Wenn Verfall, Blasphemie und der unausweichliche Zusammenbruch menschlicher Existenz Vertonung finden, sind CRUCIVORE in ihrem Element. Auf „Desecration“ gießt die Band finstere Abgründe – inspiriert von okkulten Horrorszenarien und dystopischen Endzeit-Welten – in ein walzendes Riffmassiv. Im ausführlichen Interview gibt Frontmann Ricardo Proença Einblicke in die manipulativen Spoken-Word-Konzepte der Platte, die Eigenproduktion durch Bassist Caesar Craveiro im Fingerprint Studio Lx sowie die schier unausweichliche Brutalität ihrer Live-Sets.
Tobias:
Hallo Ricardo! Danke, dass du dir die Zeit für mich nimmst. Angesichts deiner Erfahrung bei ANALEPSY und Sérgios Hintergrund bei DOWNFALL OF MANKIND hättet ihr es euch leicht machen und auf vertraute Muster setzen können. Welche konkrete musikalische Vision hat euch Ende 2024 zusammengebracht, um mit CRUCIVORE dieses neue Projekt zu starten?
Ricardo:
Wir wollten schon immer etwas Brutales erschaffen. Als ich in der Schweiz lebte, blieb ich mit Sérgio in Kontakt, und als ich nach Portugal zurückkehrte, war dieser Wunsch nach einer Zusammenarbeit immer noch da. Von Anfang an wussten wir, dass wir in den härteren Gefilden des Death Metal verwurzelt bleiben wollten, ohne uns zu viele Gedanken über Labels zu machen oder uns auf ein bestimmtes Subgenre festzulegen. Als das vollständige Line-up feststand, entwickelte sich alles ganz natürlich. Es gab keinen strikten Bauplan oder eine Formel dahinter. Wir haben einfach angefangen, Musik zu schreiben, die das widerspiegelt, was wir beide am meisten mögen: intensiven, kompromisslosen Death Metal mit eigener Identität. CRUCIVORE wurde das Ergebnis dieser gemeinsamen Vision und der Chemie, die in der Band entstand.
Tobias:
Mit dem Intro ‚The Crucivore’s Feast‘ einzusteigen und direkt die Abrissbirne ‚Memento Mori‘ loszulassen, zielt auf maximale Durchschlagskraft ab. Wie habt ihr die Reihenfolge im Vorfeld feinjustiert, um genau diesen Eröffnungseffekt zu erzielen?
Ricardo:
Wie der Titel schon sagt, ist ‚Memento Mori‘ eine Erinnerung daran, dass alles vergänglich ist – sei es Erfolg, Leid, Macht oder sogar die eigene Identität. Am Ende hat alles ein Ende, und das Leben ist endlich. Wir fanden, dass es der perfekte Einstieg in das Album ist, weil es den Hörer sofort in die richtige Stimmung versetzt. Es führt einen der zentralen Gedanken der Platte ein und gibt den Ton für die Reise vor, die sich über das gesamte Album erstreckt. Wir wollten, dass der Hörer sich dieser Botschaft von Anfang an bewusst ist und sie durch jedes Kapitel dieser Erfahrung mitnimmt.
Tobias:
Bei ‚The Banished Torment‘ und ‚The Oracle‘ wechselst du zwischen extrem tiefen Gutturals, rauem Kehlkopfgesang und Pig Squeals. Wie stecken deine Stimmbänder diesen Eiertanz im Laufe der Platte weg und wie entscheidest du, welche Gesangstechnik du in welchem Moment eines Songs einsetzt?
Ricardo:
Ehrlich gesagt fallen mir diese Gesangsvariationen ziemlich leicht. Ich experimentiere unheimlich gerne mit verschiedenen Gesangsstilen und nutze das, was sich für die Musik gerade richtig anfühlt. Diese Freiheit erlaubt es mir, auf der gesamten Platte ein breiteres Spektrum an Sounds und Ausdrucksformen zu erkunden. Wenn es um die entscheidenden und prägendsten Momente in einem Song geht, tendiere ich meist zu einem tieferen, rauheren und brutalerem Ton. Das Ziel ist es, diesen Abschnitten das Gewicht und die Intensität zu verleihen, die sie verdienen. Jede Gesangsart wird ausgewählt, um der Atmosphäre des Tracks zu dienen – ob Gutturals, raue Vocals oder Squeals, es geht immer darum, das Gefühl und die Wucht dieses speziellen Moments zu verstärken.
Tobias:
Tracks wie ‚Condemned‘ und ‚Whispers From Eternal Sickness‘ feuern euren brettharten Sound in unter drei Minuten ab, was dem Album eine knackige Kompaktheit verleiht. Sind das die ersten Kandidaten für euer Live-Set?
Ricardo:
Genau das machen wir bereits! Tatsächlich beginnt unser Live-Set mit ‚The Crucivore’s Feast‘ und knallt dann direkt mit ‚Condemned‘ los. Mir persönlich gibt es einen riesigen Kick, Shows mit diesem Song zu eröffnen. Es ist der perfekte Weg, um die Marschrichtung vorzugeben, und ehrlich gesagt auch ein super Aufwärmtraining für die Stimmbänder, haha. Auf der anderen Seite beenden wir unsere Shows meistens mit ‚Whispers From Eternal Sickness‘. Zu diesem Zeitpunkt ist das Publikum komplett in die Energie des Sets eingetaucht, und die schiere Brutalität des Songs – besonders der slammige Teil in der Mitte – bringt das Ganze auf die beste Art zum Überkochen. Beide Tracks übertragen sich unglaublich gut auf die Live-Situation und fühlen sich als Opener und Closer einfach perfekt an.
Tobias:
Mit dem 30-sekündigen ‚Reminisce Devotion‘ nutzt ihr Spoken-Word-Passagen als Brücke zu ‚The Matriarch‘. Welcher Gedanke steckte dahinter, die unbarmherzige Härte mit solchen atmosphärischen Zwischenspielen zu unterbrechen?
Ricardo:
‚Reminisce Devotion‘ war nie als reine Pause von der Härte gedacht. Es ist tatsächlich ein wichtiger Teil der Geschichte, der direkt mit ‚The Matriarch‘ verknüpft ist. Die Spoken-Word-Passage repräsentiert die Matriarchin selbst – wie eine dunkle, manipulative Präsenz, die zu jemand Verletzlichem spricht, ihn langsam einsaugt und korrumpiert. Die Idee war, einen Moment der Spannung und Atmosphäre zu schaffen, bevor sich der nächste Song entfaltet. Anstatt uns nur auf pure Aggression zu verlassen, wollten wir dem Hörer einen Einblick in den Einfluss dieser Figur und den psychologischen Abstieg geben, der darauf folgt. Wenn ‚The Matriarch‘ beginnt, hat diese Person bereits angefangen, ihren Glauben, ihre Integrität und letztlich sich selbst zu verlieren. Das fühlte sich als Erzählweise viel effektiver an, als einfach nur von einem brutalen Track direkt in den nächsten zu springen.
Tobias:
In absoluten Zerstörern wie ‚Triumph of the Grotesque Disorder‘ setzt ihr auf dunkle Soundeffekte und abrupte Rhythmuswechsel. Wie haltet ihr während des Songwritings die Balance zwischen roher Brutalität und strukturiertem musikalischen Storytelling?
Ricardo:
Ein gutes Beispiel für diesen Ansatz findet sich in ‚Triumph of the Grotesque Disorder‘. Unter einem der Hauptriffs hat unser Bassist Caesar Craveiro einen Synthesizer im 80er-Jahre-Stil eingebaut, der das Gitarrenmuster fast wie ein im Schatten lauernder Schatten spiegelt. Beim ersten Hören kann das leicht durchrutschen, aber sobald man es bemerkt, verleiht es dem Song eine verstörende Ebene und eine noch düstere, beklemmendere Atmosphäre. Für uns geht es bei Brutalität nicht nur darum, schneller oder schwerer zu spielen. Es geht darum, eine Welt zu erschaffen, die den Hörer tiefer in den Wahnsinn zieht. Die Soundeffekte, die plötzlichen Rhythmuswechsel und die versteckten Details sind alle da, um Spannung aufzubauen und das Gefühl von Chaos und Unbehagen zu verstärken. Was CRUCIVORE ausmacht, ist, dass jeder die Freiheit hat, kreative Grenzen zu verschieben. Wenn eine Idee die Musik düsterer, verstörender oder mitreißender macht, greifen wir sie auf. Wir wollen nie den sicheren Weg gehen. Manchmal entstehen die beklemmendsten Momente aus Elementen, die eigentlich gar nicht in den Death Metal gehören, das Dunkle aber irgendwie noch realer machen. Das ist die Denkweise hinter unserem Songwriting und ein großer Teil dessen, was CRUCIVORE definiert.
Tobias:
Euer Bassist Caesar Craveiro hat Aufnahme, Mix und Mastering im Fingerprint Studio Lx übernommen. Welches waren die wichtigsten Stellschrauben im Studio, um sicherzustellen, dass die ultratiefen Frequenzen und die Knochensägen-Gitarren im Mix klar und druckvoll bleiben?

Ricardo:
Caesar hatte vom ersten Tag an einen enormen Einfluss auf diese Platte. Die Verantwortung für Aufnahme, Mix und Mastering des Albums zu übernehmen, war eine Herausforderung, die er sofort annahm, als er zu CRUCIVORE kam, und seine Erfahrung spielte eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung des finalen Sounds. Was seinen Ansatz besonders interessant macht, ist, dass seine Einflüsse weit über den Metal hinausgehen. Dieser breitere musikalische Hintergrund brachte eine andere Perspektive in den Produktionsprozess und half, einen Mix zu kreieren, der sich sowohl massiv als auch dynamisch anfühlt. Innerhalb der Band kommen wir alle aus leicht unterschiedlichen Ecken. Natürlich lieben wir alle Death Metal, aber einige von uns neigen eher zur melodischen Seite, während andere zur puren Brutalität tendieren. Das Endergebnis spiegelt diese Kontraste wider. Caesar hat es geschafft, all diese Einflüsse in einen Sound zu kanalisieren, der sich modern, aggressiv und zermalmend schwer anfühlt, während Melodie und Atmosphäre immer noch Raum bekommen, wenn die Musik es verlangt. Vor allem wollten wir, dass das Album richtig reinhaut und Eindruck hinterlässt – jedes Instrument nimmt seinen eigenen Platz ein, ohne die schiere Gewalt und das Gewicht der Songs zu opfern. Da haben seine Erfahrung und Vision wirklich den Unterschied gemacht.
Tobias:
Eure Texte drehen sich um Korruption, Verfall, Blasphemie und den menschlichen Untergang. Wie stimmt ihr diese lyrischen Themen auf die spezifische Dynamik eurer Abrissbirnen ab?
Ricardo:
Für mich sind die Texte ein Spiegelbild dessen, was ich in den Menschen und in der Welt um uns herum sehe. Korruption, blinder Gehorsam, Manipulation, Gier, der Verlust der Identität… Das sind nicht einfach nur Themen, die zum Death Metal passen – sie faszinieren mich seit jeher, weil sie Teil der menschlichen Natur sind. Wenn ich schreibe, versuche ich, diese Ideen mit dem Gefühl der Musik zu verbinden. Wenn ein Song unbarmherzig und gewalttätig ist, sollen sich die Texte wie der komplette Zusammenbruch anfühlen – wie jemand, der von seinen eigenen Überzeugungen, Ambitionen oder seiner inneren Dunkelheit zerfressen wird. Gibt es einen langsameren oder beklemmenderen Abschnitt, nutze ich diesen Raum, um Manipulation, Verzweiflung oder das schleichende Bröckeln von Glauben und Integrität zu erkunden. Ich trenne die Texte nicht wirklich von der Musik. Die Riffs schaffen die Atmosphäre, und die Worte geben dieser Atmosphäre ein Gesicht und einen Zweck. Zusammen erzählen sie die Geschichte von Menschen, die ihrem eigenen Untergang entgegensehen – oft ohne zu merken, dass sie direkt darauf zusteuern. Das zieht sich durch das gesamte Album und bindet all diese Themen zusammen.
Tobias:
Rudi Gorging Suicide hat das Cover-Artwork beigesteuert. Wie spiegelt das visuelle Design die Stimmung und die Themen wider, die ihr musikalisch auf „Desecration“ erkundet?
Ricardo:
Das Artwork bringt exakt das auf den Punkt, wofür „Desecration“ steht. Im Zentrum steht dieser gewaltige Strudel, fast wie ein schwarzes Loch, das alles auf seinem Weg verschlingt. Darum herum sieht man menschliche Gestalten, die bereits zu verkohlten Überresten reduziert sind – völlig machtlos gegen die Kraft, die sie zerstört. Es gibt kein Entkommen, keine Erlösung, nur die Vernichtung. Diese Vision knüpft direkt an die Themen des Albums an. Der Titel „Desecration“ steht für die Entweihung von Körpern, die Korrumpierung von etwas einst Reinem und die Zerstörung ganzer Welten – ob physisch, spirituell oder psychologisch. Es geht darum, den Zusammenbruch von allem mitzuerleben, was einst Bedeutung hatte, ohne ihn aufhalten zu können. Rudi hat dieses Konzept von Anfang an verstanden und genial umgesetzt. Er hat nicht nur die Brutalität der Musik eingefangen, sondern auch das Gefühl der Unausweichlichkeit und Verzweiflung, das die ganze Platte durchzieht. Das Artwork fühlt sich wie eine visuelle Verlängerung des Albums an – exakt das, was wir uns erhofft hatten.
Tobias:
Woher stammen die Inspiration und der Antrieb für so kompromisslose Songs, bei denen eure Wut und Aggression so spürbar greifbar sind?
Ricardo:
Um ehrlich zu sein, kommt ein Großteil dieser Intensität aus Dingen, die mich schon immer fasziniert haben. Ich fühlte mich schon immer zu düsteren Welten hingezogen – sei es die hoffnungslose Ödnis von Fallout, die uralte Dunkelheit und Korruption in Der Herr der Ringe oder die beklemmende Atmosphäre von Horror- und Okkultfilmen. Diese Welten sind voll von Verfall, Obsession, Fanatismus und Mächten, die weit größer sind als die darin gefangenen Individuen. Ich denke, das fließt ganz natürlich in mein Songwriting und meinen Gesang ein. Wenn ich performe, versuche ich nicht, einfache Wut auszudrücken. Es ist eher so, als würde man etwas Düsterem, Verschlingendem eine Stimme geben. Die Themen des menschlichen Untergangs, des verlorenen Glaubens, der Manipulation und der unvermeidlichen Zerstörung resonieren bei mir viel straker als plumpe Aggression. CRUCIVORE ist im Grunde ein Ventil für diese Dunkelheit. Es ist ein Weg, diese Visionen und Emotionen in Sound zu übersetzen. Die Brutalität ist nicht nur aus Showgründen da; sie ist da, weil manche Ideen genau dieses Maß an Gewalt und Intensität verlangen. Wenn alles zusammenkommt – die Riffs, der Gesang und die Atmosphäre –, fühlt es sich weniger wie einzelne Songs an, sondern eher so, als würde man einem Zusammenbruch beimessen, der schon immer vorherbestimmt war.
Tobias:
Ihr bringt die Scheibe über Testimony Records im Untergrund heraus. Wie sehen eure Pläne aus, um das Material auf die Bühne zu bringen, und welche letzten Worte möchtest du den OBLIVEON-Lesern mit auf den Weg geben?
Ricardo:
Wir sind unglaublich stolz darauf, „Desecration“ endlich über Testimony Records auf die Menschheit loszulassen und diese Songs live zu spielen. Wir haben einige Shows und ein paar spezielle Auftritte in Arbeit, bei denen wir Teile des Sets variieren und ein paar Überraschungen einbauen werden. Unser Ziel ist einfach: unsere Spuren im Untergrund zu hinterlassen und diese Musik in die Hände von jedem zu bekommen, der bereit ist zuzuhören. Danke an alle, die uns vom ersten Tag an unterstützt haben. Und an die Leser von OBLIVEON: Zögert nicht, uns euer Feedback zu geben – egal ob positiv oder negativ. Wir wollen alles hören. Stay brutal und unterstützt den Untergrund. Wir sehen uns auf der nächsten Show!
Interview: Tobias Stahl
Photocredit: Tiago Silva

