Als mich die Todesnachricht von Gary „Angry“ Anderson am Mittwochmorgen letzter Woche erreichte, war ich nicht wirklich überrascht; und doch wollte ich es irgendwie einfach nicht wahrhaben. Auf den Tag genau acht Wochen zuvor lieferte er beim Wacken Open Air vor Tausenden begeisterten Gesichtern in einer lauen Sommernacht einen Auftritt der Extraklasse ab. Zugegeben: man merkte ihm an, dass er nicht mehr der super fitteste war; und doch spürte man immer noch die Passion und ungezügelte Energie mit jedem Atemzug, den der kleine Rowdy auf der Bühne tat. ROSE TATTOO eben; eine Gang, keine Band. Ich ging – in Wacken definitiv keine Selbstverständlichkeit – sogar glückselig mit einer Setlist nach Hause…
Nur zehn Tage später – nach einem Konzert in Köln – musste die Europa Abschiedstournee erst unter- und letzten Endes dann endgültig abgebrochen werden. Wochen später wurde dann bekannt gegeben, dass „Angry“ mitten in der Tour einen Herzstillstand erlitt und nun den langen Weg der Genesung antritt. Am Abend des 21. September war dieser Weg in seiner Heimat Australien, umringt von Freunden und Familie, leider abrupt zu Ende; und wir verloren in diesen schwarzen Stunden einen der letzten authentischen Rock’n’Roll Rampensäue der ersten Stunde.
Dabei hatte sich vor weit über 50 Jahren das Leben von Mr. Anderson eigentlich erst komplett anders abgezeichnet: aufgewachsen in einem nicht gerade fürsorglichen Elternhaus, musste er sich schon früh auf eigene Faust rumschlagen – und war selbst zwischenzeitlich auch nicht gerade der Zimperlichste. Irgendwann stand der Gute dann am Scheideweg, sein Leben in der Gosse – oder hinter schwedischen Gardinen – zu verbringen… oder eben seine ganze Wut und seinen ganzen Hass in Musik zu kanalisieren. Glücklicherweise entschied er sich für letzteres; Alben wie das legendäre Debüt von 1978 oder der Nachfolger „Assault And Battery“ (1981) sind hier Sternstunden unangepasster, wilder Emotionen, die Geschichte schrieben.
Welcher Rockfan, der etwas auf sich hält, kennt sie nicht? Unsterbliche Hymnen wie ´Nice Boys (Don’t Play Rock’n’Roll)´, ´Suicide City´, ´Out Of This Place´, ´Rock’n’Roll Outlaw´, die Vollgasnummer ´Remedy´, das schleppende ´The Butcher And Fast Eddie´ oder die Vollekstase ´Astra Wally´?!?! Ach, was rede ich hier? Angrys bluesig geprägte Assistimme und Pete Wells‘ markante Slidegitarre haben hier eine Ladung gezündet, die Generationen bewegte; von Rocker über Metalhead bis hin zum Punk. Und mindestens das erste Album kann JEDER mit gutem Geschmack auf dem Effeff mitsingen…
Doch „Angry“ war mehr als das; im Laufe der Jahrzehnte machte er sich auch für sozial schwache Menschen stark und am Ende sogar Träger des sogenannten „Order Of Australia“. Er
musste den gewaltsamen Tod seines jüngsten Sohnes Liam noch vor seinem Tod wegstecken; und trotzdem hielt er weiter an SEINER „Rock’n’Roll Gang“ fest; mit der er bis zuletzt plante, noch ein letztes Album zu veröffentlichen…
ROSE TATTOO haben für mich auf Lebzeiten einen ganz besonderen Stellenwert; nicht nur, dass ich sie als die ewigen „AC/DC in Asozial“ – und den Begriff meine ich hier alles andere als abwertend – ansehe. Auch wenn es um die größten gemeinsamen Nenner meines Vaters – der sie sich bereits auf ihrer ersten Europatournee 1981 in Wiesbaden ansah – und mir geht, fällt der Name ROSE TATTOO nach Acts wie z.B. Motörhead oder Black Sabbath sehr schnell. Zum ersten Mal durfte ich die Australier im zarten Alter von 16 Jahren 2007 in Geiselwind bewundern – sie sprachen dem pubertären Bengel Wort für Wort aus der Seele und ich bin mit Vater sogar früher aus dem Urlaub in Südtirol abgereist. Drei weitere Male bis zum letzten Gang in Wacken 2026 sollten folgen. Am coolsten bleibt mir persönlich immer noch unsere Begegnung von 2019 in Aschaffenburg in Erinnerung, wo mir „Angry“ neben ROSE TATTOO Tonträgern etwas verdutzt, aber über sich selbst schmunzelnd das VHS Cover von „Mad Max 3 – Jenseits der Donnerkuppel“ unterschrieb; und einfach dazu kritzelte: „Iron Bar Rools Ok“.
Seien wir ehrlich: 79 ist eigentlich kein schlechtes Alter und er hat über fünf Jahrzehnte die Bühnen gerockt, bis wirklich der aller letzte Stecker gezogen war. Aber ein paar Jahre mehr hätten es immer noch sein dürfen und so ein Verlust sitzt tief. Hab ‘ne gute Zeit da oben mit Deinem Buddy Pete (Wells, R.I.P. 2006) und den ganzen anderen…
Rest In Power, Gary Stephen „Angry“ Anderson (1947 – 2026)!
Text: Marius Gindra
Photo Credit: Sven Bernhardt

