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EVA UNDER FIRE – Zwischen Narben und Neuanfang

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Mit “Villainous” präsentieren EVA UNDER FIRE ihr bislang wohl persönlichstes und emotional ehrlichstes Album. Die Band verbindet erneut modernen Hard Rock, Alternative Metal und große Melodien, geht dabei jedoch weit über eingängige Hooks und radiotaugliche Refrains hinaus. Themen wie Identität, Trauer, Heilung, Selbstfindung und persönliches Wachstum ziehen sich durch das gesamte Album und machen “Villainous” zu einer Reise durch die dunkelsten Momente des Lebens – und die Kraft, sie zu überwinden. Frontfrau Amanda „Eva Marie“ Lyberg beschreibt das Album als eine zutiefst persönliche Erfahrung, in die erstmals auch die Geschichten und Perspektiven ihrer Bandkollegen eingeflossen sind. Grund genug, gemeinsam einen Blick hinter die Texte, Emotionen und Ideen zu werfen, die “Villainous” geprägt haben.

Tobias:
Hi Amanda! Herzlichen Glückwunsch zur Veröffentlichung von “Villainous”. Wie geht es dir im Moment und wie sind die bisherigen Reaktionen auf das Album?

Amanda:
Mir geht es großartig! Es fühlt sich gut an, viel zu tun zu haben.

Tobias:
Wenn du auf den Weg von “Anchors” über “Love, Drugs & Misery” bis hin zu “Villainous” zurückblickst – wo siehst du die größte Entwicklung von EVA UNDER FIRE als Band und auch als Menschen?

Amanda:
Mit “Villainous” haben wir als Songwriter und auch als Menschen wirklich zu uns selbst gefunden. “Anchors” war roh und ein bisschen chaotisch. “Love, Drugs & Misery” war dagegen fast schon zu perfekt ausgearbeitet. “Villainous” ist ausdrucksstark und zugleich in sich geschlossen – und genau das fühlt sich unglaublich gut an.

Tobias:
Du hast “Villainous” als eine Reise der Selbstfindung beschrieben. Gab es einen bestimmten Moment oder ein Erlebnis, das den emotionalen Ausgangspunkt für dieses Album bildete?

Amanda:
Ich hatte viele Gefühle im Zusammenhang mit dem Tod meines Vaters nie richtig verarbeitet. Gleichzeitig haben wir als Band gemeinsam sehr viel durchgemacht. Mein Vater ist 2018 gestorben, 2019 bekamen wir unseren Plattenvertrag und aus dieser EP wurde schließlich “Love, Drugs & Misery”. Die Veröffentlichung war für März 2020 geplant.

Dann kam die Pandemie und wir mussten alles verschieben. Deshalb behandelt “Villainous” emotionale Themen aus den Jahren 2018 bis heute. Wir haben uns persönlich enorm weiterentwickelt und hatten einfach eine Menge zu erzählen.

Tobias:
Im Vergleich zu euren früheren Veröffentlichungen wirkt “Villainous” deutlich verletzlicher und emotional offener. Gab es Momente, in denen du mit dir gerungen hast, wie viel von deinem Privatleben du in diesen Songs preisgeben möchtest?

Amanda:
Eigentlich nicht. Ich kenne nur den Weg, ich selbst zu sein, und authentische Texte zu schreiben, wirkt auf mich unglaublich befreiend. Schwieriger ist es eher, wenn Produzenten Änderungen an meinen Lyrics vorschlagen, weil sie für mich etwas sehr Persönliches sind. Während wir an “Villainous” gearbeitet haben, haben wir dieses Problem ganz einfach gelöst, indem wir zu viele äußere Einflüsse ausgeblendet haben.

Tobias:
Der Titeltrack ‘Villainous’ vermittelt eine spannende Botschaft: Manchmal muss man in der Geschichte eines anderen zum Bösewicht werden, um sich selbst treu zu bleiben. Was hat dich zu dieser Idee inspiriert und wie viel von deinem eigenen Leben steckt in diesem Song?

Amanda:
Dieser Teil ist für mich sehr persönlich. Mein Vater ist an einer Überdosis gestorben. Meine Familie hält eng zusammen und als er starb, war ich nach außen hin vor allem wütend. Manche Menschen in meinem Umfeld warfen mir deshalb vor, ich würde kalt auf die Situation reagieren. Dabei war diese Wut nur ein Schutzschild, damit ich nicht völlig auseinanderbreche. Irgendwann habe ich beschlossen, dass es nicht meine Aufgabe ist, meine Art zu trauern zu erklären. Die Leute können denken, was sie wollen. Genau in diesem Moment wurde meine “Villainous”-Seite geboren.

Tobias:
Ein Thema, das sich für mich durch das gesamte Album zieht, ist die Erkenntnis, dass Schmerz nicht bestimmen muss, wer man ist. War das eine der zentralen Botschaften, die ihr den Hörerinnen und Hörern mit “Villainous” mitgeben wolltet?

Amanda:
So ähnlich, ja. Schmerz kann einen formen, ohne einen zu zerbrechen. Man muss einfach weitermachen.

Tobias:
‘My Own Name’ beschäftigt sich mit Identität, Selbstwertgefühl und dem Mut, sich selbst treu zu bleiben – trotz aller äußeren Einflüsse. Glaubst du, dass viele Menschen in Zeiten von Social Media, ständigen Vergleichen und öffentlicher Bewertung den Kontakt zu ihrem wahren Ich verlieren?

Amanda:
Absolut. Es ist leicht, sich in all dem Lärm zu verlieren. Das ist mir selbst zeitweise genauso gegangen. Ich glaube, genau deshalb wurde ich irgendwann eher als Eva statt als Amanda bekannt. Aber durch all diese Erfahrungen habe ich gelernt, meine eigene Stimme über all den anderen Stimmen zu hören, die mir sagen wollen, wer ich bin oder was ich tun sollte. Mein Selbstvertrauen ist mir unglaublich wichtig, weil es viele Ängste zum Schweigen bringt. Mein Name ist Amanda. Eva war nie die ganze Geschichte.

Tobias:
‘Don’t Say I’m Ok’ ist vielleicht einer der emotionalsten Songs des gesamten Albums. Er handelt von Trauer und Verlust, aber gleichzeitig auch von Heilung. War das Schreiben dieser Lyrics eher schmerzhaft, befreiend oder vielleicht sogar beides zugleich?

Amanda:
Definitiv beides. Ich wollte gleichzeitig tanzen und schreien – und ich glaube, genau das haben wir mit diesem Song erreicht.

Tobias:
Viele Menschen greifen gerade in schwierigen Zeiten zur Musik. Gab es Momente, in denen Fans dir ihre persönlichen Geschichten erzählt haben und dir dadurch bewusst wurde, wie tief die Musik von EVA UNDER FIRE ihr Leben beeinflusst hat?

Amanda:
Genau deshalb bin ich so dankbar für die Gespräche am Merchandise-Stand nach unseren Konzerten. Die Geschichten, die ich dort von den Menschen höre, sind unglaublich bewegend und machen mich sehr demütig. Meine Musik ist meine Therapie. Deshalb finde ich es besonders schön, wenn Menschen darin etwas wiederfinden, das zu ihrer eigenen Geschichte passt. Rockfans sind emotionale Menschen – sie verstehen genau, worum es geht. Und genau deshalb lieben wir es, live zu spielen.

Tobias:
Du hast erzählt, dass diesmal die Erfahrungen aller Bandmitglieder eine größere Rolle im Songwriting gespielt haben. Wie hat das die kreative Dynamik verändert und was hat es dem Album letztlich gegeben?

Amanda:
Zum ersten Mal haben wir gemeinsam über die inhaltlichen Themen der Texte gesprochen. Das hatten wir zuvor noch nie gemacht. Dabei wurde aber schnell deutlich, wie eng unsere Verbindung als Band inzwischen ist. Die Jungs erzählten von ihren persönlichen Kämpfen und den Erkenntnissen, die sie daraus gewonnen haben – und ich konnte mich in vielem davon wiederfinden. Manche dieser Situationen habe ich selbst miterlebt, weil wir so viel gemeinsam unterwegs waren. Ich glaube, dass uns diese Gespräche und ihre Einbindung in den Songwriting-Prozess als Band noch enger zusammengeschweißt haben.

Tobias:
Songs wie ‘Survive My Scars’, ‘Dark Soul’ oder ‘A Violent End’ stellen sich den eigenen inneren Dämonen, anstatt vor ihnen davonzulaufen. Glaubst du, dass Heilung erst dann beginnen kann, wenn man sich den Seiten von sich selbst stellt, die man eigentlich lieber verdrängen würde?

Amanda:
Ja, davon bin ich überzeugt. Radikale Selbstakzeptanz kann Scham entgegenwirken. Ich glaube, dass ich erst dadurch, dass ich auch die weniger schönen Seiten von mir angenommen habe, eine Widerstandskraft entwickeln konnte, die ich niemals gefunden hätte, wenn ich diese Teile von mir weiterhin verdrängt hätte.

Tobias:
Das Album verbindet sehr ernste Themen mit energiegeladener, kraftvoller und stellenweise sogar hoffnungsvoller Musik. Wie wichtig war es euch, daraus kein hoffnungsloses oder durchgehend düsteres Album zu machen?

Amanda:
Sehr wichtig. Das Album spiegelt den Weg einer Reise der Selbstfindung wider. Es ist nicht nur dunkel. Es geht um Erkenntnis und Kampf, aber auch um Trotz und Selbstbewusstsein. Um Angst und Trauer – und schließlich um Akzeptanz und neues Selbstvertrauen.

Tobias:
Wenn jemand gerade eine schwierige Phase im Leben durchmacht und “Villainous” von Anfang bis Ende hört – was hoffst du, fühlt diese Person, wenn die letzten Töne von ‘A Violent End’ verklungen sind?

Amanda:
Ich hoffe, dass sie sich frei fühlt. So, als wäre die Last verschwunden, immer der Mensch sein zu müssen, den alle anderen von einem erwarten.

Tobias:
Wenn du heute auf die Amanda zurückblickst, die in den Anfangstagen von EVA UNDER FIRE ihre ersten Songs geschrieben hat – was würde sie wohl sagen, nachdem sie “Villainous” gehört hat?

Amanda:
„Wer bist du?!“ (lacht) Und dann müsste ich ihr erst einmal erklären, was alles passiert ist und warum wir irgendwann den Mut gefunden haben, unsere Wut auch öffentlich auszusprechen. Ich glaube, sie wäre beeindruckt davon, dass wir endlich gelernt haben, unsere Meinung so direkt zu sagen.

Tobias:
Bevor wir zum Ende kommen: Haben wir aus deiner Sicht alles Wichtige über “Villainous” angesprochen oder gibt es noch etwas, das du unseren Leserinnen und Lesern mit auf den Weg geben möchtest?

Amanda:
Ich möchte einfach nur DANKE sagen, dass ihr euch dieses Album anhört. In diesem Sommer begleiten wir FIVE FINGER DEATH PUNCH auf einer großen US-Tour. Wir können es kaum erwarten, bald wieder zu euch zu kommen und für euch zu spielen. Ganz viel Liebe! <3

Interview: Tobias Stahl
Photocredit: Eva Under Fire