PINHEAD – BEAUTY IN PAIN

PINHEAD

Titel: BEAUTY IN PAIN

Label: NoCut

Spieldauer: 51:39 Minuten

VÖ: 13. November 2026

PINHEAD wurde 2023 vom finnisch-britischen Musiker, Songwriter, Produzenten, Sänger und Multiinstrumentalisten Ilja John Lappin gegründet. Ursprünglich als persönliches Soloprojekt gestartet, entwickelte sich daraus nach dem 2025er-Debüt „Egomessiah“ und den ersten Release-Konzerten eine feste Band. Lappin übernimmt Vocals, Gitarre, Bass und Cello, unterstützt von Simon Schröder an den Drums, Marc Andrejkovits an Bass und Vocals sowie Flo Fleischer an der Gitarre. Nun folgt mit „Beauty in Pain“ das zweite Album. Zwölf Songs umfasst die Scheibe, die unter dem Konzept der „12 Steps of Pain“ steht. Thematisch geht es um schmerzhafte Erkenntnisse, Entfremdung, technologische Beschleunigung und eine Welt, in der Systeme immer stärker die Kontrolle übernehmen. Ein großer Teil des Albums entstand innerhalb von zwei Wochen auf einem abgelegenen Schloss in Mecklenburg-Vorpommern. Fernab von Alltag, Routinen und dem üblichen Grundrauschen konnte Lappin persönliche Erfahrungen und gesellschaftliche Beobachtungen aus einer völlig anderen Distanz betrachten. Das Album sucht keinen Trost, erzählt keine Heilung und verweigert die Erlösung – und genau das hören wir uns jetzt einmal genauer an.

Dass PINHEAD eine Mixtur verschiedener Genres in ihrer DNA haben, hört man bereits im Opener ‚Nausea‘ und dem nachfolgenden ‚Cenobite Initiate‘. Der brachiale, hirnrindenzerfetzende Kickstart der Platte ist im Modern Metal, Metalcore und Deathcore angesiedelt und mit ein paar Proggy-Vibes versehen. Die Härte ist dabei keineswegs Selbstzweck: Die bewusst kaputten und verstörenden Bilder der Texte verlangen geradezu nach dieser musikalischen Brachialität. Etwas zugänglicher zeigt sich ‚Lament Box‘ mit SOULBOUND-Feature, auch für die SOULBOUND Die-Hards. Johnny übernimmt etwa die Hälfte der Vocals, während Mario den Song mit neuen Parts und typischen Synths mitprägte. Aus der ursprünglichen längeren Version wurde so ein kompakterer, fokussierterer Track. ‚Hell On Fire‘ ist anders wild, experimentell und crazy. Crazy sind auch wir Menschen, indem wir sehend auf Katastrophen zusteuern, aber agieren, als wäre nichts passiert. Der Song richtet sich dabei nicht einfach gegen „die da draußen“, sondern nimmt uns alle in die Verantwortung. Wir erkennen Widersprüche und zerstörerische Mechanismen und bleiben trotzdem Teil der Systeme, die wir kritisieren. Genau diese Diskrepanz macht die Nummer für mich zu einem der dunkelsten Momente des Albums. Nachdem ‚Hell On Fire‘ die Synapsen neu geordnet hat, ist ‚Communion‘ ein ruhiges Interlude.

Auch der Titeltrack ‚Beauty In Pain‘ schlägt nicht mit dem Dampfhammer zu: Hier gibt’s Modern Metal, der persönlichen Schmerz, zurückbleibende Narben und Verlust mit der düsteren Vorstellung einer technisierten Welt verbindet, in der Menschen und ihre Geschichten immer mehr von Maschinen verschluckt werden. ‚Sanctum‘ bedeutet Zuflucht – und diese kann ganz verschiedene Facetten haben. PINHEAD laden ein, sich fallen zu lassen und über die intimen Momente des Liedes zu sinnieren. Wütend, aggressiv und mit dem Vorschlaghammer tritt ‚Pain Engine‘ hingegen die Tür jener ein, die Geduld, Loyalität und Fürsorge ausnutzen wollen. Hier gibt’s ordentlich auf die Fresse und Futter fürs Moshpit! Der Song ist gleichzeitig eine persönliche Abrechnung mit einer konkreten Erfahrung. ‚Endure‘ greift diesen Gedanken auf und verprügelt euch in unter drei Minuten vom Feinsten. Schmerz wird hier zum Motor, der einen verändert und schärft – allerdings nicht als heroische Erfolgsgeschichte, sondern als ambivalenter Prozess. Bow down to the Breakdown, sag ich nur!

Tiefgründig geht es in ‚Vanitas.exe‘ zu. Musikalisch hebt sich die Nummer ab: weniger Vollgas, weniger Gitarren, dafür mehr Bass auf die Mütze. Nach dem Interlude ‚The Last Room‘ folgt mit ‚The End Of You‘ ein erneut sanfter und gut durchdachter Abschluss. Der Song gehört für Lappin zu den persönlichsten und wichtigsten Stücken, die er geschrieben hat. Es geht nicht nur um den Abschied von einem Menschen, sondern auch um das Ende einer Vorstellung, einer Zukunft und eines Teils der eigenen Identität. Genau deshalb wirkt der finale Track noch einmal besonders intensiv. Auch optisch wird dieser Gedanke weitergeführt. Das Artwork von Aaron Bogonofsky greift mit den roten Spider Lilies bewusst die Themen Abschied, Tod, Übergang und Erinnerung auf. Besonders spannend: Bei den Higanbana erscheinen Blüten und Blätter nicht gleichzeitig – sie begegnen sich gewissermaßen nie. Für ‚The End Of You‘ ist das ein verdammt passendes Bild für Trennung und den endgültigen Verlust eines gemeinsamen Weges. Musik, Texte und Artwork stehen bei PINHEAD damit nicht einfach nebeneinander, sondern erzählen die Geschichte auf unterschiedlichen Ebenen weiter.

„Beauty in Pain“ ist dank seiner Vielseitigkeit für viele Ohren geeignet und gleichzeitig ein Album, in das man sich dank des inhaltlichen Tiefgangs richtig vergraben kann. Hier gibt’s ordentlich was auf die Mütze, aber eben nicht nur stumpf Vollgas, sondern auch ruhigere Momente, elektronische Elemente, Prog-Einflüsse, Cello und große Refrains. Besonders stark finde ich die Spannweite zwischen den brutalen Brechern und den zugänglicheren Songs. Genau diese Extreme geben dem Album seine eigene Identität und machen es für mich am Ende sogar geschlossener als „Egomessiah“. Wer moshen will, bis der Arzt kommt, und dabei auch noch inhaltlich gefüttert werden möchte, greift hier zu! Für mich eine abwechslungsreiche Platte, die musikalisch wie thematisch einiges zu bieten hat und definitiv mehr als nur ein paar schnelle Nackenbewegungen hinterlässt.

Tobi Stahl vergibt 8,5 von 10 Punkten