Heavy-Metal-Urgestein Kai Hansen hat wieder den Hammer geschwungen: Mit „Born With A Hammer“ legt der Helloween-Gitarrist und Gamma-Ray-Gründer sein zweites Soloalbum vor. Im ausführlichen Gespräch spricht der Hamburger Metal-Pionier über Queen-Einflüsse am Klavier, Gastmusiker aus dem Extreme-Metal-Bereich, lästige Energievampire in seiner Kiez-Kneipe und das besondere Gefühl, gemeinsam mit seinem Sohn Musik zu machen.
Tobias:
Hallo Kai! Dein zweites Soloalbum „Born With A Hammer“ steht jetzt in den Startlöchern. Nachdem die vergangenen Jahre mit Helloween unglaublich intensiv waren: Wie fühlt es sich für dich an, jetzt wieder ein Soloalbum am Start zu haben?
Kai Hansen:
Das ist eine feine Sache. Es ist aufregend, es ist spannend und für mich einfach ein kleines Manifest, das ich mit in die Zukunft nehme.
Tobias:
Der Opener „Feeding The Beast“ tritt dem Hörer ja direkt die Tür ein. Das Intro baut sich langsam auf, dann bricht das Gitarrengewitter los. Für mich persönlich hätte es keinen besseren Opener geben können. War für dich von Anfang an klar, dass genau dieser Song das Album eröffnen muss?
Kai Hansen:
Ja, das ist einfach ein repräsentativer Song. Einer, der sofort zündet und viele Facetten bietet. „Feeding The Beast“ war deshalb gleich die erste Wahl. Dazu kommt natürlich, dass der Song noch etwas stärker an meine traditionelle Power-Metal-Ecke anknüpft als einige der anderen Stücke. Von daher war das, glaube ich, die richtige Wahl.
Tobias:
Du streifst auf dem Album generell viele musikalische Richtungen. Da ist klassischer Heavy Metal, Speed Metal, für mich steckt stellenweise auch Punk-Attitüde und sogar ein Hauch Industrial drin. Und ich würde sogar behaupten, dass bei einem Song deutliche Queen-Vibes durchschimmern.
Kai Hansen:
Da will ich mich gar nicht rausreden. Das sind auf jeden Fall Queen-Vibes – hundertprozentig. Ich habe den Song am Klavier angefangen, ein bisschen herumgespielt, dann kam diese Intromelodie. Das hatte sofort so einen Queen-Vibe und den habe ich einfach weiterverfolgt. Ich habe mir intern gesagt: Das ist – bei aller Ehrfurcht vor Queen – meine kleine persönliche „Bohemian Rhapsody“. Genau mit diesem Gedanken habe ich den Song geschrieben und weiterentwickelt.
Tobias:
Gut, dass du das bestätigst. Meine Review habe ich nämlich schon längst abgegeben. Hättest du jetzt gesagt: „Nee, was erzählst du denn da?“, hätte ich mich ganz schön blamiert.
Kai Hansen:
(lacht) Das wäre wirklich absurd. Das liegt doch ziemlich klar auf der Hand. Wenn ich das jetzt abstreiten würde, wäre das einfach nur peinlich.
Tobias:
Ich habe mir auch die Liste der Musiker angeschaut, die auf dem Album mitwirken. Alex Dietz habe ich erst am Sonntag in Frankfurt mit Heaven Shall Burn live gesehen. Die Genres, die ihr beide hauptsächlich bedient, liegen ja eigentlich gar nicht so nah beieinander. Trotzdem reißt Alex auf dem Album ordentlich etwas weg. Wie kam es überhaupt zu eurer Zusammenarbeit?
Kai Hansen:
Ich habe Alex über Eike Freese kennengelernt. Eike hat oft mit Alex zusammengearbeitet und produziert, darüber entstand der Kontakt. Einen zweiten Gitarristen brauchte ich eigentlich gar nicht unbedingt, aber Alex spielt unheimlich gerne Bass. So wurde er am Ende unser Bassist – und das macht er wirklich ziemlich gut. Außerdem bringt er natürlich seine eigenen Einflüsse mit. Gerade die Songs mit diesem leicht industriellen Einschlag, wie zum Beispiel „Wonderland“, gehen auf ihn zurück. Das war eine schöne Facette, die ich gerne mit ins Boot genommen habe. So kommt einfach mehr Abwechslung rein und für mich war es erfrischend, auch mal über den Tellerrand hinaus etwas anderes auszuprobieren.
Tobias:
Und du hast mit Dan Wilding außerdem einen Schlagzeuger aus dem Extreme-Metal-Bereich dabei, den viele vor allem von Carcass kennen. Trotzdem klingt „Born With A Hammer“ am Ende unverkennbar nach Kai Hansen. Musste sich Dan beim Schlagzeugspiel ein Stück weit an deinen Stil anpassen oder…?
Kai Hansen:
Das Gute bei Dan ist: Was er mit Carcass macht, ist sehr technisch und filigran. Eike Freese hatte ihn damals schon für das erste Album empfohlen und dabei hat sich schnell herausgestellt, dass er eben auch Rock ’n’ Roll kann. Er kann nicht nur technische Sachen spielen, sondern auch richtig draufhauen. Deshalb fiel es ihm überhaupt nicht schwer, sich in diese Musik einzufügen. Natürlich klingt das Album nach mir, weil ich die Songs geschrieben habe. Aber keiner der Musiker hatte Schwierigkeiten, seinen eigenen Teil beizutragen. Wir sind ja nicht alle Gefangene unseres eigenen Genres. Die meisten Musiker, die ich kenne, hören privat ganz unterschiedliche Musik und können auch ganz andere Sachen spielen. Genau das hat sich bei diesem Album wieder gezeigt.
Tobias:
Was hörst du eigentlich privat? Bleibt es bei Heavy Metal oder könnte man dich auch mal auf eine Bühne stellen und sagen: „Spiel jetzt einen Song von Heaven Shall Burn mit“ – egal ob am Mikrofon oder an der Gitarre?
Kai Hansen:
Da bin ich total offen. In erster Linie ist es natürlich Metal und harte Musik, gar keine Frage. Aber ich höre genauso viel alten Hard Rock wie Deep Purple oder Sweet. Es gibt aber auch neuere Sachen oder Musik, die mit Metal überhaupt nichts zu tun hat. Ich mag zum Beispiel viele Sachen von Eminem. Ich bin da überhaupt nicht festgefahren. Klar, Metal ist meine große Leidenschaft. Aber ich habe keine Scheuklappen. Wenn mich Musik packt und im Bauch etwas auslöst, dann ist mir das Genre letztlich egal.
Tobias:
Ja, ich brauche auch nicht rund um die Uhr Metal. Letzte Woche war ich zum Beispiel beim Roxette-Konzert hier bei uns in der Nähe. Das war eine Jugendliebe von mir und ich musste mir das einfach anschauen. Wenn man sich gerade die ersten drei oder vier Alben anhört, ist das ja ohnehin deutlich mehr Rock als Pop.
Kai Hansen:
Ja, absolut.
Tobias:
Falls du irgendwann mal im Sommer eine Open-Air-Show spielen möchtest: In Schwetzingen, zwischen Heidelberg und Mannheim, gibt es eine fantastische Bühne im Schlossgarten. Dort spielen dieses Jahr unter anderem Uriah Heep. Das wäre vielleicht auch etwas für dich – egal ob solo oder mit Helloween.
Kai Hansen:
Schwetzingen kenne ich. Da bin ich schon oft vorbeigefahren, wenn wir in Karlsruhe geprobt haben. Der Vorschlag ist auf jeden Fall angekommen. (lacht)
Tobias:
Du hast mich mit dem Titeltrack schon ein bisschen überrascht. Die ganze Zeit gibst du Vollgas und als ich mir die Trackliste angeschaut habe, dachte ich: „Born With A Hammer“ wird bestimmt der große Brecher. Stattdessen ist daraus diese epische, fast schon hymnische Nummer geworden. War das von Anfang an so geplant oder wolltest du den Hörer ganz bewusst überraschen?

Kai Hansen:
Das hat sich tatsächlich aus dem Song selbst ergeben. Das Erste, was entstanden ist, war das Piano-Intro. Das hatte ich plötzlich im Kopf. Danach kam der Refrain, den habe ich im Auto eingefangen. Das war so ein Geistesblitz. Von da an habe ich den Song Schritt für Schritt weiterentwickelt. Dass das keine Speed-Metal-Nummer werden würde, war mir allerdings von Anfang an klar.
Tobias:
Weil du gerade den Refrain ansprichst: Hattest du beim Schreiben auch schon im Kopf, wie der Song später live funktionieren könnte? Ich kann mir gut vorstellen, dass das Publikum diese hymnischen Passagen lautstark mitsingt.
Kai Hansen:
Absolut. Als ich das Demo aufgenommen habe, hatte ich diese Bilder schon vor Augen. Das ist eigentlich eine richtige Stadionnummer – mit ganz vielen Leuten, die gemeinsam singen. Das wäre natürlich großartig, wenn man das irgendwann genauso umsetzen könnte.
Tobias:
Eine meiner persönlichen Lieblingsnummern ist „I.D.G.A.F.“. Der Song hat sich sofort bei mir im Kopf festgesetzt. Dieses Rotzige, Eingängige und diese „Scheiß drauf“-Mentalität machen einfach richtig Bock. Ist das auch deine persönliche Einstellung? Dass du bei manchen Dingen einfach sagst: „Leck mich am Arsch, damit habe ich nichts zu tun, das interessiert mich nicht.“ Oder gab es einen bestimmten Auslöser, bei dem du gesagt hast: „I don’t give a fuck“ – und daraus ist dann der Song entstanden?
Kai Hansen:
Im Prinzip schon. Der Titel geisterte mir schon länger im Kopf herum. Der eigentliche Auslöser war aber etwas, das mir immer wieder passiert. Ich habe eine Lieblingsbar in Hamburg, das Cowboy & Indianer. Dort gibt es 365 Tage im Jahr Livemusik. Ich fahre oft einfach hin und denke: Komm, ein paar Drinks, Livemusik und einen schönen Abend. Was mir dabei immer wieder passiert: Du hast gute Laune und plötzlich kommen Leute auf dich zu – manchmal Bekannte, manchmal Leute, die man kaum kennt – und erzählen dir ihre ganzen Probleme. Die Freundin, die Frau, der Job, die Band – alles ist scheiße. Versteh mich nicht falsch: Wenn Freunde echte Probleme haben, höre ich ihnen natürlich zu. Aber manchmal will ich einfach nur rocken und eine gute Zeit haben. Stattdessen ziehen dich manche Menschen mit ihrer negativen Energie komplett runter. Ich nenne solche Leute Energievampire. Irgendwann muss man dann auch ehrlich sagen: „I don’t give a fuck.“ Das ist vielleicht nicht unbedingt nett, aber ehrlich. Man muss dabei ja nicht pöbelig werden. Man kann den Leuten auch einfach sagen: „Hey, tut mir leid, aber das muss ich mir im Moment echt nicht anhören.“ Genau dieses Gefühl steckt in dem Song. Deshalb ist er auch so rotzig ausgefallen.
Tobias:
Wie ist es für dich eigentlich, dass dein Sohn auf dem Album mit dabei ist?
Kai Hansen:
Das ist total cool. Ich freue mich riesig darüber. Wobei ich die Frage natürlich schon öfter bekommen habe – wie das so als Vater und Sohn funktioniert. Tatsächlich spielt das beim Musikmachen überhaupt keine Rolle. Sobald Tim und ich zusammenarbeiten, ist dieses Vater-Sohn-Ding komplett ausgeblendet. Wir sind dann einfach zwei Musiker, die Ideen austauschen, sich gegenseitig kritisieren und gemeinsam an Songs arbeiten. Das funktioniert wunderbar. Da gibt es kein „großer Vater, kleiner Sohn“ – wir begegnen uns absolut auf Augenhöhe.
Tobias:
Ich glaube, als Fan romantisiert man so etwas auch ein bisschen. Ich habe zwar selbst keine Kinder, aber wenn ich mir vorstelle, Vater und Sohn stehen irgendwann gemeinsam auf einer Bühne – egal ob bei Helloween, Iron Maiden oder sonst wo –, dann hat das schon irgendwie etwas von Schwermetall-Romantik.
Kai Hansen:
Ja, absolut. Ich bin wahnsinnig stolz auf ihn. Ich finde toll, was er macht, und hoffe, dass er seinen Weg weitergeht. Er arbeitet unglaublich hart dafür. Wenn er nur auf dem Sofa liegen und sagen würde: „Ich will Rockstar werden“, dann würde das natürlich nicht funktionieren. Aber er investiert richtig viel Arbeit und liefert auch Ergebnisse. Deshalb unterstütze ich ihn natürlich. Ich glaube, die machen noch ihren Weg.
Tobias:
Da bin ich auch überzeugt. Kommen wir noch zu einem Punkt, auf den du bestimmt stolz bist. Wenn ich mit jüngeren Musikern spreche und frage, warum sie überhaupt mit Heavy Metal angefangen haben, fallen erstaunlich oft dieselben Namen: Helloween, Gamma Ray – und natürlich Kai Hansen. Was macht das mit dir, wenn du so etwas hörst?
Kai Hansen:
Das hat sich im Laufe der Jahre entwickelt. Irgendwann kamen immer mehr Bands, die gesagt haben: „Du warst mein größter Einfluss. Wegen dir habe ich angefangen, Gitarre zu spielen.“ Oder wenn Bands plötzlich Helloween-Songs covern und in Interviews erzählen, wie wichtig diese Musik für sie war. Das macht natürlich stolz. Es zeigt einem, dass man als Musiker etwas geschaffen hat, das andere Menschen inspiriert hat. Viel besser kann es eigentlich kaum laufen.
Tobias:
Hast du da ein Erlebnis, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Kai Hansen:
Ja. Ich stand irgendwann backstage bei Queensrÿche und plötzlich kommen die beiden Gitarristen auf mich zu und verbeugen sich vor mir. Ich dachte nur: Das kann doch jetzt nicht wahr sein. Früher stand ich selbst vor der Bühne und habe zu Queensrÿche aufgeschaut. Und plötzlich passiert so etwas. Das ist schon beeindruckend. Oder nimm Accept. Früher habe ich zu denen auf die Bühne geschaut und heute läuft man sich ständig über den Weg, quatscht miteinander und hängt zusammen rum. Irgendwann merkt man plötzlich: Jetzt bist du mit den Leuten auf Augenhöhe, die früher deine Helden waren. Das ist schon etwas ganz Besonderes.
Tobias:
Ich habe mir schon eine kleine Liste gemacht, welche Songs ich gerne live hören würde: „Feeding The Beast“, „Welcome To Life“, „Triple Trouble“, „I.D.G.A.F.“ und natürlich „Born With A Hammer“. Hast du dir selbst schon Gedanken gemacht, welche Songs später auf die Setlist kommen?
Kai Hansen:
Noch gar nicht. Außer im Proberaum haben wir die Songs bisher nicht gespielt. Natürlich haben wir sie gejammt, als die Arrangements fertig waren, aber bis sie wirklich bühnenreif sind, dauert es noch. Dafür haben wir natürlich das Material vom ersten Album. Das haben wir damals mit Hansen & Friends gespielt. Jetzt haben wir zwei Alben zur Auswahl und können daraus problemlos ein komplettes Set zusammenstellen.
Tobias:
Gibt es denn schon konkrete Tourpläne?
Kai Hansen:
Noch nicht. Das hängt auch ein bisschen von der Zeit ab. Nächstes Jahr wäre grundsätzlich noch Platz, aber für den Sommer ist es wahrscheinlich schon zu kurzfristig. Ich denke eher an den Herbst. Der Sommer ist mit Helloween und den ganzen Festivals ziemlich voll. Außerdem bin ich zwischendurch auch ganz gerne mal zu Hause. Deshalb sehe ich die größte Chance im Herbst nächsten Jahres.
Tobias:
Solltet ihr dabei in die Gegend um Frankfurt oder Mannheim kommen, kann ich dir das Capitol in Mannheim oder auch die Open-Air-Bühne in Schwetzingen nur empfehlen. Das wären zwei richtig schöne Locations.
Kai Hansen:
Ja, wir müssen mal schauen. Die Agentur wird jetzt erst einmal bei den Veranstaltern hören, wie das Interesse aussieht. Hansen ist zwar ein Name, aber eben kein Stadionname. Das ist für mich auch völlig in Ordnung. Jetzt muss man einfach sehen, wie die Promoter das einschätzen. Drei oder vier Shows in Deutschland sollten aber durchaus machbar sein.
Tobias:
Ich bin auf jeden Fall gespannt. Bevor wir zum Ende kommen: Habe ich irgendetwas vergessen oder gibt es noch etwas, das dir rund um „Born With A Hammer“ besonders am Herzen liegt?
Kai Hansen:
Eigentlich haben wir alles abgedeckt. Ich hoffe einfach, dass euch das Album gefällt, wünsche euch viel Spaß damit und hoffe natürlich, dass wir uns irgendwann auf Tour sehen.
Interview: Tobias Stahl
Photocredit: Franz Schepers

