauen. Genau diese Kombination aus Verlässlichkeit, kreativer Freiheit und gemeinsamer Erfahrung sind für uns die besten Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, um ein Album wie “Ascheregen” entstehen zu lassen.
Tobias:
“Ascheregen” wird als düsteres Konzeptwerk beschrieben, das Vergangenheit und Gegenwart miteinander verknüpft. Wie früh stand dieser inhaltliche Rahmen fest, und wie hat sich das Songwriting von Beginn an gestaltet?
Agalaz:
Der inhaltliche, gesellschaftskritische Rahmen von “Ascheregen” stand für mich bereits vor Beginn des eigentlichen Songwritings fest. Es gibt einige Entwicklungen – sowohl mit Blick auf die Vergangenheit als auch auf mögliche Zukunftsszenarien –, mit denen ich persönlich große Schwierigkeiten habe. Kunst war für mich schon immer eine stilistische Ausdrucksform von Widerstand oder zumindest ein Mittel, um gesellschaftliche Missstände sichtbar zu machen und zum Nachdenken anzuregen.
Dabei geht es mir ausdrücklich nicht darum, den moralischen Zeigefinger zu erheben oder als Oberlehrer wahrgenommen zu werden. Vielmehr sollen die Texte Denkanstöße liefern, Fragen aufwerfen und Raum für eigene Interpretationen lassen.
Das Songwriting des musikalischen Rahmens verlief hingegen im Grunde wie bei uns üblich. Ideen entstehen gemeinsam und werden Schritt für Schritt zu einem geschlossenen Gesamtwerk ausgearbeitet. Jeder Einzelne bringt sich ein, hat Mitspracherecht und kann seine Vorstellungen einfließen lassen. Genau dieser kollektive Prozess macht für mich das Kollektiv und die Band OBSCURITY aus.
Tobias:
Hat dieser inhaltliche Rahmen den Songs von Anfang an eine klare Richtung vorgegeben, oder haben sich Themen und Texte erst im Laufe des Schreibprozesses herauskristallisiert und gegenseitig beeinflusst?
Agalaz:
Da der inhaltliche Rahmen für mich bereits im Vorfeld klar definiert war, wurde er dieses Mal weniger als sonst von den musikalischen Ausarbeitungen beeinflusst. Vielmehr stand von Anfang an fest, welche thematische Richtung “Ascheregen” einschlagen sollte.
Das Zusammenspiel von Lyrik und Musik durfte dabei bewusst wieder etwas roher und unmittelbarer ausfallen. Insofern kann man durchaus sagen, dass die textlichen Grundthemen den musikalischen Entstehungsprozess von “Ascheregen” dieses Mal stärker geprägt haben als bei vorherigen Veröffentlichungen.
Tobias:
Auf “Ascheregen” wollt ihr Vergangenheit und Gegenwart verknüpfen. Ihr thematisiert die gewaltsamen Spuren der Christianisierung ebenso wie die Zerwürfnisse unserer modernen Welt, gesellschaftlichen Verfall und den Widerstand gegen Bevormundung und erzwungene Gleichförmigkeit. Wie habt ihr diese Themen lyrisch umgesetzt und miteinander verbunden, ohne dass sie beliebig wirken?
Agalaz:
Der verbindende Gedanke hinter “Ascheregen” ist weniger eine lineare Geschichte als vielmehr eine inhaltliche Klammer. Die gewaltsamen Spuren der Christianisierung und die Bruchlinien unserer heutigen Gesellschaft stehen für mich sinnbildlich für wiederkehrende Mechanismen von Macht, Bevormundung und erzwungener Anpassung – unabhängig von Epoche oder Ideologie. Genau diese Parallelen machen es möglich, Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu verknüpfen, ohne dass die Themen beliebig nebeneinanderstehen.
Lyrisch habe ich bewusst auf klare Bilder, archetypische Motive und eine eher direkte Sprache gesetzt. Die Texte sollen Atmosphäre transportieren, Emotionen wecken und Assoziationen zulassen, anstatt alles eindeutig aus nur meiner Sicht zu erklären oder festzuschreiben. So entstehen Verbindungen zwischen historischen Ereignissen und aktuellen Entwicklungen, ohne dass man sie plump gleichsetzt oder moralisch bewertet.
Wichtig war mir dabei erneut, nicht belehrend aufzutreten. Die Texte verstehen sich als Impulse, als Spiegel oder auch als Reibungsfläche. Widerstand, Identitätsverlust, gesellschaftlicher Verfall oder das Auflehnen gegen Gleichförmigkeit ziehen sich wie ein roter Faden durch das Album – mal historisch verankert, mal klar in der Gegenwart verortet. In dieser thematischen Konsequenz liegt für mich die innere Geschlossenheit von “Ascheregen”. Ich tue mir sehr schwer damit, wenn andere sich anmaßen, mein Denken zu übernehmen, und jeder von uns sollte sich die eigene Klar- und Wachheit stets erhalten!
Tobias:
‘Initium Dekadentiae’ lässt sich als „Beginn des Niedergangs“ lesen und wirkt wie ein Startpunkt für die inhaltliche Reise von “Ascheregen”. Welche Bedeutung hat der Song innerhalb des Albums, und was wolltet ihr mit diesem Auftakt thematisch in Gang setzen?
Agalaz:
Musikalisch wie lyrisch war es uns wichtig, gleich zu Beginn eine düstere, bedrohliche Atmosphäre zu etablieren. ‘Initium Dekadentiae’ markiert den Anbeginn eines heraufziehenden Unheils – den Moment, in dem eine Entwicklung unaufhaltsam in Gang gesetzt wird. Schneidend-melancholische Melodien, getragen von aggressiven Blastbeats, transportieren die lyrische Ankündigung eines grundlegenden, nahezu unausweichlichen negativen Ereignisses.
Der Song steht weniger für ein konkretes historisches Einzelereignis, sondern bedient sich bewusst des bildhaften Duktus der beginnenden, Besitz ergreifenden Christianisierung. Diese dient als Symbol für Fremdbestimmung, Entwurzelung und ideologische Überformung, die sich – in unterschiedlichen Formen – durch die gesamte Menschheitsgeschichte ziehen. Thematisch wollten wir mit diesem Auftakt genau diesen Mechanismus in Gang setzen: den Übergang von einem Zustand der Eigenständigkeit in den starren Zustand schleichender Unterwerfung, bis hin zum aufbegehrenden Widerstand gegen Assimilation.
Tobias:
In ‘Flammentaufe’ tauchen starke Bilder auf, bis hin zu Flammen, die sich durch heidnisches Fleisch schneiden. Wie interpretierst du diese Motive selbst, und welche historischen Hintergründe, die in diese Bildsprache eingeflossen sind, werden hier behandelt – Stichwort Hexenverbrennung?
Agalaz:
Feuer ist in diesem Kontext eines der stärksten und zugleich ambivalentesten Symbole. In der Christianisierung steht es einerseits für „Reinigung“ und „Erneuerung“, andererseits aber ganz real für Zerstörung, Unterwerfung und Angst. Die sogenannte Flammentaufe – der erzwungene Übergang vom Heidentum zum Christentum – war eben kein spiritueller Akt, sondern häufig ein Akt massiver Gewalt. Kulturen wurden ausgelöscht, Glaubenssysteme gebrochen, Menschen durch Angst gefügig gemacht und die Zerstörung von Existenzen durch „reinigende Feuer“ gerechtfertigt.
Historisch fließen hier also mehrere Ebenen ein. Identitäten wurden nicht sanft verändert, sondern brutal ausgetrieben. Neben der gewaltsamen Missionierung und der Zerstörung heidnischer Kultstätten steht auch die systematische Institutionalisierung von Angst und Kontrolle: Abweichung vom vorgegebenen Glauben wurde mit dem Tod bestraft und diente als Werkzeug religiöser Machtausübung – öffentlich inszeniert, abschreckend und unumkehrbar.
Für mich sind diese Motive kein Selbstzweck, sondern Ausdruck eines wiederkehrenden Mechanismus. Wer definiert, was „richtig“ und was „falsch“ ist? Was „gut“ und was „böse“ ist? Wer beschließt, was ausgelöscht werden darf? ‘Flammentaufe’ greift u. a. genau diese Punkte auf und verbindet historische Gewalt mit einer zeitlosen Warnung.
Tobias:
Mit ‘Rúnar Víg’ holt ihr Erik Grawsiö von MÅNEGARM ins Boot, dessen Stimme dem Song eine besondere Wucht verleiht – noch dazu komplett auf Deutsch. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit, und was hat Erik diesem Stück aus deiner Sicht zusätzlich mitgegeben?
Agalaz:
Für mich persönlich ist Erik einer der stärksten Sänger in der Viking-/Death-Metal-Szene. Er verfügt über eine raue, zugleich aber sehr charismatische Cleangesang-Stimme, die bewusst nicht glatt oder überproduziert wirkt. Es gibt viele gute Sänger, aber genau diese gewisse „Unvollkommenheit“ in seiner Stimme war es, die ich von Anfang an für ‘Rúnar Víg’ im Ohr hatte.
Auch thematisch passt der Song hervorragend zu Erik und MÅNEGARM – inhaltlich bewegen wir uns seit jeher in ähnlichen Gefilden und teilen viele Schnittmengen. Du beschreibst es völlig richtig: Seine Stimme verleiht dem Stück eine besondere Wucht, aber auch eine zusätzliche epische Tiefe. Genau das war das Ziel – die Bedeutung des Songs sowohl musikalisch als auch inhaltlich durch diese einzigartige Stimme noch intensiver und emotionaler transportieren zu können.
Wie es zur Zusammenarbeit kam, ist letztlich fast folgerichtig: MÅNEGARM (31 Jahre Bandgeschichte) und OBSCURITY (29 Jahre) bewegen sich seit Jahrzehnten in denselben musikalischen Gewässern, unsere Wege haben sich immer wieder gekreuzt. Erik und ich schätzen uns sehr, und so kam eines zum anderen. Die konkrete Idee, irgendwann einmal etwas gemeinsam zu machen, entstand – wie so oft – in abendlich geselliger Runde, bei dem einen oder anderen Bierchen auf dem Ragnarök Festival. Sobald sich mit ‘Rúnar Víg’ die passende Gelegenheit bot, war klar: Jetzt ist der richtige Moment.
Tobias:
Du bewegst dich auf “Ascheregen” zwischen sehr rohen, wuchtigen Passagen und deutlich melodischeren Momenten. Was passt deiner Meinung nach stilistisch besser zu OBSCURITY – die kompromisslose Härte oder der melodischere Ansatz, und warum?
Agalaz:
Sowohl als auch. Genau dieser ausgewogene Mix aus schnellen Blastbeats, tragenden Midtempo-Passagen und bisweilen bewusst „stumpfem“ Death-Metal-Gestampfe definiert den heutigen Sound von OBSCURITY. Ein hoher melodischer Anteil war dabei schon immer fester Bestandteil unseres Songwritings und kein Stilmittel, das wir uns erst spät angeeignet haben.
Persönlich bewege ich mich sehr gerne in diesen schneidend-melancholischen, teils mehrstimmigen Melodiepassagen. Musik soll Emotionen transportieren und beim Hörer etwas auslösen – das gelingt mir einerseits über die Lyrik, andererseits aber ganz wesentlich über melodische Elemente. Gleichzeitig ist es wichtig, hier ein gesundes Maß zu halten. Zu verspielt oder zu verkopft darf es nicht werden, sonst verliert der Song an Nachvollziehbarkeit.
Songstrukturen, bei denen sich jeder Part nur ein einziges Mal wiederfindet, sind deshalb nichts für mich. Ein Stück braucht Wiedererkennungswert, und der entsteht meiner Ansicht nach am besten durch musikalische Motive und Passagen, die sich wiederholen und im Gehörgang festsetzen.
Wir werden oft mit AMON AMARTH verglichen. Dieser Vergleich hinkt für uns allerdings etwas. Natürlich bedienen sich auch die Schweden melodischer Elemente, und insofern gibt es durchaus Schnittmengen. Ich denke jedoch, dass die Musik von OBSCURITY insgesamt ein gutes Stück aggressiver und brutaler daherkommt. Nichtsdestotrotz schmeichelt uns der Vergleich mit der wohl größten Band des Genres natürlich sehr.
Tobias:
‘Dystopie und Schwanengesang’ beschließt “Ascheregen” wie ein finales Fazit. Was bedeutet dieser Song für dich – eher Abrechnung oder ein bewusst gesetzter Schlusspunkt einer Entwicklung, die sich durch die gesamte Gesellschaft zieht?
Agalaz:
Ich würde ‘Dystopie und Schwanengesang’ eher als ein hoffnungsvolles Fazit beschreiben. “Ascheregen” ist insgesamt ein sehr kritisches Album, und dabei geht es längst nicht nur um das Verhältnis des Menschen zur Natur. Für mich ist es teilweise schwer zu ertragen, in welche Richtung wir uns als Gesellschaft entwickelt haben und offenbar weiterentwickeln wollen.
Aussagen wie „Sprache entwickelt sich, also muss sich auch die Gesellschaft entsprechend anpassen“ sorgen bei mir eher für Unbehagen. Es gibt Themen, Werte und gewachsene Strukturen – man könnte sie fast evolutionäre Konstanten nennen –, bei denen der Mensch vorsichtig sein und nicht regulierend eingreifen sollte. Oft sind es dabei laute Minderheiten, die versuchen, Verhaltensweisen oder Denkmodelle zu diktieren, anstatt echten Diskurs zuzulassen.
Für mich bedeutet dieser Song keine Abrechnung, sondern einen bewusst gesetzten Schlusspunkt. Er steht für die Erkenntnis, dass man nicht alles bis ins Letzte regulieren, umdeuten oder kontrollieren kann. Man muss auch einmal Fünfe gerade sein lassen und akzeptieren, dass es andere Meinungen gibt.
Ich für meinen Teil werde weiterhin sagen, was ich denke, das tun, was ich für richtig halte, und gleichzeitig anderen Ansichten mit Toleranz begegnen. Sollten wir als Gesellschaft jedoch nicht bald wieder lernen, mit differenzierten Meinungen umzugehen, steuern wir meiner Ansicht nach ungebremst auf eine dystopische Zukunft zu, und genau vor dieser Entwicklung soll ‘Dystopie und Schwanengesang’ final warnen.
Tobias:
Viele Texte auf “Ascheregen” wirken wie ein persönlicher Blick auf Verfall, Widerstand und Identität. Wie viel von dir selbst steckt in diesen Lyrics, und gab es Momente, in denen dir das Schreiben bewusst näher gegangen ist als auf früheren OBSCURITY-Alben?
Agalaz:
In “Ascheregen” steckt sehr viel von mir selbst – aufgrund des thematischen Konzeptes vermutlich mehr als auf früheren OBSCURITY-Alben –, wobei es immer persönliche Momente von mir gibt, da ich mir die Freiheit gönne, auch historische Ereignisse weiter oder anders zu denken und zu interpretieren. Auch wenn die Texte oft historisch oder symbolisch aufgeladen sind, entspringen sie doch sehr persönlichen Beobachtungen, Gedanken und inneren Konflikten. Verfall, Widerstand und Identität sind für mich keine abstrakten Konzepte, sondern Themen, die mich im Alltag ganz real beschäftigen.
Beim Schreiben gab es durchaus Momente, in denen mir einzelne Texte näher gegangen sind als sonst. Die Grenzen zwischen historischer Betrachtung und persönlicher Haltung sind dynamisch und verschwimmen zu Teilen. Das macht das Schreiben intensiver, aber auch ehrlicher. Manche Zeilen sind bewusst kantiger, direkter und weniger metaphorisch, weil sie genau diese innere Spannung widerspiegeln.
Gleichzeitig bleibt immer eine gewisse Distanz gewahrt, die Texte sollen keine Tagebucheinträge sein. Mir ist wichtig, dass sich der Hörer darin wiederfinden kann und eigene Gedanken oder Emotionen hineinlegt. Vielleicht ist genau das der Unterschied zu früheren Alben: “Ascheregen” ist persönlicher, ohne privat zu werden, und direkter, ohne den Anspruch zu erheben, endgültige Antworten zu liefern.
Tobias:
Wenn du “Ascheregen” innerhalb der gesamten OBSCURITY-Diskografie einordnen müsstest – wo steht das Album musikalisch für dich, und welche Rolle nimmt es im Vergleich zu euren früheren Veröffentlichungen ein?
Agalaz:
Wie bereits eingangs erwähnt, ist “Ascheregen” für uns ein weiterer logischer Schritt innerhalb der OBSCURITY-Diskografie. Gleichzeitig ist das Album für mich persönlich aber auch so etwas wie ein Neustart – bedingt durch die neuen Mitstreiter und die frische Dynamik, die dadurch in die Band gekommen ist.
Ich würde “Ascheregen” daher als einen wichtigen, wenn auch nicht zwangsläufig den wichtigsten Meilenstein in unserer Bandgeschichte einordnen. Dennoch habe ich das Gefühl, dass dieses Album durch die neue Besetzung und die daraus entstandenen musikalischen Möglichkeiten eine besondere Stellung einnimmt. Es eröffnet neue Spielräume, ohne unsere Identität aus den Augen zu verlieren.
Genau diese Mischung macht “Ascheregen” für mich zu etwas Eigenständigem innerhalb unserer bisherigen Veröffentlichungen, und ich hoffe natürlich, dass die Hörer diese Besonderheit ebenso wahrnehmen und schätzen werden 🙂
Tobias:
Zum Abschluss: Gibt es etwas, das man über OBSCURITY und “Ascheregen” wissen sollte, das ich noch nicht gefragt habe, das dir persönlich aber besonders wichtig ist oder dich aktuell stark beschäftigt?
Agalaz:
Eigentlich ist das komplette Album von einer KI generiert worden und wir hatten damit überhaupt nichts am Hut – Spaß beiseite. Ich glaube, inhaltlich ist zu “Ascheregen” inzwischen alles gesagt. Jetzt überwiegt einfach die Vorfreude auf den 29. Januar und den endgültigen Release.
Ganz besonders freue ich mich darauf, die neuen Stücke endlich live spielen zu können. Songs entfalten ihre volle Wirkung für mich immer erst auf der Bühne, im direkten Austausch mit den Leuten vor uns. Natürlich hoffen wir, dass wir mit “Ascheregen” unsere treuen Fans nicht enttäuschen und gleichzeitig vielleicht auch neue Hörer für OBSCURITY gewinnen können.
Jetzt ist es an der Zeit, das Album loszulassen und zu sehen, wohin der Weg führt.
Tobias:
Möchtest du den Leserinnen und Lesern von OBLIVEON noch etwas mit auf den Weg geben – die letzten Worte gehören dir?
Agalaz:
An alle Leser, Fans und Metalheads da draußen: Bleibt euch selbst treu, hört auf euer Bauchgefühl und lasst euch weder musikalisch noch gedanklich vor einen Karren spannen und vorschreiben, was richtig oder falsch zu sein hat. Unterstützt die Musikszene, geht auf Konzerte, kauft Platten, trinkt das ein oder andere Bier zu viel und diskutiert leidenschaftlich über Musik.
Und wenn “Ascheregen” euch für einen Moment zum Nachdenken bringt, zum Mitgrölen animiert oder einfach nur den Nacken schmerzen lässt, dann haben wir alles richtig gemacht. Danke fürs Lesen – wir sehen uns vor der Bühne!
Ein besonderer Dank geht noch an unsere Familien, die uns fortwährend unterstützen – an unser Label Trollzorn und Tim Schuldt von den 4CN Studios sowie an unsere gesamte Crew.
Interview: Tobias Stahl
Photocredits: OBSCURITY/Promo

