Mit „Sǫgur Frá Norðfirði“ kehrt MØRKGRIM nach mehreren Jahrzehnten zurück und verbindet rohe Black-Metal-Aggression mit nordischen und folkloristischen Elementen. Was 1994 als Ein-Mann-Projekt begann, verschwand irgendwann von der Bildfläche, bevor Hrafngrímnir MØRKGRIM viele Jahre später wieder zum Leben erweckte. Für „Sǫgur Frá Norðfirði“ zog er sich auf einen abgelegenen Bauernhof zurück und arbeitete dort in völliger Isolation an einem Album, das sich mit okkulten, heidnisch-nordischen Traditionen und den dunkleren Strömungen der alten Wege beschäftigt. Unterstützung erhält er dabei mittlerweile von Nils „Dominator“ Fjellström am Schlagzeug. Im Gespräch erzählt Hrafngrímnir von der langen Geschichte von MØRKGRIM, seiner Rückkehr zum Black Metal, der Bedeutung von Natur und Isolation, nordischen Geschichten, der Verwendung seiner Muttersprache und der Zusammenarbeit mit DOMINATOR. Außerdem geht es um den ungewöhnlichen Entstehungsprozess hinter „Sǫgur Frá Norðfirði“.
Tobias:
Hallo Hrafngrímnir! MØRKGRIM wurde bereits 1994 gegründet, also während der goldenen Jahre des Black Metal. Mehrere Songs waren damals schon geschrieben, wurden aber nie aufgenommen und irgendwann hast du dich nach und nach aus der Szene zurückgezogen. Was hat dich Jahrzehnte später dazu gebracht, MØRKGRIM wieder zum Leben zu erwecken?
Hrafngrímnir:
MØRKGRIM ist eigentlich nie wirklich verschwunden. Das Projekt blieb einfach unvollendet. Damals war es ein Ein-Mann-Projekt und obwohl ich genau wusste, was daraus werden sollte, hatte ich noch nicht die Erfahrung oder die Möglichkeiten, diese Vision richtig umzusetzen. Andere Bands kamen, das Leben veränderte sich und irgendwann floss der größte Teil meiner musikalischen Energie in die Produktion. Aber dieses Projekt war immer irgendwo in meinem Kopf und irgendwann fand ich den richtigen Zeitpunkt und die richtigen Umstände, um es zum Leben zu erwecken. Ich sehe es nicht so, dass ich versucht hätte, etwas aus dem Jahr 1994 wieder hervorzuholen. Ich hatte endlich die Möglichkeit, etwas fertigzustellen, das seit damals darauf gewartet hatte.
Tobias:
Damals hast du die Black-Metal-Szene verlassen, weil du das Gefühl hattest, dass das Genre seine wahre Seele verliert und sich immer weiter von seinem ursprünglichen Geist entfernt. Wenn du heute auf die Entwicklung des Black Metal zurückblickst: Wie siehst du das inzwischen? Hat sich dein damaliger Eindruck bestätigt?
Hrafngrímnir:
Ich verfolge die aktuelle Black-Metal-Szene – oder eigentlich irgendeine Musikszene – nicht aufmerksam genug, um beurteilen zu können, was daraus geworden ist, und ich glaube, diese Distanz tut mir gut. Was ich damals empfunden habe, war sehr persönlich. Das Gefühl, das mich ursprünglich zum Black Metal hingezogen hatte, war in mir noch vollkommen lebendig, aber ich hatte das Gefühl, immer weniger davon in der Szene um mich herum zu finden. Es wurde zunehmend zu etwas, das stärker als musikalisches Genre definiert wurde, während es für mich immer etwas viel Größeres als Musik dargestellt hatte. Also zog ich mich aus der Szene zurück, nicht aus dem Black Metal selbst. Heute ziehe ich es vor, nicht zu viel darüber zu wissen, was alle anderen machen. Dadurch bleibe ich allein mit den Gründen, aus denen mich diese Musik ursprünglich angezogen hat.
Tobias:
Nach deiner Zeit im Black Metal hast du eine völlig andere musikalische Karriere eingeschlagen und sogar große Erfolge als Produzent in der US-amerikanischen Hip-Hop-Branche gefeiert. Was hat diese Zeit mit deiner Art gemacht, über Musik nachzudenken, und finden diese Erfahrungen vielleicht heute – möglicherweise auch unbewusst – ihren Weg in MØRKGRIM?
Hrafngrímnir:
Ich bin nach wie vor sehr aktiv als Hip-Hop-Produzent, daher existieren diese beiden Welten in meinem Leben nebeneinander. Die Arbeit mit sehr unterschiedlichen Arten von Musik hat mich wahrscheinlich gelehrt, meinem Instinkt mehr zu vertrauen als einem Genre. Ein Musikstück erzeugt entweder etwas in dir oder es tut es nicht. Das Etikett, das daran hängt, kommt erst danach. Ich bin mir sicher, dass die jahrelange Arbeit als Produzent beeinflusst hat, wie ich Arrangements, Sound und Emotion wahrnehme, aber ich bringe nicht bewusst Hip-Hop-Techniken in MØRKGRIM ein. Wenn ich an MØRKGRIM arbeite, denke ich nicht wie ein Hip-Hop-Produzent und frage mich auch nicht, wie Black Metal eigentlich klingen sollte. Wenn etwas die Musik und das Konzept stärker macht, gehört es dorthin.
Tobias:
Für „Sǫgur Frá Norðfirði“ hast du dich auf einen abgelegenen Bauernhof zurückgezogen, weit entfernt von modernen Annehmlichkeiten und sogar ohne fließendes Wasser oder eine Toilette mit Spülung. Das klingt ziemlich kompromisslos. Warum war diese Isolation für dich wichtig und wie stark hat diese Umgebung den Sound und die Atmosphäre des Albums beeinflusst?
Hrafngrímnir:
Für mich geht es um Hingabe und darum, dem Prozess treu zu bleiben. Wenn ich etwas mache, das mir wirklich wichtig ist, möchte ich mich vollkommen darauf einlassen, bis ins kleinste Detail. Um diesem Album gerecht zu werden, hatte ich das Gefühl, an einem Ort sein zu müssen, an den dieses Projekt tatsächlich gehört. Ich wollte die Platte nicht in einer Umgebung schreiben, die nichts mit ihrem Geist zu tun hat, und anschließend versuchen, diese Atmosphäre künstlich zu erzeugen. Aber die Isolation selbst hat MØRKGRIM nicht erschaffen. Ich bin hierhergezogen, weil diese Umgebung bereits etwas widerspiegelte, das in mir und in der Musik existierte. Was zunächst der Ort war, an dem ich das Album erschaffen wollte, wurde schließlich zu meinem dauerhaften Zuhause. Der Bauernhof hat mir also nicht beigebracht, wie MØRKGRIM klingen sollte. Er hat der Musik einen Ort gegeben, an dem sie sich nicht verstellen musste.
Tobias:
Der Titel „Sǫgur Frá Norðfirði“ bedeutet „Geschichten aus dem Nordfjord“, und tatsächlich fühlt sich das Album wie eine Sammlung alter, dunkler Geschichten an. Welche Geschichten, Mythen und Traditionen haben dich während des Schreibens besonders beschäftigt und wann haben sie sich zu einem zusammenhängenden Konzept entwickelt?
Hrafngrímnir:
Ich sehe die Platte nicht wirklich als Sammlung einzelner alter Geschichten. Für mich war sie schon immer ein Konzeptalbum, eine Geschichte, die durch verschiedene Visionen erzählt wird. Es gibt Elemente aus der nordischen Tradition, Magie, Natur, Tod, Schicksal, Ritualen und Erfahrungen, die wesentlich persönlicher sind. Ich hatte kein Interesse daran, einfach Mythologie nachzuerzählen. Ich wollte diese Elemente zu einem Teil meiner eigenen Welt machen. Der Titel ehrt die Natur des Nordfjords und spiegelt sowohl den Ort wider, an dem das Album entstanden ist, als auch die Landschaft, in der sich sein Konzept entfaltet.
Tobias:
‚Ramnen Kvæd‘ und ‚Blóðsvǫrr‘ greifen beide die Symbolik des Raben auf, während das gesamte Album tief in der nordischen Welt der Sagen verwurzelt ist. Was bedeuten Raben für dich und warum spielen sie in den Geschichten von MØRKGRIM eine so wichtige Rolle?
Hrafngrímnir:
Der Rabe ist nicht einfach deshalb da, weil Raben zur nordischen Bildsprache gehören. Ich sehe ihn vielmehr als einen Zeugen und manchmal beinahe als einen Wegweiser. Er beobachtet die Reise, ohne sie zu erklären. ‚Ramnen Kvæd‘ ist der erste Song des Albums und sein Text etabliert gleich zu Beginn der Reise die Umgebung und die Atmosphäre. Hier fühlt sich der Rabe wie etwas aus einer fernen Vergangenheit an, das in die Gegenwart und auf das noch Kommende spricht – ein Bote von etwas, das bereits vor uns da war und nach uns weiterbestehen wird. Bei ‚Blóðsvǫrr‘ wird die Bildsprache wesentlich gewalttätiger. Der Titel ruft das alte poetische Bild des Blutvogels, des Vogels der Schlacht, hervor, aber für mich trägt er auch alles mit sich, was dieses Bild umgibt: vergossenes Blut, Krieg, Tod und das, was danach zurückbleibt. Der Vogel und das Ereignis, das ihn hervorruft, werden beinahe untrennbar. Das ist wahrscheinlich das, was mich am Raben am meisten fasziniert. Er kann zwischen den Welten existieren, ohne wirklich nur zu einer von ihnen zu gehören.
Tobias:
Die Texte auf „Sǫgur Frá Norðfirði“ sind vollständig in deiner Muttersprache verfasst. Für mich ist das eine der großen Stärken des Albums, weil die Sprache den Songs noch mehr Atmosphäre und Authentizität verleiht. Warum war für dich von Anfang an klar, dass diese Geschichten nicht auf Englisch erzählt werden sollten?
Hrafngrímnir:
Die Sprache verändert sich tatsächlich je nachdem, was der jeweilige Song verlangt. Ich verwende Schwedisch, Norwegisch und Isländisch und vermische dabei häufig dialektale Varianten, ältere Formen und unterschiedliche Schreibweisen. Diese Freiheit ist für mich wichtig. Ich möchte nicht, dass die Sprache zu standardisiert wirkt. Sie soll sich näher am Land, an den Menschen und an der Art und Weise anfühlen, wie Sprache tatsächlich lebt und sich verändert, anstatt an eine einzige standardisierte Form gebunden zu sein. Das fühlt sich auch viel näher daran an, wie ich persönlich die alten Wege erlebe. Es ging also nie einfach darum, Englisch zu vermeiden. Es ging darum, eine Sprache zu finden, die sich so anfühlt, als würde sie in die Welt des jeweiligen Songs gehören. Sprache hat Rhythmus, Alter und Struktur, noch bevor man die Bedeutung der Worte überhaupt versteht. Manchmal würde eine Übersetzung ins Englische etwas leichter verständlich machen, aber gleichzeitig einen Teil dessen entfernen, was dafür sorgt, dass es sich richtig anfühlt.
Bei MØRKGRIM steht die Atmosphäre vor der Bequemlichkeit.
Tobias:
‚Freyja Kvað‘ ist mein persönliches Highlight des Albums. Die Kombination aus Folk-Elementen und dem weiblichen Gesang von Saga B funktioniert für mich hervorragend und erzeugt eine ganz besondere Atmosphäre. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande und was hat Saga B in den Song eingebracht?
Hrafngrímnir:
Ich kannte Saga bereits vorher und als ‚Freyja Kvað‘ langsam Gestalt annahm, wusste ich, dass ich eine weibliche Stimme im Mittelpunkt des Songs haben wollte. Saga hat die Atmosphäre sofort verstanden. Sie brachte einige ihrer eigenen melodischen Ideen in den Song ein und sie fühlten sich von Anfang an richtig an. Ihre Stimme gab dem Stück einen Charakter und eine Präsenz, die ich selbst nicht hätte erzeugen können. Letztendlich übernahm sie den Leadgesang, während ich die Hintergrundvocals singe, und dieser Kontrast wurde zu einem sehr wichtigen Bestandteil des Songs.
Tobias:
2023 stieß Nils „Dominator“ Fjellström zu MØRKGRIM. Er ist aus Bands wie DARK FUNERAL, AEON, IN BATTLE, THE WRETCHED END, MYRKSKOG und NORDJEVEL bekannt. Was hat sich musikalisch verändert, als DOMINATOR dazukam, und wie wichtig war sein Schlagzeugspiel für die Härte und Dynamik von „Sǫgur Frá Norðfirði“?
Hrafngrímnir:
Nils hat der Platte eine physische Kraft verliehen. Jeder weiß, was für ein unglaublicher Schlagzeuger er technisch ist, aber was mich am meisten beeindruckt hat, war sein Verständnis für die Songs. Er wusste, wann etwas brutal werden musste und wann es mehr Spannung erzeugt, etwas zurückzuhalten, anstatt einfach mehr zu spielen. Das ist für MØRKGRIM extrem wichtig, weil die Musik so stark vom Wechsel zwischen Intensität und Raum lebt. Als sein Schlagzeug auf der Platte einsetzte, hatte ich das Gefühl, dass plötzlich eine fehlende Dimension aufgetaucht war. Er hat nicht verändert, was MØRKGRIM sein sollte. Er hat dafür gesorgt, dass es mit genau der Kraft einschlägt, die ich mir vorgestellt hatte.
Tobias:
Musikalisch lebt „Sǫgur Frá Norðfirði“ vom Kontrast zwischen rohem 90er-Black-Metal und akustischen, folkloristisch inspirierten Passagen. Besonders bei ‚Mørkt‘ und ‚Nordljós‘ wechselst du zwischen beinahe meditativer Ruhe und tiefschwarzer Schwere. Wie wichtig sind dir diese Kontraste und wie entscheidest du, wann ein Song die Aggression zurücknehmen sollte?
Hrafngrímnir:
Kontrast und Paradoxon sind für mich sehr wichtig. In den alten Wegen können Dinge, die widersprüchlich erscheinen, innerhalb derselben Wahrheit existieren. Ich finde das wesentlich interessanter, als alles auf einfache Gegensätze zu reduzieren. Manchmal sind zwei gegensätzliche Kräfte nicht dazu da, einander aufzuheben, sondern etwas sichtbar zu machen, das keine von beiden allein offenbaren könnte. „Sǫgur Frá Norðfirði“ ist voller verborgener Bedeutungen, Symbole und Strukturen, und dieser Kontrast in der Musik ist ein weiterer Teil davon. Aber es war nichts, was ich vorher geplant hatte. Es geschah ganz natürlich, weil das Album eine Reise ist. Ich stelle es mir als Bewegung durch eine Landschaft vor. Du gehst nicht während der gesamten Reise durch einen Sturm. Manchmal kommt der Wind vollständig zum Erliegen und diese Stille kann genauso beunruhigend sein. Die akustischen und die gewaltvollen Passagen sind also nicht wirklich zwei verschiedene Seiten des Albums. Sie gehören zur selben Reise, und jede verändert die Art, wie die andere erlebt wird.
Tobias:
Auf ‚Nordljós‘ und ‚Blóðsvǫrr‘ gibt es außerdem Gastbeiträge von Dev Gohil, während Saga B bei ‚Freyja Kvað‘ den Leadgesang übernimmt. Wie wichtig sind diese Einflüsse von außen für MØRKGRIM und wie viel Freiheit gibst du Gastmusikern, ihren eigenen Charakter in die Songs einzubringen?
Hrafngrímnir:
Die Welt und die Richtung von MØRKGRIM sind sehr persönlich, aber das bedeutet nicht, dass jeder Klang aus meinen eigenen Händen kommen muss. Wenn ich jemanden in einen Song einlade, möchte ich, dass diese Person etwas von sich selbst einbringt. Andernfalls gibt es nicht viel Sinn darin, sie einzubeziehen. Dev ist ein unglaublicher Gitarrist. Bei ‚Blóðsvǫrr‘ hatte ich bereits das Fundament für das Solo, aber ich wusste, dass er es technisch an einen Ort bringen konnte, den ich selbst nicht erreichen konnte. Er baute auf dem Vorhandenen auf und hob es auf ein höheres Niveau. Später wurden einige Ideen, die er mir schickte, auch Teil von ‚Nordljós‘. Bei Saga geschah dasselbe auf eine völlig andere Art und Weise. Ich schütze die Identität von MØRKGRIM sehr sorgfältig, aber innerhalb dieser Welt möchte ich Musikern genügend Freiheit geben, um eine echte Spur zu hinterlassen.
Tobias:
Für mich ist „Sǫgur Frá Norðfirði“ ein Album, das tief in den alten nordischen Wurzeln gräbt, ohne einfach wie eine Kopie des Black Metal der 90er zu klingen. Wenn du heute auf dieses erste MØRKGRIM-Album zurückblickst: Was möchtest du mit diesem Projekt noch erzählen und ist diese Rückkehr der Beginn eines langfristigen Kapitels?
Hrafngrímnir:
Ja. Ich habe bereits neues Material, daher sehe ich „Sǫgur Frá Norðfirði“ definitiv nicht als isolierte Rückkehr oder einmaliges Album. In dieser Platte stecken Ideen, die ich noch viel weiter vorantreiben möchte, aber ich lasse die Musik lieber selbst zeigen, wohin sie mich führt, anstatt das Ziel vorher festzulegen. Was bleiben wird, ist das Black-Metal-Fundament und das Konzept der Reise. Das letzte Stück jedes Albums (der Bonustrack) wird als Schwelle zu dem dienen, was danach kommt. Ein Album mag also enden, aber die größere Reise geht weiter.
Tobias:
Vielen Dank für deine Zeit und für das Interview! Ich wünsche dir viel Erfolg mit „Sǫgur Frá Norðfirði“ und MØRKGRIM. Die letzten Worte gehören natürlich dir.
Hrafngrímnir:
Was die Zeit begräbt, kann sich noch immer an seinen Namen erinnern. Vielen Dank für das Interview und dein Interesse an MØRKGRIM, Tobias.
Interview: Tobias Stahl
Photocredit: MØRKGRIM

