Mit „Beauty in Pain“ legt Ilja John Lappin von PINHEAD ein Album vor, das weit mehr ist als brachialer Industrial Metal. Zwischen Härte, Melodie, Horror und elektronischen Einflüssen verarbeitet PINHEAD persönliche Brüche, Entfremdung, Identität, Verlust und den Blick auf eine Gesellschaft, in der äußere Systeme immer stärker auf unser Denken einwirken. Entstanden ist ein großer Teil des Albums während zweier Wochen auf einem abgelegenen Schloss in Mecklenburg-Vorpommern. Isolation, persönliche Erfahrungen und gesellschaftliche Beobachtungen flossen ebenso in die Songs ein wie Lappins Leidenschaft für Horror, Psychohorror und Science-Fiction. Im XXL-Interview sprechen wir über Schmerz und Veränderung, Identität und Projektionen, Kunst und Haltung, SOULBOUND, das Artwork von Aaron Bogonofsky – und natürlich auch über seine „Slappin’ Lappin Brutal Hot Sauces“. Ein Gespräch mit ordentlich Tiefgang über ein Album, das bewusst zwischen Schönheit und Brutalität lebt.
Tobias:
Hallo Ilja! Mit „Beauty in Pain“ steht nun das zweite PINHEAD-Album in den Startlöchern. Nachdem PINHEAD ursprünglich als dein persönliches Soloprojekt gestartet sind und sich später zur festen Band entwickelt haben, ist für mich natürlich spannend: Was hat sich auf dem Weg von „Egomessiah“ zu „Beauty in Pain“ für dich am stärksten verändert?
Ilja John Lappin:
Hello hello. „Egomessiah“ ist über einen relativ langen Zeitraum entstanden und war dadurch auch ein bisschen ein Sammelbecken aus älteren Songs, neueren Ideen und verschiedenen Seiten von dem, was mich musikalisch interessiert. Da waren noch deutlich mehr Prog-Anteile drin und generell mehr Ausflüge in unterschiedliche Richtungen.
Bei „Beauty in Pain“ war das anders. Ich wusste relativ früh, was dieses Album werden soll, und habe es dann auch in einer viel kürzeren Zeit geschrieben. Die Richtung war ziemlich klar: härter, industrieller, direkter und straighter.
Der interessante Effekt ist aber, dass das Album dadurch nicht einfach nur härter geworden ist, sondern in beide Richtungen extremer. Die schweren Sachen sind deutlich brutaler und kälter, gleichzeitig gibt es aber auch Songs, die viel zugänglicher sind, mehr Hooks haben und unmittelbarer funktionieren. Also weniger dieses „wir biegen jetzt noch dreimal irgendwo ab“, sondern teilweise ganz bewusst: gute Melodie, guter Refrain, fertig.
Zugegeben ist das Album am Ende sogar noch härter geworden, als ich ursprünglich vor hatte. Gleichzeitig sind darauf aber wahrscheinlich auch einige der zugänglichsten Songs, die ich bisher mit PINHEAD geschrieben habe. Genau diese Spannweite finde ich inzwischen ziemlich spannend. Neu war außerdem, dass zwei Songs zum ersten Mal gemeinsam mit unserem Drummer Simon Schröder entstanden sind. Ansonsten habe ich Musik, Texte und Produktion wieder weitgehend selbst gemacht.
Und auch beim Sound hat sich einiges verändert. Dieses Mal haben wir mit 1408 Productions beim Mixing gearbeitet, und die haben das Ganze noch einmal ziemlich konsequent in diese kalte, brutale Richtung geschoben. Dadurch fühlt sich „Beauty in Pain“ für mich insgesamt geschlossener an als „Egomessiah“ … obwohl die Extremen eigentlich weiter auseinanderliegen.
Tobias:
Das Album setzt sich mit schmerzhaften Erkenntnissen, Entfremdung und einer Welt auseinander, in der Systeme immer stärker in unser Leben und unsere Identität eingreifen. Wie ist dieses Konzept entstanden?
Ilja John Lappin:
Das Konzept ist eigentlich aus zwei Richtungen entstanden. Zum einen war da natürlich meine eigene Gefühlslage zu der Zeit, in der ich das Album geschrieben habe. Bei mir selbst ist einiges passiert, es gab Umbrüche, schmerzhafte Erkenntnisse und Dinge, die ich erst einmal sortieren musste – für die ich im normalen Alltag oft gar nicht wirklich die Zeit hatte. Es gab Trennungen von Menschen und Beziehungen, von denen ich lange dachte, sie würden mich ein Leben lang begleiten. Gleichzeitig habe ich erlebt, wie man sich auch von Leuten entfremden kann, die man einmal für sehr enge oder sogar wahre Freunde gehalten hat.
Solche Erfahrungen verändern irgendwann nicht nur den Blick auf einzelne Beziehungen, sondern auf Menschen ganz allgemein. Man betrachtet Verhaltensweisen, Nähe, Freundschaft, Erwartungen und auch sich selbst plötzlich durch eine andere Lupe. Dinge, die man früher vielleicht einfach hingenommen oder romantisiert hat, erscheinen einem auf einmal sehr viel klarer – manchmal auch ernüchternder. Einige Songs sind deshalb sehr persönlich geworden, weil ich in dieser Zeit überhaupt erst den Raum hatte, bestimmte Dinge wirklich zu reflektieren und neu einzuordnen.
Gleichzeitig habe ich in den letzten Jahren viele gesellschaftliche und politische Entwicklungen sehr aufmerksam beobachtet. Themen wie Social Media und den Cancel Culture Shitstorm, künstliche Intelligenz, diese enorme Schnelllebigkeit, die zunehmende Entwertung von Kunst, Performance Marketing, Influencer-Kultur oder auch die Frage, wie politische Wahrheit verzerrt und emotionalisiert wird. Das sind alles Dinge, die mich beschäftigt haben und die auf unterschiedliche Weise in das Album eingeflossen sind.
Ein großer Teil von „Beauty in Pain“ ist tatsächlich während zweier Wochen auf einem Schloss entstanden, wo ich fast komplett alleine war. Das war eine ziemlich eigenartige Situation, weil ich plötzlich sehr weit weg vom normalen Alltag war und unglaublich viel Zeit hatte, sowohl nach innen als auch nach außen zu schauen. Vieles, was sonst einfach an einem vorbeirauscht, konnte ich dort aus einer gewissen Distanz betrachten. Dadurch steckt schon eine gewisse Portion Weltschmerz in dem Album. Aber eben nicht nur als große gesellschaftliche Beobachtung. Irgendwann trifft das alles wieder auf das eigene Leben zurück: auf Entfremdung, Beziehungen, Verlust, die eigene Identität und die Frage, wie man mit Veränderungen umgeht, die man vielleicht gar nicht beeinflussen kann.
Ich glaube, genau aus dieser Mischung aus persönlicher Reflexion und Beobachtung der Welt um mich herum ist das Konzept letztlich entstanden.
Tobias:
Du hast einen großen Teil des Albums allein auf einem abgelegenen Schloss in Mecklenburg-Vorpommern geschrieben. Das klingt schon nach einer ziemlich besonderen Umgebung für einen kreativen Prozess. Was hat diese Isolation mit dir und dem Songwriting gemacht und wie sehr hat dieser Ort den Charakter von „Beauty in Pain“ beeinflusst?
Ilja John Lappin:
Ein bisschen steckt die Antwort natürlich schon in der vorherigen Frage. Aber dieser Modus der Distanz hat das Album enorm geprägt. Ich war komplett raus aus meinem normalen Alltag, weg von Terminen, Routinen, sozialen Verpflichtungen und diesem permanenten Grundrauschen, das man sonst immer um sich herum hat. Dadurch entsteht irgendwann ein sehr eigener Zustand. Man beobachtet Dinge anders, denkt länger über Gedanken nach, die man sonst vielleicht wegschieben würde, und geht auch beim Schreiben kompromissloser in bestimmte Richtungen. Für mich war diese Isolation deshalb weniger romantische „Künstler zieht sich aufs Schloss zurück“-Idee, sondern tatsächlich ein Raum, in dem vieles überhaupt erst klar werden konnte. Ich glaube schon, dass man das „Beauty in Pain“ anhört. Das Album hat etwas sehr konzentriertes, teilweise kaltes und distanziertes, gleichzeitig aber auch sehr persönliches. Dieser Ort und diese zwei Wochen waren dafür wahrscheinlich ziemlich entscheidend.
Tobias:
Wenn ich mir Songs wie ‚Nausea‘ und ‚Cenobite Initiate‘ anhöre, geht es musikalisch ziemlich brutal zur Sache. Gleichzeitig stecken dahinter Themen wie innere Verschiebung, Systeme, Erwartungen und die Frage, wie stark solche Strukturen irgendwann Teil unserer eigenen Identität werden. Wie wichtig ist dir diese Verbindung aus brachialer Musik und den Gedanken, die dahinterstehen?
Ilja John Lappin:
Ich glaube, manche Gedanken brauchen einfach eine gewisse Brachialität. Gerade bei Songs wie ‚Nausea‘ oder ‚Cenobite Initiate‘ sind die Texte ja bewusst ziemlich kaputt, verstörend und teilweise auch fast krank in ihrer Bildsprache – das steckt zum Teil schon in den Titeln. Da würde es sich für mich komisch anfühlen, musikalisch plötzlich zurückhaltend oder elegant zu werden. Diese Härte, dieses Überzeichnete und teilweise Wahnsinnige ist für mich ein Teil davon, wie diese Gedanken überhaupt transportiert werden.
Mich interessiert dabei auch der Moment, an dem etwas nicht mehr nur unangenehm ist, sondern anfängt, sich richtig in einen hineinzufressen – Erwartungen, Systeme, äußere Einflüsse, die irgendwann Teil des eigenen Denkens und vielleicht sogar der eigenen Identität werden. Und genau dafür darf die Musik dann auch körperlich, hässlich und überfordernd sein. Dieses Hässliche ist dabei sogar ganz bewusst gewollt. Gleichzeitig soll es aber nie nur „hart um der Härte willen“ sein. Die Musik muss immer etwas ausdrücken, was im Text ohnehin schon angelegt ist. So habe ich das eigentlich immer gemacht.
Tobias:
Ein Thema, das sich für mich durch „Beauty in Pain“ zieht, ist auch die Frage nach Identität und Individuation. Was bleibt eigentlich übrig, wenn Erwartungen, Rollen und Masken wegfallen? Beschäftigt dich diese Frage selbst schon länger und wie stark fließen solche persönlichen Gedanken in deine Texte und deine Musik ein?
Ilja John Lappin:
Das beschäftigt mich tatsächlich schon länger. „Egomessiah“ hat sich ja fast ausschließlich mit Identität, Individuation und einer sehr inneren Gefühlswelt beschäftigt. Da ging es viel stärker um die Frage: Wer bin ich eigentlich unter all diesen Schichten, Erwartungen und Projektionen?
Bei „Beauty in Pain“ zieht sich das natürlich an vielen Stellen weiter, aber die Perspektive hat sich verändert. Das Album ist beobachtender, teilweise fast klinischer. Es schaut viel stärker nach außen – auf gesellschaftliche Entwicklungen, auf Systeme, auf Rollenbilder, auf digitale Mechanismen und darauf, wie all diese Dinge unser Denken und unsere Wahrnehmung beeinflussen. Mich interessiert dabei besonders, was passiert, wenn diese äußeren Strukturen irgendwann so selbstverständlich werden, dass man gar nicht mehr merkt, wie stark sie Teil der eigenen Identität geworden sind. Insofern ist „Beauty in Pain“ für mich weniger rein introspektiv als „Egomessiah“. Es gibt viel öfter diese externe, fast distanzierte Sicht auf Menschen und Gesellschaft – und dann natürlich wieder die Rückkopplung auf die eigene Person.
Ich glaube, genau darin liegt der Unterschied zwischen den beiden Alben: „Egomessiah“ war sehr stark ein Blick nach innen. „Beauty in Pain“ schaut zunächst nach draußen – und fragt dann, was davon längst in uns selbst steckt.
Tobias:
Bei ‚Lament Box‘ habt ihr mit Johnny von SOULBOUND einen Gast dabei, der etwa die Hälfte der Vocals übernimmt. Dazu war auch Mario von SOULBOUND am Songwriting beteiligt und aus einer früheren, längeren Version wurde am Ende ein deutlich kompakterer Song. Wie ist diese Zusammenarbeit entstanden und was hat sich durch den gemeinsamen Arbeitsprozess an ‚Lament Box‘ verändert?
Ilja John Lappin:
Ich habe die Jungs von SOULBOUND auf der Darkness Tour 2025 von MONO INC. kennengelernt und mich mit ihnen ziemlich schnell gut verstanden. Irgendwann habe ich Johnny gefragt, ob er sich grundsätzlich vorstellen könnte, bei einem PINHEAD-Song mitzusingen – und ungefähr in dieser Zeit entstand auch „Beauty in Pain“. Ich hatte dann irgendwann eine erste instrumentale Demo von ‚Lament Box‘ rumgeschickt. Interessanterweise kam aber erstmal von Mario etwas zurück: Er hatte ein paar Parts in der Reihenfolge verändert und noch einige sehr SOULBOUND-typische Synths ergänzt. Dadurch bekam der Song direkt nochmal eine andere Richtung.
Danach passierte allerdings erstmal eine ganze Weile gar nichts. Ich wollte Johnny bewusst nicht zu viel vorgeben und ihm beim Gesang den Vortritt lassen. Wir hatten uns zwar schon per Sprachnachrichten über den Inhalt des Songs und die Gedanken dahinter ausgetauscht, aber er war zu der Zeit selbst extrem mit dem neuen SOULBOUND-Album beschäftigt.
Irgendwann habe ich dann einfach selbst eine Gesangsdemo gemacht und den Text geschrieben, damit der Song weiterkommt. Johnny hat am Ende ungefähr die Hälfte der Vocals übernommen. Meine ursprüngliche Version hatte noch einen deutlich längeren C-Teil und auch eine etwas andere Abfolge. Durch die Zusammenarbeit mit Mario ist daraus dann die wesentlich knackigere Version geworden – und für mich ehrlich gesagt auch die bessere. Der Song hat dadurch viel mehr Fokus bekommen, ohne dass er an Atmosphäre verloren hat.
Tobias:
Auch das Video zu ‚Lament Box‘ passt für mich ziemlich gut zur Atmosphäre des Songs: enge Räume, kaltes Licht und dieses beklemmende Gefühl. Wie wichtig sind euch Horror, Psychohorror und Science-Fiction generell als ästhetische Einflüsse und warum passen gerade diese Welten so gut zu PINHEAD?
Ilja John Lappin:
Die Antwort liegt wahrscheinlich schon ein bisschen im Bandnamen. Ich bin einfach ein großer Horror-, Splatter-, Gore-, Psychohorror- und Science-Fiction-Fan. Mein Lieblingsgenre ist wahrscheinlich sogar Horror-Sci-Fi. Was mich daran aber immer besonders interessiert hat, ist, dass hinter diesen teilweise extremen oder grotesken Bildern oft sehr grundlegende philosophische Fragen stecken. Gerade gute Horror- und Science-Fiction-Geschichten benutzen einen fremden oder überzeichneten Kosmos, um über Dinge nachzudenken, die eigentlich sehr nah an unserer eigenen Realität liegen.
Bei „Alien: Covenant“ geht es zum Beispiel um die Frage, was Leben eigentlich ist, wer es erschafft und was passiert, wenn sich Schöpfer und Geschöpf irgendwann nicht mehr klar voneinander trennen lassen. Bei „Hellraiser“ wiederum geht es um Schmerz, Begehren, Grenzüberschreitung und auch darum, was wir überhaupt als böse bezeichnen. Der Hell Priest versteht sich selbst ja nicht als klassischer Bösewicht – er folgt eher einer eigenen Logik, einem Ruf, einem Wunsch, der von außen an ihn herangetragen wird.
Genau solche Ambivalenzen finde ich spannend. Horror muss für mich nicht einfach nur schockieren. Er kann auch ein Raum sein, in dem man moralische, philosophische oder psychologische Fragen viel radikaler stellen kann als in einer realistischen Erzählung.
Das ist auch etwas, was ich am New Wave of French Horror so faszinierend finde. Diese Filme können unfassbar drastisch und krank sein, aber unter dieser Oberfläche liegen oft sehr existenzielle Fragen über Körper, Identität, Gewalt, Verlust, Transformation oder Kontrolle. Und genau deshalb passt diese Ästhetik für mich so gut zu PINHEAD. Die Musik ist ja ebenfalls oft körperlich, unangenehm, überzeichnet oder manchmal verstörend – aber idealerweise nie nur um des Effekts willen. Hinter der Oberfläche steckt immer noch eine zweite Ebene. Wobei ich ehrlich sagen muss: Im Vergleich zu dem, was ich mir sonst so anschaue, ist das ‚Lament Box‘-Video für mich eigentlich kompletter Kindergarten. (lacht)
Tobias:
‚Hell On Fire‘ ist für mich einer der düstersten Momente des Albums. Du beschreibst darin diese sehr menschliche Fähigkeit, Katastrophen zu erkennen und trotzdem wegzusehen, solange sie die eigene kleine Welt noch nicht direkt betreffen. Wie viel Wut steckt für dich in diesem Song und war es schwierig, ein solches Thema in einen PINHEAD-Song zu packen, ohne dass daraus einfach nur ein erhobener Zeigefinger wird?
Ilja John Lappin:
Interessanterweise steckt in ‚Hell On Fire‘ gar nicht in erster Linie Wut. Für mich geht es viel stärker um kollektive Schuld und gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung – und genau das macht den Song so düster. Der Protagonist steht dabei nicht außerhalb und zeigt mit dem Finger auf andere. Er zieht sich selbst ganz bewusst mit hinein. Es geht also nicht um „die da draußen“, sondern um uns alle. Und das eigentlich Verstörende ist: Wir wissen das alles ja irgendwo. Wir sehen die Widersprüche, die Katastrophen, die zerstörerischen Mechanismen und verstehen oft sogar ziemlich genau, was falsch läuft. Und trotzdem machen wir weiter. Wir funktionieren, konsumieren, arbeiten, scrollen, kaufen – und bleiben Teil genau der Systeme, die wir kritisieren oder bei denen wir eigentlich längst wissen, dass wir sie grundlegend verändern oder sogar zerstören müssten.
Genau diese Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln macht den Song für mich so brutal. Er ist keine wütende Anklage, sondern eher eine kalte, fast klinische Beobachtung unserer eigenen Verstrickung. Für mich ist ‚Hell On Fire‘ deshalb wahrscheinlich tatsächlich der dunkelste Moment des Albums. Nicht, weil er der aggressivste Song ist, sondern weil er keinen Trost oder Erlösung anbietet. Am Ende bleibt eigentlich nur dieser Gedanke, der auch im Songtext steckt: Wir haben es die ganze Zeit gewusst. Doch alles andere war uns immer wichtiger.
Tobias:
Mit „Beauty in Pain“ verbindet ihr sehr dunkle Musik mit einer klaren Haltung. Bei Themen wie Ausgrenzung und rechter Hetze bezieht ihr klar Stellung. Wie wichtig ist es dir, diese Haltung nicht nur privat zu haben, sondern sie auch offen nach außen zu tragen – und welche Rolle kann Musik deiner Meinung nach dabei spielen?
Ilja John Lappin:
Ich habe lange geglaubt, dass man irgendwie durchs Leben gehen kann, ohne ständig eine Flagge zeigen oder sich zu allem positionieren zu müssen. Dass man als Künstler vielleicht einfach Kunst machen kann und bestimmte Dinge privat hält. PINHEAD hat sich auch nie als politische Band verstanden – zumindest nicht in dem klassischen Sinn. Wir sind kein Rage Against The Machine, wo die politische Haltung ein zentraler Teil der gesamten Bandidentität ist. Tatsächlich geht es in keinem einzigen PINHEAD-Song im engeren Sinne um Parteipolitik oder ein konkretes politisches Thema.
Irgendwann merkt man aber trotzdem, dass dieses Heraushalten nur bis zu einem gewissen Punkt funktioniert. Gerade wenn es um Ausgrenzung, Menschenfeindlichkeit oder rechte Hetze geht, ist auch Schweigen eine Form von Haltung. Man kann sich nicht dauerhaft einreden, man stünde außerhalb davon. Das ist auch ein Gedanke, der mich schon länger begleitet: Man hofft vielleicht, erwachsen werden zu können und dabei irgendwie unschuldig zu bleiben – ohne sich festlegen zu müssen. Aber irgendwann merkt man, dass es am Ende eben doch Seiten gibt und dass man selbst irgendwo steht. Für PINHEAD bedeutet das nicht, dass jetzt plötzlich jeder Song ein politisches Manifest werden muss. Das wäre überhaupt nicht mein Anspruch. Aber wenn bestimmte Themen in die Musik, die Texte oder in das Umfeld der Band hineinreichen, möchte ich nicht so tun, als hätte ich dazu keine Haltung.
Musik kann gesellschaftliche Probleme natürlich nicht alleine lösen. Aber sie kann Dinge sichtbar machen, Gefühle verdichten, Widersprüche aushalten und Menschen das Gefühl geben, mit bestimmten Gedanken nicht alleine zu sein. Und manchmal kann sie vielleicht auch dazu führen, dass jemand einen Gedanken ein bisschen länger mitnimmt, als er es bei einem kurzen Social-Media-Post getan hätte. Insofern gehört Haltung für mich inzwischen ganz selbstverständlich zu PINHEAD dazu – nicht, weil PINHEAD plötzlich eine politische Band geworden ist, sondern weil die Menschen hinter dieser Band Teil dieser Welt sind.
Tobias:
Musik darf politisch sein, weil …
Ilja John Lappin:
„…weil Kunst nie außerhalb der Welt existiert, die sie hervorbringt.“
Tobias:
‚Pain Engine‘ und ‚Endure‘ gehen für mich wieder voll auf die Zwölf. Du beschreibst dabei eine Dynamik, in der Geduld, Schweigen oder Loyalität ausgenutzt werden und Schmerz irgendwann zum Motor für Veränderung wird. Wie eng hängen diese Songs für dich mit persönlichen Erfahrungen zusammen und was bedeutet dieser Gedanke „Von Schmerz zu Schärfe“ für dich?
Ilja John Lappin:
‚Pain Engine‘ ist tatsächlich ein sehr persönlicher Song und im Grunde auch eine Art Abrechnung mit jemandem, den ich einmal sehr gut kannte. Da steckt also eine konkrete Erfahrung dahinter. ‚Endure‘ ist dagegen überhaupt nicht persönlich gemeint. Der Song nimmt eher den Gedanken auf, an dem „Pain Engine“ aufhört, und führt ihn weiter. In ‚Pain Engine‘ wird Schmerz noch aus einer sehr konkreten zwischenmenschlichen Situation heraus beschrieben – in ‚Endure‘ hat sich diese Dynamik dann fast verselbstständigt.
Die Maschine läuft weiter, auch wenn die ursprüngliche Ursache längst nicht mehr im Mittelpunkt steht. Schmerz wird dann nicht mehr nur etwas, das einem widerfährt, sondern etwas, das einen verändert, schärft und irgendwann selbst zum Antrieb wird. Dieses „Von Schmerz zu Schärfe“ bedeutet für mich deshalb nicht unbedingt etwas Positives oder Heroisches. Es ist eher ambivalent: Man wird widerstandsfähiger, klarer, vielleicht auch kompromissloser – aber gleichzeitig verändert einen das natürlich auch. Und nicht jede Veränderung durch Schmerz ist automatisch gesund oder gut.
Tobias:
Dann wäre da noch ‚The End Of You‘, das für mich eine ganz andere und deutlich persönlichere Seite des Albums zeigt. Es geht um Abschied, Projektionen, Illusionen und die Erkenntnis, dass man sich manchmal nicht nur von einer anderen Person, sondern auch von einem Teil seiner eigenen Vorstellungen verabschieden muss. Wie schwer war es für dich, diesen Song so persönlich werden zu lassen?
Ilja John Lappin:
‚The End Of You‘ ist einer der persönlichsten und für mich wahrscheinlich einer der wichtigsten Songs, die ich überhaupt je geschrieben habe. Gleichzeitig möchte ich gar nicht zu genau erklären, was konkret dahintersteckt, weil ich glaube, dass der Song dadurch eher verlieren würde. Für mich geht es nicht nur um den Abschied von einem Menschen, sondern auch um den Abschied von einer Vorstellung. Von dem Bild, das man von jemandem hatte, von einer Zukunft, die man sich ausgemalt hat, und manchmal auch von einem Teil der eigenen Identität, der an diese Person oder diese Idee gebunden war.
Das eigentlich Schmerzhafteste ist vielleicht die Erkenntnis, dass nicht nur etwas im Außen endet, sondern auch etwas in einem selbst. Und genau deshalb bedeutet ‚The End Of You‘ für mich mehr als einfach nur das Ende einer Beziehung oder Verbindung. Es ist auch das Ende einer Projektion. Mehr möchte ich dazu eigentlich gar nicht sagen. Manche Dinge dürfen ruhig im Song bleiben.
Tobias:
Auch das Cover mit den „Spider Lilies“ greift diesen Gedanken von Abschied, Übergang und endgültiger Trennung auf. Wie eng gehören für dich Musik, Texte und Artwork bei PINHEAD zusammen und wann entsteht bei einem Album wie „Beauty in Pain“ eigentlich das visuelle Gesamtbild?
Ilja John Lappin:
Gerade an diesem Beispiel merkt man eigentlich ganz gut, wie wichtig mir diese Symbiose aus Musik, Text und Artwork ist. Ich mag es sehr, wenn ein Bild nicht einfach nur „gut aussieht“, sondern inhaltlich noch eine zusätzliche Ebene eröffnet. Bei ‚The End Of You‘ war das mit den Spider Lilies sehr bewusst gewählt. In der japanischen Kultur sind die roten Higanbana stark mit Abschied, Tod, Übergang und Erinnerung verbunden. Gleichzeitig haben sie diese besondere botanische Eigenschaft, dass Blüten und Blätter nicht gleichzeitig erscheinen – sie begegnen sich also gewissermaßen nie. Dadurch entsteht dieses starke Bild von Trennung und dem Ende eines gemeinsamen Weges.
Für ‚The End Of You‘ fand ich das unglaublich passend, weil der Song ja genau von Abschied, Projektion, Verlust und einer endgültigen inneren Trennung handelt. Das visuelle Gesamtbild entsteht bei mir meistens nicht ganz am Anfang, sondern eher im Laufe des Prozesses. Dieses Mal habe ich erst relativ spät wieder mit Aaron Bogonofsky zusammengearbeitet. Ich mag seine Arbeiten sehr, weil er immer wieder Bilder liefert, die sich mit meinen Songinhalten verbinden lassen, ohne sie einfach eins zu eins zu illustrieren. Die Idee mit den Spider Lilies kam allerdings konkret von mir. Aaron hatte bereits ein Bild, das von der Grundstimmung her sehr gut gepasst hat, und darauf basierend hat er dann noch einmal eine Version speziell für mich gemacht und die Blumen integriert. Für mich ist das am Ende immer das Schönste: wenn Musik, Texte und Artwork nicht nebeneinander stehen, sondern sich gegenseitig weitererzählen.
Tobias:
Und dann müssen wir natürlich noch über eine ganz andere Leidenschaft sprechen: deine „Slappin’ Lappin Brutal Hot Sauce“-Kreationen. Wie kommt man als Musiker und Produzent dazu, eigene scharfe Saucen zu entwickeln und gibt es zwischen deiner Chili-Leidenschaft und der Musik von PINHEAD vielleicht mehr Gemeinsamkeiten, als man auf den ersten Blick vermuten würde?
Ilja John Lappin:
Das Pfefferhaus war damals einer der ersten großen Importeure von Hot Sauces und generell ziemlich wichtig für diese ganze Hot-Sauce-Kultur in Deutschland. Früher gab es auch noch den Laden in Hannover, den es heute leider nicht mehr gibt. Ich habe ja insgesamt elf Jahre in Hannover gelebt und war sowieso schon immer ein ziemlicher Chilifreak. Irgendwann wurde dann auch Tourverpflegung im Pfefferhaus besorgt – natürlich mit völlig absurd scharfen Saucen – und auf Tour war ich irgendwann der Typ, der ständig irgendwelche Leute mit Hot Sauce versorgt hat.
Deshalb war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis wir mal irgendwas zusammen machen. Als dann Covid kam, alle Tourneen abgesagt waren und plötzlich alle zu Hause saßen, war irgendwie genau der richtige Moment dafür. Die Jungs vom Pfefferhaus hatten Bock auf die Idee und ich wollte sowas ohnehin schon lange mal machen. Inzwischen gibt es drei unterschiedliche „Slappin’ Lappin Brutal Hot Sauces“ mit verschiedenen Schärfegraden, und wahrscheinlich wird irgendwann auch noch eine vierte und fünfte dazukommen. Man kann sie online bestellen, bei mir auf Tour kaufen oder direkt im Pfefferhaus in Berlin-Friedrichshain. Und wenn man unbedingt eine Verbindung zu PINHEAD ziehen will: Schmerz und Genuss liegen manchmal erstaunlich nah beieinander. Pain & Pleasure passt da eigentlich ganz gut.
Aber ganz ehrlich: Ich mag auch einfach random, leicht schwachsinnige Ideen – und eigene Brutal Hot Sauces zu machen war definitiv eine davon.
Tobias:
Wir haben jetzt über die Entstehung von „Beauty in Pain“, die „12 Steps of Pain“, Isolation, Identität, gesellschaftliche Themen, eure musikalische Bandbreite, Horror und Science-Fiction, einzelne Songs und sogar deine Hot-Sauce-Leidenschaft gesprochen. Gibt es noch etwas über das Album oder PINHEAD, das ich nicht angesprochen habe, das dir aber besonders wichtig ist und das unsere Leser wissen sollten?
Ilja John Lappin:
Vielleicht tatsächlich nur eins: Mir ist wichtig, dass PINHEAD nicht zu sehr über einzelne Genres, Einflüsse oder irgendwelche Schubladen definiert wird. Gerade „Beauty in Pain“ zeigt für mich ziemlich gut, was dieses Projekt sein kann – extrem hart und hässlich auf der einen Seite, sehr melodisch und zugänglich auf der anderen, dazwischen Industrial, Prog, elektronische Sachen, Cello, große Refrains und manchmal kompletter Wahnsinn. Für mich muss das nicht alles widerspruchsfrei sein. Im Gegenteil: Genau diese Spannweite ist inzwischen ein großer Teil der Identität von PINHEAD. Und vielleicht ist „Beauty in Pain“ auch deshalb weniger ein Endpunkt als eine Momentaufnahme davon, wo wir gerade stehen. Ansonsten würde ich den Leuten eigentlich am liebsten sagen: Hört euch das Album einmal komplett an. Es ist bewusst als Ganzes gedacht und viele Zusammenhänge erschließen sich erst, wenn man diese zwölf Schritte wirklich von Anfang bis Ende mitgeht.
Tobias:
Vielen Dank für deine Zeit und das Interview! Ich wünsche dir und PINHEAD viel Erfolg mit „Beauty in Pain“ und bin gespannt, wohin sich die Band nach diesem vielseitigen und inhaltlich ziemlich tiefgehenden Album noch entwickelt. Die letzten Worte gehören natürlich dir.
Ilja John Lappin:
Vielen Dank dir für das Gespräch und ehrlich gesagt auch dafür, dass du dir in der heutigen Zeit überhaupt noch so viel Zeit genommen hast, dich wirklich intensiv mit einem Album auseinanderzusetzen. Das ist alles andere als selbstverständlich. Ich hoffe, die Leute hören „Beauty in Pain“ ebenfalls einmal komplett von vorne bis hinten und finden ihre eigenen Gedanken darin. Und wenn sie danach leicht verstört sind, hat es vermutlich funktioniert *zwinkert*.
Wir sehen uns auf Tour!
Interview: Tobias Stahl
Photocredit: Jonathan Noor

