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GRYMHEART – Dämonenjagd aus Budapest

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Wenn düstere Mythen der Menschheit auf messerscharfe Riffs und monumentale Chöre treffen, entfesseln GRYMHEART ihr volles Potenzial. Mit „Wake Not The Beast“ erschaffen die Budapester Dämonenjäger ein atmosphärisches Bestiarium aus Dark Fantasy, biblischen Parabeln und keltischer Sagenwelt. Doch nicht nur musikalisch setzt die Formation ein starkes Ausrufezeichen – auch die kompromisslose Hingabe an physische Tonträger prägt die Philosophie der Band. Im ausführlichen OBLIVEON-Interview verrät Gábor Kovács, wie persönliche Einflüsse seiner Bandkollegen das neue Album bereichert haben und warum echte Kunst im haptischen Erleben verwurzelt bleibt.

Tobias:
Hallo Gábor! Drei Jahre nach eurem Debüt „Hellish Hunt“ veröffentlicht ihr euer zweites Album „Wake Not The Beast“. Wenn du beide Alben nebeneinander betrachtest: Wo siehst du die größte Entwicklung im Sound von GRYMHEART und worauf habt ihr euch beim Songwriting-Prozess dieses Mal am meisten konzentriert?

Gábor Kovács:
Der Songwriting-Prozess hat sich eigentlich gar nicht so stark verändert. Der größte Unterschied besteht darin, dass die Songs auf „Hellish Hunt“ über einen sehr langen Zeitraum entstanden sind, während die Tracks für „Wake Not The Beast“ innerhalb der letzten drei Jahre geschrieben wurden.

Auch soundtechnisch bewegen wir uns in einem ähnlichen Rahmen, allerdings wollten wir alles noch ein Stück schwerer gestalten. Deshalb haben wir die Gitarren noch tiefer gestimmt und das Schlagzeug so gemischt, dass es druckvoller und knackiger klingt. Ein weiteres Element, das wir spürbar ausgebaut haben, sind die Chor-Passagen. Wir haben sie deutlich häufiger eingesetzt als noch auf „Hellish Hunt“, um der Musik eine noch epischere Atmosphäre und mitreißende Sing-along-Refrains zu verleihen.

Tobias:
Der Opener und Titeltrack ‚Wake Not The Beast‘ legt direkt mit unerbittlicher Energie und hoher Geschwindigkeit los. War euch von Anfang an klar, dass dieser Song das Album eröffnen musste, um das Biest im allerersten Moment zu wecken?

Gábor Kovács:
Nein. In der Regel entscheiden wir erst dann über die Reihenfolge der Tracks, wenn die Studioarbeit komplett abgeschlossen ist und alle Songs ihre finale Form erreicht haben.

Diesmal war die Entscheidung allerdings extrem einfach, weil wirklich jedes Element von ‚Wake Not The Beast‘ – von der Grundstimmung über das Tempo bis hin zu den Lyrics – perfekt als Eröffnungstrack funktionierte. Wir lieben es eigentlich, wenn ein Album mit einem Intro beginnt, das die Atmosphäre einleitet. Aber dieses Mal brauchten wir gar kein separates Intro zu komponieren, da der Beginn dieses Songs bereits ein hervorragender Einstieg ist.

Tobias:
Blickt man auf die Credits von „Wake Not The Beast“, schreibst du die meiste Musik und die Texte zwar selbst, aber auch deine Bandkollegen waren involviert: Bassist V’arhel verfasste die Lyrics für ‚Somber Saga‘, ‚The Blood Ritual‘, ‚Hunter’s Oath‘ und ‚Prowler Of The Void‘, während Gitarrist Dargor Rivgahr die Musik zu ‚Dark Son Of The Night‘ und ‚Hunter’s Oath‘ mitkomponierte. Wie funktioniert dieser kollaborative Prozess innerhalb von GRYMHEART und warum war es euch wichtig, dieses Mal verschiedene Songwriter einzubinden?

Gábor Kovács:
Die anderen Bandmitglieder stießen erst zu uns, als die Songs für „Hellish Hunt“ bereits fertiggeschrieben waren. Mittlerweile sind wir aber eine eingespielte Einheit, und ich bin sehr froh, dass jeder seine eigenen Ideen in die Musik einbringen kann. V’arhel ist ebenfalls ein riesiger Fantasy-Fan, weshalb seine Texte perfekt in die Welt von GRYMHEART passen. Das war für mich eine enorme Hilfe, da ich nicht mehr alle Texte alleine verfassen musste und mich dadurch viel stärkere auf die Musik konzentrieren konnte. Dargor wiederum kam mit den musikalischen Ideen zu ‚Dark Son Of The Night‘ und ‚Hunter’s Oath‘ an, und wir haben sie dann gemeinsam so geformt, dass sie nahtlos in den Stil von GRYMHEART passen.

Tobias:
Bei ‚Dark Son Of The Night‘ hat dich Dargor Rivgahr beim Komponieren unterstützt. Da dieser Track mit einem sehr schweren, stampfenden Groove rund um das Frankenstein-Motiv heraussticht: Wie hat Dargors Input die musikalische Richtung und Energie dieses speziellen Songs geprägt?

Gábor Kovács:
Dieser Song hat sich im Laufe der Entstehung etwas stärkere verändert als Dargors anderer Track. Die erste Version war zwar bereits richtig gut, fühlte sich aber noch nicht typisch genug nach GRYMHEART an. Wir haben deshalb verschiedene Versionen ausprobiert, bis wir die perfekte Atmosphäre gefunden hatten. Am Ende ist daraus ein extrem starker Song geworden.

Die Idee zum Text stammte ebenfalls von Dargor. Er beschrieb mir ein Bild, das er vor Augen hatte, als die musikalischen Themen entstanden, und mir schoss sofort Mary Shelleys Geschichte durch den Kopf. Es ist zwar nicht exakt dieselbe Erzählung, aber sie hat mich maßgeblich inspiriert. Meiner Meinung nach finden sich hier die tiefgründigsten Lyrics des gesamten Albums.

Tobias:
V’arhel hat die Texte zu vier Tracks des Albums beigesteuert. Hast du das Gefühl, dass unterschiedliche Texter frische Perspektiven oder ganz eigene thematische Nuancen in das Dark-Fantasy- und Mythologie-Konzept der Band bringen?

Gábor Kovács:
Es gibt uns definitiv eine andere Perspektive, aber wir achten sehr akribisch darauf, das grundlegende Konzept der Band beizubehalten. Meistens erzählt mir V’arhel von seinen Ideen oder schickt mir einen ersten Rohentwurf des Textes. Wenn nötig, feilen wir dann gemeinsam an der Geschichte, bis das Ergebnis sowohl inhaltlich als auch von der Wortwahl her perfekt sitzt.

Tobias:
‚Demon Of Dreams‘ zeigt eine etwas getragenere Midtempo-Seite von GRYMHEART, getrieben von einem einprägsamen Hauptthema, einem eingängigen Refrain und der Folklore des Alp – einem Dämon aus der germanischen Mythologie, der Alpträume und Schlafparalysen verursacht. Was hat euch dazu bewogen, genau diesen Track als zweite Single auszuwählen, und wie fanden Text und Musik hier zusammen?

Gábor Kovács:
Ja, dieser Song zeigt die etwas zugänglichere Seite der Band, besitzt aber nach wie vor enorm viel Energie und Vorwärtsdrang. Wir hatten sofort das Gefühl, dass er sich wegen seiner eingängigen Themen hervorragend als Single eignen würde, und ich hatte auch direkt eine visuelle Vision für das Musikvideo vor Augen. Die Idee zum Text ergab sich ganz organisch: Als ich das Demo des Songs hörte, fühlte es sich für mich wie ein mystischer Traum an. Danach musste ich nur noch einen passenden Traum-Dämon oder ein Monster aus der Mythologie ausfindig machen, das perfekt zum Konzept von GRYMHEART passt.

Tobias:
Du hast „Wake Not The Beast“ nicht nur in deinem eigenen Blacksmith Studio produziert, sondern auch den Mix und das Mastering selbst übernommen. Welche Vorteile bringt diese vollständige kreative Kontrolle für den Entstehungsprozess mit sich – und wo liegen die Herausforderungen, wenn man als Bandkopf alle Fäden in der Hand hält?

Gábor Kovács:
Ehrlich gesagt kann ich mir gar nicht vorstellen, dass jemand anderes unsere Musik produziert. Ich habe für jedes Album immer eine ganz genaue Vision vom Sound und von der Atmosphäre im Kopf. Es wäre extrem schwierig, mit einem externen Produzenten zu arbeiten, weil die Musik von GRYMHEART so viele Schichten und Details enthält, die ihren exakten Platz im Mix finden müssen. Das jemand anderem verständlich zu erklären, wäre gar nicht so leicht. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass ich sehr gerne mit dem Sound und den Orchestrierungen experimentiere. Durch diesen Workflow habe ich dafür fast unbegrenzt Zeit – ganz im Gegensatz zur Arbeit mit einem bezahlten Toningenieur oder Produzenten.

Natürlich ist es manchmal verdammt hart, so viele Dinge auf einmal zu stemmen: Songs schreiben, die Musik produzieren, die Band managen, Videos drehen und alles Organisatorische rund um die Band abwickeln. Aber wir sind eine Independent-Band und können es uns schlichtweg noch nicht leisten, externe Mitarbeiter zu bezahlen.

Tobias:
Das Cover-Artwork zeigt ein beeindruckendes Ungeheuer und wurde von Gyula Havancsák gestaltet, der bereits für Accept, Stratovarius und Ensiferum gearbeitet hat. Wie kam die Zusammenarbeit mit Gyula zustande und wie stark spiegelt das Motiv die visuelle und thematische Welt des Albums wider?

Gábor Kovács:
Es ist eigentlich kein Drache, sondern genau dasselbe Monster wie auf dem Cover von „Hellish Hunt“. Es ist unser Maskottchen – ganz ähnlich wie Eddie bei Iron Maiden. Das Motiv ist direkt mit dem Titeltrack ‚Wake Not The Beast‘ verknüpft: Jemand hat das Biest aus seinem langen Schlaf geweckt, und es steigt gerade aus seiner Gruft empor.

Tobias:
Bei ‚Killing Gaze‘ taucht ihr tief in die keltische Mythologie rund um die Sage von Balor und sein tödliches Auge ein. Wie wichtig ist dir diese tiefere Recherche in alten Mythen und Legenden beim Verfassen deiner Lyrics?

Gábor Kovács:
Wenn ich anfange, Texte zu schreiben, halte ich immer Ausschau nach einem mythologischen oder literarischen Monster, Dämon oder Ort, der zur Stimmung des Songs passt. Wenn ich das Thema bereits gut kenne, brauche ich nicht viel zu recherchieren, aber manchmal muss ich mich doch intensiver einlesen. Von Anfang an wusste ich, dass dieser Song eine Geschichte über eine Art Riesen erzählen sollte. Ich wollte jedoch kein Wesen haben, das zu kindisch wirkt. Am Ende war Balor die perfekte Wahl, weil seine Legende ziemlich blutig und aggressiv ist.

Tobias:
In ‚Somber Saga‘ sticht neben den starken instrumentalen Passagen vor allem der epische Chor-Teil hervor. Wie wichtig sind euch solche hymnischen Sing-along-Parts beim Arrangieren der Songs mit Blick auf zukünftige Live-Shows?

Gábor Kovács:
Ich schreibe Mitsing-Passagen niemals nur um des reinen Erfolgs willen, sondern immer nur dann, wenn die Dramaturgie des Songs danach verlangt. Abgesehen davon lieben wir epische Chöre einfach. Sie bieten den perfekten Gegenpol zu den rauen Haupt-Vocals – aber eben nur, wenn sie sich vollkommen natürlich aus dem Song ergeben.

Tobias:
Eure Geschichten drehen sich häufig um Dämonenjäger, The Witcher oder Van Helsing – was sich auf dem Album auch in der Hymne ‚Hunters’ Oath‘ widerspiegelt. Was fasziniert dich persönlich so sehr an dieser düsteren Jäger-Ästhetik?

Gábor Kovács:
Indirekt geht es in jedem unserer Songs um Monsterjäger-Themen, manchmal aber auch einfach wie in einem Bestiarium. Ich habe Charaktere wie Geralt von Riva aus „The Witcher“ oder Van Helsing in der Welt von Dracula schon immer geliebt. Ihre heroische Einstellung und ihr ewiger Kampf gegen das Böse sind eine hervorragende Metapher für die dunklen Seiten und Ereignisse unserer Welt. Auf der anderen Seite passt dieser Vibe einfach perfekt zur gesamten Atmosphäre von GRYMHEART.

Tobias:
Das Finale ‚Kingdom Of Chaos‘ entfesselt eine gewaltige Kombination aus Blastbeats, Headbanger-Riffs und mächtigen Chören, die fast schon an Blind Guardian erinnern. Wie ist dieser Track entstanden und war er als bewusstes Ausrufezeichen am Ende der Platte gedacht?

Gábor Kovács:
Ich wollte einen extrem epischen Song schreiben, der alle Trademarks von GRYMHEART in sich vereint. Der Schreibprozess war ähnlich wie bei den anderen Tracks: Diesmal hatte ich direkt nach dem Intro eine akustische Melodie im Kopf und habe den Song um dieses Thema herum aufgebaut. Eine weitere Grundidee war der Einsatz von Blastbeats. Genau diese zwei Elemente – die klassische Gitarre und die Blastbeats – machen den Song zu einer extremen Kombination, während die Grundstimmung durchgehend konsistent bleibt. Die Lyrics wurden von zwei biblischen Geschichten inspiriert: Sodom und Gomorra sowie dem Turmbau zu Babel. Ich habe die Menschen jedoch durch Monster und Dämonen ersetzt, damit es in die Welt von GRYMHEART passt.

Meiner Meinung nach funktionieren solche epischen Songs am besten am Ende eines Albums – als fesselndes Finale und würdiger Abschluss.

Tobias:
„Wake Not The Beast“ erscheint über Scarlet Records digital, auf CD sowie als exklusive, limitierte Vinyl-Edition. Welche Bedeutung haben solche physischen Formate für dich persönlich und für GRYMHEART als Band in der heutigen Musiklandschaft?

Gábor Kovács:
Meiner Meinung nach verkörpern physische Formate den wahren Wert von Musik – sowohl für Musiker als auch für echte Musikfans. Man kann sie anfassen und sich wie wertvolle Artefakte ins Regal stellen. Darüber hinaus ist es schlichtweg die beste Art, Musik zu genießen: Eine CD oder Vinyl einzulegen, sich auf das Sofa zu setzen, sich ein Getränk einzuschenken und nichts anderes um sich herum zu haben außer sich selbst und der Musik.

Tobias:
Bevor wir zum Ende kommen: Haben wir aus deiner Sicht alle wichtigen Aspekte rund um „Wake Not The Beast“ abgedeckt oder gibt es noch etwas, das du unseren Leserinnen und Lesern bei OBLIVEON mit auf den Weg geben möchtest?

Gábor Kovács:
Ich finde, deine Fragen waren wirklich hervorragend und sehr umfassend.

Tobias:
Vielen Dank für deine Zeit und das Interview, Gábor! Ich wünsche dir und GRYMHEART allen Erfolg mit „Wake Not The Beast“ und den anstehenden Shows. Die letzten Worte gehören natürlich dir.

Gábor Kovács:
Vielen Dank für das Interview! Ich hoffe, dass wir auf der Straße jeden treffen werden, der uns live sehen möchte. Bis dahin: Geht raus und tötet ein paar Monster!

Interview: Tobias Stahl
Photocredit: Grymheart/Promo