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DISTANT – Echte Dämonen, reale Verluste und die rohe Macht des Unausweichlichen

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Reale Dämonen statt Sci-Fi-Fiktion: DISTANT melden sich über Century Media Records mit ihrem Album „Into Despair“ zurück. Das neue Material fungiert als scharfes Ventil für persönliche Verluste und gesellschaftliche Verzweiflung, ohne dabei an charakteristischer Durchschlagskraft einzubüßen. Im OBLIVEON-Interview spricht Frontmann Alan Grnja offen über die Entstehung des Albums, die Schnelllebigkeit moderner Medien und den mutigen Schritt, eigene Schwächen in maximale musikalische Härte zu übersetzen.

Tobias:
Hallo Alan! Nach euren früheren Alben und der Neuausrichtung von „Tsukuyomi“ schlagt ihr auf „Into Despair“ konzeptionell eine spürbar andere Richtung ein. Statt Sci-Fi-Pfade zu beschreiten, stehen diesmal reale emotionale Kämpfe, Verlust und gemeinsame Trauer im Mittelpunkt. Was hat diesen Schritt zu einem so persönlichen und emotionalen Ansatz in euren Lyrics ausgelöst, wenn man bedenkt, dass es einem musikalisch immer noch mitten ins Gesicht schlägt?

Alan:
Wir wollten etwas Persönlicheres für unsere alten und neuen Fans schaffen, zu dem sie einen besseren Bezug aufbauen können. Die Entscheidung fiel innerhalb der Band ziemlich natürlich und fühlte sich wie die richtige Richtung an.

Tobias:
Mit ‚The World‘ leitet ihr das Album mit einem 120-sekündigen Intro ein, in dem kaum drei Worte gesprochen werden, bevor ‚Nothing Left to Hate‘ übernimmt. Ihr habt den Song selbst als rohen Sturzflug in Selbstzerstörung und Chaos beschrieben. Wird dieser zermalmende Opener auch eure Live-Shows eröffnen?

Alan:
Zu 100 % die Absicht. Wir sind an dieses Album mit dem klaren Ziel herangetreten, dass es ein Live-Album wird – Songs, die wir gerne live spielen, und die Energie sowie das Chaos, die sie erzeugen. Wir haben hart daran gearbeitet, unseren Live-Sound der Shows mit diesem Album in euer Wohnzimmer oder wo auch immer ihr es hört zu bringen.

Tobias:
Der Titeltrack ‚Into Despair‘ bringt diese neue lyrische Tiefe auf den Punkt, ohne etwas von eurer charakteristischen zerstörerischen Durchschlagskraft einzubüßen. Wie ist euch beim Songwriting der Spagat gelungen, dieses ehrliche emotionale Gewicht mit euren extremen Breakdowns in Einklang zu bringen?

Alan:
Es war definitiv eine Herausforderung, aber ich mag Herausforderungen. Das Hauptziel bei diesem Track und auf dem Album im Allgemeinen war es, diese Kraft in reale Emotionen zu übersetzen, die die Schwere der Themen ergänzen.

Tobias:
Für ‚Spirit‘ habt ihr Tyler Beam von THE LAST TEN SECONDS OF LIFE ans Mikrofon geholt. Der Track ist ein hasserfüllter Rachefeldzug nach einer Tragödie. Wie kam der Kontakt zu Tyler zustande und was hat er deiner Meinung nach in den Song eingebracht?

Alan:
Wir sind zusammen getourt und haben eine sehr persönliche Verbindung aufgebaut. Es fühlte sich einfach richtig an, ihn auf einem Track dabeizuhaben, da er mit der Situation rund um den Song vertraut war. Er hat die Fiesheit und die Wut des Songs definitiv noch weiter nach vorne getrieben.

Tobias:
In ‚The Shallow Gaze‘ sprecht ihr den Moment an, in dem emotionale Ausbeutung kippt und in Distanzierung und Wut umschlägt. Ist das Schreiben solcher Songs für dich auch eine Art Ventil, um persönliche Enttäuschungen und grenzüberschreitende Erfahrungen zu verarbeiten?

Alan:
Das ist perfekt ausgedrückt. Es ist ein scharfes Ventil einer Person, die es aufgegeben hat, in diesem ständigen Wettbewerb darüber zu stehen, wer mehr leidet. Das Leben ist so eine komplexe Sache, und das Trauma eines jeden Einzelnen sollte niemals als eine Art Messlatte herangezogen werden. Menschen, die so etwas ausnutzen, machen mich einfach krank, da es immer mehr zur Regelmäßigkeit wird.

Tobias:
Mit ‚Desolation‘ werdet ihr politisch und liefert eine Anklage gegen Krieg, Machteliten und gierige Konzerne. Auch das Musikvideo spart nicht mit verstörendem Bildmaterial aus realen Konflikten. Warum war es euch wichtig, auf „Into Despair“ ein so klares Statement zu setzen?

Alan:
Da sich das Album um die Verzweiflung dreht, die uns umgibt, können wir die Kriege und Konflikte nicht ignorieren, die uns täglich umgeben. Es ist ein kühnes Statement, das mit dem Finger darauf zeigt, wo das Problem in unserer Gesellschaft liegt und wie Menschen solche tragischen Ereignisse zu ihrem persönlichen Vorteil nutzen – vom einfachen Bürger bis hin zur gierigen Elite.

Tobias:
Musik darf politisch sein, wenn…?

Alan:
Musik ist gewissermaßen immer politisch.

Tobias:
Auf ‚All Will Be (N)One‘ gesellt sich SUFFOCATION-Frontmann Ricky Myers zu euch. Der Song setzt sich mit der Todesangst auseinander und beschreibt den Wandel von Widerstand zu Akzeptanz („everything fades, and all will be (n)one“). Wie war die Zusammenarbeit mit Ricky und welche Bedeutung hat diese Botschaft für dich persönlich?

Alan:
Lange Zeit hatte ich Angst vor dem Tod, und manchmal habe ich sie immer noch. Er kann in jedem Moment deines Lebens kommen und alles wird weg sein. Aber jeden Tag bin ich zu dem Schluss gekommen, dass er mit Sicherheit unvermeidbar ist und dass es mir nichts nützen würde, in dieser Angst zu leben, sondern dass man ihn annehmen sollte. Wir sind getourt und haben uns mehrmals mit Ricky unterhalten und uns sehr gut verstanden. Wie bei jedem anderen Gast, den wir hatten, kam die Zusammenarbeit ganz natürlich zustande. Er hat dem Track eine neue Ebene der Brutalität hinzugefügt und die Aufgabe sowie das Thema perfekt verstanden.

Tobias:
In ‚Rat Torture‘ rechnet ihr mit schleichender Entfremdung, inszenierter Selbstdarstellung und digitalen Echos in der modernen Welt ab. Wie nimmst du persönlich diese Dynamik im Bandalltag wahr – im Spagat zwischen Social-Media-Präsenz und dem Wunsch nach echter Verbindung?

Alan:
In den letzten Jahren ist die echte Verbindung in der Welt wirklich verloren gegangen und jeder jagt im Internet einem Leben hinterher, das er gar nicht lebt. Es macht mich traurig und entmutigt mich sogar, Social Media überhaupt zu nutzen, weil alles so fake ist. Ich schätze echte Menschen oder Creator, aber das ist eher eine Seltenheit geworden. Ich bin auf Social Media nicht mehr so aktiv wie früher, weil es zu einem Raubfischbecken geworden ist, das erfundenen Algorithmen um 4 Sekunden Aufmerksamkeitsspanne willen gefallen will, und das finde ich extrem nutzlos.

Tobias:
Ein zentrales Thema der Platte ist die Idee, dass gemeinsame Trauer Menschen in dunklen Zeiten verbinden kann – was sich auch im Titel ‚The Shared Grief‘ widerspiegelt. Hast du im Fan-Feedback auf Tour bemerkt, wie wichtig diese verbindende Note in eurer Musik geworden ist?

Alan:
Dieser Song ist der dunkelste und tiefste Song, den ich je geschrieben habe. Er reflektiert eine Zeit, in der ich am tiefsten Punkt meines Lebens war und auf (zum Glück) erfolglose Suizidversuche zurückblicke. Da dieser Song mit dem Album erst noch veröffentlicht wird, habe ich bei anderen bereits veröffentlichten Songs bemerkt, dass die Leute sich wirklich mit diesen Themen verbinden und dass es auch in ihnen widerhallt.

Tobias:
Nach all der dunklen Beklemmung bricht das Finale ‚Iron Knee‘ mit einem augenzinkernden Sturm aus Grind und Beatdown komplett aus dem Konzept des Albums aus. Wie kam die Idee zu diesem Schlusstrack zustande und wie wichtig ist dir dieser humorvolle Konterpunkt am Ende der Platte?

Alan:
Wir haben am Ende einfach gerne Spaß und sind keine griesgrämigen Opas, haha. Es ist lyrische Avantgarde und ein sehr, sehr ernster Track.

Tobias:
Neben der digitalen Version erscheint „Into Despair“ als Standard-CD im Jewelcase sowie in verschiedenen Vinyl-Editionen, wie etwa der auf 300 Stück limitierten „Iridescent Pearl Dawn“-LP. Welchen Wert haben physische Veröffentlichungen für dich in einer von Streaming dominierten Ära?

Alan:
Natürlich streame ich täglich Musik, aber manchmal lege ich eine CD oder eine Vinyl auf. Ich liebe das Handwerk hinter physischen Veröffentlichungen und wie alles gestaltet ist – und als leidenschaftlicher Sammler vieler Dinge habe ich gerne etwas zum Ausstellen, das ich mir jeden Tag anschauen kann, anstatt ein Telefon im Regal stehen zu haben. Wenn ich ein physisches Medium bekomme, bedeutet mir das mehr als nur die Musik – es geht um alles, was dahintersteckt.

Tobias:
Nachdem ihr mit Schwergewichten wie IN FLAMES, SYLOSIS und THROWN getourt seid, habt ihr eure bühnenzerstörenden Live-Qualitäten längst unter Beweis gestellt. Wie sehen eure Pläne für die nahe Zukunft aus – können wir euch bald wieder mit diesen neuen, emotionaleren Songs im Gepäck auf ausgedehnten Klub- und Festivalbühnen erwarten?

Alan:
Wir planen, den Großteil des Albums auf unserer ersten Headliner-Tour in den USA zu spielen, gefolgt von einer Tour mit Spite und Emmure in Europa durch Januar/Februar 2027. Der Rest des Jahres wird noch unter Verschluss gehalten.

Tobias:
Bevor wir zum Ende kommen: Haben wir aus deiner Sicht alle wesentlichen Aspekte rund um „Into Despair“ beleuchtet oder gibt es noch etwas, das du unseren Leserinnen und Lesern unbedingt mitgeben möchtest?

Alan:
Ich denke, alles war auf den Punkt. Und ich hoffe, dass die Hörer sich in dieser Platte wiederfinden können. Habt keine Angst, für euch selbst und eure Werte einzustehen, und sucht euch Hilfe, wenn sie gebraucht wird – daran ist keine Schande.

Tobias:
Vielen Dank für deine Zeit und das Interview! Ich wünsche dir und DISTANT viel Erfolg mit „Into Despair“ und eine großartige bevorstehende Tour. Die letzten Worte gehören natürlich dir.

Alan:
Vielen Dank dafür, es war mir ein Vergnügen. Und wir sehen uns im Pit!

Interview: Tobias Stahl
Photocredit: DISTANT/Promo