DEICIDE – DISSTORTURE – Mannheim
DEICIDE – DISSTRORTURE
11. August 2026
Mannheim, 7er Club Sommerbühne
Manche Bands begleiten einen über Jahrzehnte, man kennt ihre Alben, hat unzählige Songs im Ohr und trotzdem hat es nie für ein Konzert gereicht. Bei DEICIDE ist das bei mir tatsächlich so. Am 11. August 2026 schließt sich diese Lücke endlich, denn die Florida-Deather machen auf ihrer Deutschland-Tour Halt auf der Sommerbühne des 7er Clubs in Mannheim und ich berichte für OBLIVEON darüber. Der Dienstag ist mit rund 30 Grad zwar wohl der kühlste Tag dieser aktuellen Hitzeperiode, doch heiß wird es so oder so, wenn höllisch gute Death-Metal-Riffs über die Köpfe der Anwesenden ballern. Noch ist der 7er vor dem Headliner nicht ganz voll, doch je näher die Uhr auf 21 Uhr und damit auf die Stage-Time von DEICIDE zuläuft, desto voller wird der Club. Dass die Florida-Deather an diesem Abend nicht nur Fans aus der Region ziehen, zeigt sich ebenfalls: Menschen aus Paris und Bonn machen sich eigens auf den Weg nach Mannheim, um DEICIDE live zu erleben. So eine Leidenschaft für eine Band ist einfach etwas Großartiges. Wer allerdings erst zum Headliner auftaucht, verpasst definitiv etwas, denn DISSTORTURE haben zuvor bereits ordentlich einen rausgehauen.
DISSTORTURE
Den Abend eröffnen die aus Aschaffenburg stammenden DISSTORTURE, die mit ihrem Thrash-Metal-/Crossover-Mix ziemlich schnell zeigen, wo der Frosch die Locken hat. Sogar die vor der Bühne auf Beute lauernde Nosferatu-Spinne schreckt auf und zieht sich zurück. Die drei Jungs haben 35 Minuten Zeit und nutzen
diese verdammt effektiv. The Dave am Bass lässt den Headbang-Ventilator gnadenlos kreisen, während Alex Thunder hinter den Drums ordentlich auf die Felle eindrischt. Vorne sorgt Chris Torture mit hammerharter Throat und kernigem Guitarplay dafür, dass die drei Arbeiter im Ohr – Hammer, Amboss und Steigbügel – ordentlich zu tun haben. Dampfhammer-Bässe, prügelndes Schlagzeug, messerscharfe Gitarrenriffs und hammerharte Vocals knallen ordentlich in die Synapsen. Gleichzeitig beziehen DISSTORTURE das Publikum immer wieder mit ein, kommunizieren mit den Leuten vor der Bühne und erzählen, worum es in ihren Songs geht – und zwar genau so, wie man es von einer solchen Band hören will. Besonders interessant: Mit ‚Dopamaniacs‘ feiern DISSTORTURE an diesem Abend im 7er Club sogar eine Live-Premiere. Die drei reißen den Laden ordentlich ab und liefern genau das, was ein guter Support liefern muss: 35 Minuten Vollgas ohne Schnickschnack. Auch abseits
der Bühne macht die Truppe einen sympathischen Eindruck. Vor dem Gig sind die Jungs für einen kleinen Plausch zu haben und kommen angenehm unkompliziert und offen rüber. Wer anschließend noch etwas für die heimische CD-Sammlung sucht, wird ebenfalls fündig, denn DISSTORTURE haben ihr aktuelles Album „Sex, Murder, Fart“ am Merchstand dabei. Musikalisch wie menschlich also eine sympathische Band, die ihre Hausaufgaben gemacht hat.
Beim Merch von DEICIDE schauen die Fans dagegen ein wenig in die Röhre. Ein paar Klamotten gibt es zwar, aber CDs oder LPs sucht man vergeblich. Schade, denn gerade bei einer Band wie DEICIDE wäre das eine gute Gelegenheit gewesen, den Fans auch musikalisch etwas mit nach Hause zu geben.
DEICIDE
Um 21 Uhr herum legen dann DEICIDE die Saat für 60 infernale Death-Metal-Minuten. Für mich ist es, wie bereits erwähnt, das erste Konzert der US-Deather. Entsprechend gespannt bin ich, wie sich eine Formation, die seit 1987 für kompromissloses Abrissbirnen-Geballer steht, im Jahr 2026 live präsentiert. Die Antwort kommt schnell und brutal. Glen Benton knallt am Mikrofon gottlos geile Growls und hohe
Shouts raus, die einem das Mark in den Knochen erschüttern. Steve Asheim, der Hexer in der Schießbude, prügelt auf die Menge ein und Taylor Nordberg mit Kollege Phil Fasciana sorgen dafür, dass ihr entfachter, gnadenloser Druck aus den Boxen presst – und die gut 300 Leute ordentlich föhnt. Sägende Riffs, brutale Präzision und diese typische DEICIDE-Wucht machen aus dem Auftritt einen einzigen Frontalangriff. Immer wieder kreist Benton gnadenlos mit dem Kopf, während die ersten Schlachtplatten direkt in die Synapsen der Anwesenden knallen.
Nach den ersten drei Songs nimmt der Abend für mich allerdings eine ziemlich unerwartete Wendung. Während ich bei DISSTORTURE noch problemlos aus meinem Rollstuhl heraus fotografieren kann, arbeitet sich plötzlich jemand nach vorne und stellt sich direkt neben mich. Zunächst geht das Fotografieren noch einigermaßen, bis der Mann beim Headbangen an den Griff meines Rollstuhls greift und diesen immer wieder herumwackelt. Ich bitte ihn mehrfach, die Hände von meinem Rollstuhl zu nehmen. Seine Begründung: Er müsse sich wegen eigener gesundheitlicher Probleme abstützen. Beim gleichzeitigen Tanzen und Headbangen hat das für mich allerdings wenig mit Abstützen zu tun. Als ich ihm deutlich mache, dass ich so weder vernünftig fotografieren noch das Konzert verfolgen kann, stellt er sich schließlich direkt vor mich und versperrt mir einen Großteil der Bühne. Auch auf meine Bitte, etwas zur Seite zu gehen, reagiert er nicht. Stattdessen breitet er die Arme aus und meint, ich solle doch an ihm vorbeifotografieren.
Ich verlasse daraufhin den Innenraum und verfolge DEICIDE von draußen weiter. Besonders ärgerlich: Mehrere Leute bekommen die Situation mit, greifen aber nicht ein. Später erzählt mir eine junge Frau sogar, dass derselbe Mann sich ihr gegenüber ähnlich rücksichtslos verhalten habe und sie deshalb nach Hause gegangen sei. Ich gehe anschließend doch noch zur Security und schildere den Vorfall. Nach dem Konzert läuft mir der Mann erneut über den Weg und spricht mich provokant darauf an. Er beharrt weiterhin darauf, sich nur abgestützt zu haben. Meine Antwort fällt entsprechend deutlich aus: „Du hast dich nicht an meinem Rollstuhl abzustützen. Du hast deine Finger von meinem Rollstuhl zu lassen. Ich ziehe auch nicht an deinem Bart herum.“ Kurz darauf führt ihn die Security hinaus.
Für mich ist der Abend damit natürlich gelaufen. Vom eigentlichen DEICIDE-Auftritt sehe ich letztlich vielleicht zwölf oder dreizehn Minuten wirklich aus meiner Position. Auch die Fotos fallen entsprechend eher unter „so lala“. Schade, denn nach all den Jahren hätte ich DEICIDE natürlich gerne komplett und vor allem ohne solche Begleiterscheinungen erlebt.
Was den Rest vom Fressegeballer-Fest angeht, muss ich sagen, dass die Floridianer an diesem Abend für offene Münder und biegsame Nacken sorgen. Ein Blick auf die Setlist beweist es. Mit ‚Carnage in the Temple of the Damned‘, ‚Sacrificial Suicide‘ und ‚Dead by Dawn‘ stehen drei Stücke vom selbstbetitelten Debüt „Deicide“ aus dem Jahr 1990 auf dem Programm. Noch stärker wird „Legion“ aus dem Jahr 1992 berücksichtigt. ‚When Satan Rules His World‘, ‚Behead the Prophet (No Lord Shall Live)‘, ‚Holy Deception‘ und ‚Satan Spawn, the Caco-Daemon‘ sorgen dafür, dass gleich vier Songs dieses Klassikers ihren Weg ins Set finden. Auch „Once Upon the Cross“ wird mit drei Songs ordentlich gewürdigt: ‚Bastard of Christ‘, der Titeltrack ‚Once Upon the Cross‘ und ‚They Are the Children of the Underworld‘. Dazu kommen ‚Serpents of the Light‘, ‚Forever Hate You‘ und ‚Scars of the Crucifix‘. Mit ‚From Unknown Heights You Shall Fall‘ findet außerdem ein Song vom bislang jüngsten Album „Banished by Sin“ aus dem Jahr 2024 seinen Platz im Set. Damit schlagen DEICIDE zwar die Brücke in die Gegenwart, machen aber gleichzeitig unmissverständlich klar, wo ihre musikalischen Wurzeln liegen. ‚Bury the Cross… With Your Christ‘ steht zwar ebenfalls auf der Setlist, wird an diesem Abend allerdings nicht gespielt. Den musikalischen Rausschmeißer gibt es anschließend mit ‚Cocaine Blues‘ in der Johnny-Cash-Version vom Band. 
Zum Schluss gehen alle zufrieden aus dem Club. Ordentlich in die Fresse gewemst bekommen von den Newcomern aus Aschaffenburg und anschließend von DEICIDE komplett die Haare neu verföhnt – was will der geneigte Death-Metal-Jünger mehr? Für mich bleibt vor allem eines festzuhalten: Nach all den Jahren erlebe ich DEICIDE endlich live – zumindest für die wenigen Minuten, die mir tatsächlich bleiben – und die Floridianer marschieren nicht einfach auf die Bühne, sie eröffnen das Feuer. Laut Setlist wird der 7er von einer höllischen Death-Metal-Artillerie beschossen. Glen Bentons Growls und Shouts erschüttern das Mark, Steve Asheim zerlegt seine Schießbude, während die Gitarren von Taylor Nordberg und Phil Fasciana sägen, fräsen und gnadenlosen Druck in die Menge drücken. Die Deathheads saugen diese Schlachtplatten auf, während vor der Bühne die Köpfe kreisen und die Luft förmlich brennt. Nach rund 60 Minuten ist der Angriff vorbei – zumindest fast, denn mit ‚Cocaine Blues‘ folgt noch der Rausschmeißer vom Band. DEICIDE hinterlassen verbrannte Erde und pflügen den 7er um. Kurz, brutal, kompromisslos und mit einer Wucht, die einem ordentlich die Gesichtszüge neu sortiert. DISSTORTURE liefern zuvor einen starken Support ab, präsentieren sich auch abseits der Bühne als sympathische Truppe, interagieren mit dem Publikum und haben ihr aktuelles Album sogar am Merchstand dabei. Ein Abend, bei dem erst die drei Aschaffenburger ordentlich in die Fresse wemsen und DEICIDE anschließend noch einmal den Föhn auf die höchste Stufe drehen.
Setlist DISSTORTURE
- ‚Disstorture‘
- ‚Civil War‘
- ‚Light It Up‘
- ‚Dopamaniacs‘ – Live-Premiere im 7er Club
- ‚Jizz of Existence‘
- ‚Rimjob 69‘
- ‚Poltergeist Experience‘
- ‚Booze Patrol‘
Setlist DEICIDE
- ‚When Satan Rules His World‘
- ‚Bastard of Christ‘
- ‚Carnage in the Temple of the Damned‘
- ‚Behead the Prophet (No Lord Shall Live)‘
- ‚Once Upon the Cross‘
- ‚From Unknown Heights You Shall Fall‘
- ‚Sacrificial Suicide‘
- ‚Holy Deception‘
- ‚Serpents of the Light‘
- ‚Forever Hate You‘
- ‚Satan Spawn, the Caco-Daemon‘
- ‚They Are the Children of the Underworld‘
- ‚Scars of the Crucifix‘
- ‚Dead by Dawn‘
- ‚Homage for Satan‘
- ‚Cocaine Blues‘ (Johnny-Cash-Version)
Hinweis: ‚Bury the Cross… With Your Christ‘ stand zwar auf der Setlist, wurde an diesem Abend jedoch nicht gespielt. ‚Cocaine Blues‘ war der Rausschmeißer vom Band.
Text: Tobias Stahl
Photo Credit: Krachmachermusik by Tobias Stahl


