Leider ziemlich spät, doch besser spät als nie, so las ich über diese neue Scheibe aus der Ostmetal-Schmiede. Die CD kompiliert das aktuelle Album „Frankfurt“ mit dem Demo „Don’t Sleep Till Tunnelstreet“. Lobende Worte eines werten Kollegen machten mich aufmerksam und neugierig. Jetzt sind BOTTLED aus Frankfurt an der Oder endlich auch bei mir eingetroffen. Hier treffen sich alt und neu, Geschichte und Gegenwart. Grund genug also, das Trio mit ein paar Fragen zu löchern. Zu diesem Behufe habe ich mit Merula Turdus, Stimme und Bassistin von BOTTLED Kontakt aufgenommen. Die Fragen und Antworten gingen schriftlich hin und her, so dass es am Ende gar ein gar nicht so flotter Dreier wurde.
Zuerst will ich euch natürlich zu der CD gratulieren. Ehe wir auf die neuen Songs zu sprechen kommen, sollten wir uns über die Geschichte austauschen. Wie war das bei euch, damals in der DDR? Wie seid ihr von Fans zu Musikern geworden?

Merula: Hallo Mario – vielen herzlichen Dank für die freundlichen Worte und natürlich auch für dein Interesse. Fan von harter Musik wurde ich 1976, im Alter von zehn Jahren. Ich war ein sonderbares Kind, die anderen wollten nicht mit mir spielen. Wohl kannte ich mich in diesem zarten Alter schon lange und bestens mit der Natur aus, die Spiele der Menschenkinder blieben mir jedoch verschlossen. So alleine auf dem Schulhof zu stehen, war deprimierend. Alle Menschen sehnen sich nach Anerkennung, auch die sonderbaren. Es war aber das Jahr, in dem KISS zum ersten Mal Europa besuchten, und im Westfernsehen kam, als Werbung für eine Jugendzeitschrift, ein kurzer Ausschnitt von der Band auf der Bühne. Bis dahin hatte ich eher Udo Jürgens gehört, weshalb das für mich erst einmal nicht wirklich Musik war, sondern infernalischer Lärm, produziert von vier augenscheinlich Irren. Gleichzeitig war ich ganz sonderbar fasziniert von dieser Show und dachte, wenn es mir gelingt, von denen Fan zu sein, werden mich die Anderen bestimmt akzeptieren. Ich wurde also vor 50 Jahren glühende Fanatikerin und Anhängerin harter Musik, und das ließ nie wieder nach. Und weiter? Tja, manche gehen den nächsten Schritt, die meisten nicht. Ich griff zu einer Gitarre und war sehr deprimiert, weil das dann überhaupt gar nicht nach KISS klang. Aber ich versuchte es immer weiter, und 1980 bekam ich zum Geburtstag meine erste Bassgitarre. Die besitze ich heute noch. Ein tschechoslowakischer Iris Bass, übrigens.
Thommy (Gitarre): Torge und ich kennen uns seit der Einschulung. Als Teenies waren wir total Hardrock-, Punk- und Metal- infiziert, vor allem AC/DC war so was wie’ne Religion für uns. Durch einen anderen Schulkameraden kam ich an eine Akustikklampfe nebst ersten Akkorden, ein anderer Kumpel lieh mir ein Peter-Bursch-Buch aus dem Westen und etwas später bekam ich die erste E-Gitarre in die Hände. In der Lehrzeit gründeten wir dann die erste Kellerband und animierten Torge dazu Schlagzeug zu lernen und unser Drummer zu werden – als echter Freund tat er das dann umgehend und sehr ernsthaft (richtig mit Musikschule und so). Ein paar Jahre später waren wir dann in der Musikszene der Stadt unterwegs, ich war nach einigen anderen Stationen bei BOTTLED und Torge hatte eine – ich würde sagen Ärzte-inspirierte – Zwei-Mann-Punk-Band namens BETT DEVILS, die sehr lustig, sehr besoffen und in der Stadt ziemlich beliebt war.

Gab es Steine, die ihr aus dem Weg räumen musstet?
Merula: Na klar, und ich denke mal, die waren in der DDR gar nicht sooo anders als in der BRD. Der erste Hindernisstein ist, einen Proberaum zu ergattern. Der zweite, Musiker zu finden, die dabei bleiben und auch mal persönlichen Einsatz zeigen. Kommt doch jedem bekannt vor, überall auf der Welt, oder? Daran scheitern bestimmt schon mal 50 Prozent der jungen Bands.
Die Eiskrem-Wortspielerei vom Demo hattet ihr doch sicher aus dem Englischunterricht, oder?
Thommy: Nee, tatsächlich nicht. Die Inspiration kam durch eine Szene aus dem Film „Down By Law“ von Jim Jarmusch aus dem Jahre 1986, der freundlicherweise eines Abends, vielleicht 1988 oder so, im Westfernsehen kam als Original mit Untertiteln. Der „Song“ ist knallhart geklaut von der Filmszene, in der Tom Waits, Roberto Benigni und John Lurie durch ihre Gefängniszelle toben und den Song praktisch acapella abfeuern – auch heute noch sehenswert.
Das Demo enthielt auch drei Coversongs. ´Wenn ich ein Junge wär´ von Nina Hagen finde ich dabei gar nicht so naheliegend. Vor allen war die Dame in der DDR ja auch zumindest verpönt.
Merula: Ja, die ganzen aufdringlichen Stasi- und Kulturkontrollettis steckten überall ihre Nasen hinein, waren gleichzeitig oft aber auch recht tumb. Bei der Einstufung meinte dann der Typ, dass ihm unser eines Lied so richtig gut gefalle: „Ich möchte so gerne wieder ein kleiner Junge sein!“ Wir guckten uns gegenseitig an und dachten: „Genau, Silvio, das glauben wir dir hundertprozentig.“ Er wusste also nicht einmal, worum es geht.
Insgesamt ist zu spüren, die Musik zu der Zeit war nicht nur auf Fun getrimmt, ihr hattet auch was zu sagen.
Merula: Ja, aber wir saßen zwischen den Stühlen und wussten nicht so recht, ob wir nun fröhliche Trinklieder oder angepissten Thrash spielen wollten. Aber klar, Lieder wie „Nuclear Warfare“ drücken schon etwas aus.
Merula, habe ich die Geschichte richtig verstanden, du wolltest eigentlich erst die DDR verlassen? Bist dann aber in Frankfurt geblieben. Woher der Sinneswandel?
Merula: Es war August 1989 und ich in Budapest, auf dem Rückweg von Bulgarien. Schon immer ein ganz starkes Metal Land, am Rande erwähnt. Mitte der 1980er Jahre habe ich da zum Beispiel mal ein Militärschiff der Küstenwache gesehen, das in einer malerischen Bucht ankerte und über die Bordanlage volle Kanne „Fool for your Loving“ über das Schwarze Meer jagte. Na ja, ich war also in Budapest, und nach jahrelangem Zögern entschied ich mich, jetzt endlich zur westdeutschen Botschaft zu gehen. Aber gerade dann fiel mir auf, dass ich jetzt gar nicht mehr so unbedingt weg wollte, es wurde ja gerade super spannend in der alten, kleinen DDR, und da wollte ich eigentlich lieber live dabei sein. Habe dann auch gleich für das Neue Forum unterschrieben und an jeder Montagsdemo teilgenommen. Und miterlebt, wie aus „Wir sind das Volk“ eines Tages plötzlich „Wir sind ein Volk“ wurde. Das hat uns damals ehrlich gesagt schockiert.
So ist die Band also erst einmal auf Eis gelegen. Wie habt ihr die über 30 Jahre bis heute verbracht?
Merula: Wir spielten am 30. September 1989 ein legendäres Abschiedskonzert, dann zerstreuten wir uns in alle Winde. Thommy und ich verloren allerdings nie den Kontakt. Er hat eine Familie gegründet, unser neuer Drummer Torge hat sich die Knie kaputt gearbeitet. Ich bin ganz gut um die Welt gekommen und habe 50 Länder besucht. Ich habe ein Label gegründet und sechs oder sieben Jahre später leider ganz übel gegen die Mauer gefahren. Hatte mit der Band UNDER BLACK CLOUDS gute Erfolge, wechselte mein Geschlecht und zog erst nach Berlin, zwölf Jahre später dann aufs weite, flache Land. Unser erster Drummer Kay ist aber abhanden gekommen.
Thommy: Torge und ich haben 1993 wieder angefangen zusammen zu musizieren und machen das seitdem fast durchgängig bis heute (ich war mal für ein paar Jahre ausschließlich Heimmusiker, weil ich mich ganz dem Familienleben widmete). Es gibt noch eine weitere Band, in der wir gemeinsam spielen, die heißt BOGGY SCHMIDT und gehört eher in den Singer/Songwriter-Bereich. Torge spielt außerdem noch in zwei Cover-Bands und ich in einer Rockband, die sich zurzeit vor allem mit selbst komponierter Instrumentalmusik im Seventies Style beschäftigt. Zwischendurch (in meiner Familienzeit) war Torge auch ziemlich gut mit LA MARCHE unterwegs, einer Band, die ziemlich guten Balkan-Beat abgeliefert und ihren Stil selbst als „Zicken-Umpa“ betitelt hatte. Auch mit Merula blieb ich all die Jahre seit damals freundschaftlich verbunden. Dazu aber, dass wir wieder zusammen musizieren, kam es erst durch die Neuauflage von BOTTLED.
Und wie kam es, dass ihr wieder zusammengefunden habt?
Merula: Das ist der absolut einzigartige Verdienst von Hendrik Rosenberg von GDR. Ohne ihn gäbe es BOTTLED nicht. Wenn über DDR-Metal geredet wurde, war selten die Rede von uns, was aber absolut unsere eigene Schuld war. Wir haben zwar ca. 100 Stück unserer 1989er Demokassette an den Menschen gebracht, aber eigentlich nur im Bekanntenkreis. Diesen Zustand wollte ich ändern und schickte ihm Anfang 2024 unser Demo auf CD-R, nur so zur Kenntnisnahme. Er kannte uns aber längst und wollte dann gleich etwas mit uns machen. Ich meine: Plattenvertrag, ey! Hat nicht jeder, da macht man doch auch gefälligst was draus! Also trafen wir uns am 20. Juli 2024 im neuen Proberaum zur ersten BOTTLED Bandprobe seit 35 Jahren und erarbeiteten in den nächsten acht Monaten unser Debütalbum „Frankfurt“. Wie schon erwähnt, ist Kay weg. Dass Torge unser neuer Drummer wird, stand niemals zur Diskussion, sondern war von Beginn an klar. Er spielte damals in der Nachbar-Band und gehörte immer zum engsten BOTTLED Umfeld. Und am 1. November 2025 spielten wir ein Reunionskonzert, dass so schnell niemand vergessen wird, der anwesend war. Alleine schon für diese Stimmung dort hat sich ALLES gelohnt.

Wenn ich manche Songtitel so lese, der Wortwitz ist euch schon mal erhalten geblieben. Auch das Wort Fun wird groß geschrieben. Und immer wieder hört man, ihr habt was zu sagen. Ihr stellt euch ja ganz klar gegen Rechtsaußen. Dafür werdet ihr doch sicher auch angefeindet?
Merula: Von rechtsextremer Seite wurden wir noch nicht angefeindet, wahrscheinlich sind wir so ungemein sympathisch, dass da keiner Bock auf Stress mit uns hat. Noch wahrscheinlicher kennt man uns dort überhaupt nicht. Allerdings gab es ein wenig Kritik von Freunden, die zwar unsere Musik mögen, jedoch nicht auf politische Texte im Metal stehen. Kann ich sogar ein kleines bisschen verstehen, aber was soll ich anderes machen, als genau das, was mir von Herzen kommt. Jeder hat seine Meinung, und ich habe meine, und danach schreibe ich die Texte. Aber danke für das Kompliment bzgl. Wortwitz, daran liegt uns viel. Ich spiele ja auch noch in anderen Bands, da geht es dann eher um metallische Fantasien.
Wieder habt ihr euch zwei Covernummern gewidmet. Warum gerade diese?
Merula: Ich wollte unbedingt ein Lied meinem Idol Peter Steele widmen und fand die Idee gut, ein Stück von der weitgehend unbekannten Fallout 7“ zu covern. Allerdings scheint das Lied wirklich sehr unbekannt zu sein; jedenfalls bist du der Erste, der uns darauf anspricht.
Thommy: Ich find diesen Song von Leonard Cohen (´Everybody Knows´-Anm. d. Verf.) einfach toll, allerdings auch ein bisschen zu lang und hab mich eines Tages mal gefragt, wie der in Punk und mit nur drei statt sechs Strophen klingen würde – was dabei rauskam, habe ich dann Merula und Torge präsentiert; die hoben die Daumen und waren dabei und dann haben wir das Ding einfach gemacht.
Einen Song möchte ich noch hervorheben. ´Mein erster Tag in der Fleischfabrik´. Persönlich esse ich Fleisch, kann aber die Gründe verstehen, warum manche darauf verzichten. Ihr habt das Thema ja doch recht lustig und böse umgesetzt. Woher kam denn diese wilde Idee?
Merula: Wir finden vegane Ernährung lobenswert, essen aber alle drei Fleisch. Allerdings ernähren wir uns grundsätzlich ökologisch, also eher fleischarm, aus Bio Produktion usw. Ich glaube, ich wollte einfach einen makabren deutschen Text schreiben und hatte dabei wirklich direkt Loriots „Advent“ sowie die Kult-DVD „Staplerfahrer Klaus“ vor Augen. Der Text sollte aber durchaus als Kritik an der Fleischindustrie aufgefasst werden. Auf unserem zweiten Album wird es voraussichtlich wieder ein paar deutsche Texte geben.
Mario, wir haben uns sehr über dieses Interview gefreut, wir grüßen deine Leser und jeden verdammten Headbanger auf der Welt! Falls irgend jemand ein gemütliches Open Air veranstaltet und noch eine gut gelaunten Anheizer sucht: Kontaktiert uns bitte!
An dieser Stelle geht mein Dank zurück an die Oder. Wenn ihr es jetzt noch schafft, auch mal hier in die Gegend zu kommen, ich bin dabei. So geht auch von meiner Seite ein kleiner Ruf an die Veranstalter nicht nur im Südwesten. Bucht BOTTLED, sie sind eine Bereicherung für jede Bühne.

Die Fotos stammen alle aus dem persönlichen Reservoir von Merula Turdus.
Interview: Mario Wolski

