SAOR
Titel: CALEDONIA
Label: SEASON OF MIST
Spieldauer: 51:28 Minuten
VÖ: 06. November 2026
Seit 2013 und mit der Veröffentlichung von sechs Studioalben steht das schottische Projekt SAOR für Atmospheric Black Metal mit Folk Einflüssen. Für den siebten Streich “Caledonia“ hat Mastermind Andy Marshall fünf Songs von den ersten drei Longplayern “Roots“ (2013), “Aura“ (2014) und “Guardians“ (2016) neu aufgenommen und verleiht ihnen die Größe und Klarheit, die der Musiker und Autodidakt beim ersten „Versuch“ noch nicht vollständig umsetzen konnte.
Mit seinem Schaffen hat sich der Glasgower eine musikalische Nische erschlossen und quasi sein eigenes Genre begründet: Caledonian Black Metal. Atmosphärischer Black Metal, wie ein Rundflug über die grünen Hügel des Highlands, voller Erinnerungen an die Ahnen und auf einem unverwechselbar schottischen Gefühl für Heimat basierend, ebenso stark von folkloristischen Instrumenten wie Tin Whistle und Dudelsack geprägt wie von Tremolo-Riffs, Blastbeats und harschen Vocals.
Damals setzte er seine Vision fast vollständig nach seinen eigenen Vorstellungen um, übernahm Komposition, Gesang und die meisten Instrumente selbst, während er für die Folk-Elemente Gastmusiker hinzuholte. Nun wendet er alles, was er in der vergangenen Dekade als Produzent, Arrangeur und Performer gelernt hat mit Hilfe des Produzenten Chris Fielding, der Produktion, Mix und Mastering übernahm, auf diese Teile seines Frühwerks an, ein befreiender künstlerischer Akt, der den fünf Stücken mehr Schärfe, Tiefe und Kompaktheit verleiht.
„The songs carry the emotional and thematic core they’ve always had, Scotland’s landscapes, its history, the pull between heritage and modern disconnection, but arrive shaped by more than a decade of live performance and Chris Fielding’s production. It’s less a reissue than a project completing itself, one Marshall describes as closing the circle between early Saor and the band as it exists now.“
Die ersten beiden Songs der Trackliste kommen vom Zweitling, nämlich das Titelstück `Aura MMXXVI´ und `The Awakening MMXXVI´, gefolgt von `Carved in Stone MMXXVI´ vom Debüt. `Hearth MMXXVI´ und `Tears of a Nation MMXXVI´ sind im Original die beiden Schlusstracks des dritten Silberlings.
SAOR lassen ihre langen Kompositionen atmen, metallische Elemente und melancholische Violinen und vielseitige Melodie- und Spannungsbögen lassen den Hörer abwechselnd in eine warme Decke gehüllt oder vom Wind durchgepeitscht zurück. Insgesamt wurden die fünf ausladenden Stücke ein wenig kompakter und weniger ausladend gestaltet und auf den Punkt gebracht, weisen sie doch alle zwischen ein und drei Minuten weniger Spielzeit auf als im jeweiligen Original. Als Gastmusiker halfen dabei Drummer Carlos Vivas, die Sängerin und Multi-Instrumentalistin Ella Zlotos (tin whistle, low whistle, Uilleann pipes) sowie die Violinistin Àngela Moya Serrat tatkräftig mit.
Technisch betrachtet ist das alles perfekt aufgenommen und besser abgemischt. Alle Tracks sind Neuinterpretationen, bei denen bestimmte Elemente oder Abschnitte verstärkt, gekürzt, überarbeitet oder weggelassen wurden. Doch das Mehr an musikalischem Können geht auch ein wenig auf Kosten der Atmosphäre und der Dramatik.
“Caledonia“ will nicht SAORs Vergangenheit neu erfinden, es schlägt eine Brücke aus der frühen Schaffensphase in die Gegenwart. Die Scheibe vervollständigt die Diskographie und bietet den Zuhörern die Gelegenheit, diese Songs so zu erleben wohin sie nach mehr als einem Jahrzehnt nicht zuletzt durch neue Dynamiken und Arrangements aus unzähligen Live-Performances gebracht worden sind.
Der Kopf erkennt die technischen und musikalischen Verbesserungen als eine gelungene, ausgereifte Neuinterpretation, während sich Bauch und Herz leicht nostalgisch fragen, ob nicht gerade im Fehlerhaften und Unperfekten das Besondere und Einzigartige verborgen liegt.
Michael Gaspar vergibt 8 von 10 Punkten


