Zwischen klaustrophobischen Häuserschluchten, schleichender Isolation und dem kaltblütigen Takt einer konsumfixierten Welt formierte sich 2025 das finnische Doom-Kollektiv CONCRETE GHOSTS. Ihr Erstlingswerk „Echoes of the Dead World“ versteht sich als akustischer Zeuge des menschlichen Niedergangs – musikalisch verpackt in tonnenschwere Riffs, schleppende Melodien und rohe Verzweiflung. Im OBLIVEON-Interview gewährt Timo Honkanen tiefe Einblicke in das visuelle und klangliche Konzept der Band, das Schmerz, Verlust und den unausweichlichen Beton-Sarg der Menschheit reflektiert.
Tobias:
Hallo Timo! CONCRETE GHOSTS haben sich erst 2025 gegründet, schlagen aber mit „Echoes of the Dead World“ bereits einen extrem düsteren Pfad ein. Du beschreibst euer Debüt als „akustischen Zeugen“ des Verfalls der menschlichen Psyche. Was war der Funke für die Bandgründung und woher stammt diese radikale, misanthropische Ausrichtung?
T. Honkanen:
Hallo Tobias. Zuallererst vielen Dank für die Gelegenheit zu diesem Interview. Der Funke entspringt der Dunkelheit – dem modernen Lebensstil und der Art und Weise, wie die Welt auf einem ewigen Kreislauf der Gier aufgebaut ist. Meine Visionen und Themen entstehen oft in klaustrophobischen Städten, in denen die Menschen fast gezwungen sind zu leben, weil ihnen die Möglichkeiten im Leben genommen wurden. Sie stecken in einem Käfig fest, und genau daraus speist sich die Dunkelheit. Sie nimmt viele Formen an, darunter auch den Kollaps der menschlichen Psyche. Die Optionen, die einem Menschen noch bleiben, sind alles andere als angenehm: ein Leben, das von Alkohol, Drogen, Prostitution oder Kriminalität aufgefressen wird. Ich male den dunklen Pfad eines Individuums nach, das an einem Ort lebt, an dem jeder sich selbst überlassen ist – ein Betondschungel.
Tobias:
Ihr habt die komplette Kontrolle über die klanglichen und visuellen Aspekte eurer Arbeit: Euer Bassist H. Hyytiäinen übernahm Mix und Mastering, während euer Sänger E.Keränen das handgemalte Cover-Artwork beisteuerte. Wie entstand das Konzept für das Cover und wie wichtig war es euch, dieses Debüt komplett nach euren eigenen Regeln zu erschaffen?
T. Honkanen:
Sagen wir einfach, dass ich gerne die Kontrolle behalte. Es gibt einem die wichtige Fähigkeit, die Dinge in Bewegung zu halten. Das Großartige ist, dass ich talentierte Leute um mich herum habe. Es lässt das gesamte Paket viel persönlicher wirken, und wir haben die Kontrolle über alles. Ich hatte eine bestimmte Vision für das Cover-Art im Kopf, aber ich habe ihm nicht vorgeschrieben, was er tun soll. Ich habe ihm einfach ein paar Texte gegeben und sinngemäß gesagt: „Mach es düster, beklemmend und siedele es in einer dunklen Stadt an.“ Da Eetu ein talentierter Künstler ist, hatte ich volles Vertrauen in ihn. Als ich schließlich sah, was er geschaffen hatte, sagte ich nur: „Exakt so.“ Ich habe ihm das Originalgemälde sogar abgekauft. Ich habe dann das Layout für den Druck gemacht und versucht, es so zu gestalten, dass es unsere Musik widerspiegelt.
Tobias:
Das Album erscheint über das Karlsruher Underground-Label Fetzner Death Records. Wie kam der Kontakt zu dem deutschen Label zustande und wie fühlt es sich an, euer Debüt über sie der Underground-Szene zu präsentieren?
T. Honkanen:
Nun, dahinter steckt eine recht amüsante Geschichte. Als wir das Album fertig hatten, machten wir uns auf die Suche nach einem Label für die Veröffentlichung. Ich habe eine Handvoll Labels kontaktiert, aber das Geschäft ist kalt und brutal. Ich habe das Material auch an Alex von Fetzner Death Records geschickt. Alex und ich haben eine gemeinsame Vorgeschichte, da er das letzte Album meiner anderen Band Virtaus herausgebracht hat. Ich hatte also die leise Hoffnung, dass er dieses vielleicht auch veröffentlichen würde – und sei es nur aus Mitleid (lacht). Alex antwortete, dass es gut klinge und sein Zeitplan zwar ziemlich voll sei, er es aber eventuell dazwischenschieben könne. Wir schrieben ein paar E-Mails hin und her, und ich versuchte, alles sehr formlos zu halten, nutzte nur meinen Namen und so weiter. Irgendwann fragte er nach meiner Adresse. Ich meinte: „Nun, hier ist sie, aber eigentlich müsstest du sie kennen. Du bist jederzeit in der Sauna willkommen und das Bier steht kalt.“ An dem Punkt wurde ihm klar, wer ich war. Das war eine ziemlich lustige Situation und auch der Beweis, dass wir den Deal nicht einfach nur bekamen, weil er mich kannte.
Ich liebe es auch, mit ihm zu arbeiten. Er besitzt eine Professionalität, die ich sehr schätze, inklusive einer hervorragenden Kommunikation. Das ist extrem wichtig. Gute Kommunikation ist der Grundstein, damit die Dinge funktionieren.
Tobias:
Der Opener ‚Stillborn World‘ rollt sofort mit erdrückender Doom-Schwere aus den Boxen und zeichnet ein verstörendes Bild einer seelenlosen, in Beton gegossenen Welt. War es euch von Anfang an wichtig, dass genau dieser Song den Ton für das gesamte Album angibt?
T. Honkanen:
Das war der allererste Song, den ich für Concrete Ghosts geschrieben habe, also hat er gewissermaßen den Weg für das gesamte Album geebnet. Er besaß all die Elemente, nach denen ich gesucht habe. Wir haben ihn deshalb auch für das Musikvideo ausgewählt.
Tobias:
In ‚Tomb Of Scars‘ bewegt ihr euch zwischen schleppenden Riffs und beklemmender Dunkelheit, bis sich eine zutiefst verstörende Atmosphäre Bahn bricht. Wie findet ihr beim Songwriting die Balance zwischen musikalischer Schwere und atmosphärischer Beklemmung?
T. Honkanen:
Meine Art zu schreiben und aufzunehmen ist eher chaotisch und instinktiv. Vieles entsteht durch unerwartete Zufälle – man trifft die richtigen Töne und findet plötzlich eine ganz bestimmte Stimmung. Es steckt kein großer technischer Plan hinter diesem Prozess. Die Themen des Albums und die Gesamtaussage sind hingegen viel zielgerichteter. Ich habe bestimmte kreative Leitplanken im Kopf, die die Musik mit dem Konzept verbunden halten und sicherstellen, dass sie in die Welt von Concrete Ghosts passt.
Tobias:
Eines der absoluten Highlights des Albums ist das tiefemotionale ‚You Closed Your Eyes‘, das sich mit dem schmerzhaften Verlust eines geliebten Menschen auseinandersetzt. Das Zusammenspiel zwischen den rauhen Growls von E.Keränen und den Clean-Vocals von H. Hyytiäinen geht richtig unter die Haut. Wie ist dieser Song entstanden?
T. Honkanen:
Dieser Song ist sehr persönlich. Ich halte ihn für einen der besten Songs, die ich je erschaffen habe. Natürlich wäre er keineswegs so gut geworden, wenn die anderen Jungs nicht ihren Teil dazu beigetragen hätten. Ich war überwältigt, als ich den finalen Mix hörte. Auf dem Album geht es größtenteils um eine Person, die in diesem Betonlabyrinth lebt, das manche Leute Stadt nennen. Es geht ihr weder mental noch körperlich gut. Dieser Song handelt davon, dass er jemanden Wichtigen verliert. Der Song hat aber auch ein Leben außerhalb des Albums. Ich glaube, die Hörer können darin leicht etwas aus ihrem eigenen Leben finden, zu dem sie einen Bezug herstellen können. Wenn man die Texte liest, geben sie einem einige Hinweise darauf, was er verloren hat. Ich könnte dir sagen, wie die Situation war und was die Wahrheit hinter dem ist, worüber ich geschrieben habe, aber ich ziehe es vor, den Hörern Raum zu lassen, ihre eigene Geschichte dazu zu erschaffen.
Tobias:
Bei ‚Among The Insects‘ und besonders bei ‚Concrete Skin‘ zieht ihr das Tempo spürbar an und bringt eine angepisste, fast schon aggressive Note ein, bevor die Melancholie zurückkehrt. War es euch wichtig, den schleppenden Doom-Sound mit solchen dynamischen Ausbrüchen aufzubrechen?
T .Honkanen:
Definitiv. Ein Album muss eine gewisse Dynamik besitzen, egal ob sie durch akustische Passagen oder Tempowechsel entsteht. Ich höre mir selbst viele verschiedene Arten von Künstlern an. Ich möchte nicht nur eine einzige Art von Musik hören, weil es sonst abstumpfend wirkt. Wenn alles gleich klingen würde, ginge ein einziger Song. Die Kompositionen erzählen zudem ihre eigenen Geschichten oder liefern zumindest Elemente, die die übergeordnete Erzählung unterstützen.
Tobias:
In drei Abschnitte unterteilt, erzählt ‚Black Sun’s Hollow Lie‘ die Geschichte einer sterbenden Sonne, verblasster Neonreklamen und des Abstiegs ins absolute Nichts. Musikalisch weicht der stürmische Beginn im letzten Drittel einer kompletten Stille. Wie habt ihr ein so komplexes Arrangement entwickelt?
T. Honkanen:
Ich weiß nicht, wie es um die musikalische Komplexität bestellt ist, aber der Song repräsentiert das Ende eines Zyklus: das Aufgeben und Sterben. Er passt perfekt als letzter regulärer Song dieses Albums.
Tobias:
Der Finaltrack ‚In Remembrance‘ schließt den Kreis des Albums: Die Menschheit hat sich letztlich in ihrem eigenen Betonsarg begraben und ist zu einem bösartigen Geschwür geworden. Ist das Album für dich reine Fiktion und Dystopie oder spiegelt es deinen realen Blick auf den Zustand der modernen Gesellschaft wider?
T. Honkanen:
Ja. CONCRETE GHOSTS ist stark vom Zustand der modernen Gesellschaft inspiriert und von der Fäulnis, die sie in das Leben der Menschen bringt – oft ohne dass diese es überhaupt bemerken. Es spiegelt wider, wie die Gier alles zerstört, was wir hätten haben können. Wir werden gezwungen, an diesem beschissenen Ort zu verweilen, den das System um uns herum geschaffen hat.
Du könntest dich fragen, ob dieser Typ (ich) in irgendeinem Slum lebt, wenn er Songs über solche Dinge schreibt. Ich habe in einer Stadt gelebt, aber ich habe nie in einem echten Beton-Labyrinth gewohnt. Jetzt lebe ich im Wald – hoffentlich für den Rest meines Lebens. Ich beobachte die Welt von jenseits des großen, weiten Waldes. Schon ein kurzer Blick in die Nachrichten reicht aus, um zu wissen, dass alles im Arsch ist.
Tobias:
Durch „Echoes of the Dead World“ zieht sich eine tiefe nordische Seelenkälte, gepaart mit Einflüssen aus der Underground-Metal-Szene der 1990er-Jahre. Es weckt Erinnerungen an Bands wie die frühen KATATONIA, SWALLOW THE SUN oder INSOMNIUM. Inwiefern haben diese klassischen Wurzeln die Entwicklung eures eigenen Sounds geprägt?
T. Honkanen:
Die frühen Katatonia waren tatsächlich eine meiner ursprünglichen Inspirationen für Concrete Ghosts, zusammen mit all den „guten“ Bands aus den späten 1990ern und frühen 2000ern: ein wenig Edge of Sanity, Katatonia, frühe Anathema sowie etwas Old-School Death Metal und Black Metal. Am Ende haben wir versucht, die Dinge einfach zu halten und nicht zu viel nachzudenken. Wir wollten Musik machen, die wir selbst gerne hören.
Tobias:
Neben dem digitalen Release wird das Album auch als CD-Digipak mit einem achtseitigen Ausklapp-Booklet erscheinen. Wie wichtig sind physische Veröffentlichungen für dich und CONCRETE GHOSTS in Zeiten kurzlebiger Streaming-Playlists?
T. Honkanen:
Physische Veröffentlichungen sind extrem wichtig. Wenn eine Veröffentlichung auf einem physischen Medium existiert, dann existiert sie wirklich. Ich denke, Streaming ist bequem und passt für bestimmte Momente oder Situationen, aber das Anhören eines physischen Tonträgers ist viel persönlicher. Man baut ein Ritual um das Hörerlebnis herum auf. Ich sammle derzeit Klassiker aus meiner Jugend auf Vinyl. Wenn du Vinyl hörst, richtest du das gesamte Erlebnis darauf aus. Du genießt vielleicht ein gutes Bier, ein anderes Getränk oder auch gar kein Getränk. Du lässt die Welt um dich herum hinter dir und tauchst tief in die Musik ein.
Ich muss auch erwähnen, dass es mein Traum ist, eines unserer Werke auf Vinyl zu sehen. Vielleicht eines Tages. Die letzte Vinyl-Schallplatte, die ich gekauft habe, war übrigens The Curse of Mankind von Forgotten Woods.
Tobias:
Vielen Dank für deine Zeit und dieses gewaltige, beklemmende Debüt! Was steht bei euch in naher Zukunft an? Dürfen wir darauf hoffen, CONCRETE GHOSTS schon bald einmal live auf der Bühne zu erleben? Die letzten Worte gehören natürlich dir!
T. Honkanen:
Live zu spielen ist etwas, das mir unter der Haut kriecht – im guten wie im schlechten Sinne. Der gute Teil ist, dass es eine coole Erfahrung sein könnte. Ich habe ein wirklich gutes „Team“, dem ich vollkommen vertraue. Eine Schwierigkeit besteht darin, dass wir alle recht weit voneinander entfernt wohnen. Ich spiele auch in einer anderen Band, die viele Shows in ganz Europa gespielt hat, und ich muss zugeben, dass Live-Spielen nichts ist, was ich vermisse oder für das ich eine riesige Leidenschaft hege. Ich genieße die Ruhe und den Frieden hier jenseits des großen Waldes. Vermutlich sehe ich Musik und Kunst einfach so: Ich habe Musik zu einer statischeren Kunstform gemacht als die meisten Menschen. Für mich ist sie eher wie ein Gemälde, das ich zu Hause genießen kann, ohne es live für andere Menschen „malen“ zu müssen. Ich habe übrigens bereits sechs Songs für die anstehende Vier-Song-EP aufgenommen. Ursprünglich sollte es eine EP mit vier Songs werden, also wird es am Ende vielleicht sogar ein komplettes Album. Vielen Dank, Tobias, für das Interview!
Interview: Tobias Stahl
Photocredit: CONCRETE GHOSTS/Promo

