Mit Sandie “The Lilith” Gjørtz steht eine der ausdrucksstärksten Stimmen der heutigen (Underground) Extreme-Metal-Szene am Mikrofon von DEFACING GOD. Zwischen okkulter Symbolik, emotionaler Tiefe und kompromissloser Härte drückt sie die düstere Vision der dänischen Formation aus – und das ziemlich eindrucksvoll. Mit dem Debüt “The Resurrection of Lilith” (2022) machten sich DEFACING GOD einen Namen im symphonischen Extreme-Metal-Underground und ließen auch die großen Magazine aufhorchen. Nun schlagen DEFACING GOD mit “Darkness Is My Crown” ein neues Kapitel auf. Ein Album, das innere Abgründe offenlegt, Verletzlichkeit zulässt und Dunkelheit in Stärke verwandelt. Ich sprach mit Sandie über die neue Platte, emotionale Grenzerfahrungen, künstlerische Reife und die Kraft, die in der eigenen Finsternis verborgen liegt. Mit DEFACING GOD hat sich in den vergangenen Jahren eine der spannendsten dänischen Extreme-Metal-Bands formiert. Gegründet 2015 von Sängerin Sandie “The Lilith” Gjørtz und Drummer Michael Olsson, verbindet das Quintett blackened Death Metal, symphonische Finsternis und okkulte Atmosphäre zu einem eigenständigen, intensiven Sound. Komplettiert wird die Band durch Rasmus “Kalke” Munch Nielsen am Bass, Christian Snapholt Nielsen an der Rhythmusgitarre sowie Jakob Batten an der Leadgitarre.
Nach dem erfolgreichen Debüt “The Resurrection of Lilith” (2022, Napalm Records) schlagen DEFACING GOD mit ihrem zweiten Album “Darkness Is My Crown”, das am 27. März 2026 über Apostasy Records erscheint, ein neues Kapitel auf. Gemischt und gemastert von Tue Madsen in den legendären Antfarm Studios, konfrontiert die Band auf dem neuen Werk innere Abgründe, Verlust und Transformation – und verwandelt Dunkelheit in eine Quelle von Stärke und Identität.
Ich sprach mit Sandie über “Darkness Is My Crown”.
Tobias:
Die dänische Extreme-Metal-Szene ist derzeit extrem lebendig … Wo seht ihr euch innerhalb dieser Szene, und wie sehr nehmt ihr wahr, dass DEFACING GOD mittlerweile auch über Dänemarks Grenzen hinaus wahrgenommen werden?
Sandie:
Die dänische Szene ist im Moment wild und kompromisslos, und ich habe das Gefühl, dass wir zu dieser Intensität gehören, aber wir bringen auch etwas Theatralisches, Ritualistisches und emotional Verletzliches in all die Dunkelheit. Wir spüren definitiv die wachsende Wahrnehmung über Dänemark hinaus. Das Touren und die Reaktionen auf unser Debüt haben uns gezeigt, dass unsere Musik international Resonanz findet. Dunkelheit ist eine universelle Sprache. Schmerz, Transformation, Rebellion – das ist nicht an Grenzen gebunden.
Tobias:
Wie habt ihr die Zeit nach eurem Debütalbum verbracht? Gab es Besetzungswechsel?
Sandie:
Die Jahre nach “The Resurrection of Lilith” waren intensiv und transformierend zugleich. Wir haben getourt, sind als Einheit stärker geworden und standen auch vor persönlichen Herausforderungen. Es gab keine drastischen Line-up-Revolutionen, aber als Individuen haben wir uns weiterentwickelt, und das verändert zwangsläufig die Chemie in einer Band. Wachstum ist nicht immer laut. Manchmal passiert es in der Stille, in der Reflexion. Dieser Raum hat das kommende Album tief geprägt. Natürlich gab es einige Veränderungen. Wir haben uns von unserem langjährigen Leadgitarristen Signar Petersen verabschiedet, der fast zehn Jahre bei uns war. Er hat die Leidenschaft für das Musikmachen und das Touren verloren, und das respektieren wir. Es ist wirklich kein Leben für jeden, also verstehen wir das. Er ist bis heute unser Bruder. Seit Anfang 2024 haben wir Jakob Batten von ILLDISPOSED als Leadgitarristen. Er bringt eine andere Form von Dunkelheit und Kreativität in DEFACING GOD, und es hat genau so funktioniert, wie wir es erwartet haben. Wir freuen uns darauf zu sehen, wie sich seine Persönlichkeit in den kommenden Jahren in unserem Camp und in unserer Musik entfaltet. Er hat auf “Darkness Is My Crown” definitiv bereits den Ton gesetzt.
Tobias:
Wie lange hat der Entstehungsprozess von “Darkness Is My Crown” gedauert?
Sandie:
Der Schreibprozess erstreckte sich über einige Jahre. Manche Samen wurden kurz nach dem Debüt gepflanzt, aber die wahre Identität des Albums entstand erst später. Wir haben uns nicht beeilt. Diese Platte verlangte nach Ehrlichkeit, und Ehrlichkeit kann man nicht erzwingen. Von den ersten Fragmenten bis zum finalen Master war es eine Reise von ungefähr drei bis vier Jahren – emotional sogar noch länger.
Tobias:
Wo seht ihr “Darkness Is My Crown” im Vergleich zu eurem Debüt?
Sandie:
Das Debüt war konzeptionell, mythologisch, in seiner Erzählweise fast ritualistisch. “Darkness Is My Crown” ist nach innen gerichtet. Es geht weniger darum, Lilith als äußere Kraft zu beschwören, sondern ihren Archetyp in sich selbst zu verkörpern. Es ist absolut eine Weiterentwicklung. Keine Abkehr von der Vergangenheit, sondern eine Vertiefung. Ein Häuten. Ich vergleiche ungern frühere Sachen mit neuen Ideen, aber natürlich ist unser persönlicher Sound und Stil da – wieder eine Mischung aus Stilen und Emotionen, diesmal jedoch roher, sowohl im Sound als auch emotional, und sehr persönlich im Storytelling. Es ist DEFACING GOD in einer neuen Form.
Tobias:
Euer Debüt hat ein mythologisches Universum aufgebaut. Das zweite Album ist persönlicher – wie habt ihr diesen Schritt erlebt?
Sandie:
Es war zeitweise beängstigend. Es ist einfacher, sich hinter Mythologie zu verstecken, als zu sagen: “Das ist meine Wunde. Das ist meine Trauer. Das ist meine Wut.” Aber wahre Stärke liegt in der Aneignung. Dieses Album verlangte emotionale Nacktheit. Und diese Verletzlichkeit hat der Musik ein neues Gewicht, eine neue Reife gegeben.
Tobias:
Wie war es, innere Konflikte, Verlust und Transformation so offen zu verarbeiten?

Sandie:
Konfrontativ. Es gab Momente, in denen sich das Schreiben wie das erneute Aufreißen von Narben anfühlte. Aber es war auch reinigend. Dunkelheit kann dich entweder verschlingen oder dich formen. Indem man Schmerz bewusst in Kunst verwandelt, wird er zu Stärke. Das ist der Kern dieses Albums.
Tobias:
Worum geht es thematisch auf dem Album? Wie viel eurer eigenen Erfahrungen steckt darin?
Sandie:
Thematisch dreht es sich um Verlust, innere Kämpfe, existenzielle Konfrontation und letztlich um Selbstermächtigung. In diesen Songs steckt viel persönliche Wahrheit. Es ist kein Tagebuch. Es ist Alchemie. Echte Emotionen, verwandelt in etwas Universelles.
Tobias:
Gab es Momente, in denen du dir emotional oder künstlerisch Grenzen setzen musstest?
Sandie:
Ich glaube nicht an Grenzen, wenn es um Kunst geht, also lautet die kurze Antwort: nein.
Tobias:
Habt ihr euch von aktuellen Weltereignissen inspirieren lassen?
Sandie:
Es ist unmöglich, das nicht zu tun. Wir leben in einer Zeit der Unruhe, der Spaltung und der Unsicherheit. Es liegt eine kollektive Schwere in der Luft. Aber anstatt Politik direkt zu kommentieren, verinnerliche ich diese Atmosphäre. Das Gefühl der Instabilität, der existenziellen Bedrohung. Es sickert in die emotionale Landschaft des Albums.
Tobias:
Wie war die Zusammenarbeit mit Tue Madsen im Antfarm Studio?
Sandie:
Tue hat Präzision und Klarheit in unsere Dunkelheit gebracht und unseren Sound verfeinert und geschärft, ohne ihm seine Brutalität zu nehmen. Er hat den emotionalen Kern der Platte verstanden und sowohl die Dynamik als auch die Zerbrechlichkeit und die Aggression hervorgehoben. Das Ergebnis fühlt sich organisch und zugleich messerscharf an.
Tobias:
Kannst du uns etwas zu Songs wie ‘Nocturnal Vestige’, ‘Malediction Manor’, ‘It Comes at Night’ oder ‘The Last Revelation’ erzählen?
Sandie:
‘Nocturnal Vestige’ trägt die anhaltende Präsenz von etwas Unaufgelöstem in sich, wie den Schatten der Vergangenheit, der nicht verblassen will. ‘Malediction Manor’ wirkt fast wie heimgesucht, als würde man durch die Ruinen der eigenen Psyche gehen. Es ist ein Porträt der schlimmsten Teile meines Elternhauses. Ich habe auch viele gute Erinnerungen an meine Kindheit, aber es gab dunkle Zeiten, die mich bis heute begleiten, und sie leben als Teil von mir in meinen Emotionen, den ich akzeptiert habe. ‘It Comes at Night’ erkundet Angst und rasende Gedanken in ihrer reinsten Form – die Art, die sich einschleicht, wenn die Stille zu laut wird und draußen die Dunkelheit hereingebrochen ist. ‘The Last Revelation’ ist Konfrontation. Der Moment der Wahrheit, in dem die Illusion zerfällt und du dir selbst gegenüberstehst, eine Entscheidung triffst und Freiheit wählst.
Tobias:
Gibt es weitere Songs, die dir besonders nahestehen?
Sandie:
Es gibt mehrere, aber einige der intimsten Momente des Albums sind in den ruhigeren Passagen verborgen, in denen sich die Aggression zurückzieht und etwas Zerbrechliches freigelegt wird. Diese Kontraste definieren “Darkness Is My Crown”. Das Gleichgewicht zwischen Gewalt und Verletzlichkeit.
Tobias:
Plant ihr Shows oder eine Tour? Und schreibt ihr mit Blick auf die Bühne?
Sandie:
Wir planen absolut, dieses Album auf die Bühne zu bringen. DEFACING GOD gehört in ein Live-Ritual. Beim Schreiben beschränken wir uns nicht bewusst auf das, was live “einfach” umzusetzen ist. Aber wir achten sehr auf Dynamik und Atmosphäre. Jeder Song muss auf der Bühne atmen können. Wir haben bereits mehrere Shows und eine Tour geplant, und eine weitere Tour für den Winter 2026 ist in Vorbereitung.
Tobias:
Wenn du auf Sandie zur Zeit des Debüts zurückblickst – was hat sich am meisten verändert?
Sandie:
Ich bin geerdeter geworden. Stärker in meiner Identität. Weniger ängstlich, was Verletzlichkeit angeht. Damals habe ich Macht beschworen. Jetzt verkörpere ich sie. Ich nehme Dinge auch entspannter und bin damit im Reinen, dass ich nicht ständig “an” sein muss. Ich mache das für mich und für diejenigen, die mit uns resonieren und diesen Weg mit uns gehen. Der Rest ist egal. Ich habe schon vor langer Zeit erkannt, dass die Musikindustrie bei Weitem nicht mehr das ist, was sie einmal war, und ich weigere mich, etwas zu jagen, das tot und verschwunden ist – also bin ich zurück bei dem, was wirklich zählt: der Musik und den Emotionen – nicht bei einem verdammten Algorithmus.
Tobias:
Glaubst du, dass Dunkelheit überwunden werden muss – oder integriert?
Sandie:
Integriert. Dunkelheit ist nicht der Feind. Verdrängung ist es. Wenn du deine Schatten integrierst, werden sie zu Stärke. Wenn du sie unterdrückst, werden sie zu Gift. Dieses Album handelt von Integration.
Tobias:
Gibt es noch etwas, das dir wichtig ist?
Sandie:
Nur, dass es bei diesem Album nicht darum geht, Leid zu glorifizieren. Es geht um Transformation. Darum, sich trotz dieser Achterbahn namens Leben dafür zu entscheiden, aufzustehen.
Tobias:
Letzte Worte an unsere Leser und Fans?
Sandie:
An alle, die lesen oder hören: Traut euch, euch eurer eigenen Dunkelheit zu stellen. Fürchtet euch nicht davor. Darin wartet eine Kraft auf euch, und wir hoffen, dass “Darkness Is My Crown” euch auf dieser Reise begleitet. Danke, dass ihr diesen Weg mit uns geht.
Interview: Tobias Stahl
Photocredits: Promo, Facebookseite Defacing God

