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MENTAL CRUELTY – Viking Deathcore und die Lust an der Veränderung

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MENTAL CRUELTY begleiten mich inzwischen seit mehreren Jahren. 2021 durfte ich mit „A Hill To Die Upon“ erstmals ein Album der Karlsruher besprechen und die Band dazu interviewen, 2023 folgte mit „Zwielicht“ bereits die nächste Begegnung. Jetzt steht mit „Echoes of a Forlorn Land“ das dritte Album an, das ich von MENTAL CRUELTY journalistisch begleite – und erneut zeigt sich eine Band, die ihren Sound nicht einfach wiederholen möchte. Auf dem neuen Album verbinden MENTAL CRUELTY ihren Blackened Deathcore mit Melodic Death Metal, Folk und symphonischen Elementen und tauchen dabei tief in die nordische Mythologie ein. Im Gespräch mit Sänger Lukas Nicolai geht es um die Entstehung des Albums, die Geschichten hinter den Songs, die Entwicklung des sogenannten „Viking Deathcore“, aufwendig produzierte Musikvideos und die Zusammenarbeit mit Jens Bogren. Gleichzeitig sprechen wir darüber, warum musikalische Grenzen für MENTAL CRUELTY eigentlich keine große Rolle spielen und wohin die Reise nach „Echoes of a Forlorn Land“ noch gehen könnte.

Tobias:
Ich freue mich, nach „A Hill To Die Upon“ und „Zwielicht“ nun bereits zum dritten Mal mit euch über ein neues MENTAL-CRUELTY-Album sprechen zu können. 2021 habe ich euch zu „A Hill To Die Upon“ interviewt, 2023 folgte „Zwielicht“ und jetzt ist mit „Echoes of a Forlorn Land“ für mich der bislang konsequenteste Entwicklungsschritt eurer Bandgeschichte da. Wenn ihr selbst auf diese drei Alben zurückblickt: Was hat sich bei MENTAL CRUELTY seit unserem ersten Gespräch am stärksten verändert?

Lukas:
Wenn es eine Konstante gibt, dann ist es die Veränderung. MC hat als Slam-Band gestartet, und jetzt haben wir ganze Klavier- und Symphoniestücke auf unseren Platten. Wir sind in dieser Zeit auch viel herumgekommen – natürlich viel in den USA und Kanada, aber wir konnten auch auf großen Festivals in Europa spielen. Wir haben einen kanadischen Manager, das heißt also, wir kümmern uns hier vor Ort viel selbst um alles. Das bedeutet, wir haben extrem viel Erfahrung sammeln dürfen, viel gelernt und sind dabei als Band noch mehr zusammengewachsen. Das bestärkt uns nach innen natürlich total, wenn man auf ein Album wie „Echoes of a Forlorn Land“ blickt, bei dem wir natürlich wieder viel musikalisch verändern.

Tobias:
Mit „Echoes of a Forlorn Land“ habt ihr erstmals ein komplettes Album geschaffen, das sich intensiv mit nordischer Mythologie und der Wikingerzeit beschäftigt. Die Idee entwickelte sich nach einer Reise nach Portland und einem Besuch in der Central Library, wo ihr auf Bücher über nordische Mythologie gestoßen seid. Wie wurde aus diesem ersten Impuls und ‚Helheim‘ schließlich die Idee für ein komplettes Album?

Lukas:
Angefangen hat das mit ‚Helheim‘, einem Song, den wir vor dieser USA-Tour veröffentlicht haben. Damit konnten wir sozusagen schon mal einen Zeh ins Wasser halten. Dann haben wir uns einfach total nerdig weiter eingelesen – mit Büchern und Sammlungen von Geschichten aus der nordischen Mythologie. Gleichzeitig hören wir auch einfach „privat“ viel skandinavische Musik, wie HEILUNG, WARDRUNA oder MYRKUR. Das hat das Songwriting extrem beeinflusst, und dadurch kam auf ganz natürliche Weise alles zusammen. Auch wenn wir zu Anfang überhaupt nicht geplant hatten, ein Konzeptalbum daraus zu machen.

Tobias:
Die Fans haben eure neue Mischung bereits als „Viking Deathcore“ bezeichnet. Ich finde, dieser Begriff passt erstaunlich gut, weil ihr Blackened Deathcore, Melodic Death Metal, Folk und symphonische Elemente miteinander verbindet. Wie habt ihr selbst während des Songwritings erlebt, dass sich dieser neue Klang immer stärker herausgebildet hat?

Lukas:
Ich persönlich liebe das, wenn neue Genrenamen in Foren oder Kommentarspalten entstehen. Das war bei „Zwielicht“ auch schon der Fall mit „Deathcored Black Metal“. Aber die ehrliche Antwort ist: Während des Songwritings versucht man einfach, passende Geschichten und Klänge zu sammeln, und wie alles in ein Gesamtbild passt, sieht man erst am Ende. Wie bei einem Kuchen, bei dem man erst weiß, ob er „gelungen“ ist, wenn man nach einer Stunde in den Ofen schaut. Dass wir mehr Folk-Klänge und Gesänge oder mittelalterliche Instrumente verwenden wollten, war uns aber ab ‚Helheim‘ schon klar.

Tobias:
‚Helheim‘ war der erste Einblick in das Album und beschäftigt sich mit Hel, der Tochter Lokis und Herrscherin über das Reich der Toten. Bei ‚The Serpent of Midgard‘ geht es anschließend um Jörmungandr und seine letzte Schlacht mit Thor. Wie entscheidet ihr, welche Figur oder welche Geschichte aus der nordischen Mythologie das Potenzial für einen MENTAL-CRUELTY-Song besitzt?

Lukas:
Mega gute Frage! Wir wollten unter allen Umständen keine ausgenudelten Wikinger-Klischees bedienen und über bärtige Männer schreiben, die heroisch auf einem Drachenboot in den Krieg ziehen. Ich überlasse das Bands wie AMON AMARTH oder BROTHERS OF METAL, da finde ich das auch geil. Unser Ansatz war, das Ganze etwas mystischer und dunkler aufzusetzen, um dem Ganzen vielleicht auch einen more heavy und bedrohlicheren Touch zu geben.

Wir sind auch einfach immer wieder dazu gekommen, mehr über weibliche Figuren zu schreiben und über Female Rage. Hel ist natürlich eine Frau, und der Serpent of Midgard wird bei uns auch von einer Frau dargestellt. Die Walküren sind Frauen, und auch in ‚Raise the Raven Banner‘ geht es um eine Kriegerin, die ihre Männer in die Schlacht anführt.

Das ist für uns jetzt nicht als politisches Statement oder Ähnliches gemeint. Das kam auch einfach ganz natürlich, weil das die Geschichten sind, die eventuell noch nicht so oft erzählt wurden – oder zumindest nicht auf diese Art und Weise.

Tobias:
Was mich an euren Texten besonders interessiert: Ihr erzählt nicht einfach irgendwelche bekannten Mythen nach, sondern setzt sie in euren eigenen musikalischen Kosmos. Wie wichtig ist euch dabei die Balance zwischen den ursprünglichen Geschichten und eurer eigenen Interpretation?

Lukas:
Ich glaube, wichtig ist, weiterhin Respekt vor den ursprünglichen Geschichten und Mythen zu haben und den Figuren nicht einfach etwas anzudichten, was sie niemals tun würden. Gleichzeitig wollten wir die Geschichten aber in einem künstlerischen Rahmen erweitern oder weiterentwickeln. Wie zum Beispiel, wie schon angesprochen, der Kampf zwischen Thor und Jörmungandr, der bei uns zwischen einem Mann und einer Frau stattfindet. Wir haben uns zum Beispiel schon mit einem polnischen Experten für Wikingergeschichte unterhalten und ihm unsere Interpretationen geschildert. Er fand das zumindest alles sehr unterhaltsam und interessant. Ich hoffe, das gibt uns zumindest eine Art Gütesiegel, haha.

Tobias:
‚Raise The Raven Banner‘ hat für mich mit seinen Folk-Vibes, dem großen Refrain und der Verbindung aus Krieg, Schlacht und Erinnerung noch einmal eine ganz eigene Atmosphäre. Gleichzeitig ist genau diese Mischung für mich ein Beispiel dafür, wie weit sich MENTAL CRUELTY von den frühen Slamming-Deathcore-Tagen entfernt haben. Ist diese Entwicklung für euch mittlerweile ein bewusster Teil der Bandidentität?

Lukas:
Absolut, ja! Wir sagen immer, wir wollen nicht zweimal das gleiche Album schreiben. Wir sind total dankbar, dass die Leute „Zwielicht“ so lieben, und das tun wir auch. Aber wie schon gesagt, wollen wir uns stetig weiterentwickeln und Genregrenzen pushen, solange uns das selbst Spaß macht und uns die Musik selbst gefällt.

Tobias:
Ich habe euch 2021 bei „A Hill To Die Upon“ noch deutlich stärker als Blackened/Slamming-Deathcore-Band erlebt, während „Zwielicht“ bereits mit symphonischen Elementen, cleanen Vocals und weiteren Facetten deutlich breiter aufgestellt war. Auf „Echoes of a Forlorn Land“ wirkt nun alles noch stärker miteinander verzahnt. Wie schafft ihr es, diese vielen Einflüsse einzubauen, ohne dass der typische MENTAL-CRUELTY-Kern verloren geht?

Lukas:
Das ist auch eine gute Frage. Nahuel und Marvin schreiben die Songs, und ich glaube, diese Essenz geht nie verloren, weil wir uns alle einen Song oder ein Riff anhören können und genau wissen: „Okay, das klingt nach MC“ oder auch: „Nein, das klingt überhaupt nicht nach uns.“

Das ist aber eine reine Gefühlssache. Das kann man nicht beschreiben, sondern nur fühlen. Ich bin mir aber auch sicher, dass viele Fans das genauso wie wir können. Und deshalb gehen so viele Leute da draußen diese teils massiven Klangveränderungen mit, weil sie genau hören, dass das im Kern noch die gleiche Band ist.

Tobias:
Mit dir am Mikrofon, Nahuel Lozano an Gitarre und Vocals, Marvin Kessler an der Gitarre und Jonathan Koltun am Schlagzeug habt ihr inzwischen eine Besetzung, die euren aktuellen Sound prägt. Hat sich die Zusammenarbeit innerhalb der Band durch die musikalische Weiterentwicklung ebenfalls verändert und wie entstehen die Songs heute im Vergleich zu früher?

Lukas:
Wir haben glücklicherweise eine ziemlich klare Aufgabenverteilung, bei der aber jeder total happy mit seinem Job ist und ihn auch bei uns am besten macht. Ich kann da auch für mich sprechen: Ich schreibe die Lyrics und suche die Geschichten aus, und dann landet das zu 99 % auch im Song, weil die Jungs mir da vertrauen. Im Gegenzug bin ich aber auch total offen dafür, wenn die Jungs mal Änderungsvorschläge haben, weil ich sonst ja total freie Hand habe.

Tobias:
Die drei bisher veröffentlichten Singles wurden jeweils von aufwendig inszenierten Videos begleitet. ‚Helheim‘, ‚The Serpent of Midgard‘ und ‚Raise The Raven Banner‘ wirken fast wie einzelne Kapitel derselben visuellen Welt. Wie stark seid ihr als Band in die Konzepte dieser Videos eingebunden und wann beginnt für euch die visuelle Erzählung eines Songs?

Lukas:
Wenn man die Bandgeschichte verfolgt, weiß man, dass wir gerade bei Videos keine halben Sachen machen. Wir geben uns extrem viel Mühe dabei, die Songs zu schreiben und zu produzieren. Den gleichen Anspruch haben wir natürlich auch bei den Videos. Dementsprechend übernehmen wir da auch komplett das Ruder, was Storyboard oder kreative Ausrichtung der Videos betrifft. Wir machen fast alles selbst – von der Location über Kostüm und Make-up bis hin zum Recruiting der Schauspieler. Trotzdem kriegen wir oft Kritik dafür, dass die Produktionen für unsere Bandgröße eigentlich völlig overbudget sind. Aber ein Video gibt einem Song ein Gesicht und gibt uns die Möglichkeit, zu visualisieren, was wir fühlen, und auch dem Ganzen eine bombastische Plattform zu bieten. Wir haben besonders bei „Echoes of a Forlorn Land“ noch etwas verdammt Großes geplant. Da kann man definitiv gespannt sein.

Tobias:
Bei ‚Blood For Blood‘ tauchen mit der Nibelungensage und Siegfried plötzlich Elemente auf, die nicht unmittelbar aus der nordischen Mythologie stammen, während ‚Cry Of Batariel‘ sogar ganz aus diesem thematischen Rahmen ausbricht und sich Satan, Hölle und Himmel widmet. War euch wichtig, trotz des roten Fadens genug Raum für andere Geschichten zu lassen?

Lukas:
Mega gut beobachtet! Die Nibelungensage haben wir mit aufgenommen, da das eine Sage ist, die zumindest auch in der nordischen Mythologie und Überlieferung vorkommt und die wir uns sozusagen mit den Skandinaviern teilen. Aber ‚Cry Of Batariel‘ bricht thematisch natürlich total aus dem Gesamtkonzept aus. Wir haben den Song trotzdem auf dem Album gelassen. Dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen war zum Zeitpunkt der Entstehung des Songs das Konzept des Albums so noch nicht final. Da war der ganze Wikinger-Film noch nicht so klar.

Der Song fungiert auch ein bisschen als Easter Egg für Leute, die sich tatsächlich noch ganze Alben anhören und dann (hoffentlich) positiv überrascht von der Andersartigkeit des Songs. Und der Song ist ein CHILDREN OF BODOM Tribute, was man durch die Abkürzung (COB) eventuell merkt. Da diese Band einen riesigen Einfluss auf uns hat, wollten wir den Song definitiv auf dem Album behalten.

Tobias:
Jens Bogren hat das Album gemischt und gemastert und damit einen Produzenten ins Boot geholt, der unter anderem bereits mit AMON AMARTH, BEHEMOTH und DIMMU BORGIR gearbeitet hat. Was hat Jens in dieser Phase mitgebracht und wie wichtig war seine Arbeit dafür, dass die Mischung aus brutaler Härte, Melodien, Folk und Symphonik am Ende so geschlossen klingt?

Lukas:
Erstmal ist es für uns eine riesige Ehre, dass Jens am Album mitgearbeitet hat. Er ist auf jeden Fall der Grund, warum das Album einen sehr ausgewogenen, zeitlosen Klang bekommen hat und keinen modernen Deathcore-Mix. Gerade bei den vielen Elementen und Instrumenten auf den Tracks ist das extrem wichtig, damit auch alles zur Geltung kommt und dementsprechend atmen kann. Es war aber oft auch schon witzig, weil da natürlich zwei Welten aufeinandergetroffen sind. Ein paar Kerle aus Deutschland, die diese Schreimucke für „die Kids von heute“ machen, und ein Producer, der schon mit absoluten Legenden gearbeitet hat.

Tobias:
Ich habe euch nun bei drei Alben begleitet und jedes Mal eine deutliche Weiterentwicklung erlebt. „Echoes of a Forlorn Land“ ist für mich dabei ein echtes Statement und zeigt MENTAL CRUELTY auf einem neuen Level. Wenn ihr selbst nach vorne blickt: Wo gibt es für euch noch Grenzen, die ihr mit MENTAL CRUELTY verschieben wollt, und was wäre der nächste logische Schritt nach diesem Album?

Lukas:
Grenzen hat es für uns noch nie gegeben, außer vielleicht, dass wir jetzt zum Beispiel ungern Schlager schreiben wollen. Der nächste Schritt ist einfach, alle Leute, aber auch unsere Fanbase, für unsere Mission zu begeistern und zu zeigen: Du kannst „Deathcore-Fan“ sein, aber gleichzeitig auch Classic Metal, Black Metal oder Power Metal feiern. Großer Vergleich: Auch BMTH haben es geschafft, ihren Sound extrem zu verändern und viele Leute zu begeistern, ohne dabei ihre alte Fanbase aus „Count Your Blessings“-Zeiten zu verlieren. Das ist eine Herausforderung, die wir aber gerne annehmen.

Tobias:
Wie sehr freut ihr euch auf eure erste Europatour als Headliner? Ihr habt lange genug darauf gewartet, endlich selbst als Hauptact durch Europa zu ziehen. Mit OV SULFUR, EXTERMINATION DISMEMBERMENT und ACRANIUS habt ihr zudem starke Special Guests dabei. Und ganz besonders spannend dürfte für euch das Heimspiel in Karlsruhe werden: Was bedeutet es für euch, eure erste Europatour als Headliner ausgerechnet auch mit einer Show in eurer Heimatstadt zu feiern?

Lukas:
Das bedeutet uns wirklich alles. Wir waren so viel in den USA und Kanada unterwegs und haben es so lange nicht geschafft, Alben wie „Zwielicht“ oder jetzt „Echoes of a Forlorn Land“ zu headlinen. Da wurde es wirklich mal Zeit! Wir hoffen, die Leute verzeihen uns die lange Wartezeit. Und dass die Tour auch noch in unserer Heimatstadt endet, ist natürlich großartig. Wir werden garantieren, dass die ganze Tour ein riesiges Fest wird, und wir haben uns ganz besondere Sachen überlegt – besonders für die ganze Produktion! Da kann man auf jeden Fall gespannt sein.

Tobias:
Vielen Dank für deine Zeit und das Interview! Ich wünsche euch viel Erfolg mit „Echoes of a Forlorn Land“ und bin gespannt, welches Kapitel MENTAL CRUELTY als Nächstes aufschlagen werden. Die letzten Worte gehören natürlich dir.

Lukas:
Ja, vielen Dank für die tollen Fragen! Freut mich sehr, wenn dir das Album so gut gefällt, und dann sehen wir uns in Karlsruhe im Dezember! 🙂

Interview: Tobias Stahl
Photocredit: Josh Richter